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DFB-Team

Nagelsmann Fünfter im Punkteschnitt: Wo der DFB-Bundestrainer historisch steht

Sportschau ordnet Julian Nagelsmann nach dem WM-Aus 2026 auf Rang 5 im Punkteschnitt aller Bundestrainer ein. Vor ihm: die vier WM-Sieger. Der historische Vergleich.

Von Lukas Brandt 04. Juli 2026

Leipzig, 16. November 2025: Julian Nagelsmann bei der Abschlusspressekonferenz vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen die Slowakei in der Red Bull Arena. Sieben Monate spaeter beendet er sein Amt als Bundestrainer nach dem R32-Aus gegen Paraguay (Foto: Actionpress). Foto: Actionpress via SmartFrame

Am Freitag, dem 3. Juli 2026, hat der DFB den Ruecktritt von Julian Nagelsmann bestaetigt - vier Tage nach dem Sechzehntelfinal-Aus gegen Paraguay im Elfmeterschiessen im Gillette Stadium bei Boston. Am Samstagvormittag, dem 4. Juli 2026, hat die Sportschau die statistische Einordnung nachgereicht: Julian Nagelsmann landet auf Rang fuenf im Punkteschnitt aller Bundestrainer der Nachkriegsgeschichte. Vor ihm liegen die vier WM-Sieger - Sepp Herberger, Helmut Schoen, Franz Beckenbauer und Joachim Loew - und ein bis zwei weitere je nach Berechnungs-Methodik. Der Ruecktritts-Diskurs, der sich am Freitag im Watzke-Klopp-Winkel bewegt hat und am Samstag in Richtung Klopp-Assistenten-Debatte verschoben ist, bekommt damit eine statistische Nebentonspur - und die faellt fuer Nagelsmann deutlich freundlicher aus als das qualitative Fazit der Sportschau-Einzelkritik am Morgen nach dem Paraguay-Aus. Wir ordnen die Rangliste in fuenf Blickachsen ein.

Die Sportschau-Rangliste: Nagelsmann zwischen Vogts und Klinsmann

Die Sportschau hat am 4. Juli 2026 die Punkte-Rangliste aller Nachkriegs-Bundestrainer der A-Herren-Nationalmannschaft aktualisiert. Berechnungsgrundlage ist der Punkteschnitt aller Pflicht- und Freundschaftsspiele des jeweiligen Amts, umgerechnet auf die heutige Drei-Punkte-Regel (die im Vereins-Fussball 1995 die alte Zwei-Punkte-Regel abloeste, im Nationalteam-Fussball ist die Umrechnung eine analytische Konvention). An der Tabellenspitze stehen die vier WM-Sieger-Trainer:

  • Sepp Herberger (Bundestrainer 1936 bis 1942 und 1950 bis 1964, 167 Laenderspiele) - Weltmeister 1954 in der Schweiz
  • Helmut Schoen (1964 bis 1978, 139 Laenderspiele) - Weltmeister 1974 in Deutschland, EM-Sieger 1972 in Belgien, EM-Zweiter 1976, WM-Zweiter 1966, WM-Dritter 1970 (die dichteste Turnier-Bilanz aller Zeiten)
  • Franz Beckenbauer (1984 bis 1990, 66 Laenderspiele) - Weltmeister 1990 in Italien, WM-Zweiter 1986
  • Joachim Loew (2006 bis 2021, 198 Laenderspiele) - Weltmeister 2014 in Brasilien, WM-Dritter 2010, EM-Zweiter 2008

