Sports and Rights Alliance fordert nach der Rabat-Krisensitzung die Rueckkehr des FIFA-Menschenrechtsbeirats
Nach der Rabat-Krisensitzung fordert die Sports and Rights Alliance sechs FIFA-Reformen - im Zentrum die Rueckkehr des 2020 abgeschafften Menschenrechtsbeirats.
Von Marco Feldmann 06. August 2026
Sechs Stunden nach der Chapter-17-Publikation zur pro-Infantino-Unterstuetzungs-Kartografie meldet sich mit der Sports and Rights Alliance (SRA) am 6. August 2026 um 15:06 Uhr ein bislang fehlender Akteur der Post-Rabat-Reaktions-Kaskade zu Wort. Die globale Koalition aus Menschenrechtsorganisationen, NGOs und Gewerkschaften stellt sechs konkrete Forderungen an den Fussball-Weltverband - mit der Wiedereinsetzung eines unabhaengigen FIFA-Menschenrechtsbeirats im Zentrum. Sprecher sind SRA-Geschaeftsfuehrerin Andrea Florence, Amnesty-Europa-Regionaldirektor Steve Cockburn und FSE-Geschaeftsfuehrer Ronan Evain.
Die sechs Forderungen
Der Aufruf listet:
- Wiedereinsetzung eines unabhaengigen FIFA-Menschenrechtsbeirats - das Human Rights Advisory Board (HRAB), das die FIFA 2016 kurz nach Infantinos Amtsantritt schuf und 2020 wieder aufloeste.
- Reform der FIFA-Ethik-Kommission mit externen Expertinnen und Experten. Die Kommission ist seit den Umbauten 2017 aus Sicht der Koalition nicht mehr unabhaengig genug, um Vorwuerfe gegen die eigene Fuehrung glaubwuerdig zu untersuchen.
- Unabhaengiges, transparentes Beschwerdeverfahren fuer Betroffene und Whistleblower - ausserhalb der internen FIFA-Strukturen.
- Konkrete Menschenrechtsstrategie mit veroeffentlichten Meilensteinen und einem Monitoring-Format.
- Neubewertung aller kuenftigen Gastgebervertraege an diesem Massstab - relevant fuer WM 2030 in Spanien, Portugal und Marokko, WM 2034 in Saudi-Arabien und alle Klub-WM-Vergaben.
- Transparenz gegenueber Journalisten und Oeffentlichkeit - unter anderem zu Sitzungsprotokollen, Finanzstroemen und den in dieser Woche kritisierten FIFA-Forward-Enterprise-Investorenplaenen.
Der Katalog wirkt sortiert. Punkt 1 und 2 sind Struktur, Punkt 3 ist Prozess, Punkt 4 ist Substanz, Punkt 5 ist Umsetzung, Punkt 6 ist Kontrolle. Zusammen decken sie die Debatte ab, die seit dem 30. Juli 2026 in Nyon durch die UEFA-Vertrauens-Entzugs-Erklaerung und in der Nacht zum 6. August durch das gemeinsame Rabat-Konter-Schreiben Infantinos und Grafstroems hochgekocht ist.
HRAB 2016 bis 2020 - vier Jahre, keine einzige Empfehlung umgesetzt
Das Human Rights Advisory Board ist der historische Referenzpunkt der Forderung. Die FIFA setzte das Gremium 2016 unter Infantino ein - der eigene Menschenrechts-Rahmen von 2017 gab ihm eine Rolle als externes Beratungsorgan. Vier Jahre lang legte HRAB oeffentliche Berichte vor, darunter zu Wanderarbeiter-Rechten in Katar, zu Pressefreiheit in Russland und zur Frage, wie die FIFA ihre eigenen Grundsatzdokumente in Vergabeverfahren einbindet.
2020 loeste die FIFA HRAB auf. Die SRA rechnet in ihrer Erklaerung vor: keine einzige der abschliessenden HRAB-Empfehlungen sei danach vollstaendig umgesetzt worden. Genau diese Struktur soll jetzt zurueckkommen - unabhaengig besetzt, mit oeffentlichem Berichtsformat, nicht als PR-Beirat. Der historische Vergleich ist damit auch ein Massstab: das Modell hat bewiesen, dass es tragfaehig war; erst die Aufloesung ohne Nachfolge-Struktur hat die Luecke geschaffen, die 2026 sichtbar wird.
