De la Fuente ueber Argentinien: 'Unertraeglich und inakzeptabel'
Weltmeister-Trainer Luis de la Fuente hat im spanischen Fernsehen am 24.07.2026 die Post-Schlusspfiff-Reaktionen einiger Argentinier als inakzeptabel bezeichnet.
Von Marco Feldmann 24. Juli 2026
▍ POST-WM-BEWERTUNG · MADRID · 24.07.2026 · 13:00 UHR - Fuenf Tage nach dem 1:0-Endspielsieg gegen Argentinien im MetLife Stadium hat Spaniens Weltmeister-Trainer Luis de la Fuente die Post-Schlusspfiff-Szenen des Finales im spanischen Fernsehen deutlich verurteilt. “Das ist unertraeglich, inakzeptabel, das darf nicht sein”, sagte der 65-Jaehrige mit Blick auf die Handgemenge, die im Umfeld des Abpfiffs um Argentiniens Achter Leandro Paredes und den Cubarsi-Enzo-Fernandez-Zweikampf entstanden waren. Es ist die schaerfste Aussage eines Titeltraeger-Trainers zu einem WM-Endspiel-Kontrahenten seit dem Zidane-Materazzi-Kopfstoss 2006.
Die zwei Zitate: “gar nicht mitbekommen” und “das darf nicht sein”
De la Fuentes Interview-Passage im spanischen oeffentlichen Fernsehen bestand aus zwei zentralen Saetzen, die die journalistische Verwertung des Themas gepraegt haben. Erstens die situative Einordnung des eigenen Erlebens am Spielfeldrand: “In dem Moment habe ich es gar nicht mitbekommen. Ich habe gefeiert und meine Mitspieler umarmt.” Der Trainer machte deutlich, dass die Bilder ihm erst in den Tagen nach dem Titel in der Zeitraffer-Berichterstattung begegnet sind - waehrend seine Betreuer und die spanischen Bank-Spieler ihn nach dem Torres-Tor in der 106. Minute und dem finalen Abpfiff nach 90+16 Minuten umarmten, spielten sich am hinteren Rand des Rasens die von Paredes ausgeloesten Szenen ab.
Zweitens der Bewertungs-Satz zu den Bildern selbst: “Aber auf jeden Fall ist das unertraeglich, inakzeptabel, das darf nicht sein.” Die Doppelung “unertraeglich - inakzeptabel” ist in der spanischen Original-Formulierung (“insoportable - inaceptable”) deutlich, ohne polemisch zu sein. Der Trainer benannte keine einzelnen argentinischen Spieler oeffentlich, sondern generalisierte auf “Aggressionen” und “Provokationen”. Der bild-journalistische Kontext liess wenig Interpretations-Spielraum, gegen wen sich die Aussage richtete: die Sender-Wiederholungen der ersten drei Post-Finale-Tage hatten die Paredes-Sequenz und die 90+3.-Minute-Cubarsi-Enzo-Fernandez-Szene wiederholt gezeigt.
Die Szenen, auf die sich der Trainer bezieht - Paredes, Enzo Fernandez und die Handgemenge
Zentraler Bild-Moment war eine Sequenz um Argentiniens Doppel-Sechser Leandro Paredes. Nach dem Abpfiff lief Paredes im Umfeld des Mittelkreises auf Spaniens Innenverteidiger Eric Garcia zu und griff ihn kurz am Hals, bevor eigene und spanische Betreuer die Szene deeskalierten. Auf denselben Bildern ist zu sehen, wie Paredes anschliessend im Rangel-Kollektiv aeltere spanische Betreuer wegdrueckt.
Der zweite Schauplatz war die 90+3. Minute regulaerer Nachspielzeit, kurz vor dem Abpfiff der zweiten Halbzeit. Enzo Fernandez sah seine zweite Gelbe Karte des Abends fuer wiederholtes Foulspiel an Spaniens junger Innenverteidiger-Saeule Pau Cubarsi und musste die Kabine als erster Feldverweis eines WM-Endspiel-Kapitaens seit 2010 aufsuchen. Der Chelsea-Achter argumentierte lange mit Schiedsrichter Slavko Vincic, ehe er den Platz verliess.
Zwischen den beiden Marken - dem Cubarsi-Foulspiel-Feldverweis von Enzo Fernandez in der 90+3. und dem Paredes-Griff nach dem 90+16.-Minuten-Abpfiff - lagen 28 Minuten Verlaengerung inklusive Ferran Torres 1:0-Kopfball nach Nico-Williams-Flanke in der 106. Minute. In dieser Phase sammelte Argentinien vier weitere Gelbe Karten und rangelte an mehreren Stellen des Feldes. De la Fuente sprach in Summe von “Aggressionen und Provokationen”, denen seine Spieler nach seiner Einschaetzung “mit vorbildlicher Zurueckhaltung” begegnet seien.
