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WM 2026

Klima der Angst: Menschenrechtsorganisationen verlangen vor der WM 2026 fünf Garantien von der FIFA

Eine Woche vor dem Anpfiff schreiben Sport and Rights Alliance, Amnesty, Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen an die FIFA: ein Brief mit fünf konkreten Forderungen.

Von Marco Feldmann 04. Juni 2026

Am 30. Mai 2026, knapp zwei Wochen vor dem WM-Anpfiff, klebten Familien von Vermissten rund um das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt Suchplakate auf, um auf die Krise des Verschwindenlassens aufmerksam zu machen. Der WM-Eröffnungsort wird damit zum Symbol einer Debatte, die längst auch die FIFA erreicht hat (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Eine Woche vor dem Anpfiff der Fußball-WM 2026 am 11. Juni in Mexiko-Stadt schlagen mehrere internationale Menschenrechtsorganisationen Alarm. Die Sport and Rights Alliance (SRA) unter ihrer Geschäftsführerin Andrea Florence hat gemeinsam mit Amnesty International, Human Rights Watch, Reporter ohne Grenzen und Football Supporters Europe einen offenen Brief an FIFA-Präsident Gianni Infantino geschickt. Der Befund ist hart: Die WM steige in den USA “in einem Klima der Angst”. Die FIFA habe trotz eigener Menschenrechts-Rahmenwerke “die zentralen Forderungen weitgehend ignoriert”.

Wer hinter dem Brief steht

Die Sport and Rights Alliance ist seit 2015 die wichtigste Sammelplattform für Menschenrechts-Forderungen rund um Sport-Großereignisse. Sie ist genau die Koalition, die FIFA und IOC bei Russland 2018, Katar 2022 und den Olympischen Spielen in China öffentlich getrieben hat. Dass jetzt fünf große Organisationen gemeinsam unterschreiben - darunter mit Amnesty und HRW die globalen Schwergewichte und mit Football Supporters Europe der Dachverband der europäischen Fanszene - ist eine bewusste Eskalation kurz vor Turnierstart.

Florence formuliert es im Brief unmissverständlich: Die WM finde “in einem Klima der Angst” statt. Der Maßstab dafür sind keine Wahlplakate, sondern Zahlen: Hunderttausende ICE-Festnahmen 2025, oft mit ethnischer Schlagseite. Mindestens zwei Todesfälle bei Protesten gegen Razzien. Verschärfte Visa-Hürden, das verpflichtende Screening sozialer Medien an US-Grenzen.

Die fünf konkreten Forderungen

Der Brief ist nicht abstrakt. Er listet fünf Punkte, die die FIFA von der US-Regierung garantieren lassen soll:

  1. ICE-Operationen aussetzen. Eine öffentliche Selbstverpflichtung der US-Regierung, Einwanderungsrazzien während der Turnierwochen zu pausieren. Die SRA verweist auf hunderttausende Festnahmen 2025 mit Schwerpunkt auf nicht-weißen Communities - genau jenen, die WM-Spiele auch in Stadien rund um Los Angeles, Atlanta und New York/New Jersey besuchen werden.
  2. Diskriminierungsfreier Zugang. Eine FIFA-Zusage für gleichberechtigte Einreise von Teams, Medien und Fans unabhängig von Pass oder Religion. Konkret im Blick: Bürger:innen aus Haiti, Iran, Senegal und der Elfenbeinküste, die unter den seit Anfang 2025 verschärften US-Einreiseregeln stehen.
  3. Unabhängiges Menschenrechts-Monitoring. Eine Stelle außerhalb der FIFA-Strukturen, die während des Turniers Vorfälle dokumentiert und veröffentlicht - das, was bei Katar 2022 erst nach Druck eingerichtet wurde.
  4. Pressefreiheit. Eine öffentliche Garantie, dass Journalist:innen nicht nur über Tore und Aufstellungen berichten dürfen, sondern auch über das gesellschaftliche Umfeld - inklusive Schutz vor Akkreditierungs-Entzug.
  5. Schutz vor Familientrennung. Eine FIFA-Richtlinie, die sicherstellt, dass Familien gemeinsam ins Stadion gelangen, ohne dass an Kontrollpunkten Mitglieder herausgegriffen werden.

Das ist kein Wunschzettel - das ist eine politische Liste, an der sich die FIFA in den nächsten Tagen messen lassen muss.

Der ICE-Punkt - warum er das WM-Klima prägt

Die zentralen Spielorte der Vorrunde liegen in elf US-Städten und in drei mexikanischen sowie zwei kanadischen Städten. In den US-Metropolen gehen seit Mitte 2025 immer wieder Bilder von ICE-Festnahmen in Vorgärten, an Tankstellen, vor Schulen um die Welt. Florence sagt deutlich, was das für die WM bedeutet: Fans mit lateinamerikanischen, afrikanischen oder nahöstlichen Pässen entscheiden in diesem Klima nicht nur sportlich, ob sie sich ein Ticket leisten - sondern ob sie das Risiko einer Einreise und einer Anreise zum Stadion überhaupt eingehen.

