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WM 2026

Menschenrechtler bilanzieren die WM 2026: NGO-Pressekonferenz in New York zwei Tage vor dem Finale kritisiert FIFA und US-Gastgeber

Zwei Tage vor dem WM-Finale in New York fassen Human Rights Watch, Amnesty USA, ILGA World und Fanorganisationen zusammen, was aus ihren Juni-Forderungen an die FIFA wurde.

Von Marco Feldmann 17. Juli 2026

Am 19. April 2026 traf FIFA-Praesident Gianni Infantino im US-Heimatschutzministerium in Washington auf Minister Markwayne Mullin - offiziell ging es um die WM-Sicherheit. Genau diese Naehe zwischen FIFA-Fuehrung und der Trump-Administration steht drei Monate spaeter im Zentrum der NGO-Kritik vor dem Finale in New York (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Zwei Tage vor dem WM-Finale 2026 zwischen Argentinien und Spanien am Sonntag, 19. Juli, im MetLife Stadium in East Rutherford bei New York haben internationale Menschenrechts- und Fanorganisationen eine harte Bilanz der Fussball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko gezogen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Freitag, 17. Juli 2026, in New York traten Human Rights Watch, die Sport & Rights Alliance (SRA), Amnesty International USA, Football Supporters Europe (FSE) und ILGA World vor die Kameras. Ihr Befund: Das erste FIFA-Turnier, das seine Vergabe formal an Menschenrechts-Auflagen geknuepft hatte, sei diesen Auflagen nicht gerecht geworden.

Es ist die zweite grosse gemeinsame Intervention derselben NGO-Achse waehrend dieser Weltmeisterschaft. Am 4. Juni 2026, eine Woche vor dem Eroeffnungsspiel Mexiko gegen Suedafrika im Aztekenstadion, hatten dieselben Organisationen in einem offenen Brief an FIFA-Praesident Gianni Infantino fuenf konkrete Forderungen gestellt - vom Aussetzen der ICE-Razzien waehrend des Turniers ueber diskriminierungsfreien Zugang bis zur unabhaengigen Monitoring-Instanz. Sechs Wochen spaeter ziehen die Absender die Zwischenbilanz: keine der zentralen Forderungen wurde erfuellt.

Wer in New York sprach

Die Zusammensetzung des Panels signalisiert eine Verbreiterung der Kritik. Neben den fuenf Juni-Absendern - SRA, Amnesty, Human Rights Watch, Reporter ohne Grenzen, FSE - ist mit ILGA World erstmals der internationale LGBTQ+-Dachverband prominent vertreten. Zwei Sprecher fuehrten die Bilanz an:

  • Ronan Evain, Executive Director von Football Supporters Europe. FSE vertritt organisierte Fangruppen aus rund 50 europaeischen Verbaenden und hat waehrend des Turniers Beschwerden von Fans dokumentiert.
  • Daniel Norona, Amnesty International USA. Norona war der Sprecher fuer die US-innenpolitische Perspektive - die Frage, was die Trump-Administration von der FIFA eingefordert bekommen haette, wenn Infantino seinen Hebel genutzt haette.

Die Bilanz kommt bewusst am Wochenende des Finales - und in New York, weil das MetLife Stadium im nur wenige Kilometer entfernten East Rutherford am Sonntag zum globalen TV-Fokus wird.

Was Ronan Evain den Fans vorrechnet

Der Kern des FSE-Vorwurfs ist eine Liste ausgeschlossener Anhaengerschaften. “Das war keine inklusive WM”, sagte Evain in New York. “Viele Fans, insbesondere aus Afrika und Asien, wurden durch die Einreisebestimmungen ausgeschlossen.” Konkret nennt Evain vier Nationen:

  • Haiti: mit eigenem Team bei der WM vertreten, Fans hatten massive Visa-Probleme.
  • Elfenbeinkueste: ebenfalls WM-Teilnehmer. Der CNSE-Fanverband hatte bereits Ende April die Weigerung der US-Botschaften dokumentiert, Fan-Visa zu erteilen.
  • Iran: WM-Teilnehmer. Die iranische Delegation musste ueber ein Mexiko-Hub-System einreisen, weil direkte US-Visa zeitweise blockiert waren.
  • Senegal: nicht qualifiziert, aber unter den seit 2025 verschaerften US-Einreiseregeln fuer senegalesische Buerger:innen.

Die drei WM-Teilnehmer aus dieser Liste fuellten in der Vorrunde die Gruppen mit sportlicher Praesenz, aber ohne die Anhaengerschaft, die eine WM ausserhalb der USA gehabt haette. Fuer FSE ist das kein Nebeneffekt, sondern der Kern des Vorwurfs.

Daniel Norona (Amnesty USA) - “Die FIFA hat ihren Einfluss nicht genutzt”

Der Norona-Vorwurf ist strukturell schaerfer, weil er nicht die US-Regierung, sondern die FIFA selbst adressiert. “Die FIFA hat ihren Einfluss nicht genutzt, um mit Blick auf die strikten Einreisebestimmungen auf die US-Regierung einzuwirken”, sagte er in New York. Uebersetzt: Der Weltverband haette den Hebel gehabt - einzelne oeffentliche Aussagen von Infantino, eine oeffentliche Bedingungslogik im Umgang mit dem Gastgeber, gegebenenfalls Zugestaendnisse bei der Ausrichtung -, hat ihn aber nicht gezogen.

