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WM 2026

Trinkpausen-Pflicht bei der WM 2026: FIFA verordnet, Pochettino kritisiert

Bei der WM 2026 pausiert jede Partie zweimal drei Minuten, egal wie warm. Pochettino, van Dijk und Bazeley kritisieren - die Bundesliga will keine Pflicht.

Von Marco Feldmann 17. Juni 2026

Mauricio Pochettino, der USA-Trainer und einer der lautesten Kritiker der FIFA-Trinkpausen-Pflicht, bei der WM-2026-Auslosung am 5. Dezember 2025 im Kennedy Center in Washington. (Foto: Samuel Cor/SIPA USA) Foto: SIPA USA via SmartFrame

Eineinhalb Wochen vor dem ersten Anpfiff hat die FIFA eine Regel scharf gestellt, die wahrscheinlich an jedem einzelnen der 104 WM-2026-Spiele zu spüren sein wird: Jede Partie wird zweimal drei Minuten pausiert, eine Trinkpause pro Halbzeit, irgendwo nach der 22. Spielminute, unabhängig davon, wie warm oder feucht es im Stadion ist. Was bei vergangenen Turnieren eine Ausnahme bei Hitze-Extremen war, ist im Sommer 2026 in den USA, Kanada und Mexiko der Normalfall. Und der Normalfall sorgt bereits vor der ersten Halbzeit-Pfeife für Streit.

Was die FIFA jetzt verlangt - zwei mal drei Minuten in jeder Partie

Die Regel steht im FIFA-Wettkampfprotokoll, das die Teilnehmer-Verbände schon im Frühjahr bekommen haben, und sie ist nicht aus dem IFAB-Regelwerk abgeleitet, sondern aus dem Player-Welfare-Protokoll des Weltverbands. Pro Spielhälfte ist eine Trinkpause von drei Minuten vorgesehen, die das Schiedsrichterteam beim nächsten passenden Unterbruch nach der 22. Spielminute ansetzt. Der Cooling-Break-Klassiker aus Fortaleza 2014 (Niederlande gegen Mexiko, Anstoß 13 Uhr Ortszeit, 32 Grad und 64 Prozent Luftfeuchte, erste offizielle FIFA-Cooling-Break der Geschichte nach der 30. Minute) hatte die Pausen damals als Notausgang gedacht. Zwölf Jahre später ist der Notausgang die Hauptregel.

Die FIFA begründet den Wechsel knapp: “Gleiche Bedingungen für alle Teams.” Im Kern ist das eine Antwort auf das, was die Sportschau und mehrere internationale Beobachter aus der Klub-WM im vergangenen Sommer berichtet haben - vor allem in Florida und Texas hatten die Spielergewerkschaften gegen die Hitze-Belastung protestiert, in Miami, Orlando und Dallas waren bis zu drei Cooling Breaks pro Halbzeit angesetzt worden, und die Spielzeiten hatten sich entsprechend gedehnt. Statt situativ zu entscheiden und damit jedes Spiel zur Streitfrage zu machen, hat die FIFA für 2026 die Pflicht-Regelung gewählt.

”Ich mag das nicht” - die Trainer-Kritik an der Pauschalregel

Die lauteste Kritik kommt nicht zufällig vom Gastgeber-Trainer. Mauricio Pochettino, der USA als Headcoach durch die WM führt, hat in einer der Vorab-PKs in Bezug auf die Trinkpausen schlicht gesagt: “Ich mag das nicht.” Pausen, so der Argentinier, sollten “in extremen Bedingungen” stattfinden, nicht in jeder Partie. Der Subtext ist klar: Pochettinos USA spielen ihre Gruppenphase überwiegend in Stadien mit einziehbarem Dach (Inglewood, Houston, Atlanta) oder in mildem Klima - dort sind drei Minuten Stillstand pro Halbzeit aus Sicht eines Trainers, der auf Pressing- und Rhythmus-Fußball setzt, ein vermeidbarer Bremsklotz.

Virgil van Dijk, Kapitän der Niederlande, ist ähnlich klar: Trinkpausen seien grundsätzlich richtig, “wenn es nötig ist” - aber eine pauschale Anwendung in jedem Spiel widerspreche dem Sportsgeist. Und Darren Bazeley, Trainer Neuseelands, hat einen Punkt ergänzt, den die FIFA-Strategen vermutlich nicht hören wollen: “Die Zuschauer wollen wahrscheinlich keine Werbung mitten im Spielfluss.” Dass die Trinkpausen kommerziell ausgewertet werden, bestreitet die FIFA nicht - die Pausen bieten den Rechtehaltern ein zusätzliches Werbe-Fenster, das anders als die Halbzeit innerhalb des laufenden Spielbetriebs liegt. Bei den US-Rechtehaltern Fox und Telemundo, die wir in unserer Übersicht der WM-Übertragungen eingeordnet haben, gehen Beobachter davon aus, dass die 2x3-Minuten-Fenster spätestens ab dem Sechzehntelfinale zu Premium-Werbeplätzen werden.

Wie Bundesliga und UEFA es anders machen - WBGT 32 als Schwelle

Im Vergleich wirkt der deutsche Lizenzfußball geradezu klassisch. Die DFL hat der Sportschau bestätigt, dass es für die Saison 2026/27 keine generelle Trinkpausen-Pflicht in der Bundesliga geben wird - entschieden werde “situativ”, wenn Wetter und Belastung es erfordern. Damit bleibt die Bundesliga bei dem Modell, das auch die UEFA im Champions-League- und EM-Reglement vorsieht: Eine Cooling Break ist vorgesehen, sobald die Wet Bulb Globe Temperature 32 erreicht oder die Lufttemperatur über 35 Grad steigt. Bleiben die Werte darunter, liegt es im Ermessen des Schiedsrichters.