Wer sich hinter der SRA versammelt
Die Sports and Rights Alliance gibt es seit 2015 als globales Buendnis von Menschenrechtsorganisationen, NGOs und Gewerkschaften rund um Sport-Grossveranstaltungen. Kernmitglieder sind Amnesty International, Human Rights Watch, die Building and Wood Workers’ International (BWI), Football Supporters Europe (FSE), Reporter ohne Grenzen und ILGA World. Die Koalition hat FIFA und IOC bei Russland 2018, Katar 2022, den Olympischen Spielen in China und zuletzt bei der WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko oeffentlich getrieben.
Fuer die WM 2026 hat die SRA in diesem Jahr bereits zwei grosse Interventionen unternommen: den Klima-der-Angst-Brief vom 4. Juni mit fuenf konkreten Forderungen an die FIFA und die US-Regierung zu ICE-Razzien, Visa-Diskriminierung, unabhaengigem Monitoring, Pressefreiheit und Familientrennungs-Schutz - und die Bilanz-Pressekonferenz zwei Tage vor dem WM-Finale in New York am 17. Juli, bei der Ronan Evain fuer FSE das Fazit “keine inklusive WM” formulierte.
Der jetzige Aufruf ist die dritte SRA-Materialisierung des Jahres - und substanziell die schaerfste, weil er nicht mehr das Gastgeber-Verhalten (USA) oder die Turnier-Auslegung (FIFA-Vergabe-Praxis) adressiert, sondern die FIFA-Governance selbst.
Chapter 18 in der Post-Rabat-Kaskade
Seit dem 30. Juli 2026 laufen die Reaktions-Fronten getrennt.
- Konfoederations-Front: UEFA-Vertrauens-Entzug 30./31. Juli, CONCACAF-Ablehnung 31. Juli, AFC-Konfoederations-Positionierung im Anschluss.
- Innere Defektions-Front: Kenny Cordeiro (Chefberater) Ende Juli, Fatma Lamour (COO), dann Arsene Wenger und Mattias Grafstroem in der Rabat-Vorabend-Notiz vom 4. August.
- Herausforderer-Front: Victor Montagliani benannt, Aleksander Ceferin und Lise Klaveness als Optionen kartografiert.
- Zivilgesellschaftliche Front: bislang leer. Mit der SRA-Erklaerung vom 6. August 2026 ist auch dieses Feld besetzt.
Der Unterschied zu den anderen drei Fronten ist wichtig. UEFA, innere Defektion und Herausforderer-Positionierung bewegen sich in FIFA-Statuten-Kategorien - Boykott, Ruecktritt, Wahl. Die SRA-Forderung ist eine institutionelle Reform-Agenda von aussen: sie zielt nicht auf Personal, sondern auf Struktur. Sie liesse sich unter jedem FIFA-Praesidenten umsetzen. Genau deshalb ist sie fuer Herausforderer-Kandidaturen so verwertbar - jeder Bewerber gegen Infantino kann die Sechs-Punkte-Liste ohne weitere Uebersetzung in ein Wahlprogramm uebernehmen.
Was jetzt zu erwarten ist
Die FIFA hat bis Redaktionsschluss am 6. August 2026 nicht oeffentlich auf den SRA-Aufruf geantwortet. Zu erwarten sind drei Ebenen: kurzfristig eine formelle Zurueckweisung der HRAB-Wiedereinsetzung mit Verweis auf die bestehende FIFA-eigene Menschenrechts-Abteilung, mittelfristig eine Positionierung von UEFA-Praesident Aleksander Ceferin und moeglicherweise weiterer Konfoederations-Praesidenten zu den sechs Punkten, langfristig die Frage, welche Kandidatur fuer den 77. FIFA-Kongress am 18. Maerz 2027 in Rabat den SRA-Katalog in ein Programm uebersetzt.
Die kommenden Wochen entscheiden auch, ob sich weitere zivilgesellschaftliche Stimmen anschliessen. Beobachter erwarten insbesondere Statements aus dem Umfeld von Human Rights Watch, das bereits 2020 die HRAB-Aufloesung offen kritisiert hatte, sowie eine mediale Aufnahme in britischen und skandinavischen Zeitungen, die den FIFA-Governance-Bogen der vergangenen sieben Tage bislang am ausfuehrlichsten begleitet haben.
Bis dahin ist der Stand am Abend des 6. August 2026 eindeutig: das gemeinsame Konter-Schreiben Infantinos und Grafstroems in der Nacht hat die Rabat-Krise nicht beendet, sondern in ihre naechste Phase gefuehrt. Chapter 18 heisst: die zivilgesellschaftliche Ebene ist besetzt.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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