Das Spiel um Platz 3: was die WM-Historie ueber den 'Trostpreis' verraet
Vom Sukur-Blitzstart 2002 bis zum Sommermaerchen-Finale 2006 in Stuttgart: was das Spiel um Platz 3 der WM-Historie an Rekorden, Bronze-Momenten und Kuriosem zu bieten hat.
Von Nina Hartmann 18. Juli 2026
Am Samstagabend um 23:00 Uhr MESZ trifft England auf Frankreich im Hard Rock Stadium in Miami Gardens. Es ist die 103. der 104 Turnier-Partien der WM 2026 - und, wie es die Sportschau am Freitagmorgen formulierte, ein Termin, der “seit jeher die Sinnfrage” ausloest. Das Spiel um Platz 3, das “kleine Finale”, der “Trostpreis” der beiden Halbfinal-Verlierer. Doch die WM-Historie zeigt: die Partie hat ihre eigene Erzaehlung. Rekorde, Bronze-Momente, Kurioses und ein paar der emotionalsten Bilder, die WM-Turniere je produziert haben. Ein Rueckblick auf die denkwuerdigsten Kapitel eines oft belaechelten Formats.
Der schnellste WM-Treffer aller Zeiten: Hakan Sukur, 11 Sekunden, Daegu 2002
Es ist die 11. Sekunde des Spiels um Platz 3 der WM 2002 im Stade Daegu. Anpfiff um 20:00 Uhr Ortszeit am 29. Juni 2002. Hakan Sukur nimmt den Ball nach einem katastrophalen Abwehrpatzer der suedkoreanischen Innenverteidigung an, dreht sich, und schiesst flach ins linke untere Eck. Suedkoreas Torhueter Lee Woon-jae kann nur noch reagieren, nicht mehr halten. 1:0 Tuerkei. Elf Sekunden. Es ist der schnellste Treffer der Fussball-Weltmeisterschafts-Historie - ein Rekord, den bis heute (Stand WM 2026) niemand einzustellen konnte, geschweige denn zu unterbieten. Das zweitschnellste WM-Tor - Vaclav Masek fuer die Tschechoslowakei 1962 - blieb fuenf Sekunden zurueck.
Die Tuerkei gewann anschliessend 3:2 - dank Tore von Ilhan Mansiz und einem zweiten Treffer von Sukur - und sicherte sich als grosse WM-Ueberraschung 2002 die Bronze-Medaille. Trainer Senol Guenes wurde in Istanbul empfangen wie ein Held. Der Rekord-Torschuetze Sukur hatte in seiner WM 2002 uebrigens sonst kaum getroffen; das eine Spiel um Platz 3 rettete seine Turnier-Bilanz.
Deutschland und der dritte Platz: die 4-aus-5-Bilanz
Fuer deutsche Zuschauer ist das Spiel um Platz 3 mehr als ein Trostpreis - es ist ein Ort deutscher WM-Kontinuitaet. Die BR Deutschland stand fuenfmal im “kleinen Finale” einer Weltmeisterschaft und gewann viermal: 1934 in Italien (3:2 gegen Oesterreich, Ernst Lehner Doppelpack), 1970 in Mexiko, 2006 im eigenen Land und 2010 in Suedafrika. Die einzige Niederlage - dazu spaeter mehr - kassierte die BR Deutschland 1958 in Schweden gegen den Fontaine-Rekord-Franzosen.
1970 Mexiko: Overath schiesst Deutschland zur Bronze
Nach der Jahrhundert-Halbfinale-Niederlage gegen Italien im Aztekenstadion (3:4 nach Verlaengerung) traf die BR Deutschland am 20. Juni 1970 auf Uruguay im Estadio Azteca. Wolfgang Overath erzielte in der 27. Minute nach Vorlage von Wolfgang Weber das entscheidende 1:0. Die deutsche Elf um Kapitaen Uwe Seeler und Gerd Mueller (der erneut nicht traf und bei 10 Turnier-Toren blieb) rettete damit die dritte WM-Bronze-Medaille der Verbandsgeschichte.
