AFA-Praesident Tapia am New Yorker Flughafen vernommen?
US-Medien berichten von Vernehmung des AFA-Praesidenten Claudio Tapia und Schatzmeister Toviggino am Flughafen New York nach dem WM-Finale. AFA dementiert.
Von Marco Feldmann 23. Juli 2026
Waehrend die argentinische Nationalmannschaft am Dienstagabend im AFA-Zentrum in Ezeiza empfangen wurde, spielte sich am selben Tag in New York eine zweite, deutlich unangenehmere Rueckreise-Szene ab. Nach uebereinstimmenden Berichten mehrerer US-Medien wurden AFA-Praesident Claudio “Chiqui” Tapia und AFA-Schatzmeister Pablo Toviggino am Flughafen New York vernommen, ihre elektronischen Geraete seien beschlagnahmt worden. Hintergrund sollen Ermittlungen zu internationalen Handelsvertraegen des argentinischen Verbandes sein. Die AFA weist die Berichte in einer scharfen Erklaerung zurueck und spricht von einer “absolut falschen” Darstellung. Fuer Tapia, unter dessen Fuehrung Argentinien in fuenf Jahren Copa 2021, WM 2022, Copa 2024 und WM-Silber 2026 gewonnen hat, ist es der vorlaeufig heikelste Moment eines Machtkampfes, der weit ueber den Sport hinausreicht.
Was US-Medien berichten, was die AFA dementiert
Die Meldung wurde am 22. und 23. Juli in verschiedenen US-Boulevard- und Sport-Portalen aufgegriffen und ueber argentinische Sportmedien nach Europa transportiert. Konkret sollen Tapia und Toviggino am Flughafen bei der Rueckreise festgehalten worden sein, es habe eine Befragung gegeben, elektronische Geraete seien einbehalten worden. Grundlage sei ein Bezirksgericht in Florida, das im Zusammenhang mit internationalen Vertraegen der AFA ermittle. Das FBI, in den USA fuer solche Vorgaenge zustaendig, aeusserte sich auf Anfrage nicht - die Standard-Formel bei laufenden Vorermittlungen.
Die AFA reagierte binnen weniger Stunden mit einem Kommunique. Ein Florida-Bezirksgericht habe lediglich eine Vorladung gegen eine “dritte Partei” ausgestellt, nicht gegen Tapia, nicht gegen Toviggino. Es habe weder eine formelle Vernehmung noch eine Beschlagnahmung von Geraeten gegeben. Der Verband nennt die kolportierte Darstellung “absolutamente falso” und behaelt sich juristische Schritte gegen “Kampagnen-Journalismus” vor. Die konkreten US-Redaktionen, auf die sich die Meldung stuetzt, werden in der Sportschau-Aufarbeitung nicht mit Namen genannt.
Die 12-Millionen-Euro-Akte und das gerichtliche Ausreiseverbot
Der Kontext, ohne den die New-York-Meldung nicht zu verstehen ist, liegt in Buenos Aires. Gegen Tapia laeuft in Argentinien seit Monaten ein Verfahren wegen mutmasslicher Vorenthaltung von Steuern und Sozialversicherungsabgaben in einer Groessenordnung von rund 12 Millionen Euro. Die argentinische Bundes-Steuerbehoerde AFIP und die Sozialversicherungs-Aufsicht hatten dazu ein Ausreiseverbot durchgesetzt. Ein Gericht hob dieses Verbot fuer die Dauer der WM 2026 vorlaeufig auf - unter der klaren Auflage, dass Tapia bis zum 21. Juli 2026 wieder argentinischen Boden betritt, also zwei Tage nach dem Endspiel im MetLife Stadium.
Die berichteten Vorgaenge fallen damit in ein 48-Stunden-Zeitfenster, in dem Tapia die argentinische Rueckreise-Frist einzuhalten hatte. Ob die Vorgaenge am Flughafen mit dieser Frist oder mit dem AFIP-Verfahren direkt zusammenhaengen oder ob es sich um ein rein US-strafrechtliches Vorspiel handelt, ist am Freitagvormittag Berliner Zeit unklar. Die AFA verweist auf die formal einwandfreie Rueckkehr des Praesidenten in Buenos Aires.
Florida-Subpoena gegen eine dritte Partei - der juristische Kontext
Der US-Anker der Erzaehlung heisst Florida. Nach AFA-Lesart hat ein dortiges Bezirksgericht eine “subpoena”, also eine formelle Vorladung mit Herausgabe-Anordnung, gegen einen unbenannten Dritten erlassen. Die AFA-Sponsorenlinie ist in den letzten zwoelf Monaten mehrfach Gegenstand von US-Registrierungs- und Ermittlungsvorgaengen gewesen, insbesondere im Umfeld des Sur-Finanzas-Komplexes: Ein AFA-Sponsor-Unternehmen desselben Namens wird in Argentinien wegen mutmasslicher Geldwaesche, Steuerhinterziehung und krimineller Vereinigung ermittelt. Verfahrensziel ist Firmen-Eigentuemer Ariel Vallejo; Tapia ist bislang lediglich als Vertrags-Kontakt aufgefuehrt, ihm liegt keine Anklage zur Last.
