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WM 2026

DFB gegen die Hitze: Kühlwesten, Ventilator und Eisbäder vor dem Curaçao-Auftakt

35 Grad in Winston-Salem, 33 Grad und 80 Prozent Luftfeuchte in Houston am Sonntag: Wie das DFB-Team mit Kühlwesten, Eisbädern und einem schwarzen Ventilator den WM-Auftakt gegen Curaçao vorbereitet.

Von Lukas Brandt 12. Juni 2026

Julian Nagelsmann beim Abschluss-Training vor dem WM-Quali-Heimspiel gegen die Slowakei in Leipzig (16.11.2025). Sieben Monate später bedient der Bundestrainer am Trainingsplatz in Winston-Salem selbst den schwarzen Großventilator, mit dem die DFB-Auswahl die 35 Grad vor dem WM-Auftakt in Houston übersteht. Foto: Actionpress via SmartFrame

Es ist Punkt 15:30 Uhr in Winston-Salem, North Carolina, das Thermometer am Rand des Trainingsplatzes der Wake Forest University zeigt 35 Grad. Auf der Seitenlinie steht ein schwarzer Großventilator, fast so hoch wie ein Mann. Julian Nagelsmann läuft in der Trainingspause zu dem Gerät, drückt einen Knopf, justiert den Schwenkwinkel und stellt sich davor, als wolle er erst einmal selbst prüfen, was die Spieler in einer halben Stunde brauchen werden. Es ist der vielleicht erste Bundestrainer-Moment dieser WM, der die ganze Logistik einer modernen Hitze-Vorbereitung in ein einziges Bild komprimiert: Nicht die Spieler bedienen den Ventilator, der Trainer tut es.

Zwei Tage vor dem WM-Auftakt am Sonntag in Houston gegen Curaçao trifft die DFB-Auswahl ihre letzten Vorbereitungen gegen das, was viele in Deutschland unterschätzt haben: nicht den Außenseiter aus der Karibik, sondern das texanische Klima. 33 Grad Lufttemperatur, 80 Prozent Luftfeuchte, Hitzeindex über 40 Grad zur erwarteten Spielzeit am frühen Nachmittag. Was Nagelsmann am Trainingsplatz mit Ventilator, Eiskübeln und ironischem “Perlentauchen” praktiziert, ist die kondensierte Anwendung dessen, was die Sportwissenschaft seit Jahren über die WM-Bedingungen 2026 schreibt: Wer in Houston, Dallas, Miami oder Monterrey antritt, gewinnt das Spiel nicht durch Taktik, sondern durch Akklimatisierung.

35 Grad in Winston-Salem - das letzte Training vor Houston

Die DFB-Auswahl ist seit Sonntag, 8. Juni 2026, im Basislager Winston-Salem (siehe unseren Hintergrund zu Graylyn Estate, Wake Forest und der Standortwahl). Vier Tage öffentliches Training, alle bei 32 bis 35 Grad, alle mit demselben festen Protokoll: 30 Minuten Belastung, Trinkpause, dann wieder 30 Minuten. Die Eiskübel an der Linie sind so groß, dass Spieler beim Hineingreifen halb verschwinden. Nagelsmann hat das auf der Sportschau-PK am Donnerstag mit dem trockenen Begriff “Perlentauchen” beschrieben, was beim DFB-Beat als ironischer Kommentar gehört wurde, faktisch aber genau das beschreibt, was passiert: Spieler ziehen Wasserflaschen aus dem Eis und schütten sich Schwall um Schwall über Kopf und Nacken.

Am Freitag, 12. Juni, hat der DFB das Protokoll noch einmal verschärft. Kühlwesten standen am Trainingsplatz bereit, eine Westen-Form mit eingeschweißten Eis- oder Phasenwechsel-Pads, die in den Belastungspausen über das Trikot gezogen werden. Die Idee ist nicht neu (Tour-de-France-Profis nutzen sie seit Jahren), für eine WM in den USA aber relevant: Sie verzögern den Anstieg der Kernkörpertemperatur in der Pausen-Phase und verhindern, dass der Spieler in die zweite Hälfte mit einer bereits aufgeladenen Wärme-Last geht. Die Reporter, die die Übungen aus der Distanz beobachteten, standen unter Sonnenschirmen.

