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WM 2026

Raúl Jiménez und das schwarze Stirnband: Vom Schädelbruch zum ersten WM-Tor

Sechs Jahre nach dem Schädelbruch im Emirates Stadium köpft Raúl Jiménez im Estadio Azteca sein erstes WM-Tor. Profil des Mexiko-Stürmers mit dem Stirnband.

Von Marco Feldmann 12. Juni 2026

Raúl Jiménez nach dem 2:0 gegen Südafrika am 11. Juni 2026 im Estadio Azteca. Mit dem Treffer schließt der Mexiko-Stürmer einen sechs Jahre langen Karrierebogen (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

In der 57. Minute des Eröffnungsspiels der Fußball-WM 2026 im Estadio Azteca steigt ein 34 Jahre alter Mexikaner mit einem auffälligen schwarzen Stirnband zum Kopfball hoch. Eine Roberto-Alvarado-Flanke von der rechten Seite findet Raúl Jiménez vollkommen ungedeckt am langen Pfosten; der Ball klatscht in die kurze Ecke, Mexiko führt mit 2:0 gegen Südafrika. Es ist sein erstes WM-Tor in seiner vierten Endrundenteilnahme und es schließt einen Bogen, der am 29. November 2020 im Emirates Stadium begonnen hat. “Wird mich für immer stolz machen”, sagte Jiménez nach dem Schlusspfiff im ARD-Interview.

Die Nacht im Emirates Stadium - der Schädelbruch im Wolves-Trikot

Drei Minuten waren in Arsenal gegen Wolverhampton an jenem Sonntagabend gespielt, als Willian eine Ecke von der rechten Seite trat. Jiménez stieg im Strafraum zum Klärungskopfball hoch und prallte mit dem Schädel gegen den nach hinten ziehenden David Luiz. Der Mexikaner verlor sofort das Bewusstsein, der Brasilianer kassierte eine Platzwunde am Hinterkopf und konnte mit einem Verband später weiterspielen. Jiménez nicht.

Notärzte reanimierten ihn auf dem Platz und brachten ihn ins King’s College Hospital. Dort öffneten die Chirurgen den Schädel, um einen Bruch der rechten Kalotte zu stabilisieren. Wolves-Trainer Nuno Espírito Santo sprach am Tag danach von einer “lebensbedrohlichen Situation”. In Mexiko übertrug Televisa eine Live-Schalte ins Krankenhaus; Präsident Andrés Manuel López Obrador wandte sich öffentlich an die Familie. Aus dem Spiel war ein Schicksalsmoment geworden.

Comeback im August 2021 - und warum er das Stirnband behält

268 Tage später, am 24. August 2021, lief Jiménez im Liga-Cup-Spiel der Wolves gegen Nottingham Forest erstmals wieder auf. Auf dem Kopf trug er ein dunkles Stirnband, das die noch frische Narbe seitlich oberhalb des rechten Ohrs verdeckt. Es war nie nur Mode: Das Band schützt die operierte Stelle und nimmt ihm zugleich die Sorge, beim nächsten Kopfball wieder dieselbe Verletzung zu erleiden.

Aus der medizinischen Notwendigkeit ist ein Markenzeichen geworden. Jiménez behielt das Band auch dann, als ihm der schützende Effekt vom Hausarzt längst nicht mehr verordnet war. “Es ist Teil von mir”, sagte er später in einem Interview mit der spanischen Sportzeitung Marca. Bei Fulham, bei den Wolves, im Tricolor-Trikot - überall läuft er mit demselben schwarzen Band auf. Auch unter dem Kopfball im Azteca war es zu sehen.

129 Länderspiele, 45 Tore - die Mexiko-Hierarchie hinter Chicharito und Borgetti

Sein Debüt für Mexiko gab Jiménez am 22. März 2013 beim 2:2 in einem WM-Qualifikationsspiel gegen Honduras, damals noch unter Trainer José Manuel de la Torre. Dreizehn Jahre später ist er der erfahrenste Feldspieler im WM-2026-Aufgebot der Tricolor. Mit dem Kopfball vom 11. Juni stehen 129 A-Spiele und 45 Tore zu Buche - das ist Platz drei in der ewigen Torjägerliste hinter Javier “Chicharito” Hernández (52) und Jared Borgetti (46).