Der Vorwurf lehnt sich an die Katar-Praezedenz an: 2022 war die FIFA zunaechst passiv geblieben, hatte dann erst spaet auf oeffentlichen Druck reagiert, und selbst danach nur teilweise. Das Muster, so Amnesty, wiederhole sich - nur, dass dieses Mal ein westlicher Rechtsstaat der Gastgeber ist.

Der ILGA-World-Punkt

Neu in der Bilanz - und ein Grund fuer die Panel-Verbreiterung - ist der LGBTQ+-Angle, den ILGA World einbringt. Die Argumentation: Anti-Trans-Rhetorik aus der Trump-Administration und die verschaerften Einreiseregeln haben queere Fans international davon abgeschreckt, zur WM in die USA zu reisen. Wo die Debatte 2022 rund um Katar noch die Regenbogen-Kapitaensbinde und die Regierungs-Position des Ausrichters thematisierte, dreht sie sich 2026 um Reise-Sicherheit und Screening an der Grenze.

Fuer die FIFA ist das eine schwierige Konstellation, weil sie in ihren eigenen Leitlinien Diskriminierungsfreiheit als Selbstverpflichtung fuehrt.

Der Peace-Prize-Vorwurf

Der lauteste symbolische Vorwurf betrifft die Naehe zwischen FIFA-Fuehrung und Trump-Administration. Im Dezember 2025 hatte die FIFA einen neu geschaffenen “Peace Prize” an US-Praesident Donald Trump vergeben - ueberreicht von Infantino persoenlich. Aus Sicht der NGOs steht das im direkten Widerspruch zu Artikel 4 der FIFA-Statuten, der politische Neutralitaet festschreibt. Zusammen mit Infantinos Auftritt beim Gaza-Friedensgipfel und der dokumentierten operativen Abstimmung zwischen FIFA und Weissem Haus - Trump war am 4. Juli beim WM-Halbfinale in Houston und Philadelphia praesent - argumentieren die Kritiker, die FIFA sei zur strukturellen Partnerin geworden.

Am 19. April 2026 hatte Infantino im US-Heimatschutzministerium in Washington Minister Markwayne Mullin getroffen, offiziell zur WM-Sicherheit. Die dabei entstandenen Bilder - der FIFA-Praesident, der dem Chef der Behoerde, die die ICE-Razzien organisiert, einen offiziellen Fussball uebergibt - sind fuer die NGOs die visuelle Kurzfassung ihrer Kritik.

Der Omar-Artan-Fall als Symbolbeispiel

Wenn Norona und Evain eine konkrete Person als Symbol fuer die strukturelle Kritik nennen, dann den somalischen Schiedsrichter Omar Artan. Ihm hatten die USA im Juni die Einreise nach Miami mit dem Verweis auf “Sicherheitsbedenken” verweigert - ein Schiedsrichter, den die FIFA fuer das Turnier nominiert hatte. Der Fall ist deshalb so aufschlussreich, weil er weder die politische Meinungsaeusserung eines Fans noch die Delegationslogistik eines Teams betrifft, sondern die vom Weltverband selbst festgelegte Turnier-Infrastruktur.

Wenn nicht einmal ein von der FIFA fuer das Turnier akkreditierter Referee eingelassen wird, so das Argument, dann laesst sich die Trennung zwischen “US-Einreise” und “FIFA-Turnier” nicht mehr aufrechterhalten - dann wird die Einreiseentscheidung Teil der Turnierentscheidung.

Vom Juni-Brief zur Juli-Bilanz

Die Bilanz-Pressekonferenz ist zugleich ein Aufmach-Punkt fuer die kommenden Wochen. Die Organisationen kuendigten an, in den naechsten Monaten mehrere Menschenrechts-Wirkungsberichte zur WM 2026 zu veroeffentlichen. Das folgt dem Muster nach Katar 2022, als HRW, Amnesty und das Business & Human Rights Resource Centre in mehreren Wellen dokumentierten, welche Todesfaelle unter Wanderarbeitern, welche Loehne und welche Entschaedigungen tatsaechlich anfielen - und wo Zusagen an die FIFA nachweisbar unerfuellt geblieben waren.

Fuer die WM 2026 laesst sich der Erwartungsrahmen anhand der chronologischen Rekonstruktion der 2015-2026-Achse zwischen USA und FIFA verorten: aus der USA-Strafverfolgungsbehoerde, die 2015 die FIFA-Zentrale in Zuerich sturmreif geklagt hatte, sei elf Jahre spaeter der operative Turnier-Partner geworden, dessen Politik der Weltverband nicht mehr oeffentlich adressiert.

Was jetzt noch kommt

Bis Sonntagabend, 19. Juli 2026, wird das MetLife Stadium mit dem Finale zwischen Argentinien und Spanien zum globalen TV-Zentrum. Genau dieses Fenster nutzen die NGOs fuer ihre Bilanz - im Wissen, dass die maximale Aufmerksamkeit fuer die Auseinandersetzung zwischen sportlichem Grossereignis und politischer Rahmung nirgends groesser ist als am Vorabend des Endspiels. Eine FIFA-Reaktion auf die konkreten Vorwuerfe von Freitag lag am Abend nicht vor.

Fuer die Fans der Nachrueckstaaten aus Iran, Haiti, der Elfenbeinkueste und Senegal hat die Bilanz einen konkreten Preis: die WM in Nordamerika ohne die Anhaenger, die sonst zu einer WM gehoert haetten. Wie stark diese Erfahrung die Debatte um die naechsten WM-Vergaben praegen wird - die Herren-Turniere 2030 und 2034 -, ist eine Frage, die die NGOs in ihren angekuendigten Berichten ausdruecklich mitverhandeln wollen.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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