Anthony Taylor beendet Karriere: Der Cucurella-Schiri hoert nach WM-2026-Achtelfinale in Dallas auf
Anthony Taylor tritt mit 47 zurueck. Letztes Spiel: WM-Achtelfinale Spanien-Portugal 1:0 in Dallas. Bilanz: 831 Spiele, 16 Premier-League-Jahre.
Von Lukas Brandt 21. Juli 2026
Der englische Schiedsrichter Anthony Taylor hat am Dienstag, 21. Juli 2026, seine Karriere beendet. Der 47-Jaehrige aus Wythenshawe bei Manchester teilte via PGMOL, dem Premier-League-Schiri-Dachverband, mit, dass er das Elite-Refereeing sofort verlaesst. Sein letztes Spiel hatte er zwei Wochen zuvor gepfiffen: das WM-2026-Achtelfinale zwischen Portugal und Spanien 0:1 am 6. Juli im AT&T Stadium in Dallas. In deutscher Fussball-Erinnerung wird Taylor allerdings weniger fuer diese Abschluss-Ansetzung stehen als fuer eine Szene zwei Sommer zuvor: 5. Juli 2024, EM-Viertelfinale Deutschland gegen Spanien, Stuttgart, Verlaengerung, Ball auf dem Arm von Marc Cucurella - kein Pfiff. Es war der Moment, mit dem Julian Nagelsmanns DFB-Team aus dem Heim-Turnier flog.
Der letzte Auftritt am 6. Juli in Dallas
Taylor pfiff bei der WM 2026 insgesamt drei Spiele. Nach zwei Gruppenpartien in der Vorrunde bekam er als seine letzte Turnier-Ansetzung das WM-Achtelfinale Portugal gegen Spanien im AT&T Stadium in Arlington/Dallas - eine Zuweisung, die man im FIFA-Aufgebot als deutliche Wertschaetzung liest. Deutschlands Felix Zwayer war fuer die K.-o.-Runde nicht mehr nominiert; die WM-Endspiel-Ansetzung ging an den Slowenen Slavko Vincic mit dem Rostocker Bastian Dankert als VAR. Taylor durfte dagegen in Texas seine Karriere mit einem echten Klassiker abschliessen: Iberien-Derby, 32 Grad, ausverkauftes NFL-Stadion, Cristiano Ronaldos letztes WM-Spiel.
Die Partie selbst leitete er unauffaellig. Zwei Gelbe Karten, keine Elfmeter, keine VAR-Interventionen in einem 0:0 zur Halbzeit und einer Merino-Entscheidung in der Nachspielzeit. Als Schiedsrichter, der auf der internationalen Buehne oft ueberprueft und diskutiert wurde, war es ein pflichtbewusster, souveraener Abgang - so ruhig wie ein Weltklasse-Referee es sich zum Karriereende wuenscht.
Taylors Turnier-Bilanz laut sport.de: drei Spiele, neun Gelbe Karten (Schnitt 3,00), eine Rote (Schnitt 0,33), null Elfmeter. Nichts, was in den Debatten der WM 2026 hoerbar wurde. Zum Vergleich: Wagner-Regel-Bilanz und Zeitspiel-Reform fielen bei anderen Referees deutlich lauter aus.
Der Cucurella-Moment am 5. Juli 2024 in Stuttgart
Die deutsche Nachhall-Erinnerung ist aber nicht der leise Abgang von Dallas. Sie ist die 106. Minute des EM-Viertelfinales Deutschland gegen Spanien in Stuttgart. 1:1 in der Verlaengerung. Nach Kai Havertz’ 89.-Minuten-Ausgleich hatte der DFB Momentum, Jamal Musiala setzte Antonio Ruediger im spanischen Strafraum in Szene, dessen abgefaelschter Ball sprang aus zwei Metern gegen den linken Arm von Marc Cucurella - deutlich vom Koerper weg. Taylor, keine sechs Meter entfernt, entschied auf Weiterspielen. VAR-Bruder Stuart Attwell aus Warwickshire bestaetigte die Feld-Entscheidung, ohne Taylor an den Monitor zu bitten. Wenige Minuten spaeter kopfte Mikel Merino Spanien in der 119. Minute zum 2:1-Sieg. Deutschland war raus, Spanien wurde in Berlin Europameister.
Die UEFA raeumte in einem internen Nachbericht ein, dass die Nicht-Elfmeter-Entscheidung objektiv falsch war. Die deutsche Boulevard-Presse verpasste Taylor daraufhin Titelseiten mit Ueberschriften wie “Der Schiri-Skandal” und “Herzinfarkte wie diesen nimmt man gerne in Kauf” (ironische kicker-Presseschau). Toni Kroos, der nach der Partie seine Karriere beendete, sprach in seinem Podcast von einer klaren Fehlentscheidung, hielt sich aber diplomatisch aus dem Personen-Angriff heraus.
Fuer Taylor war es die groesste Kontroverse einer bis dahin ohne echten Bruch verlaufenen Top-Karriere - und die eine Szene, die er nach eigener BBC-Aussage “sicher nicht vergisst”. In Deutschland blieb er der Cucurella-Referee.
Karriere in Zahlen: 831 Spiele, 16 Premier-League-Jahre, zwei Weltmeisterschaften
Die PGMOL-Bilanz zum Ruecktritt ist beeindruckend. 831 Spiele ueber eine rund 20-jaehrige Karriere. 432 Partien in der englischen Premier League ueber 16 Saisons ab dem Aufstieg auf die PL-Referee-Liste 2010. 163 internationale Einsaetze in 14 FIFA-Listen-Jahren.
