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FIFPro-Studie warnt vor WM 2026: Jonathan Tahs 76-Spiele-Saison als deutsches Mahnmal

16 Tage vor WM-Anpfiff: FIFPro listet Jonathan Tah mit 76 Pflichtspielen - mehr als Robertson oder Rice. Foden flog aus Englands Kader. Was Nagelsmann das sagt.

Von Lukas Brandt 26. Mai 2026

Jonathan Tah (Trikotnummer 4) vor dem WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Luxemburg, 10.10.2025. Auf 76 Pflichtspiele kommt der DFB-Innenverteidiger in dieser Saison. Foto: Actionpress via SmartFrame

Sechzehn Tage vor dem ersten Anpfiff der Fussball-WM 2026 setzt die internationale Spielergewerkschaft FIFPro einen Aufschlag, der vor allem in Deutschland Wirkung entfalten soll: 76 Pflichtspiele wird Jonathan Tah in dieser Saison bestritten haben, wenn er am 14. Juni in Houston gegen Curacao auflaeuft. Das ist mehr als jeder Premier-League-Stammspieler aus dem Liverpooler oder Londoner Vergleichsfeld - und es ist die deutsche Antwort auf eine Studie, mit der die Spielergewerkschaft das Thema Belastung zurueck in die WM-Schlagzeilen gehievt hat.

76 Spiele in einer Saison - die Tah-Zahl

Tahs 76 setzen sich zusammen aus 34 Bundesliga-Spielen fuer den FC Bayern, dem Pokal-Lauf bis zum Finale, der Champions-League-Saison im neuen Ligaformat (bis zum Halbfinale gegen Paris Saint-Germain) und den DFB-Pflichtspielen in der WM-Qualifikation. Die FIFPro hat die Zahl am 26. Mai 2026 in ihrem aktuellen Belastungsbericht zu den ueberlasteten Profis der Saison veroeffentlicht. Tah liegt knapp hinter den Arsenal-Profis David Raya und Martin Zubimendi (je 83 Spiele) - und vor englischen Stammspielern wie Andy Robertson oder Declan Rice, deren Klubs frueher aus europaeischen Wettbewerben ausgeschieden sind.

Wer den Belastungsverlauf von Tah verfolgt hat, ahnt, wieso die FIFPro ausgerechnet ihn als deutsches Beispiel waehlt. Der Innenverteidiger ist seit dem Trainerwechsel zu Vincent Kompany in Muenchen unangefochten gesetzt, hat bei Bundestrainer Julian Nagelsmann Stammrang neben Antonio Ruediger und kommt selten unter eine 80-minuetige Spielzeit. Im Schongang trainiert er nicht - im Hochbetrieb sieht der Belastungsplan aus wie der eines Mittelfeldspielers: kurze Erholungsfenster, ein 13-Kilometer-Laufprofil pro Spiel, jeder vierte Tag ein Pflichtspiel. Die FIFPro spricht in solchen Faellen von ‘extremer Belastung’ - eine Kategorie, in die laut Generalsekretaer Alexander Bielefeld inzwischen rund 800 der 1.500 ueberwachten Topspieler weltweit fallen. Die empfohlene Obergrenze: 50 bis 60 Spiele pro Saison.

Phil Foden, das Opfer aus England

Was passieren kann, wenn die Belastung zu lange unueberbruecktem Tempo standhalten muss, hat Englands neuer Bundestrainer Thomas Tuchel am 22. Mai 2026 vorgefuehrt: Phil Foden, Englands Fussballer des Jahres 2024 und EM-Stammspieler, wurde nicht in den 26er-Kader berufen. FIFPro-Sprecher Maheta Motango ordnet das als systemische Folge ein: “Er ist eines der Opfer dieses verrueckten Kalenders.”

Foden hatte sich nach der EM 2024 nicht wieder gefangen. Eine Reihe muskulaerer Verletzungen, monatelange Reha-Phasen, einbrechende Form bei Manchester City - und das in einer Saison, in der die Champions League von 125 auf 189 Termine ausgeweitet wurde und die neue Klub-WM im Sommer 2025 dazwischengeschoben war. Tuchels Entscheidung gegen Foden ist offiziell sportlich begruendet, in Wahrheit aber auch belastungspolitisch (mehr dazu im Bericht ueber Tuchels Kader-Auswahl mit Streichkandidat Harry Maguire). Der Vergleich zwischen Tah und Foden ist das, was die FIFPro mit ihrer Zahl erzeugen will: Hier ein Spieler, der den Marathon noch durchsteht. Dort einer, der ihn bezahlt hat.

Was FIFPro fordert - und wo die FIFA mauert

Die FIFPro positioniert sich nicht erst seit der heute veroeffentlichten Studie. Schon im Sommer 2025 hatten die internationale Spielergewerkschaft und die European Leagues Beschwerde bei der EU-Kommission gegen den FIFA-Spielkalender eingelegt. Die Punkte: keine verbindlichen Erholungsfenster, kein Mindesturlaub, keine Obergrenze fuer Pflichtspiele.

