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DFB-Team

Völler dämpft den Favoriten-Status, Nagelsmann ruft die Familie aus: Die DFB-PK in Herzogenaurach

DFB-Trainingsstart in Herzogenaurach: Völler stuft Deutschland nicht als Top-Favorit ein, Nagelsmann beschwört die 'Familie'. Die PK-Botschaften vom 27. Mai 2026.

Von Lukas Brandt 27. Mai 2026

Vier Tage vor der PK in Herzogenaurach: Rudi Völler, Julian Nagelsmann und DFB-Präsident Bernd Neuendorf beim Pokalfinale in Berlin. Am 27. Mai eröffneten Völler und Nagelsmann die WM-Vorbereitung mit einer betont vorsichtigen Tonlage (Foto: Actionpress). Foto: Actionpress via SmartFrame

In Herzogenaurach beginnt am 27. Mai 2026 der letzte Akt der WM-Vorbereitung, und der DFB öffnet ihn mit einer Pressekonferenz, die zwei Botschaften gleichzeitig sendet. Rudi Völler drückt die Erwartungshaltung nach außen herunter. Julian Nagelsmann zieht den Kreis nach innen enger. Wer in den vergangenen Wochen Lust hatte, sich am gerade nominierten 26er-WM-Kader abzuarbeiten, bekommt am ersten Tag des Trainingslagers eine Vorlage zum Umdenken: Die DFB-Spitze inszeniert die letzten 18 Tage vor dem Auftaktspiel gegen Curaçao als ein bewusst leises Anlaufen, nicht als Kampfansage. 25 der 26 Nominierten sind angekommen, einzig Kai Havertz fehlt wegen des Champions-League-Finales mit Arsenal. Davor stehen der Sportdirektor und der Bundestrainer und reden über Erwartung, Gemeinschaft und Erinnerungen an 1994.

”Wir gehören nicht zu den Top-Favoriten”

Die Aussage, mit der Völler den Tag prägen wird, kommt früh in der Pressekonferenz und wird im Tagesverlauf von kicker, sportschau und ARD wortgleich aufgegriffen. Eine Zielvorgabe des Verbandes für die WM in den USA, in Kanada und Mexiko gebe es nicht, sagt der Sportdirektor, und das DFB-Team gehöre auch ausdrücklich nicht zu den Top-Favoriten. Im selben Atemzug schiebt Völler eine zweite Botschaft hinterher: Jeder Gegner werde sich an Deutschland “die Zähne ausbeißen”. Das ist klassisches Völler-Tonsetting - der Dämpfer nach außen, die Selbstbewusstseins-Spritze nach innen.

Sportlich deckt sich diese Einordnung mit der Datenlage. In unserer Analyse, was für Deutschland 2026 realistisch möglich ist, wandert das DFB-Team in den zweiten Favoritenkreis hinter Spanien, Frankreich, Argentinien, England und Brasilien. Politisch erfüllt die Völler-Linie aber noch eine andere Funktion: Sie nimmt der Mannschaft das Gewicht des Heim-Hypes, das 2018 in Russland und 2022 in Katar mit zur Vorrunden-Krise beigetragen hat. Wer ohnehin nicht der gesetzte Sieger ist, muss sich auch nicht jeden Tag rechtfertigen.

”Eine echte Familie” - Nagelsmanns Botschaft an die Kabine

Während Völler den Mediendruck moderiert, formuliert Nagelsmann das, was die Spieler in der Kabine hören sollen. Seine “wichtigste Botschaft” sei, dass die Mannschaft in den kommenden Wochen “wie eine echte Familie auftreten” müsse. Der Bundestrainer ergänzt das in der bei ihm üblichen Mikro-Perspektive: Konzentration auf die nächste Trainingseinheit, dann auf das nächste Spiel - und das sei es schon. Das ist die Anti-These zu der breiten Debatte über K.-o.-Pfade, Viertelfinal-Gegner und Final-Routen, die im Vorfeld jeder WM die Schlagzeilen dominiert.

In Herzogenaurach hat der DFB dafür den passenden Rahmen aufgebaut. Der adidas-Campus mit dem “Home Ground” als Trainingsstandort ist das erste der zwei Vorbereitungsquartiere, bevor die Mannschaft am 2. Juni nach Chicago weiterfliegt. Den detaillierten DFB-Fahrplan bis zum Curaçao-Auftakt haben wir bereits eingeordnet; die Herzogenaurach-Phase ist der bewusst geschützte Auftakt, in dem die taktische und atmosphärische Grundlage gelegt werden soll.