Der Hintergrund liegt in unserem Bericht zum politischen Doppel Infantino und Trump vor der WM 2026: Die FIFA-Allianz. Dort ist die Chronologie der Annäherung nachgezeichnet, vom Mar-a-Lago-Besuch im Januar 2025 bis zum FIFA Peace Prize für Trump im Dezember 2025. Der heutige Brief ist die Antwort der zivilgesellschaftlichen Seite auf genau diese Achse.

Visa-Ungleichheit: Haiti, Iran, Elfenbeinküste

Drei der vier von der SRA genannten Länder spielen bei der WM 2026 mit:

  • Haiti ist erstmals seit 1974 wieder bei einer WM. Die Konföderation Concacaf hatte dem Team die Qualifikation in einem Playoff-Marathon ermöglicht; in den USA selbst stehen Haitianer:innen unter einer der schärfsten Einreise-Beschränkungen.
  • Iran hat das Visa-Problem für die Mannschaft selbst über Mexiko gelöst - die iranischen Spieler haben mexikanische Visa erhalten, ihre USA-Einreise bleibt aber offen. Für iranische Fans gilt das Reise-Risiko unverändert.
  • Elfenbeinküste ist Deutschlands Gegner am 20. Juni in Toronto. Das Team selbst bekommt Visa über die FIFA-eigene Schnellbahn, der ivorische Fan-Pulk reist mit gemischtem Visa-Status.

Die SRA-Forderung nach diskriminierungsfreiem Zugang zielt damit nicht auf Spieler-Visa, sondern auf Fan-Visa - das ist der eigentliche Engpass des Turniers.

Was die FIFA bisher geantwortet hat

Florence zufolge ist die Antwort der FIFA bislang dünn: ein Statement zum Kinderschutz, sonst nichts Substanzielles. Eine Zusage zu einer der fünf Forderungen liegt nicht vor.

Das passt zu einem Muster, das die FIFA-Beobachter schon kennen. Beim US-Generalstaatsanwaltschaft-Verfahren rund um den Ticket-Schwarzmarkt in New York/New Jersey wartete die FIFA, bis externe Aufsicht ihre Position öffentlich machte. Auch bei der ESTA- und Visa-Vorlaufzeit-Debatte 2025 äußerte sich die FIFA monatelang nicht; erst nach Druck der Konföderationen kam ein gemeinsames Statement.

Die Katar-Parallele - was 2022 schiefging

Florence zieht den Vergleich zu Katar bewusst. Beim Turnier 2022 hatte die FIFA Entschädigungen für tausende verstorbene Wanderarbeiter:innen erst rundweg abgelehnt und sich dann nach internationalem Druck zumindest zu einer Mit-Verantwortung bekannt. Die SRA und ihre Mitunterzeichnenden ziehen daraus eine politische Lehre: Wer hinterher zahlt, hätte vorher schützen können.

Genau diese Logik liegt jetzt auf Infantinos Tisch. Die Allianz fordert keine moralische Erklärung - sie fordert messbare Garantien, deren Einhaltung sich während des Turniers prüfen lässt. Das macht den Brief politisch unangenehmer als jede frühere SRA-Intervention.

Was das für Fans, Medien und Teams praktisch bedeutet

  • Fans mit Visa-Risiko sollten den USA-Reise-Überblick konsultieren, bevor sie buchen. Die SRA empfiehlt zudem, eine Telefonnummer der Konsulate des Heimatlandes parat zu halten und sich nicht von Polizeibeamten ohne Vorlage von Ausweisen kontrollieren zu lassen.
  • Medien mit FIFA-Akkreditierung sollten den Punkt 4 des Briefs (Pressefreiheit) im Hinterkopf behalten - die SRA will entsprechende Vorfälle sammeln und veröffentlichen.
  • Teams, insbesondere die mit hohem Visa-Risiko (Iran-Stab, Haiti-Stab), haben über Verbände und Konföderationen bereits Spezial-Lösungen organisiert. Die Spiele werden stattfinden. Die Frage ist, in welcher Atmosphäre.

Acht Tage vor dem ersten Anpfiff in Mexiko-Stadt liegt der Ball - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne - bei Infantino. Was er auf diese fünf Forderungen sagt, wird die politische Tonlage der WM 2026 prägen.

Häufige Fragen: Menschenrechte und WM 2026

  • Welche Organisation koordiniert die Kritik? Die Sport and Rights Alliance (SRA) unter Andrea Florence, gemeinsam mit Amnesty International, Human Rights Watch, Reporter ohne Grenzen und Football Supporters Europe.
  • Wann wurde der Brief verschickt? Anfang Juni 2026, eine Woche vor dem Anpfiff am 11. Juni in Mexiko-Stadt.
  • Drohen Spielausfälle oder ein Boykott? Nein. Die SRA verlangt keinen Boykott, sondern Garantien. Auch keiner der WM-Teilnehmer hat zum Stand des 4. Juni einen Rückzug angekündigt.
  • Wo finde ich praktische Informationen für die WM-Reise in die USA? Auf unserer Übersichtsseite WM 2026 USA: Einreise, ESTA, Visa und FIFA-Pass - inklusive Hinweisen zu Visa-Sonderwegen für Bürger:innen besonders betroffener Länder.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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