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DFB-Team

Völler fordert FIFA-Altersgrenze bei Verbandswechseln: "Nationenhopping ist ganz schlecht"

DFB-Sportdirektor Rudi Völler kritisiert späte Nationenwechsel und schlägt eine FIFA-Regel mit Stichtag 18 Jahre vor. Was der Vorstoß für den DFB-Nachwuchs vor der WM 2026 bedeutet.

Von Lukas Brandt 29. Mai 2026

Sechs Tage vor seinem Verbandswechsel-Vorstoß: Rudi Völler beim Pokalfinale am 23. Mai 2026 in Berlin, links Julian Nagelsmann, rechts DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Am 29. Mai legte der DFB-Sportdirektor öffentlich nach (Foto: Actionpress). Foto: Actionpress via SmartFrame

Es ist der zweite Auftritt von Rudi Völler in dieser Trainingslager-Woche, und er hat einen anderen Adressaten als der erste. Vor zwei Tagen hatte der DFB-Sportdirektor in Herzogenaurach den Erwartungsdruck auf das deutsche Team gedämpft und das DFB-Team öffentlich nicht zu den Top-Favoriten der WM 2026 gezählt. Am Freitagabend, dem 29. Mai 2026, spricht Völler in einer separaten Runde nicht über die nächsten drei Wochen, sondern über die nächsten drei Jahre. Das Thema: Spieler, die spät zwischen Verbänden hin- und herwechseln. Das, was Funktionäre in der Branche “Nationenhopping” nennen.

”Ganz schlecht und entwertet die Nationalmannschaften”

Völlers Wortwahl ist deutlich. “Dieses Nationenhopping ist ganz schlecht und entwertet auch die Nationalmannschaften”, sagt der DFB-Sportdirektor und fordert die FIFA zum Handeln auf. “Entweder du willst für dieses Land spielen, weil dein Herz und deine Heimat damit verbunden sind. Oder eben nicht.” Es ist eine Ansage, die anders klingt als die diplomatisch verwischte DFB-Linie der letzten Jahre - und sie kommt mit einem konkreten Reform-Vorschlag.

“Warum gibt es nicht eine einfache Regel, bis spätestens 18 zu entscheiden, für welches Land ich spiele?”, fragt Völler in die Runde. Es ist die erste öffentliche Festlegung des DFB auf eine harte Altersgrenze - bisher hatte sich der Verband auf das Thema Ausbildungs-Entschädigung beschränkt, die Geschäftsführer Andreas Rettig im vergangenen Herbst ins Spiel gebracht hatte. Völlers Vorschlag setzt davor an: nicht erst Geld zwischen den Verbänden bewegen, wenn ein Wechsel passiert, sondern ihn nach einem Stichtag gar nicht mehr ermöglichen.

Der Fall Maza - der unausgesprochene Beleg

Den konkreten Auslöser nennt Völler nicht, aber der Hintergrund ist im DFB-Apparat seit Monaten Thema: Der Berliner Mittelfeldspieler Ibrahim Maza, neuer Bayer-Leverkusen-Profi, hatte sich gegen die DFB-U-21 und für die algerische A-Nationalmannschaft entschieden. Maza war als Sohn einer Vietnamesin und eines Algeriers in Berlin geboren, durchlief das DFB-U-Programm bis zur U 20 und galt als einer der Hoffnungsträger seines Jahrgangs. Sein Wechsel ist exakt das Muster, das Völler beschreibt: Ein in Deutschland sozialisierter Spieler, den am Ende der zweite Verband mit dem Lockruf der A-Mannschaft überzeugt.

DFB-U-20-Trainer Hannes Wolf hatte das Dilemma damals so beschrieben: “Wir kommen mit der U 20, und Algerien kommt mit der A-Nationalmannschaft.” Die asymmetrische Werbung um Talente ist das eigentliche Strukturproblem, vor dem Völler steht. Wer mit 18 Jahren noch nicht in der A-Auswahl spielt, dem kann ein anderer Verband mit der A-Auswahl ein attraktiveres Angebot machen - und das auch noch deutlich später nutzen.