Am Samstag steht das letzte Training in Winston-Salem auf dem Programm, gegen 15:00 Uhr Ortszeit. Danach Bus zum George Bush Intercontinental Airport, Charter-Flug nach Houston, zweite Trainingseinheit im Stadion am Abend. Sonntag, 13:00 Uhr Ortszeit (19:00 MESZ), beginnt im NRG Stadium der erste deutsche WM-Auftritt seit der Niederlage gegen Japan in Doha. Wer den Anstoßzeiten-Komplex der WM 2026 noch nicht verinnerlicht hat, findet die komplette Aufstellung mit MESZ-Umrechnung in unserem WM-Zeitplan deutsche Zeit.

Der Ventilator, das Eisbad und das “Perlentauchen”

Die Kühlmaßnahmen, die das DFB-Team in Winston-Salem zeigt, lassen sich in drei Stufen sortieren: vor der Belastung, in der Belastung, nach der Belastung. Vor dem Training wird das System mit kalten Getränken im Magen, kalten Tüchern im Nacken und teilweise mit Pre-Cooling-Vests vorgekühlt, um den Spielraum bis zum kritischen Anstieg der Kerntemperatur zu erweitern. Während der Belastung greift die FIFA-Regel Cooling Break: Bei einer Wet Bulb Globe Temperature über 32 Grad sind zwei dreiminütige Pausen pro Halbzeit Pflicht. Sie liegen bei der 30. und 75. Minute, beide Teams trinken, kühlen Kopf und Nacken und bekommen über Sprühnebel- oder Misting-Anlagen am Spielfeldrand zusätzliche Verdunstungs-Kälte.

Nach der Belastung dominiert das Eisbad. Im Graylyn Estate stehen kommerzielle Tauchbecken bereit, mit Wassertemperaturen um 10 Grad. Eine Sitzung dauert in der Regel zehn bis fünfzehn Minuten und beschleunigt die Wiederherstellung der Kerntemperatur sowie den Abtransport von Stoffwechsel-Abbauprodukten in der Muskulatur. Für ein Mannschafts-Setup, das in der Gruppenphase drei Spiele in elf Tagen bestreiten muss (Curaçao, Elfenbeinküste in Toronto, Ecuador in New York/New Jersey), ist die Regeneration zwischen den Spielen der eigentliche taktische Hebel.

Was die Sportwissenschaft zur Heat Adaptation sagt

Sieben bis vierzehn Tage. So lange braucht der Körper eines Profi-Sportlers, um sich vollständig auf Hitze einzustellen. Die Anpassungen sind messbar: Die Schweißrate steigt von rund 800 auf bis zu 1.500 Milliliter pro Stunde, die Elektrolytkonzentration im Schweiß sinkt (weniger Salzverlust), das Plasmavolumen erhöht sich um sechs bis zwölf Prozent, die Ruhepuls-Frequenz unter Belastung fällt um fünf bis zehn Schläge pro Minute. Wer drei Tage vor dem Spiel landet, sieht keinen einzigen dieser Effekte. Wer zehn Tage vor Ort ist, holt 70 bis 80 Prozent der maximalen Adaptation.

Die DFB-Auswahl steht am 14. Juni bei zehn Tagen Aufenthalt in Nordamerika (Anreise Chicago am 4. Juni für das Generalprobe-Spiel gegen die USA, dann Winston-Salem ab 8. Juni). Das ist innerhalb des Adaptions-Korridors, aber näher am unteren Ende. Curaçao trainiert seit Anfang Juni in Boca Raton, Florida, bei vergleichbaren Bedingungen (mehr Luftfeuchte als Houston, ähnlicher Hitzeindex). Die Idee, ein Karibik-Team sei automatisch hitzeresistenter als ein DFB-Tross, stimmt nur teilweise: Wer in Curaçao geboren ist, hat einen Vorteil, der Großteil des Curaçao-Kaders unter Trainer Dick Advocaat spielt aber in der niederländischen Eredivisie und kennt das Texas-Klima auch nicht besser als Kai Havertz.

