Hans-Joachim Watzke: Warum der DFB-Vize der eigentliche Klopp-Macher ist
Nach dem Nagelsmann-Ruecktritt draengt Hans-Joachim Watzke Juergen Klopp zum Bundestrainer. Warum der DFB-Vize der wahre Kopf des deutschen Fussballs ist.
Von Lukas Brandt 03. Juli 2026
Julian Nagelsmann ist am Freitagvormittag als Bundestrainer zurueckgetreten, Sport-Geschaeftsfuehrer Andreas Rettig verlaengert seinen Vertrag nicht, der DFB sucht das Gespraech mit Juergen Klopp. Drei Personalien an einem Tag - und in allen dreien taucht ein Name auf, der im offiziellen DFB-Statement nicht steht: Hans-Joachim Watzke. Die Sportschau nennt den 67-jaehrigen Dortmunder am 3. Juli in einem eigenen Portraet den “wahren Kopf des deutschen Fussballs”. Wer die Machtstruktur des DFB verstehen will, kommt an ihm nicht vorbei.
Fuenf Aemter, ein Machtnetz: Watzkes Positionen im Fussball 2026
Watzke haeuft seit 2005 Verantwortung an. Damals uebernahm er als Geschaeftsfuehrer die insolvente Borussia Dortmund, sanierte den Klub innerhalb von drei Jahren und formte ihn zurueck zum sportlichen Schwergewicht. Heute traegt er den Titel BVB-Praesident, gewaehlt bei der Mitgliederversammlung Ende 2025 mit rund 59 Prozent Zustimmung. Der Klub-Job ist aber nur einer von mehreren.
Seit 2021 ist Watzke Praesident des Bundesliga-Ligaverbands. Diese Rolle bringt automatisch eine DFB-Vize-Praesidentschaft mit sich, weil DFB und DFL institutionell verzahnt sind: der Ligaverband stellt zwei der drei DFB-Vize-Praesidenten. Watzke sitzt damit in allen strategischen Runden des DFB-Praesidiums. Seit April 2024 gehoert er zudem dem UEFA-Exekutivkomitee an, ebenfalls als Vize-Praesident. Ueber die UEFA erreichen ihn Entscheidungen zur Champions League, zu FIFA-Verhandlungen und zur Zukunft der Nations League - im gleichen Zeitraum, in dem der DFB seine Nations-League-Kampagne 2026/27 plant.
Fuenf Aemter, ein Netzwerk. Nagelsmanns Vorgaenger Hansi Flick wurde von Bierhoff angeworben, Nagelsmann selbst von Voeller. Der naechste Bundestrainer wird - so lesen es die Berichte am Freitag - de facto von Watzke gemacht.
Klopp und Watzke: eine Zweckgemeinschaft seit 2008
Die Verbindung zu Juergen Klopp ist keine neue. Watzke holte Klopp im Sommer 2008 aus Mainz nach Dortmund - eine Entscheidung, die auch damals gegen den Widerstand von Vereinsteilen zu Stande kam. Der Ertrag stellte sich schnell ein: Deutsche Meisterschaft 2010/11 und 2011/12, der DFB-Pokal-Sieg 2012, das Champions-League-Finale 2013 in Wembley. Klopp verliess Dortmund im Sommer 2015, ging nach Liverpool und formte dort die Mannschaft, die 2019 die Champions League und 2020 die englische Meisterschaft gewann. Watzke blieb sein sportlicher Vertrauter.
Die persoenliche Freundschaft wird von beiden nicht inszeniert, aber sie besteht. Sportschau schreibt am Freitag von Klopp als “Watzkes Gluecksfall aus 20 Jahren als BVB-Manager”. Es gibt einen zusaetzlichen politischen Draht: Sowohl Watzke als auch Klopp gelten laut dem Portraet als Freunde von Bundeskanzler Friedrich Merz. Ueber diese Achse fliesst Vertrauen, das sich in einem DFB-Statement wie dem vom 3. Juli - “Er hat bereits seine grundsaetzliche Bereitschaft zur Uebernahme des Postens signalisiert” - nicht formell nachweisen, aber sehr wohl spueren laesst.
Waehrend die DFB-Spitze mit Klopp offiziell “das Gespraech sucht”, kennt Watzke seinen Wunschkandidaten seit 18 Jahren.
Bierhoff, Voeller, Rettig: was Watzke schon im DFB durchgesetzt hat
Der 3. Juli 2026 ist nicht Watzkes erster Eingriff in die DFB-Fuehrungsstruktur. Nach dem WM-Vorrunden-Aus in Katar 2022 trat er als treibende Kraft innerhalb des Verbandes auf. Direktor Nationalmannschaften Oliver Bierhoff musste zum Jahreswechsel gehen, offiziell einvernehmlich, tatsaechlich nach Wochen interner Kaempfe. Rudi Voeller, seit Jahrzehnten Watzke-Vertrauter, uebernahm den Nachfolge-Job als Sportdirektor - laut Sportschau ueberzeugt in einem persoenlichen Gespraech mit Watzke.
