FIFA-Ermittlungen gegen Argentinien nach WM-Finale 2026: Nicht nur Paredes im Visier
FIFA hat am 20.07.2026 einen Disziplinar- und Ethikermittler ernannt. Paredes, Molina und Assistenzcoach Ayala im Visier - so laeuft das Verfahren.
Von Marco Feldmann 20. Juli 2026
Rund 22 Stunden nach dem Schlusspfiff des WM-Finales 2026 zwischen Spanien und Argentinien im MetLife Stadium hat die FIFA-Disziplinarkommission in Zuerich das formale Ermittlungsverfahren gegen mehrere Argentinier eroeffnet. Am Montagabend, 20. Juli 2026 um 20:50 Uhr MESZ, teilte der Weltverband mit, “einen Disziplinar- und Ethikermittler ernannt” zu haben, um “moegliche Verstoesse gegen den FIFA-Disziplinarcode im Zusammenhang mit den Vorfaellen nach dem Spiel zu untersuchen”. Im Visier steht nicht nur Leandro Paredes - auch Nahuel Molina und Assistenzcoach Roberto Ayala werden untersucht.
Die FIFA-Ankuendigung im Wortlaut - was Zuerich am Montagabend mitteilte
Die Mitteilung aus Zuerich kam knapp einen Tag nach den Faustschlaegen, Tritten und Rangeleien, die im Anschluss an Ferran Torres 106.-Minuten-Volltreffer auf dem Rasen von East Rutherford ausgebrochen waren. Die FIFA-Formulierung ist bewusst offen gehalten: “moegliche Verstoesse” verweist auf Artikel 12 des FIFA-Disziplinarcodes (Fehlverhalten von Spielern und Offiziellen) und Artikel 15 (Rote-Karten-Nachverfolgung).
Die Ernennung eines “Disziplinar- und Ethikermittlers” ist eine formale Zwischenstufe: Der Ermittler prueft in den kommenden sieben Tagen Videomaterial, Berichte des Schiedsrichter-Teams um Slavko Vincic und Zeugenaussagen. Danach entscheidet die FIFA-Disziplinarkommission ueber die Anklageerhebung. Sport1.de beruft sich auf britische The-Times-Recherchen, wonach auch “weitere Spieler und Offizielle” ins Verfahren einbezogen werden koennten.
Am Morgen des 20. Juli hatte die Disziplinarkommission bereits den Paredes-Fall angekuendigt, aber ohne einen genauen Zeitplan zu nennen. Die formale Ernennung eines Ermittlers am Abend markiert den Uebergang von der Ankuendigung zum aktiven Verfahren.
Wer im Fokus der Ermittler steht
Der Kicker rekonstruierte in seinem Liveticker “Faustschlaege und Rangeleien - was nach Abpfiff des WM-Finals passierte” die Sequenz. Drei Namen tauchen dort mehrfach auf.
Leandro Paredes - Doppel-Taetlichkeit gegen Garcia und Gavi
Paredes ist der prominenteste Fall. Der 32-Jaehrige, im Sommer 2024 nach Stationen bei Paris Saint-Germain, Zenit St. Petersburg, Juventus Turin und AS Rom zu Boca Juniors zurueckgekehrt, hatte zunaechst Spaniens Innenverteidiger Eric Garcia getreten und dann den herbeieilenden Gavi am Trikot gepackt, zu Boden geworfen und ihm mit dem Unterarm ins Gesicht geschlagen. Schiedsrichter Vincic zeigte die direkte Rote Karte binnen weniger Sekunden. Die Details der Sequenz sind im Paredes-Rote-Karte-Bericht dokumentiert.
Nahuel Molina - Faustschlag gegen Rodri
Der 27-jaehrige Rechtsverteidiger von Atletico Madrid, mit Rodri in La Liga wochentaeglich taktisch vertraut, hat nach uebereinstimmenden Berichten von Kicker und Sport1 seinem spanischen Ligakonkurrenten unmittelbar nach dem Schlusspfiff einen Schlag gegen die Brust versetzt. Der Vorfall geschah einige Meter neben der Paredes-Szene und loeste die groessere Rudelbildung zwischen den Delegationen aus. Molina wurde in der Situation nicht mehr verwarnt (das Spiel war bereits abgepfiffen), aber das Videomaterial wurde der Disziplinarkommission zur Auswertung vorgelegt.
