Kimmich in Herzogenaurach: "Manu ist der beste Torwart aller Zeiten"
Joshua Kimmich am 29. Mai 2026 in Herzogenaurach: Was der DFB-Kapitän zu Manuel Neuer, zur WM in den USA und zum Politik-Thema vor der WM 2026 gesagt hat.
Von Lukas Brandt 29. Mai 2026
Es war die dritte Pressekonferenz aus dem DFB-Trainingslager Herzogenaurach in dieser Vorbereitungswoche, und sie hatte den ruhigsten Ton. Joshua Kimmich setzte sich am 29. Mai 2026 auf das Podium im Adidas-Areal, nahm einen Schluck Wasser und sprach 45 Minuten über drei Themen: einen 40-jährigen Torwart, eine WM-Reise in ein politisch aufgeladenes Gastgeberland und eine eigene Länderspiel-Bestmarke, die langsam in Sichtweite kommt. Was Kimmich gesagt hat, ist für den 14. Juni gegen Curaçao relevant, vor allem aber für die Stimmung zwischen Kabine und Öffentlichkeit vor dem Abflug am 2. Juni.
Die drei Botschaften des Kapitäns
Kimmich strukturierte seine Antworten entlang dreier Felder. Erstens die Verteidigung von Manuel Neuer gegen die Wochen-Debatte um Wade und Alter; zweitens die Frage, ob Spieler bei einer WM in den USA politisch Position beziehen sollen; drittens die Selbsteinordnung des deutschen Teams vor dem Turnier inklusive eines offen ausgesprochenen Verweises auf den Matthäus-Rekord. Alle drei Felder wurden vom Kapitän nicht abgeräumt, sondern bewusst inhaltlich besetzt. Das ist neu in einer Vorbereitung, in der Bundestrainer Julian Nagelsmann und Manager Rudi Völler bisher die Vorlagen gesetzt hatten - Völlers Linie der “keine absoluten Top-Favoriten” vom 27. Mai wurde von Kimmich heute mit eigener Akzentuierung übernommen.
”Diskussion viel zu negativ behaftet” - Kimmich verteidigt Neuer
Der Kapitän ging in die volle Verteidigung seines Bayern-Kollegen. “Manu ist der beste Torwart aller Zeiten und immer noch einer der besten der Welt”, sagte Kimmich; die Debatte um Form und Wadenverhärtung sei “viel zu negativ behaftet”. Es ist eine bemerkenswerte Wortwahl, weil Neuer am Sonntag gegen Finnland nicht im Tor steht - Nagelsmann hat öffentlich erklärt, dass Oliver Baumann den Testspiel-Einsatz übernimmt, während Neuer im Trainingslager Wade-Aufbau- und Kraftarbeit absolviert. Kimmich versuchte erkennbar, die Außenwahrnehmung nicht zur Frage des Mannschafts-Gefüges werden zu lassen.
Die Aussage hat zwei Adressaten. Nach innen ist sie ein Schulterschluss mit dem Routinier, der mit 40 in seine fünfte WM geht und für den vierten DFB-Stamm-Tagesblick ein wenig Rückendeckung braucht. Nach außen ist sie ein klarer Hinweis an die Medien, die Personalie nicht zur Pre-WM-Belastung aufzuziehen. Wer die Neuer-Story der letzten zwei Wochen zurückspult, erkennt das Muster: Nagelsmann hatte schon im Mai festgelegt, dass Neuer die Nummer eins ist, Kimmich liefert jetzt die Vertrauens-Linie der Kabine nach.
WM in den USA - die Politik-Frage und die Rolle des DFB
Auf die Frage, ob er und seine Kollegen sich öffentlich zur Trump-Administration und zum politischen Klima im Gastgeberland positionieren sollten, antwortete Kimmich differenzierter, als die Schlagzeile vermuten lässt. Man sei “nicht zu jedem Thema ein Experte”, erklärte er - eine Spitze gegen die Erwartung, ein Spieler müsse auf alles eine Antwort haben. Die Rolle, eine Verbands-Position zu beziehen, sah er klar bei der DFB-Spitze: “Wenn so etwas anzusprechen ist, dann ist es Sache des Verbands.”
Es ist die Position, die der DFB seit der Iran-Boykott-Debatte und dem USA-Einreise-Konflikt vor der WM 2026 intern formuliert hat. Politische Statements werden auf Verbandsebene koordiniert, nicht von Einzelspielern improvisiert. Kimmich erinnerte zugleich an die Klub-WM 2025, die er beim FC Bayern selbst miterlebte: “Super organisiert, aber sehr wenig los, weil die Europäer fehlten.” Die Erfahrung, in halbleeren Stadien zu spielen, ist eine, die er auch für die WM nicht ausschließt - wenngleich die FIFA für Juni und Juli mit deutlich höherer Ticket-Auslastung kalkuliert.