Statistik der Nachspielzeit - sechs Gelbe fuer Argentinien, keine fuer Spanien
Die Karten-Bilanz des Endspiels dokumentiert die Feld-Asymmetrie, auf die der Trainer sich beruft. Argentinien sammelte im Verlauf der 90+16 Minuten sechs Gelbe Karten und eine Gelb-Rote Karte, Spanien blieb ohne Verwarnung. Die argentinischen Gelben verteilten sich auf Nicolas Otamendi (25.), Rodrigo De Paul (44.), Leandro Paredes (63.), Nicolas Tagliafico (82.), Julian Alvarez (98.) und Alexis Mac Allister (114.). Enzo Fernandez erhielt Gelb in der 71. und Gelb-Rot in der 90+3. Minute.
Eine 6:0-Karten-Bilanz ist im WM-Endspiel-Vergleich signifikant. Zum Vergleich: das Endspiel 2022 in Lusail (Argentinien - Frankreich 3:3 n.V., 4:2 i.E.) endete 4:4 in den Gelben Karten, das Endspiel 2014 in Rio (Deutschland - Argentinien 1:0 n.V.) 4:3 zugunsten Argentiniens. Ein Delta von sechs Karten ist in einem Finale ein Ausreisser, der die Aufregungs-Kurve nachvollziehbar macht. Aus spanischer Sicht liest sich die Ziffer als Beleg fuer die Diskussions-Grundlage, die De la Fuente in seiner Verurteilung anfuehrte.
Der Kontrast: “Bewunderung” fuer die Argentinier als Fussballer
Wichtig fuer die Einordnung des Trainer-Zitats ist die zweite Achse, die im selben Interview-Block sichtbar wurde. De la Fuente wuerdigte die argentinische Nationalmannschaft und Trainer Lionel Scaloni ausdruecklich als “exzellent” und trennte zwischen den sportlichen Qualitaeten der Auswahl und dem Verhalten einzelner nach dem Schlusspfiff. Die spanische Sky-Fassung des Interviews fasst diese zweite Achse mit dem Titel-Signal “Bewunderung, Bewunderung und noch mehr Bewunderung” zusammen.
Fuer den Trainer ist das keine bloss diplomatische Kurve, sondern eine journalistisch belastbare Distinktion. Argentinien war in den 116 Minuten von New Jersey der taktischen Aufloesung Spaniens nur mit Baucharbeit begegnet und hatte in der ersten Halbzeit die Ferran-Torres-Chancen (Kopfball 12., Flanke Yamal 27.) und die Cubarsi-Kopfball-Sequenz (44.) gut verteidigt. Die Neun-Rolle Lautaro Martinez war ueber weite Strecken unsichtbar; Messis Bewegungs-Radius blieb ohne Ball-Anschluss. Das sportliche Kompliment der Bewunderung galt der Grund-Anlage der argentinischen Auswahl, nicht dem Post-Turnier-Verhalten.
Die Trennung entspricht spanischer Trainer-Diplomatie, ohne sie zur Selbstverleugnung zu machen. De la Fuente ist mit dieser Doppelseite dorthin gekommen, wo er als 65-jaehriger Trainer nach dem Titelweg hin kommen wollte: Weltmeister-Coach mit klarer moralischer Innensicht, ohne die sportliche Auseinandersetzung mit dem Endspiel-Kontrahenten in den moralischen Rahmen zu ziehen.
Hitzlsperger als deutscher Vorlauf am 21. Juli
De la Fuentes Aussage vom 24. Juli ist der zweite prominente Widerhall der Paredes-Enzo-Fernandez-Bilder. Der erste kam aus Deutschland. Thomas Hitzlsperger hatte bereits am Dienstag, dem 21. Juli 2026, um 10:06 Uhr auf X einen Post veroeffentlicht, der die argentinische Post-Finale-Choreografie ohne diplomatische Umschreibung benannte: “Ich fand die paraguayische Mannschaft schwach - aber Paredes, Fernandez, Otamendi und die ganze Crew? Ekelhafte Sportler.” Der Post wurde von deutschen Redaktionen (sport1, sportbuzzer, spox) zitiert und weitertransportiert.