Die Titel-Ansetzungen im Ueberblick:
- Weltmeisterschaften: Katar 2022, USA/Kanada/Mexiko 2026.
- Europameisterschaften: EM 2020 (verlegt in den Sommer 2021), EM 2024 in Deutschland.
- UEFA-Vereinswettbewerbe: Nations-League-Finale 2021 (Spanien gegen Frankreich, San Siro), Europa-League-Finale 2023 (Sevilla gegen Roma, Budapest), Champions-League-Halbfinale 2024, UEFA Super Cup 2020.
- FIFA Klub-WM: 2022 und 2025.
- Englische Titel: FA-Cup-Finale 2017 (Arsenal-Chelsea 2:1), FA-Cup-Finale 2020 (Arsenal-Chelsea 2:1), League-Cup-Finale 2015 (Chelsea-Tottenham 2:0), Community Shield 2015, Championship-Play-off-Finale 2018 (Fulham-Aston Villa 1:0).
Der Wembley-Rasen war fuer Taylor Heimspiel, das Community-Shield-Spiel 2015 sein erstes grosses Endspiel. Auf FIFA-Ebene stand ihm das WM-Finale nie offen - er war 2022 in Katar in der Vorrunde und im Achtelfinale gesetzt, 2026 blieb er nach dem Achtelfinal-Einsatz in Dallas ohne Viertelfinale.
Die grossen Momente jenseits der Kontroverse
Zwei Ansetzungen aus Taylors Karriere gehoeren nicht in die Fehler-Diskussion, sondern in die Weltklasse-Chronik.
Der wichtigste: 12. Juni 2021, EM-Vorrunde Daenemark gegen Finnland in Kopenhagen. In der 43. Minute bricht Daenemarks Christian Eriksen ohne Fremdeinwirkung auf dem Rasen zusammen - Herzstillstand. Taylor unterbricht das Spiel binnen zwei Sekunden, dirigiert die daenischen Mitspieler zu einer Schutzwand um Eriksen, sichert den Zugang fuer die Notaerzte, laesst das Spiel erst nach der erfolgreichen Reanimation und Eriksens Wach-Status weiter unterbrechen. Nach dem Spielabbruch und der spaeteren Wieder-Aufnahme wurde Taylors Krisen-Management international als Referenz-Fall im Referee-Ausbildungsmaterial verankert. Es war Anthony Taylors “professionellster Moment”, wie er selbst spaeter in einem SkySports-Interview sagte.
Der zweite: 31. Mai 2023, Europa-League-Finale in Budapest, Sevilla gegen AS Roma. Ein zerfahrenes, aggressives 1:1 nach Verlaengerung, das Sevilla im Elfmeterschiessen fuer sich entschied. Taylor zeigte 14 Gelbe Karten und eine Rote. Nach dem Spiel wartete Jose Mourinho auf dem Parkplatz mit einem Kamera-Team und beleidigte Taylor auf Englisch als “Schande” - ein Video, das um die Welt ging. Die UEFA sperrte Mourinho fuer vier Spiele; Taylor musste am Rueckflug mit seiner Familie Polizeieskorte durch den Budapester Flughafen bekommen. Der Vorfall wurde zum meistzitierten Beispiel fuer die Referee-Sicherheits-Debatte in Europa und trug spaeter zur Einfuehrung der Ein-Spieler-pro-Team-Regel bei Schiedsrichter-Gespraechen bei.
Diese zwei Faelle stehen fuer die zwei Seiten von Taylors Amt: die uebersehene Rettung und der ausgesprochene Beleidigungs-Sturm.
Die Ansage in Richtung Nachfolge
Howard Webb, der frueher selbst WM-Finale-Referee (2010 Suedafrika, Spanien-Niederlande) und heute Chief Refereeing Officer bei der englischen PGMOL ist, wuerdigte Taylor in der offiziellen Mitteilung als “fantastischen Diener am Spiel ueber viele Jahre, national wie international”. Ein direkter Nachfolger als englische Nummer eins ist nicht benannt, aber Michael Oliver aus Ashington gilt als natuerlicher Erbe. Oliver war 2026 in Nordamerika ebenfalls im FIFA-Aufgebot, hat 2024 das Champions-League-Semifinale zwischen dem BVB und PSG gepfiffen und wird in Richtung EM 2028 in England und WM 2030 als kommender Anwaerter auf das ganz grosse Endspiel gesehen. Mit Chris Kavanagh, Craig Pawson und Simon Hooper bleibt Englands FIFA-Liste breit aufgestellt.
Fuer den DFB - und damit fuer den Zwayer/Siebert/Dankert-Kreis - schliesst sich mit Taylors Ruecktritt eine Nebenerzaehlung der letzten zwei Turniere. In den deutschen Schiri-Buerokraten-Runden zwischen Frankfurt und Koeln wird Anthony Taylors Karriere nicht in erster Linie ueber die 831 Spiele erinnert, sondern ueber die 106. Minute in Stuttgart. Man wuerde es sich vielleicht anders wuenschen.
Nach dem WM-Finale 2026 zwischen Spanien und Argentinien 1:0 n.V. - Titelgewinn Spanien durch Ferran Torres in der 106. Minute im MetLife Stadium - ist auch das Referee-Kapitel der grossen Turnier-Sommer 2024 und 2026 zu einem gewissen Abschluss gekommen. Der Cucurella-Schiri hoert auf. Die naechste Chance auf einen deutschen Fussball-Sommer ohne offene Refereerechnung ist die EM 2028 in England - dort wird ohnehin nicht mehr Taylor mit der Pfeife stehen.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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