Luis de la Fuente vor dem WM-Finale: "Nervoes macht mich nur der Helikopter"
Luis de la Fuente fuehrt Spanien am Sonntag ins WM-Finale gegen Argentinien. Ein Portraet des 65-Jaehrigen aus Haro: gradlinig, rational, sieben Endspiele.
Von Marco Feldmann 18. Juli 2026
Am Freitagabend im WM-Quartier East Rutherford wurde de la Fuente gefragt, wie nervoes ihn das Endspiel gegen Argentinien macht. Der 65-Jaehrige atmete kurz durch. “Ich bin ziemlich nervoes”, sagte er. Dann kam der Nachsatz, mit dem die Roja seit vier Jahren lebt. “Wir sind mit dem Helikopter hier hergeflogen. Alles andere macht mich nicht mehr nervoes.”
Es war ein typischer Luis-de-la-Fuente-Moment. Trocken, ohne Pose, ohne Show. Der Mann aus Haro fuehrt Spanien am Sonntag um 21:00 MESZ ins WM-Finale gegen Argentinien, es ist sein siebtes Endspiel als Trainer, und die vielleicht wichtigste Eigenschaft dieser spanischen Mannschaft im Sommer 2026 ist: Sie ist wie er.
Der Coach, der niemanden nervoes macht
De la Fuente ist kein Motivator im Vicente-del-Bosque-Sinn, kein Emotionalisierer wie sein Vorgaenger Julen Lopetegui, kein Selbstinszenierer wie Luis Enrique. Er ist gradlinig, rational, klug. Er redet leise, faellt nicht durch Sakkos oder Zitate auf, sondern durch die Art, wie er Elfmeter-Reihenfolgen sortiert und Trainingsblocks verteilt.
Genau so hat er die Roja umgebaut. Nach dem Achtelfinal-Aus 2022 in Katar gegen Marokko im Elfmeterschiessen war Spanien intellektuell muede. Luis Enriques Ballbesitz-Modell drehte sich im Kreis, die Auswahl aus Barcelona und Madrid war zerstritten. De la Fuente uebernahm im Dezember 2022 als vierter Kandidat, nachdem die grossen Namen abgesagt hatten. In Spanien nannten sie ihn “der Vertreter”. Er schob einen Satz nach vorn, mit dem er seither arbeitet. “Wie schafft man es, so oft im Finale zu stehen? Es ist wie bei allem im Leben. Wenn du etwas erreichen willst, gibt es einen Weg: Arbeiten und arbeiten und arbeiten.”
Vom Linksverteidiger aus Haro in die Nachwuchsakademie
De la Fuente wurde am 21. Juni 1961 in Haro geboren, einer 12.000-Einwohner-Stadt in La Rioja. Als Linksverteidiger spielte er zwischen 1980 und 1994 fuer Athletic Bilbao (mit einer Sevilla-Zwischenstation von 1987 bis 1991) und beendete seine Profikarriere bei Deportivo Alaves. Nach der aktiven Zeit trainierte er zunaechst kleine baskische Klubs, dann die B-Elf von Athletic Bilbao, dann kurz die Alaves-Profis.
Der Sprung, der alles veraenderte, kam im Mai 2013. Der spanische Verband RFEF holte ihn zur U19. Er lief unter dem Radar, aber er lieferte. Und er lieferte durchgehend.
U19-Gold, U21-Gold, Olympia-Silber - der stille Aufsteiger
2015 gewann de la Fuente mit der spanischen U19 die Europameisterschaft in Griechenland. 2019 wurde er mit der U21 in Italien Europameister. 2021 fuehrte er das Olympia-Team in Tokio ins Endspiel, wo Brasilien in der Verlaengerung mit 2:1 die Goldmedaille holte. Zwischen U19 und Olympia lagen sechs Jahre und drei Titelrunden - dazwischen die halbe La-Roja-Generation von heute: Fabian Ruiz war 2019 im U21-Kader, Dani Olmo, Mikel Merino, Marc Cucurella, Unai Simon spielten unter ihm bei Olympia. Als er im Dezember 2022 die A-Elf uebernahm, brauchte er kaum Einfuehrungsrunden. Er kannte die Spieler laenger als jeder Klubtrainer.
Das ist die Kontinuitaets-Achse, an der die Roja 2023 bis 2026 gebaut hat: ein Trainer, der drei Jugend-Jahrgaenge komplett kennt, dazu die 19-jaehrigen Nachzuegler Lamine Yamal und Pau Cubarsi aus La Masia.