Ein Jahr spaeter folgte der Trainer-Wechsel von Hansi Flick zu Julian Nagelsmann, im September 2023 in Rekord-Zeit vollzogen. Und im September 2024 kam Andreas Rettig als Sport-Geschaeftsfuehrer, mit der Aufgabe, die sportliche Leitung neben Voeller zu ordnen. Rettig war zuvor ein oeffentlicher DFB-Kritiker gewesen - eine Personalie, die in Berichten als Neutralisierung eines lauten Gegners gelesen wurde. Am Freitag nun endet auch die Rettig-Aera formal: der Vertrag laeuft nicht weiter.
Vier grosse Personalentscheidungen in dreieinhalb Jahren - Bierhoff, Voeller, Nagelsmann, Rettig - und in jeder findet sich die Handschrift Watzke. Der Klopp-Deal folgt demselben Muster: leise vorbereitet, in einer geschlossenen Runde besprochen, dann als bereits weitgehend feststehendes Ergebnis oeffentlich gemacht.
Kein Trainerfindungs-Verfahren: die Kritik
Diese Handschrift wird nicht ueberall im Verband akzeptiert. In der Sportschau-Analyse wird darauf hingewiesen, dass DFB-Funktionaere ausserhalb des inneren Zirkels sich am Freitag beklagt haben, es habe keine formelle Trainerfindungs-Kommission gegeben. Solche Kommissionen wurden in der DFB-Geschichte mehrfach eingesetzt, etwa 2004 vor der Berufung von Juergen Klinsmann und 2018 nach dem WM-Vorrunden-Aus in Russland vor der Verlaengerung von Joachim Loew. Am 3. Juli 2026 gab es sie nicht: die Klopp-Ansage stand bereits im Statement, bevor breitere Gremien tagten.
Die Kritik ist strukturell. Ein Verband mit rund sieben Millionen Mitgliedern trifft die wichtigste sportliche Personalie im Rahmen eines Vier-Personen-Gespraechs - Watzke, Neuendorf, Voeller, Rettig - und veroeffentlicht das Ergebnis als Vorentscheidung. Dass es funktioniert, weil Watzkes Alternativkandidaten im Kern nicht existieren, macht den Prozess nicht demokratischer. Watzke selbst hat sich am Freitag oeffentlich nicht positioniert. Er muss auch nicht.
Der Watzke-Plan hat einen Preis und eine Deadline
Wie es nun weitergeht, laesst sich in drei Etappen ordnen. Erstens: der Red-Bull-Vertrag. Klopp arbeitet bei Red Bull als Head of Global Soccer, sein Vertrag laeuft bis 2029. Red-Bull-Chef Oliver Mintzlaff gilt als “harter Verhandler”, die Berater-Seite um Marc Kosicke ebenfalls. Der DFB muss also eine Ausloese verhandeln, deren Kosten aktuell offen sind. Klopps aktuelles Salaer bei Red Bull wird auf “zweistellige Millionen” geschaetzt - deutlich mehr als das Rekord-Gehalt Nagelsmanns.
Zweitens: die Magenta-TV-Rolle. Klopp ist waehrend der K.-o.-Phase 2026 als Experte bei Magenta TV im Einsatz, laut Sender bis zum Finale am 19. Juli in MetLife. Eine Vertragsunterschrift beim DFB waehrend laufender Sendungen mit anderen Nationen als Themen waere in Watzkes Sinn “schwer vorstellbar” - der Wechsel wird deshalb frueher August erwartet.
Drittens: die Nations-League-Deadline. Bis zum 24. September 2026 muss der neue Bundestrainer stehen, das erste Pflichtspiel-Fenster nach der WM beginnt an diesem Tag in Amsterdam. Fuer den Kader-Umbau nach dem Sechzehntelfinal-Aus gegen Paraguay und den Rueckzug von Manuel Neuer bleiben dann rund sechs Wochen. Kurz, aber machbar.
Was zwischen der Sitzung am 2. Juli und dem Auftakt in Amsterdam liegt, ist die Bewaehrung des Watzke-Modells. Sollte Klopp unterschreiben und Deutschland in den anschliessenden zwei Jahren wieder in die WM-Vorschau ruecken, ist Watzkes Autoritaet zementiert. Scheitert der Deal - an Red Bull, am Preis, an einer stillen Absage Klopps - wird der DFB-Vize erstmals seit 2005 in eine Verteidigungshaltung geraten. Der 3. Juli ist die Ansage. Was daraus wird, entscheidet der Sommer.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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