Deutsche Schiedsrichter bei der WM 2026: Zwayer dabei, Siebert pfeift stattdessen das CL-Finale
Felix Zwayer ist Deutschlands einziger Schiedsrichter bei der WM 2026. Daniel Siebert leitete am 30. Mai das CL-Finale Budapest, durfte aber nicht ins FIFA-Aufgebot.
Von Lukas Brandt 31. Mai 2026
Am 9. April 2026 hat die FIFA das Schiedsrichter-Aufgebot fuer die WM 2026 bekanntgegeben - 52 Hauptschiedsrichter aus mehr als 40 Nationen, rund 100 Assistenten und 27 Video-Assistenten. Aus Deutschland steht nur ein Name auf der Liste der Hauptschiris: Felix Zwayer aus Berlin. Daniel Siebert, der andere FIFA-Schiedsrichter aus der Hauptstadt, wurde uebergangen. Am 30. Mai 2026 leitete Siebert dann ausgerechnet das Champions-League-Finale in Budapest zwischen Paris Saint-Germain und Arsenal - das groesste Vereinsspiel der Saison, von Sky-Experte Didi Hamann und der Fachpresse durchweg gelobt. Es war ein deutlicher Hinweis an die FIFA, wie tief Deutschlands Schiri-Pool sortiert ist.
Dass Zwayer der einzige Deutsche im FIFA-Aufgebot ist, ist nicht ungewoehnlich (Brych 2018, Brych 2022 waren ebenfalls Solo-Berufungen), aber bei einem WM-Aufgebot, das um fast 50 Prozent gewachsen ist (52 statt 36 Hauptschiris), hatten viele in der DFB-Schiri-Abteilung mit einer zweiten Berufung gerechnet. Knut Kircher, seit 2024 Chef der DFB-Schiedsrichter-Abteilung, formulierte am Tag der Bekanntgabe ohne Bitterkeit: “Die Nominierten haben durch gute Leistungen auf sich aufmerksam gemacht und sind dafuer zurecht belohnt worden.” Hinter den Kulissen sehen DFB-Insider die Sache differenzierter.
Felix Zwayer fuehrt das deutsche Trio nach Nordamerika
Felix Zwayer, 44, ist seit 2007 Bundesliga-Schiri, seit 2012 FIFA-Schiri und seit Jahren der ranghoechste deutsche Unparteiische. Sein Team fuer die WM 2026 besteht aus Robert Kempter (Assistent, Mindelheim) und Christian Dietz (Assistent, Donauwoerth). Die drei pfeifen seit ueber einem Jahrzehnt zusammen, sie waren 2024 bei der Heim-EM im Einsatz und 2025 bei der Klub-WM in den USA. Im Mai 2025 leitete das Trio das Europa-League-Finale in Bilbao, das Tottenham mit 1:0 gegen Manchester United gewann. Die WM 2026 ist fuer Zwayer das dritte grosse Endrunden-Turnier - eine Erfahrungs-Kombination, die nur wenige aktive Schiris in Europa vorweisen koennen.
Sportlich kommt Zwayer in Topform nach Nordamerika. Im April 2026 leitete er das Champions-League-Halbfinal-Hinspiel zwischen Real Madrid und PSG, im Maerz das Italien-Albanien-WM-Quali-Playoff. Der DFB hat ihm zudem fuer die Saison 2025/26 acht Bundesliga-Topspiele zugewiesen, darunter den Bayern-Klassiker und das Revier-Derby. Innerhalb der UEFA gilt sein Spielmanagement (klare Linie, wenig Kartengebrauch, hohe Akzeptanz bei Trainern) als das Profil, das die FIFA fuer WM-Spiele bevorzugt.
Was Zwayers Trio in Nordamerika erwartet, ist anders als alles, was sie kennen. Die 16 Stadien liegen ueber drei Zeitzonen verteilt, die Reisen sind laenger als bei jeder fruheren WM, die Hitze-Belastung in Mexiko-Stadt, Houston und Miami koennte sich auf jeden Spieltag-Block auswirken. Der Eroeffnungs-Schiri ist noch nicht bekannt - die FIFA gibt die Spielzuweisungen erst rund 24 Stunden vor Anpfiff bekannt. Realistisch gilt Zwayer als Kandidat fuer ein bis zwei Gruppenphasen-Spiele und einen moeglichen Achtelfinal-Einsatz.
