Zum Inhalt springen
WM 2026

Blatter attackiert die FIFA: 'Kopie des Super Bowls' - Kritik am WM-Finale 2026

Sepp Blatter attackiert am 17. Juli 2026 auf X die verlaengerte Halbzeitshow des WM-Finales als 'Kopie des Super Bowls'. Ex-Praesident vs. Nachfolger Infantino.

Von Marco Feldmann 17. Juli 2026

Muenchen, 1. Dezember 2005: Sepp Blatter bei der BAMBI-Verleihung als amtierender FIFA-Praesident. 21 Jahre spaeter attackiert der 90-Jaehrige auf X seinen Nachfolger Gianni Infantino wegen der Halbzeitshow-Verlaengerung im WM-Finale 2026 im MetLife Stadium (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Zwei Tage vor dem WM-Finale 2026 zwischen Argentinien und Spanien im MetLife Stadium hat sich der prominenteste Kritiker der aktuellen FIFA-Fuehrung persoenlich zu Wort gemeldet: Sepp Blatter, von 1998 bis 2015 FIFA-Praesident, attackiert seinen Nachfolger Gianni Infantino am Freitag, 17. Juli 2026, um 18:11 Uhr auf der Plattform X wegen der verlaengerten Halbzeitshow. Der 90-Jaehrige nennt das Endspiel eine “Kopie des Super Bowls” und schliesst mit der Frage “Quo vadis, FIFA?”. Der Post fiel einen Tag nach der FIFA-Ansage vom Donnerstag, die Halbzeitpause fuer die Show mit Madonna, Shakira und BTS auf rund 25 Minuten zu strecken - statt der ursprunglich am 3. Juli in Aussicht gestellten 15-Minuten-Grenze. Wir dokumentieren den Wortlaut, ordnen den Konflikt zwischen Ex-Praesident und Amtsinhaber ein und stellen die Halbzeitshow-Debatte in den groesseren Rahmen der Amerikanisierung des Turniers.

Der X-Post am 17. Juli: die vier Saetze im Wortlaut

Blatters Post am Freitagabend besteht aus vier zusammenhaengenden Saetzen. Wortlaut nach der Wiedergabe im sportschau-Liveblog unter der Ueberschrift “Super-Bowl-Kopie: Blatter schiesst gegen die FIFA”:

“Die Trinkpausen waren erst der Anfang. Am Sonntag erwartet uns im WM-Finale der Hoehepunkt des Turniers - die laengste Halbzeitpause der Fussballgeschichte. Das WM-Finale als Kopie des Super Bowls. Quo vadis, FIFA?”

Vier Saetze, vier Argumente. Satz eins spannt einen Erzaehlbogen von den kritisierten Trinkpausen bei Hitze ueber die Turnier-Dauer bis zum Endspiel und rahmt die Halbzeitshow als vorlaeufigen Zielpunkt einer schleichenden Regelaufweichung. Satz zwei setzt den ironischen Superlativ - die “laengste Halbzeitpause der Fussballgeschichte” ist historisch nicht nachweisbar, aber rhetorisch wirksam. Satz drei liefert die Zuspitzung: der WM-Endspiel-Modus als NFL-Kopie. Satz vier ist die rhetorische Frage - “Quo vadis, FIFA?” - die den institutionellen Zweifel formuliert, ohne den Amtsinhaber Infantino namentlich zu nennen.

Blatter vs. Infantino: das seit 2015 tobende Nachfolge-Duell

Der Post fuegt sich in eine seit gut zehn Jahren laufende Reihe oeffentlicher Interventionen. Blatter war am 2. Juni 2015 in Zuerich zurueckgetreten, nur vier Tage nach seiner fuenften Wiederwahl - der FBI-Zugriff auf FIFA-Funktionaere hatte den Verband an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Wir haben die US-Justiz-Achse und ihre Verwertung im Wahlkampf um seine Nachfolge in unserer Recherche USA vom Anklaeger zum Geschaeftspartner der FIFA rekonstruiert. Am 26. Februar 2016 gewann Gianni Infantino, damals UEFA-Generalsekretaer, die ausserordentliche Praesidentschaftswahl - mit sichtbarer Unterstuetzung des US-amerikanischen Verbandspraesidenten Sunil Gulati.

Seither hat Blatter die Infantino-FIFA in unregelmaessigen Abstaenden aus dem Ruhestand heraus attackiert: gegen die Erweiterung auf 48 WM-Teilnehmer, gegen die Vergabe der Klub-WM 2025 an die USA, gegen die Naehe des Weltverbands zur Trump-Administration. Der Halbzeitshow-Post markiert nun die naechste Stufe: aus der institutionellen Debatte um Bandenwerbung und Playoff-Systeme wird eine Debatte um das visuelle Format des wichtigsten Fussballspiels der Welt.