Fuer Molina drohen ein bis drei Spiele FIFA-Sperre plus Geldstrafe, sofern die Kommission den Schlag als Taetlichkeit einstuft. Betroffen waeren die argentinischen Herbst-Freundschaftsspiele gegen Kamerun in Yaounde und Angola in Luanda sowie potenziell der Start der CONMEBOL-Qualifikation fuer die WM 2030 in Portugal, Spanien und Marokko.
Roberto Ayala - Assistenzcoach im Visier
Der 53-jaehrige Ex-Nationalspieler und WM-Finalist von 2006, seit 2018 Assistenzcoach unter Scaloni und in East Rutherford in dieser Rolle auf der argentinischen Bank, soll nach Kicker-Angaben waehrend der Rangelei koerperlich eingegriffen haben. Als Betreuer faellt er unter Artikel 12 des FIFA-Disziplinarcodes. Sanktionen gegen Trainerpersonal werden separat verhaengt und koennen von Geldstrafen ueber Stadionverbote bis zu mehrjaehrigen Taetigkeitssperren reichen. Fuer Argentinien besonders bitter: Ayala gilt als sportlich-strategische Nummer zwei hinter Scaloni und war beim WM-Titel 2022 in Katar eine der Schluesselfiguren der Vorbereitung.
Otamendis verbaler Schlagabtausch mit Rodri um 13:58 Uhr
Neben den koerperlichen Vorfaellen gab es einen verbalen. Der argentinische Vize-Kapitaen Nicolas Otamendi wandte sich laut Sportschau-Liveblog-Eintrag von 13:58 Uhr MESZ am Montag mit einem klaren Vorwurf an Spaniens Kapitaen Rodri:
“Die ganze Woche hast du geheult. Du und Laporte, ihr beide… So etwas macht man nicht, du hast bei den Schiedsrichtern gejammert.”
Der Bezug: In der Woche vor dem Endspiel hatten Rodri und Aymeric Laporte oeffentlich ueber die Karten-Grenzwertigkeit einiger argentinischer Foulaktionen im Turnier gesprochen - unter anderem im Halbfinale gegen England und im Viertelfinale gegen die Schweiz. Otamendi selbst ist bislang nicht Teil des FIFA-Ermittlungsverfahrens, seine verbale Aeusserung nach dem Spiel gilt bislang als “innerhalb des sportlich Vertretbaren” - koennte aber bei Ausweitung der Ermittler-Recherche noch relevant werden.
Auf Rodris Seite fiel die Reaktion sichtbar unterkuehlt aus. Der Gewinner des Goldenen Balls drehte sich weg und begab sich zur spanischen Titel-Zeremonie. Ein oeffentlicher Kommentar von Rodri liegt bislang nicht vor.
Wie das FIFA-Verfahren jetzt laeuft - Artikel 12, 15 und 27 des Disziplinarcodes
Das Verfahren folgt einem klaren Ablauf: Der Ermittler hat sieben Tage, um Beweise zu sichten - TV-Bilder, Handyvideos, Schiedsrichter-Bericht, Fitness-Reports, moegliche schriftliche Aussagen der Betroffenen. Er legt anschliessend eine Empfehlung an die Disziplinarkommission vor, die dann formal Anklage erhebt oder das Verfahren einstellt.
Fuer die Sanktionsstufen sind drei Artikel relevant:
- Artikel 12 (Fehlverhalten): deckt Faustschlaege, Tritte und Wuergegriffe ausserhalb des laufenden Spiels ab. Ausgangsbasis: zwei bis sechs Spielsperren, ergaenzt um Geldstrafen.
- Artikel 15 (Rote-Karten-Nachverfolgung): aktiviert automatisch die Sperre fuer die naechsten Pflichtspiele der Nationalmannschaft.
- Artikel 27 (Zusatzsanktion): in besonders schweren Faellen und bei praezedenzsetzendem oeffentlichen Interesse - wie es beim WM-Finale-Skandal offenkundig gegeben ist - kann die FIFA praeventive Zusatzsanktionen wie Turnier-Ausschluss fuer eine WM oder Copa America verhaengen. Prazedenz: der Belgien-Balogun-Fall aus dem R16, wo Artikel 27 sowohl gegen als auch fuer den Spieler ausgelegt wurde.