In Trainer Javier Aguirres dritter Amtszeit ist Jiménez die fixe neun. Unter dem 67-jährigen Routinier erzielte er zwölf Tore in zwanzig Pflichtspielen, mit Auftritten beim Gold Cup 2025 (drei Treffer inklusive Finale gegen die USA), in der CONCACAF-Nations-League und den letzten Testspielen vor dem Turnier. Mit Henry Martín, Santiago Giménez und dem 17-jährigen Gilberto Mora hat Aguirre drei Alternativen im Sturmzentrum, aber Jiménez bleibt erste Wahl.

Vierter WM-Anlauf, erstes Tor - was 2014, 2018, 2022 anders war

In Brasilien 2014 stand Jiménez als 23-Jähriger erstmals im WM-Kader, kam beim Achtelfinal-Aus gegen die Niederlande aber nur 20 Minuten von der Bank. 2018 in Russland war er Stammspieler in der Gruppenphase, blieb aber in fünf WM-Spielen torlos. 2022 in Katar war er nach einer Adduktorenverletzung in der Vorbereitung noch nicht voll auf der Höhe und spielte erneut ohne Treffer.

Insgesamt waren es vor dem 11. Juni 2026 fünfzehn WM-Einsätze ohne eigenes Tor. Dass es ausgerechnet im sechsten Eröffnungsspiel der mexikanischen WM-Geschichte und vor 80.824 Zuschauern im Azteca durchbricht, hat eine eigene Symbolik: Vor Jiménez hatte kein Land mehr WM-Auftaktspiele bestritten als Mexiko (1930, 1950, 1958, 1970, 2010), gewonnen wurde davon keines. Erst der 2:0-Sieg gegen Südafrika - mit Jiménez als zweitem Torschützen - beendete diese 96 Jahre alte Fluch-Serie.

Wolves-Rückkehr am Spieltag - ein zweiter Bogen, der sich schließt

Kurioses Detail am Rande: Wenige Stunden vor dem Anpfiff im Azteca verkündeten die Wolverhampton Wanderers offiziell die Rückkehr ihres früheren Stürmers. Jiménez wechselt zur Saison 2026/27 ablösefrei vom FC Fulham zurück nach Molineux, sein Drei-Jahres-Vertrag läuft bis 2029. Es ist die Heimkehr an jenen Ort, von dem aus er an jenem Novemberabend 2020 ins King’s College Hospital gefahren wurde - in jenes Trikot, das er trug, als der Schädelbruch passierte.

Aus mexikanischer Sicht ist die Personalie zweitrangig. Was zählt, ist die Verfassung des Stürmers in den nächsten Wochen - und am 11. Juni stand der schwarze Streifen am Kopf für genau das: Karriere überstanden, Tor gemacht, Eröffnungsspiel gewonnen.

Was das 2:0 für Aguirres Gruppen-A-Plan bedeutet

Mit drei Punkten und einem 2:0 ist Mexiko erster Tabellenführer der Gruppe A und der gesamten Weltmeisterschaft. Aguirres Plan für die nächsten beiden Spieltage - 19. Juni gegen Südkorea in Guadalajara, 25. Juni gegen Tschechien in Atlanta - hängt weiter daran, dass Jiménez fit bleibt. Wie groß die Rolle des 34-Jährigen wirklich ist, zeigte sich nicht erst beim Kopfball: Schon in der ersten Halbzeit war er der Anspielpunkt für die Doppel-Sechs Édson Álvarez/Luis Romo, schirmte Bälle ab, ließ klatschen, traf in der 26. Minute mit einem Distanzschuss nur den Außenpfosten.

Im Modell-Vorbericht zum Eröffnungsspiel lag die Wahrscheinlichkeit eines knappen mexikanischen Heimsiegs bei 51,8 Prozent - das tatsächliche Ergebnis bestätigt diese Lesart. Wer Mexikos Chancen aufs erreichen des Achtel- oder Viertelfinales einschätzen will, kommt an der Frage nicht vorbei, ob Jiménez sein zweites WM-Tor bald nachlegt. Die Übersicht aller deutschen Spiele und Stadien der WM 2026 führt nach Houston, Toronto und New York/New Jersey; Mexikos nächste Stadien sind Guadalajara und Atlanta.

Eines steht jedenfalls fest: Jenes schwarze Stirnband, das am 24. August 2021 in Wolverhampton zum ersten Mal über Jiménez’ Stirn lag, war am 11. Juni 2026 im Azteca beim 2:0-Kopfball deutlich zu sehen. Über sechs Jahre, drei Vereine und ein WM-Tor.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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