Das Loch von 2022 und der Matthäus-Rekord
Die offenste Passage der PK kam beim Rückblick auf Katar 2022. “Ich habe Angst, in ein Loch zu fallen”, hatte Kimmich nach dem Vorrunden-Aus damals gesagt; in Herzogenaurach formulierte er die Lehre milder, aber unmissverständlich: “Wir dürfen keine schlechten Gedanken mit ins Turnier nehmen.” Die zwei Vorrunden-Aus 2018 und 2022 hängen am Status der gesamten Generation, an seinem zuerst, weil er beide WMs als Stammspieler begleitete.
Daneben sprach Kimmich erstmals offen über die persönliche Bestmarke: Lothar Matthäus’ 150 A-Länderspiele. “Das ist schon eine Marke, die man im Hinterkopf hat”, sagte er. Sein aktueller Stand: 105 Spiele. Selbst mit einem WM-Maximum von sieben Einsätzen läge er nach dem Turnier bei 112 - immer noch 38 Spiele unter Matthäus, was bei Kimmichs Tempo von 12 bis 14 Länderspielen pro Saison rund drei DFB-Jahre bedeutet. Es ist die erste, leise Andeutung, dass Kimmich an die EM 2028 in Großbritannien und Irland und an die WM 2030 denkt.
Was die PK über den Status des DFB-Teams sagt
Kimmichs Selbsteinordnung folgte exakt der Linie, die Rudi Völler am 27. Mai gezogen hatte. Frankreich, Spanien und Portugal sieht der Kapitän vor dem DFB-Team; mit dem Zusatz, an guten Tagen jeden schlagen zu können. Es ist die ehrlichere Ordnung, die seit dem Heim-EM-Achtelfinale-Schreck gegen Dänemark öffentlich werden konnte. Sie passt zur internen Form-Lage, die der Form-Check vor der Kader-Nominierung abgebildet hat: Wirtz, Musiala und der Sturm-Trio um Havertz tragen das Team, die Innenverteidigung Tah/Schlotterbeck ist gesetzt - aber die Top-Tabelle der Welt steht woanders.
Bemerkenswert ist, dass Kimmich Havertz’ Champions-League-Finale am 30. Mai in Budapest demonstrativ ansprach: “Ich drücke ihm die Daumen, hoffe, dass er den Titel mitbringt.” Eine kleine Lockerung in einer ansonsten kontrollierten Rede - und ein Hinweis, dass die verzögerte Anreise Havertz’ aus London in der Kabine ohne innere Irritation behandelt wird.
Bis Curaçao - der Weg über Finnland und Chicago
Bis zum WM-Auftakt am 14. Juni gegen Curaçao in Houston bleiben dem DFB-Team drei Stationen, die Kimmich kennt und ohne Pause spielen wird:
- 31. Mai 2026, Mainz, gegen Finnland (20:45 MESZ). Letzter Test in Europa, mit Baumann statt Neuer im Tor und voraussichtlich Kimmich von Beginn auf der Sechs neben Pascal Groß.
- 2. Juni 2026, Flug nach Chicago. Das Quartier verlegt sich in die Staaten; die WM-Zeitzone und die Klimaumstellung beginnen.
- 6. Juni 2026, Chicago, gegen die USA (20:30 MESZ). Die Generalprobe gegen den Co-Gastgeber, mit hoher Wahrscheinlichkeit die Wunsch-Aufstellung inklusive Neuer im Tor.
Den vollständigen Fahrplan des DFB-Teams bis zum Anpfiff haben wir an anderer Stelle dokumentiert. Die WM-Hub-Seite zum DFB-Team bündelt Kader, Spielplan und Gruppe E; die Match-Vorschau zum Curaçao-Spiel bereitet die taktische Lage vor.
Was bleibt von dieser Pressekonferenz, ist nicht eine Schlagzeile, sondern ein Tonbild: ein Kapitän, der den 40-jährigen Torwart deckt, die Politik-Frage an den Verband zurückgibt und den eigenen Länderspiel-Rekord zum ersten Mal beim Namen nennt. Wer in Herzogenaurach an diesem Donnerstag zugehört hat, dem ist klar geworden, dass dieser Kimmich die WM 2026 nicht als persönlichen Schlusspunkt versteht.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.