Houston im Juni: 33 Grad, 80 Prozent Luftfeuchte, Anstoß zur heißesten Tageszeit

Die Wetterstation am George Bush Intercontinental Airport liefert die nüchterne Datenlage: Im Juni-Mittel liegt Houston bei einer Tageshöchsttemperatur von 33,5 Grad, einer relativen Luftfeuchte von 75 bis 80 Prozent und einem mittleren Hitzeindex von 38 bis 41 Grad zur frühen Nachmittagszeit. 13:00 Uhr Ortszeit, der Anstoß für die DFB-Auswahl, fällt genau in das Fenster der heißesten Tagesstunden. Im Vergleich: Doha, Schauplatz des letzten WM-Auftakt-Aus 2022 gegen Japan, lag Ende November bei 25 bis 28 Grad. Houston am 14. Juni 2026 liefert wahrscheinlich fünf bis sieben Grad mehr.

Auch die FIFA hat das auf dem Schirm. Im Mai 2026 hatten Hitzeforscher gewarnt, dass an 14 der 16 Spielorte die Wet Bulb Globe Temperature während mindestens eines Spiels die kritische Schwelle von 26 Grad überschreitet, ab der das Risiko hitzebedingter Erkrankungen statistisch steigt. Houston, Dallas, Miami, Monterrey und Guadalajara stehen ganz oben auf der Liste. Wir haben den Komplex - inklusive Wasserflaschen-Verbot in den Stadien - in unserem Bericht zur FIFA-Stadion-Regel-Verschärfung ausführlich aufgeschlüsselt.

NRG Stadium - das klimatisierte Dach als stille Versicherung

Eine Variable, die in Winston-Salem ständig durchs Pressezelt geistert, ist das Dach des NRG Stadium. Das Stadion der Houston Texans war 2002 das weltweit erste NFL-Stadion mit einem vollständig einziehbaren Dach, gebaut aus zwei riesigen Stahlpanelen, die in sieben Minuten über das Spielfeld geschlossen werden können. Bei NFL-Spielen entscheiden die Texans drei Stunden vor Anpfiff, ob das Dach offen oder geschlossen ist. Bei einer FIFA-WM gilt: Das Organisationskomitee in Abstimmung mit dem FIFA-Wetter-Protokoll. Die De-facto-Regel für Texas-Spielorte im Sommer: WBGT über 26 Grad gleich Dach zu plus Klimaanlage auf rund 22 Grad.

Übersetzt heißt das: Wenn am Sonntag um 13:00 Uhr Ortszeit draußen 33 Grad und 80 Prozent Luftfeuchte herrschen, kann die DFB-Auswahl im Stadion auf 22 bis 24 Grad Innenraum-Temperatur und 50 Prozent Luftfeuchte stoßen. Das ist eine andere Welt als das, was Nagelsmann am Trainingsplatz in Winston-Salem simuliert. Die Trainings-Härte ist dann pessimistischer als der Ernstfall, was im sportwissenschaftlichen Begriff Overload-Taper genau das gewünschte Muster ist: hart trainieren, leichter spielen.