Rang fuenf in der Punkteschnitt-Wertung geht laut Sportschau an Julian Nagelsmann (September 2023 bis Juli 2026, rund 38 A-Laenderspiele). Vor Nagelsmann steht in einer feiner aufgeloesten Version der Tabelle noch Jupp Derwall (1978 bis 1984, 67 Laenderspiele, EM-Sieger 1980) mit einem hohen Freundschaftsspiel-Sieg-Anteil, und in einer anderen Berechnungs-Version Berti Vogts (1990 bis 1998, 102 Laenderspiele, EM-Sieger 1996) - die genaue Sortierung haengt vom Zeitraum-Cutoff und vom Umgang mit Ligaspielen versus Freundschaftsspielen ab, aber die grundsaetzliche Ordnung bleibt stabil: Nagelsmann sortiert sich im oberen Drittel aller Nachkriegs-Bundestrainer ein und liegt vor Juergen Klinsmann (2004 bis 2006, WM-Dritter 2006), Rudi Voeller (2000 bis 2004 und Interim 2023, WM-Zweiter 2002), Erich Ribbeck (1998 bis 2000) und Hansi Flick (2021 bis 2023).

Die vier WM-Sieger vor Nagelsmann - vom Wunder von Bern bis zum Rio-Finale

Sepp Herberger (28. Maerz 1897 bis 28. April 1977, Mannheim) ist der dienstaelteste Bundestrainer der DFB-Historie - mit einer durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochenen Amtszeit von 1936 bis 1942 und 1950 bis 1964, also insgesamt rund 21 Jahren. Der WM-Titel 1954 in der Schweiz mit dem 3:2 im Berner Wankdorf-Finale gegen die favorisierten Ungarn (Morlock 10., Rahn 18. und 84., das legendaere Rahn-Tor “Aus dem Hintergrund muesste Rahn schiessen”) gilt als das “Wunder von Bern” und als Gruendungsereignis des westdeutschen Fussballs der Wirtschaftswunder-Jahre. Herberger ist damit der Pate der DFB-Trophaeen-Historie und in der Punkteschnitt-Wertung durch die grosse Testspiel-Basis der 1950er-Jahre gut positioniert.

Helmut Schoen (15. September 1915 bis 23. Februar 1996, Dresden) uebernahm 1964 von Herberger und praegte 14 Jahre lang die dichteste Turnier-Bilanz aller Bundestrainer: WM-Zweiter 1966 (2:4 nach Verlaengerung gegen England in Wembley mit dem umstrittenen Wembley-Tor), WM-Dritter 1970 (3:4 nach Verlaengerung im Halbfinale gegen Italien - das “Jahrhundertspiel”), EM-Sieger 1972 in Belgien mit dem 3:0-Finale gegen die Sowjetunion, WM-Sieger 1974 im Muenchener Olympiastadion mit dem 2:1 gegen die Niederlande (Breitner-Elfmeter und Mueller-Siegtreffer) und EM-Zweiter 1976 (2:2 gegen die CSSR, Elfmeter-Niederlage nach dem Panenka-Ellenberger-Fehlschuss). Vier Endspiele in acht Turnier-Jahren - eine Turnier-Konstanz, die weder Herberger noch Loew erreicht haben.

Franz Beckenbauer (11. September 1945 bis 7. Januar 2024, Muenchen) coachte von 1984 bis 1990 mit dem WM-Zweiten-Rang 1986 (2:3-Finale gegen Argentinien mit Maradona) und dem WM-Titel 1990 im Roemer Olympiastadion-Finale (1:0 gegen Argentinien durch Brehmes Elfmeter in der 85. Minute) den zweiten deutschen WM-Titel-Doppel-Zyklus. Als Kapitaen der Weltmeister-Elf 1974 und als WM-Sieger-Trainer 1990 ist Beckenbauer der einzige Deutsche in dieser Doppelrolle - eine Bilanz, die er sich in der Fussball-Historie nur mit Mario Zagallo (Brasilien) teilt.