Zwischen dem Hitzlsperger-Tweet am Dienstag und dem De-la-Fuente-Interview am Freitag lag ein dreitaegiger Reaktions-Halbschlaf, in dem sich Trainer-Kollegen und Verbands-Funktionaere zurueckhielten. Der Titel-Gewinner-Coach war der erste Amtstraeger, der die Bilder benannte. Aus argentinischer Sicht ist diese Reihenfolge relevant: dass ein deutscher ehemaliger Nationalspieler die Kritik anfuehrte, war leicht abzuwehren; dass der Weltmeister-Trainer selbst am Freitag nachzieht, macht die Aussage schwerer beiseite zu schieben.
Der argentinische Verband AFA hat sich zum Vorgang bis Freitagmittag oeffentlich nicht geaeussert. Praesident Claudio Tapia befindet sich, wie gestern berichtet, in New York in einem eigenen Kontext von Post-Turnier-Ermittlungen. Die argentinische Nationalspieler-Delegation ist inzwischen nach Ezeiza heimgekehrt - ohne Lionel Messi und ohne Praesident Javier Milei am Flughafen.
FIFA-Disziplinarkommission ermittelt, Ausgang moeglicherweise wochenlang
Institutionell laeuft der Vorgang parallel zur oeffentlichen Debatte in einem FIFA-eigenen Rahmen. Die FIFA-Disziplinarkommission hat laut sport1-Bericht vom 24. Juli 2026 ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere argentinische Spieler eingeleitet. Formal fusst die Untersuchung auf den Artikeln 12 (unsportliches Verhalten) und 15 (Handgemenge) des Disziplinarreglements. Historisch fuehren solche Verfahren nach WM-Endspielen zu Sperren fuer die naechsten Pflichtspiele der Betroffenen.
Konkret waeren im argentinischen Kalender die Copa-America-Qualifikationsspiele im Herbst 2026 und die Auftakt-Spiele der WM-2030-Qualifikation ab Fruehjahr 2028 betroffen. Eine Sperre fuer Paredes im Copa-America-Cycle waere fuer Scaloni schmerzhaft, weil der Doppel-Sechser-Achter neben Rodrigo De Paul in den vergangenen Jahren die zentrale Ordnungskraft war. Enzo Fernandez, ohnehin fuer das erste Pflichtspiel wegen Gelb-Rot gesperrt, koennte je nach FIFA-Entscheid zusaetzliche Spielsperren erhalten.
Die Ermittlung fuegt sich in einen zweiten offenen Vorgang ein. Nach dem Falklands-Banner im Ezeiza-Fanblock nach dem Kap-Verde-Sechzehntelfinale hatte die FIFA-Ethik-Kammer im Anschluss bereits Ermittlungen eingeleitet - fuer die eine Entscheidung wenige Wochen aussteht. Der argentinische Verband bekommt damit die WM-2026-Nachwehen als Doppel-Front auf den Tisch: der Disziplinar-Vorgang um das Endspiel-Verhalten und der Ethik-Vorgang um das Falklands-Banner. Fuer De la Fuente ist der Weg der oeffentlichen Bewertung damit zunaechst am Freitagabend zu Ende: die Kommission arbeitet, der Weltmeister-Trainer hat gesprochen.
Warum das Zitat als journalistischer Marker bleibt
Zwei Sichtweisen zum Schluss. Aus spanischer Perspektive markiert De la Fuentes Freitag-Aussage das Ende der 100-Prozent-Feier-Phase des WM-Titels. Ab dem Wochenende beginnt die sportliche Fortschreibung: Marc Cucurella hat nach dem Sieg seinen Ruecktritt aus der Nationalmannschaft angekuendigt, Rodri und Sergi Roberto stehen vor derselben Frage. Der Trainer selbst muss sich in den kommenden Wochen zur Nations-League 2026/27 positionieren, in der Spanien in der Gruppe mit Portugal, den Niederlanden und der Schweiz spielt.
Aus argentinischer Perspektive bleibt der Vorgang die zweite institutionelle Nachwehe eines Endspiels, das sportlich noch verkraftbar war (1:0 in der 106. Minute nach 116 gespielten Minuten) und moralisch das Bild der WM-2022-Weltmeister-Auswahl zu kippen droht. Die Copa-America-Qualifikation im Oktober und November 2026 wird der erste Ort, an dem sich zeigt, wie Lionel Scaloni die Mannschaft aus der Post-Endspiel-Zone zurueckfuehrt - mit welcher Aufstellung, mit welchem Kapitaen, mit welcher rhetorischen Rahmung des Endspiels von New Jersey. Die Trainer-Bewertung eines siegenden Kollegen (“unertraeglich - inakzeptabel”) ist dabei zunaechst ein Zitat. Ob es historisch ein Zaesur-Zitat wird, entscheidet sich in den naechsten sechs Monaten.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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