Der Halbzeitshow-Streit: 25 Minuten, IFAB-Ausnahme, Sportmedizin

Die von Blatter angegriffene Show-Verlaengerung hat drei Ansagen durchlaufen. Zuerst kuendigte die FIFA im Fruehsommer 2026 gemeinsam mit Global Citizen die Halbzeitshow mit Madonna, Shakira und BTS an. Am 3. Juli deutete Organisationschef Hugh Evans im ARD-Studio New York eine Beschraenkung auf elf Minuten reine Show-Zeit plus vier Minuten Auf- und Abbau an - in Summe die regulaeren 15 Minuten der IFAB-Spielregel 7. Am 16. Juli revidierte die FIFA diese Rechnung: rund 25 Minuten Halbzeitpause, mit Sportmedizin-Kritik von Hans-Georg Predel.

Formal-juristisch ist die Ausdehnung durch eine IFAB-Einzelfallgenehmigung fuer das WM-Finale abgedeckt. Sport-medizinisch bleibt Predels Einwand stehen: Bei Rueckgang der Muskeltemperatur um ein bis zwei Grad Celsius sinken Kraftentwicklung, Sprintgeschwindigkeit und neuromuskulaere Aktivierung, das Verletzungsrisiko in den ersten Minuten der zweiten Halbzeit steigt. Blatters Post arbeitet diese sportmedizinische Kritik nicht aus - er greift das Format grundsaetzlich an, nicht die Physiologie.

Amerikanisierung als roter Faden: Trinkpausen, Ringe, Halbzeit

Blatter bettet die Halbzeitshow in eine Reihe von Turnier-Neuerungen mit US-Handschrift ein, die er als Bruch mit der Fussball-Tradition liest:

  • Trinkpausen bei Hitze in amerikanischen Stadien - eingefuehrt fuer die WM 2026 nach der Klub-WM 2025, kritisiert unter anderem von Chelsea-Trainer Mauricio Pochettino, weil sie den Spielfluss zerreissen und in der Bruecke des unregelmaessigen Zeitraums fast beliebig einsetzbar sind.
  • Der FIFA-Champion-Ring nach NFL-Vorbild - erstmals in der 92-jaehrigen WM-Geschichte, in einer 2.026 durchnummerierten Kollektion, mit Ring-Zeremonie a la NFL-Franchise-Owner-Gala.
  • Die Halbzeitshow im Super-Bowl-Format - zum ersten Mal in einer Fussball-WM mit dem operativen Muster, das die NFL seit den 1990er-Jahren perfektioniert hat.

Der rote Faden ist die Uebernahme US-amerikanischer Sport-Konventionen in das WM-Format. Blatter benennt diesen Faden mit dem lateinischen Halbsatz “Quo vadis, FIFA?” - “Wohin gehst du, FIFA?” - und macht die Frage nach der institutionellen Identitaet des Weltverbands zum Kern seiner Kritik.

Quo vadis, FIFA? Einordnung Blatter-Kritik als Diskurs-Verstaerker

Fuer die FIFA-Fuehrung um Infantino wiegt Blatters Post schwerer, als es sein knapper Umfang vermuten laesst. Zum einen ist Blatter kein Aussenstehender, sondern ein 17 Jahre lang amtierender Ex-Praesident, dessen Kritik in der lateinamerikanischen und afrikanischen FIFA-Basis bis heute nachhallt - genau in den Regionen, in denen Infantino seine Wiederwahl 2027 abzusichern versucht. Am Freitag hatte der kicker parallel gemeldet, dass Infantino mehr als 200 Unterstuetzerschreiben der Mitgliedsverbaende zusammen habe.

Zum anderen verstaerkt der Post die im WM-Vorlauf ohnehin virulente Amerikanisierungs-Debatte kurz vor der medialen Spitzenphase. Am Samstag steigt das Spiel um Platz 3 in Miami zwischen England und Frankreich, am Sonntag folgt das Finale. Die Halbzeitpause wird um 21:45 Uhr MESZ beginnen und den Wiederanpfiff auf etwa 22:10 Uhr MESZ verschieben. Die 25 Minuten sind damit auch der operative Punkt, an dem sich Blatters Kritik am Sonntag empirisch messen lassen wird - an den Zaehler-Uhren der TV-Uebertragung, an der Muskeltemperatur der 22 Feldspieler und an der Frage, ob die Show-Choreographie aus Madonna, Shakira und BTS einen eigenen Fussball-Moment schaffen kann oder ob sich am 19. Juli 2026 die letzte grosse Halbzeit-Klausel des klassischen Fussballs unaufhaltsam in ein Broadcast-Format wandelt, das die NFL vor 60 Jahren erfunden hat.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

Mehr aus WM 2026