Daniel Siebert: Vom WM-Snub zum Budapest-Finale
Daniel Siebert, 42, ist der zweite Berliner im Bunde - und seit dem 9. April der prominenteste Nicht-Nominierte. Sieberts Profil ist auf dem Papier mindestens so vorzeigbar wie das Zwayers: Drei grosse Turniere in Folge (EM 2021, WM 2022 in Katar, EM 2024 in Deutschland), drei Klub-WM-Einsaetze 2025, in der laufenden CL-Saison neun Einsaetze. Beim CL-Achtelfinale Arsenal-PSV (1:0) und beim Halbfinal-Rueckspiel Arsenal-Atletico (1:0) leitete er Spiele auf dem hoechsten europaeischen Niveau.
Als die UEFA Ende April 2026 das Schiedsrichter-Team fuer das CL-Finale am 30. Mai in Budapest bekanntgab, war Siebert die deutsche Antwort auf den FIFA-Snub. Es war sein erstes europaeisches Vereinsfinale. Sein Team: die Assistenten Jan Seidel und Rafael Foltyn, die Video-Assistenten Bastian Dankert (der gleichzeitig zur WM faehrt) und Robert Schroeder. Knut Kircher kommentierte die Berufung mit einem Satz, der intern wie ein Schulterklopfen klingt: “Das groesste Spiel im europaeischen Vereinsfussball - welch eine Ehre fuer ihn und fuer uns.”
Sieberts Auftritt am 30. Mai war ein Lehrstueck. Die Fachpresse lobte die “fokussierte und gradlinige Spielleitung mit klarster Linie” in einem Spiel mit zwei Spitzenmannschaften, das in der Verlaengerung umkippte und im Elfmeterschiessen entschieden wurde. Sky-Experte Didi Hamann nannte die Leistung “Werbung fuer das deutsche Schiedsrichterwesen”. Zwei Szenen ragten heraus. In der 62. Minute zeigte Siebert auf den Punkt, nachdem Cristhian Mosquera Kvicha Kvaratskhelia im Strafraum gefoult hatte - Ousmane Dembele verwandelte zum 1:1, dem Endstand nach Verlaengerung. Kurz vor der Pause wollte Bukayo Saka eine Ecke ausfuehren, zog die Sache aber laenger hin, als Siebert akzeptierte; nach sechs Minuten Nachspielzeit pfiff der Berliner zur Pause und nahm Arsenal den Standard. Eine konsequente Anwendung der neuen Zeitspiel-Regel, die das IFAB im Februar 2026 beschlossen hatte. Die englische Bank reagierte irritiert, das deutsche Schiedsrichter-Establishment nickte.
Historisch reiht Siebert sich in eine kurze Liste ein. Er ist erst der fuenfte deutsche CL-Finale-Schiri nach Hellmut Krug (1998), Markus Merk (2003), Herbert Fandel (2007) und Felix Brych (2017). Drei von ihnen leiteten danach nie ein WM-Endspiel. Sieberts Karriere-Aussicht: weiter UEFA-Topspiele, vielleicht 2028 die EM in Grossbritannien, eine WM-Berufung 2030 mit dann 47 Jahren ist realistisch nicht mehr drin.
Bastian Dankert als alleiniger deutscher Video-Assistent
Bastian Dankert aus Rostock ist der vierte Deutsche im FIFA-Aufgebot, allerdings ausschliesslich als Video-Assistent. Dankert, 45, ist seit der Einfuehrung des VAR 2017 einer der konstantesten Video-Schiris des DFB. Bei der EM 2024, der Klub-WM 2025, der Frauen-WM 2023 und der EM 2021 war er VAR-Stammkraft, in Nordamerika gehoert er nun zu den 27 Video-Assistenten, die die WM 2026 absichern.
Wichtig fuer die WM 2026: Die FIFA wendet ab dem Eroeffnungsspiel am 11. Juni in Mexiko-Stadt die neuen IFAB-Regeln an, die den VAR-Eingriff erstmals auch bei Eckball/Abstoss-Entscheidungen erlaubt. Die Schiedsrichter wurden im Mai in mehreren Workshops in den USA und Mexiko gebrieft, die Video-Center wurden in Miami, Mexiko-Stadt und Vancouver eingerichtet. Dankert hat bei der Klub-WM 2025 bereits unter Wettkampfbedingungen mit dem System gearbeitet - ein Erfahrungsvorsprung gegenueber den meisten europaeischen Kollegen.