Die Disziplinarkommission tagt in Zuerich, das Verfahren gegen alle drei Betroffenen wird nach FIFA-Statuten binnen sieben Tagen eroeffnet - realistisch bis spaetestens Sonntag, 27. Juli 2026.
Weder AFA noch Scaloni reagieren - Delegation fliegt Montagnacht nach Buenos Aires
Vom argentinischen Verband AFA oder von Bundestrainer Lionel Scaloni gibt es bis zum Redaktionsschluss dieses Textes keine Stellungnahme zur FIFA-Ermittlungs-Ankuendigung. Der frisch pressekonferenz-abbrechende Scaloni hatte seine Zukunft am Sonntagabend offen gelassen und plant nach argentinischen Presseberichten fuer die kommenden Tage ein persoenliches Reflexions-Fenster.
Die argentinische Delegation fliegt nach Angaben der argentinischen Presse am Montagabend Ortszeit (fruehes Dienstagmorgen MESZ) mit einer Aerolineas-Argentinas-Sondermaschine von JFK New York nach Ezeiza Buenos Aires zurueck. Ob Paredes, Molina und Ayala mit an Bord sein werden oder in New York bleiben, um erste Vorladungen abzuwarten, ist offen. Praesident Javier Milei hat, wie gestern angekuendigt, fuer den 21. Juli einen nationalen Feiertag ausgerufen und den Empfang der Titel-Verteidiger-Delegation in der Quinta de Olivos geplant.
Von spanischer Seite hielten sich Rodri, Eric Garcia, Gavi und Trainer Luis de la Fuente im Rahmen der Weltmeister-Feier zurueck. De la Fuente sagte nur sinngemaess: “Ich bin stolz auf diese Mannschaft” - und liess das Paredes-Thema auf spaetere Nachfragen ausklammern. Der spanische Verband RFEF wird laut Marca nach der Rueckkehr aus Madrid am Dienstag zusaetzliche Schriftsaetze bei der FIFA einreichen.
Historische Einordnung - Rijkaard-Voeller 1990, Zidane 2006, Monzon-Dezotti 1990
Der historische Vergleich draengt sich auf. Ein WM-Finale-Verlierer, dessen Spieler nach der Niederlage die Kontrolle verlieren - das kennt die WM-Historie mehrfach.
- Rijkaard-Voeller-Spuck (WM-Achtelfinale 1990 in Mailand, Niederlande gegen Deutschland): kein WM-Finale, aber die praezedenzsetzende KO-Szene der Emotionen ausser Kontrolle. Frank Rijkaard bespuckte Rudi Voeller und beide sahen Rot. Rijkaard erhielt spaeter eine Turniersperre.
- Zidane-Kopfstoss (WM-Finale 2006 in Berlin, Frankreich gegen Italien): in der 110. Minute Kopfstoss gegen Marco Materazzi, direkte Rote. FIFA-Sperre nachtraeglich drei WM-Turniertage plus 7500 Schweizer Franken Geldstrafe - symbolisch, weil Zidane zurueckgetreten war.
- Monzon und Dezotti (WM-Finale 1990 in Rom, Argentinien gegen Deutschland): die einzigen beiden Roten Karten in einem WM-Finale vor Paredes. Beide Argentinier, beide fuer Fouls waehrend des Spiels. FIFA-Nachsperren jeweils zwei bis vier Pflichtspiele. Der historische Hintergrund liegt in der WM-1990 in Italien dokumentiert.
Paredes waere die vierte Rote Karte in einem WM-Endspiel nach 1990 (zweimal) und 2006, aber die erste, die erst nach Abpfiff gezeigt wurde. Molina waere - sofern die FIFA nachtraeglich sanktioniert - der fuenfte, Ayala als Betreuer ein Sonderfall ohne direkte Parallele in der WM-Endspiel-Historie.
Nach Angaben der Ballon-dOr-Fluch-Historie sind Titelverteidiger-Kader nach solchen Skandalen ueberdurchschnittlich haeufig aus dem naechsten Turnier fruh ausgeschieden - eine zusaetzliche mentale Belastung fuer den argentinischen Neuaufbau in Richtung CONMEBOL-Qualifikation und der WM 2030.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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