Curaçao bringt Karibik-Erfahrung, DFB die bessere Logistik

Der Außenseiter aus Willemstad trainiert in Boca Raton, Florida, und reist am Samstag ebenfalls nach Houston. Curaçao-Trainer Dick Advocaat, mit 78 Jahren der älteste WM-Trainer aller Zeiten, hat die Hitze-Frage in seiner Sonntag-PK als “Heimspiel-Vorteil” bezeichnet. Das ist Rhetorik. In den Boca-Raton-Trainings (siehe Zuma-Press-Bilder vom 9. Juni) liefen Curaçao-Spieler in Funktionsshirts und Caps, die Trinkpausen lagen alle zehn Minuten, Eisbeutel auf den Nacken nach jedem Block. Curaçao bereitet sich nicht weniger akribisch auf die Hitze vor als der DFB - hat aber weder einen 250.000-Einwohner-Standort mit drei Trainingsplätzen exklusiv für die Mannschaft, noch einen Etat, der Phase-Change-Westen und kommerzielle Eisbäder im Quartier zur Routine macht.

Der Datenpunkt, der den DFB-Tross am meisten beruhigt: In den vier WM-Auftakten der letzten zwei Jahrzehnte, die in tropischen Bedingungen stattfanden (Brasilien 2014 in Salvador da Bahia, Katar 2022 in Doha, Costa Rica 2006 in München bei 30 Grad, Saudi-Arabien 2002 in Sapporo), hat die DFB-Auswahl drei Siege und eine Niederlage geholt - 4:0 gegen Portugal (Müller-Hattrick 2014), 4:2 gegen Costa Rica (2006), 8:0 gegen Saudi-Arabien (2002) und 1:2 gegen Japan (Doha 2022). Die Hitze allein erklärt das Aus von 2022 nicht. Was sie aber tut: Sie potenziert jeden Konditions- und Mentalitätsfehler.

Was am Samstag passiert: Abflug Houston, Undav-PK, Taio-Tipp

Heute, Freitag, läuft im Mannschaftsquartier ab 19:45 MESZ noch die Spieler-PK mit Deniz Undav. Der VfB-Stürmer wird zur Sturmkonkurrenz, zur Hitze und zur Frage gefragt werden, ob er von Anfang an spielt - die Nagelsmann-Doppel-Sechs aus Pavlovic und Nmecha ist seit Donnerstag klar, die Nummer-1-Diskussion um Manuel Neuer ebenfalls beendet. Samstag dann Bus zum Flughafen, Charter nach Houston, Abendtraining im Stadion. Sonntag die WM-Premiere, mit allem, was an Symbolik dazu gehört: Major Tom als Torhymne, marokkanischer Schiedsrichter Jayed an der Pfeife, Havertz mit Kapitäns-Auftrag.

Der Ameisenbär Taio aus dem Allwetterzoo Münster hat seine Pflicht bereits erledigt: Aus drei mit Mehlwürmern gefüllten Flaschen für Sieg, Unentschieden und Niederlage griff er das mittlere Behältnis. 1:1. Es ist die einzige Prognose, die in Winston-Salem keinen Kommentar von Nagelsmann bekommen hat - der Bundestrainer war zu dem Zeitpunkt am Ventilator. Was am Sonntag in Houston tatsächlich passiert, hängt nicht vom Ameisenbär ab, sondern davon, ob die DFB-Auswahl drei Tage nach dem letzten Hitze-Training in Winston-Salem im klimatisierten NRG Stadium die Kondition behält, die sie sich in der “Camel City” aufgebaut hat. Den vollständigen Vorbericht zum Auftakt mit Quoten, Aufstellung und Modell-Prognose haben wir im Tipp-Vorbericht Deutschland gegen Curaçao verarbeitet, die historische Auftakt-Bilanz aller 20 DFB-WM-Starts steht in unserem Bilanz-Überblick zur Auftakt-Historie.

Der schwarze Ventilator bleibt in Winston-Salem. Was die DFB-Auswahl mitnimmt, ist eine Woche Akklimatisierung, eine erprobte Routine an Eiskübeln und Kühlwesten und das Wissen, dass im NRG Stadium das Dach geschlossen sein wird. Ob das gegen Curaçao reicht, weiß am Sonntag um 21:00 Uhr deutscher Zeit jeder. Bis dahin gilt der wahrscheinlich passendste Nagelsmann-Satz dieser Woche: Perlentauchen.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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