Quansah zwei Spiele gesperrt: England ohne Verteidiger vor Norwegen-Viertelfinale, FA prueft Einspruch nach Balogun-Praezedenz
FIFA sperrt Jarell Quansah zwei Spiele. Der Leverkusen-Verteidiger fehlt England im Viertelfinale gegen Norwegen und im moeglichen Halbfinale. Tuchel kritisiert.
Von Marco Feldmann 10. Juli 2026
Die FIFA hat den englischen Innenverteidiger Jarell Quansah am Donnerstag, dem 9. Juli 2026, offiziell fuer zwei Spiele gesperrt. Der 23-Jaehrige vom Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen fehlt der Auswahl von Trainer Thomas Tuchel damit im WM-Viertelfinale gegen Norwegen am Samstag, 11. Juli 2026, um 23:00 Uhr MESZ im Hard Rock Stadium in Miami und in einem moeglichen Halbfinale am 14. oder 15. Juli. Erst fuer das Spiel um Platz drei am 18. Juli oder das Finale am 19. Juli waere Quansah wieder spielberechtigt.
Anlass der Sperre ist der Platzverweis in der 54. Minute des Achtelfinal-Sieges gegen Mexiko am 5. Juli im Aztekenstadion, den Schiedsrichter Alireza Faghani nach VAR-Empfehlung wegen groben Foulspiels aussprach. Der englische Verband FA prueft nach eigenen Angaben Optionen fuer einen Einspruch und beruft sich dabei ausdruecklich auf die Praezedenz um US-Angreifer Folarin Balogun, dessen einspielige Rot-Sperre die FIFA am 5. Juli 2026 nach Artikel 27 des Disziplinarkatalogs zur Bewaehrung ausgesetzt hatte.
Die FIFA-Verkuendung und der Umfang der Sperre
Die FIFA-Disziplinar-Kammer in Zuerich teilte am Donnerstag mit, dass Quansah wegen groben Foulspiels fuer zwei WM-Partien gesperrt wird. Es handelt sich um die auf Basis der Disziplinar-Ordnung vorgesehene Standard-Sanktion fuer eine direkte Rote Karte wegen serious foul play - ein Kategorie-Tatbestand, den die Kammer nach eigener Bewertung des VAR-Materials und des Faghani-On-Field-Reviews bestaetigte.
Konkret verpasst Quansah damit das WM-Viertelfinale gegen Norwegen am 11. Juli in Miami sowie ein moegliches Halbfinale eine Woche spaeter. Falls England die Runde der letzten Vier erreicht, waere das gegen den Sieger der Partie Argentinien gegen die Schweiz. Rueckkehr-Fenster fuer Quansah waere fruehestens das Spiel um Platz drei am 18. Juli in Miami oder das Finale am 19. Juli im MetLife Stadium.
Die Rote Karte in der 54. Minute gegen Mexiko
Der Ausgangspunkt liegt im Achtelfinale gegen Mexiko am 5. Juli 2026 im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. England fuehrte durch einen Bellingham-Doppelpack in der 36. und 38. Minute mit 2:1, als Quansah in der 54. Minute an der eigenen Strafraum-Grenze in einen hohen Zweikampf mit dem mexikanischen Aussenverteidiger Jesús Gallardo ging. Der Fuss der Leverkusener traf Gallardo an der Wade.
Schiedsrichter Alireza Faghani aus dem Iran, in Deutschland durch seine Ansetzung bei zahlreichen WM-Partien seit 2018 bekannt, sah in der Aktion zunaechst kein Foul und liess weiterlaufen. Das VAR-Team unter Leitung eines uruguayischen Ersten VAR-Assistenten empfahl einen On-Field-Review; nach dem Blick auf den Monitor stufte Faghani die Aktion als grobes Foulspiel ein und zeigte Quansah die Rote Karte.
England spielte die Partie von der 54. bis zur 98. Minute mit zehn Mann zu Ende und gewann durch einen weiteren Bellingham-Doppelpack-Verwertungsschluss und Kane-Foulelfmeter (60.) am Ende trotzdem 3:2 gegen die Mexikaner unter Interims-Trainer Javier Aguirre. Kurz nach dem Abpfiff trat Aguirre als mexikanischer Trainer zurueck.
FA prueft Einspruch - die Balogun-Praezedenz als Aufhaenger
Der englische Verband hat am Donnerstag nach eigenen Angaben mit der Pruefung von Rechtsmitteln begonnen. Grundlage der Ueberlegung ist die Sperr-Aussetzung fuer US-Angreifer Folarin Balogun: Die FIFA hatte am 5. Juli 2026 dessen einspielige Rot-Sperre aus dem Sechzehntelfinal-Sieg gegen Bosnien-Herzegowina (2:0 am 1. Juli in Santa Clara) nach Artikel 27 des Disziplinarkatalogs zur Bewaehrung ausgesetzt - ein Novum bei einer Weltmeisterschaft. US-Praesident Donald Trump hatte sich unmittelbar danach auf Truth Social bei der FIFA bedankt und die Rote Karte im Vorfeld als “skandaloes” bezeichnet.