Musiala als Gegenbeispiel

Völler nutzt ausdrücklich auch das Gegenbeispiel, ohne es beim Namen zu nennen: Jamal Musiala, der 2021 als 17-Jähriger nach mehreren U-Einsätzen für England zugunsten des DFB entschieden hatte. “In der Halbzeit habe ich einfach auf mein Bauchgefühl gehört”, sagte Musiala damals, nach einem klärenden Gespräch mit dem damaligen Bundestrainer Joachim Löw. Sein Wechsel lag knapp im Zeitfenster, das auch eine Mit-18-Regel akzeptieren würde - er hatte sich vor seinem 18. Geburtstag entschieden.

Musiala ist heute eine Säule des deutschen Kaders für die WM 2026. Der Verbandswechsel des heute 23-Jährigen war für den DFB ein Glücksfall - in Völlers Logik aber nicht das eigentliche Problem, das er adressiert. Spieler, die sich vor der Volljährigkeit festlegen, ob aus England oder zur englischen Auswahl, bleiben im erlaubten Rahmen. Was die DFB-Spitze stört, ist das gegenwärtig große Zeitfenster nach der Volljährigkeit, in dem Verbände mit A-Berufungen späte Wechsel auslösen können.

Die heutige FIFA-Regel und der politische Pfad

Die FIFA hat die Verbandswechsel-Statuten 2020 deutlich gelockert. Ein Spieler kann einmal wechseln, sofern er für die alte Auswahl entweder nur in inoffiziellen Spielen, in Jugend-Altersklassen oder in maximal drei Pflichtspielen der A-Auswahl gespielt hat (und der letzte A-Einsatz unter klar definierten Stichtag-Bedingungen lag). Eine starre Altersgrenze existiert nicht. Genau das macht Völlers Vorschlag zu einem Reform-Auftrag in Richtung Zürich.

Den politischen Pfad hat der DFB bereits vorbereitet. Andreas Rettig hatte im Oktober angekündigt, sich auf der FIFA-Ebene für eine Ausbildungs-Entschädigung bei Verbandswechseln einzusetzen - eine Logik analog zum Vereins-Solidaritäts-Beitrag im Klubfußball. Völlers Altersgrenze würde dieser Idee einen zweiten, härteren Hebel zur Seite stellen. Beide Vorschläge zielen auf dasselbe Problem aus zwei Richtungen: Geld zwischen Verbänden bewegen (Rettig) oder einen späten Wechsel gar nicht mehr ermöglichen (Völler).

Was es für die WM 2026 bedeutet - und was für danach

An der konkreten WM-Vorbereitung ändert der Vorstoß nichts. Der 26er-Kader ist nominiert, die Verbandszugehörigkeit jedes einzelnen Spielers steht. Am Sonntag testet das DFB-Team in Mainz gegen Finnland, am 2. Juni geht es nach Chicago, am 14. Juni beginnt die WM mit dem Auftakt gegen Curaçao in Houston. Für diese Kader-Generation ist die Verbandsfrage vom Tisch.

Mittelfristig adressiert Völler ein anderes Risiko. Mit Talenten wie Lennart Karl und Said El Mala, die mit Migrationsgeschichte und Doppelpass im DFB-Nachwuchs aufwachsen, hängt die Frage über jedem Jahrgang: Wie viele halten den DFB-Weg bis in die A-Mannschaft durch, und wie viele wechseln in einem ungeschützten Zeitfenster nach der Volljährigkeit? Der Maza-Fall ist die jüngste Antwort, die Völler nicht akzeptieren will.

Ob die FIFA folgt, ist eine andere Frage. Der nächste reguläre FIFA-Kongress, auf dem Statuten-Änderungen verabschiedet werden, ist 2027 angesetzt. Bis dahin bleibt der Vorstoß aus Herzogenaurach ein politisches Signal - mit dem DFB-Sportdirektor an der Spitze einer Bewegung, die in mehreren UEFA-Verbänden Resonanz finden dürfte.

Was bleibt von diesem 29. Mai 2026 ist nicht nur die Kimmich-Pressekonferenz mit ihrer Neuer-Verteidigung und der Politik-Frage zur WM in den USA. Es ist auch eine erste konkrete DFB-Forderung an die FIFA: Eine Altersgrenze 18 für Verbandswechsel - und damit ein neuer struktureller Diskussionspunkt, der über die WM 2026 hinaus weist und den der Verband, der dieses Turnier mit eigenen Talenten bestreiten will, jetzt offen ausgesprochen hat.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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