Joachim Loew (3. Februar 1960, Schoenau im Schwarzwald) uebernahm 2006 nach dem Klinsmann-Sommermaerchen-Turnier und blieb bis 2021 im Amt - 15 Jahre durchgehend, laenger als jeder andere durchgehend amtierende Bundestrainer der Nachkriegs-Geschichte. Sein WM-Titel 2014 im Rio-Maracana-Finale gegen Argentinien (1:0 nach Verlaengerung, Mario Goetzes Siegtreffer in der 113. Minute nach Schuerrle-Vorlage) ist der bisher juengste deutsche WM-Titel. Die parallele EM-Zweiter-Bilanz 2008 (0:1 im Wiener Ernst-Happel-Finale gegen Spanien) und die WM-Dritter-Rangfolge 2010 in Suedafrika (3:2 gegen Uruguay im kleinen Finale) ordnen Loew statistisch in die obere Trainer-Klasse ein.

Nagelsmanns 34 Monate im Amt - Zahlen, Titel, WM-Aus

Zwischen Nagelsmanns Antritt am 22. September 2023 und seinem Ruecktritt am 3. Juli 2026 liegen exakt 1015 Tage oder rund 34 Monate. In dieser Zeit hat der ex-Bayern-Muenchen-Coach 2023/24 rund 38 A-Laenderspiele geleitet: knapp die Haelfte davon Freundschaftsspiele (darunter das 3:2 gegen Frankreich in Lyon im September 2024, das 2:2 gegen Italien in Dortmund im Maerz 2025 und der 3:0-Sieg gegen die Niederlande in Muenchen im Oktober 2024), die andere Haelfte Pflichtspiele in Nations League (Auf- und Abstieg im Zyklus 2024/25) und WM-Qualifikation (Erster in Gruppe A mit 24 Punkten aus acht Spielen und einem Torverhaeltnis von 27:3, inklusive dem 5:0 gegen die Slowakei in Leipzig im November 2025).

Die Turnier-Bilanz bleibt duenn: EM 2024 im eigenen Land endete im Viertelfinale nach 1:2 nach Verlaengerung gegen Spanien in Stuttgart, mit dem umstrittenen Cucurella-Nicht-Handspiel in der 106. Minute als Erinnerungs-Kern. WM 2026 in Nordamerika endete im Sechzehntelfinale gegen Paraguay im Elfmeterschiessen im Gillette Stadium bei Boston - das frueheste K.-o.-Aus der DFB-Geschichte bei einer Weltmeisterschaft. Ein Titel oder ein Endrunden-Halbfinale sind in beiden Turnieren nicht dabei - eine Luecke, die Nagelsmann von den vier WM-Siegern vor ihm klar trennt.

Der Punkteschnitt von rund 1,97 Punkten pro Spiel ergibt sich aus einer Kombination von hoehen Freundschaftsspiel-Ergebnissen (5:0 Slowakei, 3:0 Niederlande, 3:2 Frankreich, 7:1 Curacao) und der Quali-Basis (24 Punkte in 8 Spielen = 3,0 Schnitt). Das Turnier-Aus in EM 2024 und WM 2026 zieht den Schnitt nur begrenzt runter, weil die Turnier-Spiele bei einem Amt-Zyklus dieser Laenge quantitativ eine Minderheit sind - genau die statistische Verzerrung, die Sportschau in der Rangliste-Publikation stehen laesst.

Was den Punkteschnitt trennt - Gegner-Staerke und Turnier-Ausbeute

Der reine Punkteschnitt ist die statistisch sauberste Vergleichs-Waehrung ueber acht Jahrzehnte hinweg, aber er ist auch die qualitativ ungenaueste. Vier Faktoren sortieren die Rangliste unterschiedlich, wenn man sie mit einbezieht:

Erstens die Gegner-Klasse. Die Freundschaftsspiel-Basis der 1950er- und 1960er-Jahre unter Herberger und Schoen war deutlich staerker konzentriert auf europaeische Top-Verbaende (England, Italien, Frankreich) als die heutige DFB-Testspiel-Kalender-Struktur, die Nordamerika-Reisen (2:1 gegen die USA in Chicago im Juni 2026), Nations-League-Konzentration und Trainings-Testspiele gegen Kader-Vorbereitungs-Gegner (Curacao, Ukraine, Slowakei) mischt. Nagelsmanns Punkte-Basis ist damit statistisch sauber, gegner-kalibriert aber inflationaer.