2006 Stuttgart: Schweinsteiger, Petit, das Sommermaerchen-Finale
Es ist der 8. Juli 2006, 21:00 Uhr, Gottlieb-Daimler-Stadion in Stuttgart, 52.000 Zuschauer, ausverkauft. Deutschland gegen Portugal um Platz 3. Und ein 21-jaehriger Bastian Schweinsteiger legt einen der besten Auftritte seiner gesamten Karriere hin. Schweinsteiger-Doppelpack (56., 78.) plus ein von ihm eingeleitetes Petit-Eigentor (60.) - 3:1. Dazu Petits spaeter Anschluss-Treffer (88.), zu spaet, zu wenig. Das Gottlieb-Daimler-Stadion wurde zum Siedepunkt eines Sommermaerchens, das nach der 0:2-Halbfinale-Niederlage gegen Italien in Dortmund seinen Kater brauchte - und ihn in Stuttgart bekam. Es war Schweinsteigers letzte Tor-Beteiligung fuer die A-Nationalmannschaft im Turnier 2006; danach folgten “die Weltmeister der Herzen”-Bilder mit dem Autokorso durch Berlin.
2010 Port Elizabeth: Mueller, Jansen, Khedira - Bronze im Turmbau-Modus
Vier Jahre spaeter, 10. Juli 2010, Nelson-Mandela-Bay-Stadium in Port Elizabeth. Nach der 0:1-Halbfinal-Niederlage gegen Spanien in Durban stand Deutschland erneut im Spiel um Platz 3 - Gegner erneut Uruguay, wie schon 1970. Thomas Mueller brachte Deutschland in der 19. Minute in Fuehrung, Edinson Cavani glich aus, Diego Forlan brachte Uruguay in Fuehrung, Marcell Jansen glich per Kopfball erneut aus (56.), Sami Khedira entschied die Partie in der 82. Minute nach einem Eckball. 3:2. Bronze fuer Joachim Loew - die erste Trainer-Bronze fuer den kuenftigen Weltmeister-Coach von 2014. Forlan trat in der letzten Minute noch einen Freistoss an die Latte; Deutschland hielt das Ergebnis. Mueller wurde am Ende Torschuetzenkoenig der WM 2010 mit fuenf Toren.
Just Fontaine 1958: vier Bronze-Tore und der 13-Tore-Rekord fuer die Ewigkeit
Der einzige Bronze-Auftritt, den Deutschland verlor, ist der beruehmteste. 28. Juni 1958, Nya Ullevi in Goeteborg, Spiel um Platz 3 der WM 1958. Frankreich gegen die BR Deutschland. Endstand: 6:3 fuer Frankreich. Vier Tore davon: Just Fontaine, der im gesamten Turnier auf 13 Tore kam - ein Rekord, den bis heute (Stand WM 2026) niemand einstellte oder unterbot. Nicht Sandor Kocsis (11 Tore, 1954), nicht Gerd Mueller (10, 1970), nicht Ronaldo (8, 2002), nicht Miroslav Klose (16, WM-Karriere kumuliert), nicht Kylian Mbappe (14, WM-Karriere kumuliert). Fontaine schoss in einem einzigen WM-Turnier so viele Tore, wie in einem modernen 32er- oder 48er-Feld ueber die gesamten K.-o.-Runden fallen. Das Spiel um Platz 3 war seine finale Buehne - vier Tore in 90 Minuten, als Kopisten-Vorlage fuer alles, was in einer Bronze-Partie moeglich ist.
Der Verein, fuer den Fontaine damals spielte, hiess uebrigens Stade de Reims. Der einzige franzoesische Landesmeister der 1950er-Jahre; heute nur noch ein Namen auf einer Tafel. Fontaine selbst wurde 2023 90-jaehrig in Toulouse gestorben. Sein Rekord blieb, sein Bronze-Auftritt gehoert zum Kanon.
Suedkorea-Tuerkei 2002: “Wir sind Freunde!” im Stade Daegu
Zurueck zur WM 2002. Hakan Sukurs 11-Sekunden-Tor war nur eine Seite der Geschichte an jenem 29. Juni. Die andere Seite war die Atmosphaere im Stadion. Suedkorea, der Gastgeber, hatte bei seiner ersten Heim-WM einen historischen Halbfinal-Einzug geschafft - und im Halbfinale gegen Deutschland 0:1 verloren. Die Tuerkei hatte im anderen Halbfinale 0:1 gegen Brasilien verloren. Beim Spiel um Platz 3 im Stade Daegu war die Kulisse jedoch alles andere als resigniert. Suedkoreanische Fans hielten Banner mit der Aufschrift “Wir sind Freunde!” hoch, tuerkische Spieler taten es ihnen nach. Nach dem Abpfiff feierten Spieler beider Teams gemeinsam in Ehrenrunde. Es war, wie die Sportschau es formulierte, eine “aussergewoehnliche Atmosphaere” - und ein seltener Fall im modernen Weltfussball, in dem ein Spiel um Platz 3 zum diplomatischen Symbolmoment wurde.