Die FIFA hat darauf eine Mindestpause von 72 Stunden zwischen Pflichtspielen vorgeschlagen - der FIFPro reicht das nicht. Zudem hatte FIFA-Praesident Gianni Infantino im Juli 2025 in New York nationale Spielergewerkschaften zu einem Gipfeltreffen ueber Belastung und Erholung eingeladen. Die FIFPro selbst war nicht dabei, auch die deutsche VDV nicht. Die Gewerkschaft sprach von einer ‘Farce’.

Die Beziehung zwischen FIFA und FIFPro ist seit 2024 zerruettet. In jenem Jahr hatte die FIFA die FIFPro-Elf des Jahres erstmals nicht mehr in die ‘The Best’-Gala integriert, der internationale Spielerverband musste seine Auszeichnung getrennt vergeben. Die Beschwerde bei der EU-Kommission ist seitdem der Hebel, auf den FIFPro setzt - der heutige Belastungsbericht mit der Tah-Zahl als prominentem Beispiel ist die mediale Stuetze.

Was die Belastungsfrage fuer Nagelsmanns WM-Vorbereitung bedeutet

Fuer Julian Nagelsmann ist die FIFPro-Zahl mehr als ein Hintergrundgeraeusch. Sein Trainingslager beginnt am 27. Mai in Herzogenaurach, am 31. Mai folgt das Testspiel gegen Finnland in Mainz, am 6. Juni die Generalprobe in Chicago - der komplette DFB-Fahrplan zur WM 2026 ist eng getaktet. Die spaet eingestiegenen Champions-League-Halbfinalisten aus Muenchen werden erst nach dem Endspiel in Budapest am 30. Mai dazukommen - Tah ist einer von ihnen.

Nagelsmann hat im Vorfeld mehrfach betont, dass er die Belastungssteuerung dieser Phase als heikel empfindet. Schon Manuel Neuer ist beim Pokal-Finale vom Pokal-Pflichtdienst ausgenommen worden, um geschont in die WM zu starten. Tah selbst hat das Pokal-Endspiel gegen Stuttgart komplett bestritten - eine Schonung im Sinne der FIFPro war nicht moeglich, weil das Spiel von Bayern fuer das Double-Streben sportlich zu wichtig war.

Was Nagelsmann steuern kann: die Trainingsintensitaet in Herzogenaurach, die Spielzeit gegen Finnland, die Rotationen im Testspiel gegen die USA. Was er nicht steuern kann: dass seine Stammverteidigung mit Tah einen 76-Spiele-Veteranen vorm grossen Turnier hat - und dass das fuer einen Innenverteidiger eine bessere Ausgangslage ist als fuer Phil Foden im Mittelfeld, aber kein Selbstlaeufer. Die WM-Gruppe E gegen Curacao, Elfenbeinkueste und Ecuador erlaubt nominell Rotationen, das Achtelfinale aber nicht mehr.

Hitze obendrauf: 11 von 16 WM-Spielorten mit Risiko-Wert

Zur reinen Spielzahl-Belastung kommt ein zweiter Faktor, den die FIFPro im Januar 2026 in einer eigenen Hitzestudie aufgemacht hat: An 11 der 16 WM-Spielorte herrscht zu den klassischen Sommer-Anstosszeiten ein ‘sehr hohes’ oder ‘extrem hohes’ Hitzerisiko - gemessen am WBGT-Wert, der Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit und Sonneneinstrahlung kombiniert. Die FIFPro fordert ab 28 Grad WBGT spaetere Anstosszeiten, mehr Trinkpausen und laengere Abkuehlphasen.

Fuer den DFB-Spielplan im Gruppen-Modus ist das nur teilweise entlastend. Houston am 14. Juni um 19:00 Ortszeit (in der klimatisierten Halle des NRG Stadium) ist beherrschbar. Toronto am 20. Juni gegen die Elfenbeinkueste ist im Open-Air-Stadion mit Hitze und Schwuele zu spielen, das MetLife Stadium bei New York am 25. Juni gegen Ecuador ebenfalls. Tahs 76 Spiele begegnen hier dem zweiten Belastungsfaktor: Klima.

Was bleibt 16 Tage vor Kickoff, ist eine Mahnung mit Adresse. Die FIFPro adressiert die FIFA mit ihrer Studie - aber sie adressiert auch jeden Trainer, der jetzt noch ueber Schonung entscheidet, und jeden Fan, der ueber Form-Schwankungen rechnet. Dass Nagelsmann gegen Foden-Verhaeltnisse gefeit ist, weil Tah die Saison bislang ohne ernsthafte Verletzungsphase ueberstanden hat, ist Gluecksfall, nicht Verdienst. Die WM 2026 wird zeigen, wie tragfaehig das Gluecksfall-Modell ist.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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