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WM 2026

Vozinha: Wer ist der 40-jährige Mindelo-Torwart, der Spanien beim WM-Auftakt 2026 stoppte?

Vozinha hielt Spanien beim WM-Auftakt 2026 mit sieben Paraden zum 0:0. Wer ist Josimar Évora Dias? Porträt des 40-jährigen Kap-Verde-Torwarts aus Mindelo.

Von Marco Feldmann 16. Juni 2026

Atlanta, 15. Juni 2026: Vozinha bejubelt das 0:0 von Kap Verde gegen Spanien im Mercedes-Benz Stadium - sieben Paraden, kein Gegentor, Player of the Match (Foto: Zuma Press / Walter Arce). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Wer am Montagabend in Atlanta nicht in einem Bar-TV oder vor einem Livestream sass, kannte den Namen am Dienstagmorgen trotzdem. Vozinha, mit vollem Namen Josimar José Évora Dias, hat beim 0:0 zwischen Spanien und Kap Verde im Mercedes-Benz Stadium sieben Paraden verbucht, 2,21 erwartete Gegentore entschärft und den Europameister so weit von einem Auftaktsieg ferngehalten, wie es seit dem 0:1 Argentiniens gegen Saudi-Arabien 2022 keinem Top-3-WM-Favoriten passiert ist. Der 40-jährige Torwart der G.D. Chaves, im portugiesischen Trás-os-Montes in der Liga Portugal 2 beheimatet, ist innerhalb einer Halbzeit-Pause zum globalen Phänomen geworden. Seine Instagram-Follower-Zahl stieg laut sportschau.de von rund 40.000 vor dem Spiel auf über fünf Millionen am Dienstagvormittag MESZ; allein das erste Selfie nach dem Schlusspfiff sammelte binnen Stunden mehr als 400.000 Likes und 130.000 Kommentare. Das vollständige Spielgeschehen aus Atlanta steht im Spielbericht Spanien gegen Kap Verde; dieser Text widmet sich dem Mann hinter der Sensation.

Mindelo, Sao Vicente: Strassenfussball und Grosseltern

Vozinha wurde am 3. Juni 1986 in Mindelo geboren, der mit rund 80.000 Einwohnerinnen und Einwohnern zweitgrössten Stadt des Kap-Verde-Archipels und Hauptstadt der nördlichen Barlavento-Inseln. Mindelo liegt auf São Vicente, ist Heimat der weltberühmten Sängerin Cesária Évora - und in den 1990er-Jahren der Strassenfussball-Ort, an dem Vozinha gross wurde. Sein Vater war beim Militär, seine Mutter arbeitete, und Vozinha wurde von seinen Grosseltern aufgezogen. Bei der spontanen Pressekonferenz im Mercedes-Benz Stadium begann der Torwart zu weinen, als er nach diesem Hintergrund gefragt wurde: “Ich habe wegen meiner Grosseltern geweint. Sie haben mich grossgezogen und sind leider vor Jahren verstorben. Sie haben alles für mich getan.” Seine Instagram-Bio - “Vergiss niemals, wer du bist und woher du kommst” - bekam binnen Stunden Übersetzungen in über 30 Sprachen.

Als Jugendlicher spielte Vozinha in Mindelo Strassenfussball mit älteren Kindern in einer harten Nachbarschaft, ehe er den Sprung zum erstklassigen Batuque FC Mindelo schaffte. Dort blieb er von 2007 bis 2011 - die erste seiner sieben Profi-Stationen.

Sieben Klubs, vier Länder: ein Karriereweg quer durch das europäische Mittelfeld

Vozinha ist nie bei einem Premier-League-, La-Liga- oder Bundesliga-Klub angekommen - was seine Atlanta-Leistung zur statistisch noch ungewöhnlicheren Geschichte macht. Nach dem CS Mindelense wechselte er 2013 nach Angola zu Progresso Associação do Sambizanga, dem ersten Stopp auf einer ungewöhnlichen Karriere-Route durch die südlich- und osteuropäische Liga-Landschaft:

JahrVereinLand
2007 bis 2011Batuque FC MindeloKap Verde
2011 bis 2013CS MindelenseKap Verde
2013 bis 2015Progresso Associação do SambizangaAngola
2015 bis 2016FC Zimbru ChișinăuMoldau
2016 bis 2017Gil Vicente FCPortugal
2017 bis 2022AEL LimassolZypern
2022 bis 2024AS TrenčínSlowakei
seit 2024G.D. ChavesPortugal (Liga 2)

In seiner längsten Etappe, fünf Jahren bei AEL Limassol auf Zypern, gewann Vozinha den zyprischen Pokal 2018/19. Es ist der einzige Pokal-Titel in seiner Vita - und der Beleg dafür, dass selbst auf zweitklassigem Niveau ein Karriere-Highlight möglich war, das die meisten Top-Liga-Torhüter in Europa nicht vorweisen können. Bei Chaves in der portugiesischen Zweiten Liga ist sein Vertrag zum 1. Juni 2026 ausgelaufen - die WM-Leistung trifft den Markt also exakt am freien Wechselfenster. Sein Marktwert auf transfermarkt.de stand am Spieltag bei 50.000 Euro - Atlanta dürfte daraus innerhalb von Wochen mindestens das Zehn- oder Zwanzigfache machen.