Formal ist der Weg fuer einen Einspruch schmal. Die FIFA-Disziplinar-Ordnung sieht bei direkten Roten Karten fuer serious foul play grundsaetzlich keinen ordentlichen Einspruch vor - anerkannt ist nur der Fall eines offensichtlichen Sachverhalts-Irrtums. Die Balogun-Sperr-Aussetzung nach Artikel 27 war schon eine aussergewoehnliche Konstruktion der Disziplinar-Kammer, keine formal-regulaere Berufung. Der belgische Verband RBFA hatte parallel angekuendigt, rechtliche Schritte gegen die Balogun-Praezedenz zu pruefen - der Weg vor den Sportgerichtshof CAS in Lausanne war dabei die diskutierte Option.
Ob die FA formal einreicht oder das Thema oeffentlich befeuert und auf eine politische Loesung setzt, war am spaeten Donnerstag Ortszeit noch offen.
Tuchel, Saka, Redknapp: englische Kritik am FIFA-Vorgehen
Thomas Tuchel aeusserte sich am Donnerstag ausdruecklich kritisch. In einer Reaktion auf die Frage nach einem moeglichen Einspruch nach dem Vorbild des Balogun-Falls sagte der 52-jaehrige National-Trainer sinngemaess: “Wo endet das jetzt? Legen wir Einspruch ein, wenn eine gelbe Karte keine gelbe Karte ist? Die Entscheidung ist gefallen. Wer aendert sie ab, wann und auf welcher Basis?” - eine rhetorische Kritik an der aus seiner Sicht inkonsequenten FIFA-Praxis, mildernde Umstaende in der Balogun-Aussetzung anerkannt und im Quansah-Fall ignoriert zu haben.
Fluegel-Spieler Bukayo Saka bezeichnete die zwei-Spiele-Sperre gegenueber ESPN als “very frustrating” und verwies auf die duenne englische Kader-Situation. Und Ex-National-Trainer Harry Redknapp forderte in einem Sky-Sports-Interview: “Ruft unseren Premier-Minister an, damit er bei der FIFA interveniert” - eine offene Anspielung auf den Balogun-Praezedenzfall, in dem der US-Praesident den entscheidenden politischen Druck aufgebaut hatte.
Tuchel hatte bereits nach der Balogun-Aussetzung am 5. Juli scherzhaft angemerkt, England koenne den britischen Premier-Minister anrufen, um Trump-Vergleichbares zu bewirken. Nach der offiziellen FIFA-Verkuendung am Donnerstag wirkt die Bemerkung nicht mehr nur wie ein Insider-Scherz.
England ohne Quansah - Personal-Situation vor Miami
Wahrscheinlichster Ersatz fuer Quansah als rechter Innenverteidiger im 4-3-3 von Tuchel ist Marc Guehi von Crystal Palace, der bislang als linker Innenverteidiger neben dem Leverkusener aufgelaufen war. Auf die andere Seite koennte Ezri Konsa vom FC Aston Villa oder Trevoh Chalobah vom FC Chelsea rutschen. Beide Optionen haben bei diesem Turnier bislang keine Startelf-Minuten gesammelt.
Die Personallage in der englischen Abwehr ist ohnehin duenn. Rechts-Verteidiger Reece James vom FC Chelsea fehlt seit Turnier-Beginn verletzt, Tino Livramento von Newcastle United fiel im Anschluss an das Achtelfinale gegen Mexiko aus. Mittelfeld-Routinier Jordan Henderson vom FC Brentford musste nach einem Sturz an einer Werbebande im Gruppenspiel gegen Panama in ein Krankenhaus in Mexiko-Stadt eingeliefert werden und ist ebenfalls nicht Teil des Viertelfinal-Kaders.
Norwegens Angriffs-Duo Erling Haaland und Alexander Sorloth wird die neuformierte englische Abwehr im Hard Rock Stadium in Miami maximal fordern. Haaland fuehrt die WM-Torschuetzenliste mit sieben Turniertreffern hinter Mbappe und Messi mit je acht Toren und hat im Sechzehntelfinale gegen Brasilien mit einem Doppelpack die Sensation ausgeloest. Fuer die englische Verteidigung unter Guehi statt Quansah wird der Samstagabend in Miami zur Schluessel-Probe: das erste WM-Duell zwischen England und Norwegen ueberhaupt - und ein Duell, das die FA im Vor-Feld gerne ohne Personal-Notstand angegangen waere.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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