Der WBGT-Index ist dabei der entscheidende Wert, weil er Lufttemperatur, Luftfeuchte, Sonnenstrahlung und Windgeschwindigkeit zusammenfasst - eine Trinkpause-Schwelle, die in der Münchner Allianz Arena unter Flutlicht kaum jemals erreicht wird, in Houston am Sonntag Nachmittag aber zur Routine gehört. Genau die Routine hat die FIFA als Begründung genommen, um die Schwelle abzuschaffen: An 14 der 16 WM-Spielorte liegt der WBGT laut Hitze-Forschern mindestens während eines Spiels über 26 - jenem Wert, ab dem die Gefahr hitzebedingter Erkrankungen steigt. Wir hatten den Befund schon in unserem Hintergrund zum FIFA-Wasserflaschen-Verbot zitiert.

Woher das Mandat kommt - der Klub-WM-Sommer 2025

Der eigentliche Auslöser der Pflichtregel liegt zwölf Monate zurück. Die FIFA-Klub-WM 2025 in den USA war der erste FIFA-Großwettbewerb in Trump-Amerika, der Sommer war von Hitze-Klagen geprägt, der Spielergewerkschafts-Verband FIFPRO hatte in mehreren Briefen ein klares Trinkpausen-Protokoll für die WM 2026 gefordert. Wir haben die Linie schon in unserem FIFPRO-Hintergrund zur Spielerbelastung nachgezeichnet - Spieler wie Jonathan Tah hatten bereits damals von ‘unzumutbaren Bedingungen’ gesprochen.

Aus FIFA-Sicht hat die Pflichtregel zwei Vorteile: Sie nimmt den Streit aus dem laufenden Spielbetrieb, weil Schiedsrichter nicht mehr je nach Thermometer-Stand entscheiden müssen. Und sie nivelliert den Wettbewerb - ein Spiel um 13 Uhr in Houston spielt unter gleichen Pausen-Bedingungen wie ein Spiel um 22 Uhr in Vancouver. Aus Sicht der Trainer (und vieler Fans) ist beides der Punkt der Kritik: Die Pausen treffen nicht mehr nur den, der sie braucht, sondern auch den, der sie nicht braucht.

Was das für TV-Vermarktung und Spielfluss bedeutet

Sechs Minuten zusätzliche Unterbrechung pro Partie - hochgerechnet auf 104 Spiele sind das rund 10 Stunden zusätzlicher TV-Zeit über das Turnier hinweg. Für die Rechtehalter ist das ein Bonus, für die Spielanalysten ein Posten in der Statistik: Spiele werden in der reinen Effektivzeit zwar nicht länger (die Trinkpausen werden nachgespielt), aber die Brutto-Spielzeit zieht sich. Bei der WM 2022 in Katar hatten die Schiedsrichter ohnehin schon viel länger nachgespielt als gewohnt - in Kombination mit der neuen Acht-Sekunden-Regel und den verschärften Zeitspiel-Vorgaben, die wir bei den Regelanpassungen der WM 2026 eingeordnet haben, dürften Partien im Schnitt deutlich über 100 Minuten Brutto-Spielzeit erreichen.

Was das für das DFB-Team heißt - Houston, Dallas, New York

Für die DFB-Auswahl trifft die Regel ziemlich exakt auf das Anforderungsprofil ihrer Gruppenphase. Der Auftakt gegen Curaçao am 14. Juni um 13 Uhr Ortszeit im NRG Stadium Houston (Texas-Mittag, 33 Grad Lufttemperatur, 80 Prozent Luftfeuchte) war das Lehrstück - die DFB-Hitze-Vorbereitung in Winston-Salem mit Kühlwesten, Eisbädern und Ventilator hatte Nagelsmann genau auf diese Bedingungen ausgerichtet. Die Spiele gegen die Elfenbeinküste in Toronto und gegen Ecuador in New York / New Jersey folgen unter milderen Bedingungen - und doch werden auch dort die zwei mal drei Minuten angepfiffen.

Aus Bundestrainer-Sicht ist das eine Mischkalkulation: In Houston kommt die Pflicht-Pause der DFB-Auswahl entgegen, weil sie die Hitze entzerrt; in Toronto stört sie eher den Rhythmus. Auf der DFB-PK am Mittwoch wurde Nagelsmann nicht direkt zur Pflichtregel gefragt - eine Reaktion auf die Pochettino-Kritik steht damit noch aus. Wahrscheinlich aber wird sich der Bundestrainer zurückhalten: Wer in Houston, Dallas und Atlanta antritt, wird sich kaum öffentlich gegen Trinkpausen aussprechen wollen.

Die größere Frage steht hinter der Pflichtregel: Setzt die FIFA hier einen Präzedenzfall, dem die UEFA und mittelfristig die DFL folgen werden? Die DFL-Antwort - keine generelle Pflicht 2026/27 - ist eindeutig. Aber wenn am 19. Juli 2026 im MetLife Stadium das Endspiel mit den zwei Drei-Minuten-Pausen über die Bühne geht, wird sich die Frage wieder stellen. Und sie wird sich nicht nur in Frankfurt am DFL-Sitz stellen, sondern überall dort, wo Fußball künftig zwischen Hitze, Spielfluss und TV-Werbeflächen austariert wird.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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