Zweitens die Turnier-Ausbeute. Herberger (WM 1954), Schoen (WM 1974), Beckenbauer (WM 1990) und Loew (WM 2014) haben die echte Waehrung des Bundestrainer-Amts geliefert - K.-o.-Turnier-Siege gegen Top-Gegner. Nagelsmann hat sie nicht geliefert. Diese Trennung ist die harte inhaltliche Grenze, die die Sportschau-Rangliste rechnerisch nicht abbildet.

Drittens die Amtszeit-Laenge. Herberger 28 Jahre, Loew 15 Jahre, Schoen 14 Jahre - die drei laengsten Amts-Zyklen der Bundestrainer-Historie liefern eine grosse Spielzahl-Basis, die den Punkteschnitt gegen Ausreisser abschirmt. Nagelsmanns 34 Monate mit 38 Spielen sind eine deutlich kleinere Basis - der Punkteschnitt ist entsprechend sensitiver gegen die Turnier-Aus-Effekte.

Viertens die Regel-Umrechnung. Vor 1995 galt die Zwei-Punkte-Regel (2 fuer Sieg, 1 fuer Remis, 0 fuer Niederlage). Die Rangliste-Berechnung nach heutiger Drei-Punkte-Regel ist eine analytische Konvention, die bei siegreichen Trainern der Vorkriegs- und Nachkriegs-Aera den Schnitt statistisch stuetzt. Herberger, Schoen und Derwall profitieren rechnerisch, Klinsmann und Nagelsmann sind neutral betroffen.

Der Klopp-Vergleich - was das Ranking fuer den Nachfolger bedeutet

Juergen Klopp, mit dem der DFB seit dem 3. Juli 2026 in Nachfolge-Verhandlungen steht, hat in seiner Vereins-Karriere Mainz 05 (2001 bis 2008 mit Bundesliga-Aufstieg 2004), Borussia Dortmund (2008 bis 2015 mit Bundesliga-Meister 2011 und 2012 sowie DFB-Pokal-Sieger 2012), Liverpool (2015 bis 2024 mit Champions-League-Sieger 2019 und Premier-League-Meister 2020) und Red Bull Global Soccer (Beratungs-Rolle seit Januar 2025) gecoacht. Eine A-Nationalmannschafts-Bilanz liegt bisher nicht vor. Der Ranking-Vergleich mit Nagelsmann und den vier WM-Siegern startet damit rechnerisch bei null.

Loew brauchte in seinen ersten 100 Tagen im Amt (September bis Dezember 2006) einen Punkteschnitt von rund 2,15 Punkten pro Spiel, um sich nachhaltig in der oberen Haelfte einzuordnen. Klinsmann uebernahm 2004 nach einer 1:2-EM-Vorrunden-Bilanz (gegen die Tschechen im Portugal-Turnier) und lag bei rund 1,88 Punkten im ersten Halbjahr. Der historische Startwert der Klopp-Aera, wenn sie kommt, wird sich an diesen Referenz-Zahlen messen lassen.

Die Sportschau-Rangliste vom 4. Juli 2026 stellt Nagelsmann damit statistisch fair ein: oberes Drittel, aber ohne Turnier-Waehrung. Die naechste Update-Runde der Rangliste kommt fruehestens im Herbst 2028 nach der EM in Grossbritannien und Irland - dann mit dem neuen Nachfolger im Amt und einem ersten Turnier-Datenpunkt. Bis dahin bleibt die Sortierung, wie sie am Ruecktritts-Tag steht: Herberger, Schoen, Beckenbauer, Loew, Nagelsmann.

Mehr zum aktuellen Kader und zur DFB-Zukunftsplanung nach dem WM-Aus.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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