Nach dem Katar-Aus 2022: Der stille Umbau der Roja
De la Fuentes Ansatz unterscheidet sich merklich vom klassischen Tiki-Taka der Del-Bosque-Aera. Ballbesitz bleibt hoch, aber nicht Selbstzweck. Die Roja hat 2024 in Deutschland und 2026 in den USA regelmaessig zwischen 55 und 62 Prozent Ballbesitz gehabt, deutlich unter den 70 Prozent der 2010er-Mannschaft. Dafuer laufen die Fluegel schneller vertikal, die Umschaltmomente sind haerter, der Zug in die Tiefe ist expliziter.
Das 2:0 gegen Frankreich im Halbfinale in Dallas war die Blaupause: Cucurella gewann 62,5 Prozent seiner Duelle auf der linken Seite, Dani Olmo drehte das Spiel mit seinem Regie-Radius zwischen den Linien, Frankreich kam auf einen erwarteten Torwert von 0,58. So wenig hat kaum eine Deschamps-Mannschaft in einem KO-Duell zugelassen.
Sieben Endspiele in vier Jahren
Rechnet man die Jugend-Titelspiele mit, ist das WM-Finale 2026 de la Fuentes siebtes Endspiel als Trainer. Als A-Trainer stehen zu Buche: der Nations-League-Titel im Juni 2023 mit dem 2:1 nach Verlaengerung gegen Kroatien, der EM-Titel im Juli 2024 mit dem 2:1 gegen England im Berliner Olympiastadion (Nico Williams, Oyarzabal), das Nations-League-Finale 2025 in Muenchen. Die Bilanz seit Dezember 2022 spricht fuer sich. Er hat kaum ein K.-o.-Spiel verloren.
Vor dem Endspiel gegen Argentinien und Lionel Messi sagt er trotzdem den gleichen Satz wie im Juli 2024 vor Berlin. “Es ist wie es ist. Aendert, was ihr aendern koennt, und was ihr nicht aendern koennt, ist wie es ist. Geniesst es.”
Die Messi-Erinnerung aus Sevilla
Auf der PK wurde de la Fuente gefragt, wie er Messi stoppen will. Er lachte kurz und erzaehlte von einem Nachwuchsspiel Sevilla gegen Barcelona vor 20 Jahren. “Wir haben ihn 70 Minuten manndecken lassen. Es stand 0:0. Dann hat er vier Tore gemacht.” Kurze Pause. “Wir werden ihn am Sonntag gut bewachen, aber bestimmt nicht manndecken.”
Es ist ein Satz, den Didier Deschamps, sein Gegenueber im Halbfinale, so nie gesagt haette. Bei Deschamps war Messi immer eine Zone. Bei de la Fuente ist Messi eine Erinnerung an die eigene Grenze. Das ist der Unterschied dieser beiden Trainer-Generationen: Deschamps steigt in Miami mit dem Spiel um Platz drei aus 25 Jahren Equipe Tricolore ab, de la Fuente steigt in East Rutherford in seine erste WM-Titel-Nacht ein.
Was am Sonntag im MetLife zaehlt
Der Anpfiff im MetLife Stadium faellt um 21:00 MESZ. Spanien hat einen Tag Regenerations-Vorteil auf Argentinien: HF-1 Spanien-Frankreich lief am Dienstag, HF-2 Argentinien-England am Mittwoch. Vier Naechte gegen drei. Die Sportwissenschaft nennt das einen “leichten Vorteil”; de la Fuente nennt es “geplant”.
Wenn Spanien am Sonntagabend den zweiten Weltmeistertitel nach Johannesburg 2010 holt, wird der 65-Jaehrige aus Haro als zweiter spanischer Trainer die WM gewonnen haben, nach Vicente del Bosque 2010 in Johannesburg. Und er wird vermutlich den gleichen Satz sagen, den er nach Berlin 2024 gesagt hat.
Arbeiten. Arbeiten. Arbeiten.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
Mehr aus WM 2026
Deschamps' Abschied nach 25 Jahren Equipe Tricolore: 'Das Schoenste, was mir passiert ist'
17.07.2026
WM 2026Blatter attackiert die FIFA: 'Kopie des Super Bowls' - Kritik am WM-Finale 2026
17.07.2026
WM 2026WM-Finale 2026: Ein Tag mehr Pause - der stille Vorteil Spaniens gegen Argentinien
17.07.2026