Platini 1986, Prosinecki, Brasilien 2014: Kurioses aus dem “kleinen Finale”
Nicht jede Bronze-Partie war ein Glanzstueck. Bei der WM 1986 in Mexiko verzichtete der dreimalige Weltfussballer Michel Platini komplett auf den Auftritt Frankreichs beim Spiel um Platz 3 gegen Belgien (4:2 nach Verlaengerung) - er kommentierte lieber aus der TV-Kabine, was der Journalismus damals als “kuriosen Abschied” von seiner letzten WM verzeichnete. Als Trainer wollte er spaeter nie ins Spiel um Platz 3 - und, ausser als UEFA-Praesident, auch nicht mehr auf die grossen Buehnen.
Robert Prosinecki wiederum ist bis heute (Stand WM 2026) der einzige Spieler, der bei WM-Turnieren fuer zwei verschiedene Nationen getroffen hat: 1990 in Italien fuer Jugoslawien, 1998 in Frankreich fuer Kroatien. Bei der WM 1998 - dem groessten kroatischen Turnier bis dahin - stand Prosinecki im Spiel um Platz 3 gegen die Niederlande (2:1-Sieg, Prosinecki- und Suker-Tore). Er beendete das Turnier als Bronze-Held einer zwei-nationen-Karriere.
Und dann ist da noch das Spiel um Platz 3 der WM 2014 in Brasilien - das der Gastgeber mit 3:0 gegen die Niederlande verlor. Nach der 1:7-Katastrophe im Halbfinale gegen Deutschland in Belo Horizonte war die Selecao psychisch am Ende. Van Persie, Blind und Wijnaldum trafen im Estadio Nacional in Brasilia, und Brasilien verabschiedete sich mit dem schlechtesten WM-Turnier seiner Geschichte, sportlich wie emotional. Der Auftritt bleibt bis heute (Stand WM 2026) das einzige Spiel um Platz 3 der WM-Historie, das ein Gastgeber im eigenen Land verlor.
Warum das Spiel um Platz 3 zur WM gehoert - seit 1934
Die FIFA hat das Spiel um Platz 3 mit der WM 1934 in Italien eingefuehrt. Die WM 1930 in Uruguay kannte den Modus noch nicht; die USA und Jugoslawien teilten sich damals rechnerisch Bronze, ohne Partie. Seit 1934 gehoert das “kleine Finale” zu jedem WM-Turnier. Die FIFA schuettet aus, die Verbaende belohnen, die Medaille wird auf dem Rasen ueberreicht.
Bei der WM 2026 betraegt das Preisgeld-Delta zwischen Platz 3 und Platz 4 zwei Millionen US-Dollar (29 vs. 27 Mio.). Dazu die Bronze-Medaillen fuer alle 26 Kaderspieler und den Trainerstab. Und die Erwartung, die Halbfinal-Niederlage sportlich noch einmal einzuordnen. Fuer Didier Deschamps ist es die Abschieds-Partie nach 25 Jahren Equipe Tricolore. Fuer Thomas Tuchel die erste grosse Niederlagen-Verarbeitung seiner England-Zeit. Es ist der 103. Akt eines Turniers, das am Sonntag im MetLife Stadium in East Rutherford sein 104. und letztes Kapitel bekommen wird - Argentinien gegen Spanien.
Wer heute Abend um 23:00 Uhr MESZ in Miami einschaltet, sieht kein Trostpreis-Spiel. Er sieht die 24. Auflage eines Formats, das seit 1934 seine eigene Geschichte schreibt - inklusive Fontaine, Sukur, Schweinsteiger, “Wir sind Freunde!” und dem Overath-Tor im Azteken-Stadion 1970.
Autor
Nina HartmannRedakteurin Frauenfußball & Analyse
Nina Hartmann deckt den Frauenfußball ab - von der Frauen-WM 2027 in Brasilien bis zu den DFB-Frauen - und liefert daten- und taktikgetriebene Analysen zu großen Turnieren.
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