Der 1994er-Vergleich

Völlers Wahl der Worte ist kein Zufall. Der Sportdirektor zieht in Herzogenaurach explizit den Bogen zu 1994 - der WM in den USA, bei der er selbst noch Spieler war. Damals scheiterte das DFB-Team im Viertelfinale an Bulgarien, und in der Rückschau gilt nicht die sportliche Qualität als Ursache, sondern die Disharmonie in der Kabine. 32 Jahre später, beim Comeback der WM auf nordamerikanischem Boden, soll der Vergleich als Warnschuss dienen.

Das deckt sich mit der Linie, die Völler bereits in den vergangenen Wochen rund um die Hoeneß-Kritik an Nagelsmanns Kommunikation gefahren ist: Risse nach außen werden ausdrücklich nicht zugelassen. In Herzogenaurach werden Völler und Bundestrainer als demonstrative Einheit präsentiert. “So ist er halt, deshalb mag ich ihn auch so”, sagt der Sportdirektor an einer Stelle der PK über Nagelsmann - eine Wortmeldung, die kicker zum eigenen Aufmacher macht.

”Keine Maulkörbe mehr”

Der dritte Satz, der in den Abend-Nachrichten hängen bleibt, kommt ebenfalls von Völler. “Es wird keine Maulkörbe mehr geben”, erklärt der Sportdirektor und meint damit den Umgang mit gesellschaftlichen Statements der Spieler. Der Bezugspunkt ist unausgesprochen, aber für jeden Zuhörer klar: die “One Love”-Kapitänsbinde von Katar 2022, die FIFA-Drohung, die Mund-zu-Geste, das anschließende sportliche und kommunikative Desaster.

Für 2026 sollen die Spieler frei sprechen können, ohne dass der Verband sie sportlich oder kommunikativ in Geiselhaft nimmt. Ob es konkrete Aktionen geben wird - Binden, Patches, Statements vor Spielen - lässt Völler offen. Die Tonlage allerdings ist gesetzt: Der DFB will sich diesmal nicht zwischen Solidaritätsgeste und FIFA-Druck zerreiben lassen.

Was die PK über die nächsten 18 Tage verrät

Operativ liefert der Bundestrainer in Herzogenaurach zwei harte Fakten. Erstens: Oliver Baumann beginnt am Sonntag, 31. Mai 2026, im WM-Testspiel gegen Finnland in der Mainzer MEWA Arena im Tor. Manuel Neuer fehlt wegen einer leichten Wadenverhärtung; an seinem Status als Nummer eins für die WM ändert das nichts, der zweite Test am 6. Juni in Chicago gegen Co-Gastgeber USA soll Neuers Rückkehr-Bühne sein. Zweitens: Havertz stößt am 2. Juni zum Tross dazu, das Finnland-Spiel fehlt ihm definitiv.

Hinzu kommt das Klima-Kapitel, das auf der PK ebenfalls eine Rolle spielt. Beim Auftaktspiel gegen Curaçao am 14. Juni um 19:00 Uhr MESZ in Houston werden Temperaturen um 40 Grad Celsius im überdachten, aber nicht klimatisierten NRG Stadium erwartet. Nagelsmann verweist auf gezielte Hitze-Vorbereitung im Chicago-Camp - aus der bisherigen Saison der Spieler lässt sich das ohne lange Akklimatisierung nicht zaubern.

Wer am Abend des 27. Mai die Bilder und die O-Töne sortiert, sieht eine PK, die alles tut, um die Tonlage drei Wochen vor dem Anpfiff zu beruhigen. Keine Schlagzeilen-Versprechen, keine Top-Favoriten-Pose, kein offener Konflikt mit Hoeneß oder anderen Kritikern. Nur eine knappe Botschaft an die Spieler: enger Kreis, kurzer Horizont, jedes Spiel einzeln. Es ist der Auftakt einer WM, von der der DFB grundsätzlich viel erwartet - aber sich davor hütet, das vor dem ersten Anstoß auch laut zu sagen.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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