89 Länderspiele für die Blauen Haie

Vozinha gab sein Länderspieldebut für Kap Verde 2012, gewann seitdem als Nummer eins der Tubarões Azuis (Blaue Haie) den Stammplatz und hat in seinen ersten 14 Jahren als Nationaltorhüter 89 Spiele für die Auswahl von Trainer Bubista (mit bürgerlichem Namen Pedro Brito) bestritten. Er hat an vier Africa Cups of Nations teilgenommen - 2013 (Kap Verdes erste Endrunden-Teilnahme überhaupt), 2015, 2021 und 2023. Dass die Inselrepublik bei der WM 2026 erstmals dabei ist, hat eine ganze Generation von Trägern dieses Trikots ermöglicht - aber die zwischen Stammtorhüter-Routine und WM-Debüt sitzende Schnittstelle besetzt Vozinha allein.

Mit seinem WM-Debut bei 40 Jahren und 12 Tagen wurde Vozinha laut englischsprachiger Wikipedia zum ältesten Spieler eines Landes in dessen erstem WM-Spiel überhaupt und steht auf der All-Time-Liste der ältesten WM-Spieler auf Rang 9 - in einer Statistik, die sonst von Roger Milla, Pat Jennings, Faryd Mondragón und Essam El Hadary dominiert wird.

Was die Atlanta-Statistik sagt

Vozinha hatte am Montag mehr als Glanztat und Adrenalin - er hatte die kalten Zahlen. Spanien gab im Mercedes-Benz Stadium 18 Schüsse ab, 11 davon aufs Tor, 18 Eckstöße und kontrollierte den Ball über 66 Prozent der Spielzeit. Vozinha pflückte mehrere Flanken direkt aus der Luft, klärte zwei Eckstösse per Faust und beherrschte mit ungewöhnlich präzisem Fussball-Spiel den Aufbau über die Innenverteidiger. Bei den eigentlichen Paraden agierte er fast schon klassisch positions-orientiert - kein einziger Sprung quer durch das Tor, alle sieben Bälle wurden mit kontrollierter Bewegung und kurzer Streck-Strecke entschärft. Hinzu kam, was die kicker-Auswertung ungewöhnlich fand: Kap Verde beging in 95 Minuten Spielzeit nur ein einziges Foul - die zweitniedrigste Foul-Zahl in einem WM-Spiel seit Beginn der Detail-Erfassung 1990. Es war ein Defensiv-Konzert, in dem Vozinha das Hauptinstrument war, aber nicht das einzige - und das Spanien zum Negativ-Rekord trug: erstes 0:0 für die Selección bei einem WM-Auftakt seit dem 0:0 gegen Schweden 1978.

Spaniens Trainer Luis de la Fuente suchte nach dem Schlusspfiff drei Vokabeln und scheiterte bei jeder dritten Frage: “Ich kenne Vozinha bisher nicht weiter, aber jetzt natürlich. Wir gratulieren - mit aller Bescheidenheit.” Die spanische Presse fiel laut kicker.de mit “kolossaler Blamage”, “Wunder von Atlanta” und “Vozinha schreibt WM-Geschichte” über die eigene Mannschaft her. Im Vorfeld der Aufstellung hatten die spanischen Medien noch eine Yamal-Williams-Doppelspitze auf der Bank, eine Fitness-Frage und einen Wunsch-Sieg dargestellt - das Endprodukt mündete in ein 0:0 mit einem Mann der Stunde, der bis Sonntag in Trás-os-Montes weitgehend unbekannt war.

Was als Nächstes kommt

Kap Verde spielt am Sonntag, 21. Juni 2026, um 18:00 Uhr MESZ in Atlanta gegen Uruguay, das nach dem 1:1 gegen Saudi-Arabien ebenfalls nur einen Punkt hat, und am 27. Juni in Miami gegen Saudi-Arabien. In einer Gruppe H, in der nach Matchday 1 alle vier Mannschaften bei einem Punkt stehen, hängen die Achtelfinal-Tickets nicht nur an Toren, sondern auch an einer Vozinha-Form, die das 0:0 als Beginn und nicht als Ausreisser etabliert. Sollte Kap Verde mit dem Torwart aus Mindelo bis zur zweiten K.-o.-Runde durchspielen, wäre die WM 2026 für die Inselrepublik mehr als nur ein Debüt - sie wäre eine der grösseren Underdog-Geschichten seit Senegal 2002 oder Costa Rica 2014. Die Übersicht über alle teilnehmenden 48 Nationen und ihre WM-Geschichte findet sich auf der Kap-Verde-Teamseite und in der Liste der WM-Debütanten 2026. Das Mercedes-Benz Stadium, in dem das Wunder geschah, ist Spielstätte für sieben WM-Partien inklusive des Achtelfinals 1 und eines Viertelfinals.

Vozinha selbst, befragt nach seinen Plänen für Sonntag und seine Karriere: “Ich werde am Sonntag wieder im Tor stehen. Was danach kommt, weiss ich nicht. Aber ich werde nie vergessen, wer ich bin und woher ich komme.”

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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