Die US-Version - Florida-Subpoena plus New-York-Flughafen - passt vom Muster in eine sich seit Monaten aufbauende Rechtshilfe-Erzaehlung, die in Argentinien parallel laeuft und in Wahlkampf-Rhetorik der Milei-Regierung immer wieder hochkommt. Fuer eine belastbare Zuordnung waeren belastbare US-Quellen und eine benannte Behoerde noetig, beides fehlt am Nachrichtenmorgen des 23. Juli.
Milei gegen Tapia - der politische Rueckenwind der Erzaehlung
Ohne den Konflikt zwischen Praesident Javier Milei und Tapia ist die Wucht der Berichterstattung nicht zu verstehen. Milei will nach europaeischem Vorbild private Fussball-Aktiengesellschaften (im spanischen Wortlaut Sociedades Anonimas Deportivas, SAD) im argentinischen Vereinsfussball zulassen und die Kluboligarchie oeffnen. Tapia verteidigt die traditionellen Mitgliederclubs, an denen die AFA-Praesidentschaftsmehrheiten organisiert sind. Beide Positionen sind nicht vereinbar und werden seit einem Jahr oeffentlich ausgetragen.
Im November 2025 hatte Milei-Minister Federico Sturzenegger eine Statistik veroeffentlicht, wonach sich die Ergebnisse von Barracas Central - dem Klub, in dem Tapias Sohn Matias Praesident und Sohn Ivan Kapitaen ist - unter Tapias AFA-Fuehrung “signifikant” verbessert haetten. Zusaetzlich hatte die Liga Profesional Rosario Central im November 2025 den umstrittenen Jahrestabellen-Titel “Campeon 2025” zuerkannt, was breite Kritik ausloeste. Milei selbst blieb am Dienstag dem Team-Empfang in Buenos Aires demonstrativ fern, waehrend er die Elf zeitgleich per nationalem Feiertags-Dekret ehrte - eine Choreografie, die die argentinische Presse als bewusste Trennung zwischen “Elf” und “Verband” las.
In diese Vorgeschichte faellt die New-York-Meldung. Von Beobachtern innerhalb der AFA wird die Verbreitung entweder als “gesteuerte Regierungserzaehlung im Fussballkleid” oder als “genuine US-Ermittlung, die Tapia jetzt einholt” gelesen. Die beiden Lesarten sind nicht miteinander vereinbar, und keine ist am 23. Juli belastbar entschieden.
Post-WM-Woche mit Tapia im Fokus - was jetzt ansteht
Fuer Tapia beginnt eine Woche mit mehreren Verpflichtungen. Der Praesident muss den argentinischen Behoerden gemaess der gerichtlichen Auflage bis zum 21. Juli zurueckgekehrt sein - ein Nachweis, den die AFA fuer erbracht haelt. Parallel fordert die Milei-Koalition im Kongress eine Anhoerung Tapias zum AFIP-Verfahren. In der AFA-Praesidialrunde ist Tapias Mandat bis 2029 formal unangetastet, mehrere Verbaende innerhalb der Provinzen fordern jedoch bereits eine Erklaerung.
Sportlich haengt die AFA an einer Uebergangs-Agenda. Trainer Lionel Scaloni hatte am Sonntagabend im MetLife seine Pressekonferenz abgebrochen und seine Zukunft offengelassen. Lionel Messi meldete sich am Montag per Instagram mit einem Nachlese-Text zur Wunde des Finales, ein aehnlicher Text von Tapia steht aus. Parallel laeuft ein FIFA-Disziplinarverfahren gegen die drei Spieler Paredes, Molina und Ayala nach den Rangeleien vor und nach der Finalpartie im MetLife Stadium.
Die naechste offizielle Verbandsverpflichtung fuer Tapia ist der FIFA-Council in Zuerich Mitte September. Bis dahin muessen die argentinische AFIP-Akte und die berichtete US-Vorspiel-Ebene entweder verdichtet oder aufgeloest sein. Fuer den zweiten Vize der WM 2026 - so die argentinische Zaehlung inklusive 2022-Titel und 2026-Endspiel - ist die Rueckkehr aus New York am Ende weniger sportliche als institutionelle Nachlese.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
Mehr aus WM 2026
Montagliani prueft FIFA-Kandidatur - erster benannter Herausforderer nach Infantino-Kapitulation
01.08.2026
WM 2026UEFA-Angriff am Vormittag: Ceferins Verband entzieht Infantino das Vertrauen
01.08.2026
WM 2026Elfenbeinküste trennt sich von Trainer Faé - Vertrag nach WM-Aus nicht verlängert
01.08.2026