Warum die FIFA 2026 nur einen Deutschen mitnimmt - und 52 Schiris insgesamt
Die WM 2026 ist die erste Endrunde mit 48 Teams. Statt 64 Spielen wie in Katar sind 104 Partien zu pfeifen, vom 11. Juni bis zum 19. Juli, also in genau 38 Tagen. Daraus ergibt sich das deutlich vergroesserte Aufgebot. Trotzdem hat die FIFA das deutsche Kontingent nicht aufgestockt. Drei Gruende sind in Schiedsrichter-Kreisen zu hoeren.
Erstens das DFB-interne Ranking. Innerhalb der UEFA und dann der FIFA gilt seit einigen Jahren ein internationales Ranking-System (das sogenannte “Elite-Group”-Verfahren), das Schiris ueber Pflichtspiel-Bewertungen, Fitness-Tests und Schiedsrichter-Beobachter punktet. Zwayer hat sich in den letzten 18 Monaten stabil in der obersten Gruppe gehalten, Siebert ist in der zweiten Reihe gelandet - keine schwache Form, aber knapp ausserhalb des FIFA-Filters.
Zweitens die Nationen-Quote. Die FIFA achtet auf eine breite geografische Verteilung: 52 Schiris aus mehr als 40 Nationen, in Europa kommen nur sechs bis sieben Verbaende mit jeweils einem Schiri zum Zug. Wenn ein Verband zwei Plaetze bekommt (wie England), dann meist nur, weil ein Vor-Ort-Kandidat aus der Region (USA, Mexiko, Kanada) noch nicht reif ist. Deutschland hat keinen solchen Sonderbonus.
Drittens das Alters-Fenster. Siebert ist 42, Zwayer 44. Beide bewegen sich am Ende der typischen WM-Schiri-Karriere. Die FIFA hat 2026 sichtbar juengere Schiris (33-38) nominiert, die 2030 wieder dabei sein koennen. Sieberts WM-Snub ist insofern auch ein Generationswechsel: Die FIFA bereitet die naechste Welle vor, und Zwayer ist der Bonus-Veteran fuer 2026.
Die deutsche WM-Schiri-Bilanz seit 1990
Deutsche Schiedsrichter waren bei jeder WM seit 1990 dabei, ein WM-Endspiel hat aber bisher keiner von ihnen geleitet. Die wichtigsten Einsaetze in der juengeren Geschichte:
- WM 2002 (Japan/Suedkorea): Markus Merk leitete unter anderem das Halbfinale Brasilien gegen die Tuerkei (1:0) - bis heute der prestigetraechtigste WM-Einsatz eines deutschen Schiris.
- WM 2006 (Deutschland): Markus Merk pfiff drei Gruppenphasen-Spiele und war Vierter Offizieller beim Viertelfinale Spanien-Frankreich.
- WM 2010 (Suedafrika): Wolfgang Stark mit drei Gruppenspielen.
- WM 2014 (Brasilien): Felix Brych war mit zwei Gruppenspielen im Einsatz.
- WM 2018 (Russland): Felix Brych leitete in Kaliningrad das Gruppenspiel Serbien gegen die Schweiz (1:2) und musste nach Diskussionen um eine nicht gegebene Elfmeter-Szene und serbische Proteste vorzeitig abreisen.
- WM 2022 (Katar): Daniel Siebert leitete Tunesien-Australien (0:1) und das brisante Uruguay-Ghana (2:0) - die Cavani-Szene und die folgenden Proteste der Uruguayer bestimmten seinen WM-Abschied nach zwei Spielen.
- WM 2026 (USA/Kanada/Mexiko): Felix Zwayer ist Deutschlands Hoffnung.
Markus Merk kam mit dem Halbfinale 2002 dem Endspiel am naechsten heran. Felix Zwayer hat 2026 eine realistische Chance auf ein Achtelfinale, das Viertelfinale waere die Sensation, das Halbfinale ein Karriere-Hoehepunkt. Was er aus dem WM-Snub seines Berliner Kollegen Siebert macht, wird sich am Pfeif-Stil der ersten Gruppenphasen-Einsaetze zeigen. Die WM 2026 startet am 11. Juni in Mexiko-Stadt - dann faellt auch die erste FIFA-Spielzuweisung.
Fuer die deutsche Schiedsrichter-Szene bleibt nach dem 9. April und dem 30. Mai ein zwiespaeltiges Gefuehl. Zwayer in Nordamerika, Siebert in Budapest - der DFB schickt einen ins WM-Aufgebot, der andere zeigte am letzten Mai-Wochenende, was die FIFA verpasst hat. Es ist kein Drama, eher ein Lehrstueck in Karriere-Planung: Auf das groesste Vereinsfinale folgt nicht zwangslaeufig die groesste Nationen-Buehne.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.