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WM 2026

Deschamps' Abschied nach 25 Jahren Equipe Tricolore: 'Das Schoenste, was mir passiert ist'

Deschamps beendet in Miami 25 Jahre Equipe Tricolore. Auf der Abschieds-PK zieht der WM-Kapitaen-und-Weltmeister-Trainer den Bogen von 1998 bis 2026.

Von Marco Feldmann 17. Juli 2026

Doha, 17. Dezember 2022: Didier Deschamps auf der Pressekonferenz einen Tag vor dem WM-Finale 2022 gegen Argentinien. Dreieinhalb Jahre spaeter beendet der Weltmeister-Trainer in Miami eine 25-jaehrige Karriere in der franzoesischen Nationalmannschaft (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Am Freitagabend im WM-Quartier in Miami hat Didier Deschamps auf der Pressekonferenz vor dem Spiel um Platz 3 gegen England den Bogen ueber ein Vierteljahrhundert selbst gezogen. “Es ist das Schoenste, was mir passiert ist”, sagte der 57-jaehrige Franzose ueber seine Beziehung zur Equipe Tricolore. “Es hat 25 Jahre meines Lebens eingenommen, und das praegt einen.” Am Samstagabend um 23:00 Uhr MESZ im Hard Rock Stadium in Miami Gardens sitzt Deschamps zum letzten Mal auf der franzoesischen Bank. Danach uebernimmt nach uebereinstimmenden Berichten der franzoesischen Sportpresse Zinedine Zidane die Equipe Tricolore. Aus einem 14-jaehrigen Cheftrainer wird ein Ex-Cheftrainer, aus einem 25 Jahre lang praesenten franzoesischen Fussball-Gesicht ein pensioniertes.

“Ich weiss, dass morgen der Vorhang faellt”, sagte Deschamps auf der PK weiter. “Hier wird niemand weinen, aber die franzoesische Nationalmannschaft wird mir fehlen.” Die zwei Saetze sind der emotionale Kern des franzoesischen Abschieds: Distanz, Pragmatismus und - ganz am Schluss - Zuneigung. Deschamps war nie ein Emotions-Trainer im Stile eines Juergen Klopp oder eines Louis van Gaal. Er war der Pragmatiker, dem Frankreich in 14 Jahren einen WM-Titel, ein zweites WM-Finale, ein EM-Finale, ein EM-Halbfinale und den Sieg in der UEFA Nations League 2021 verdankt - und mit dem die franzoesische Sportoeffentlichkeit trotzdem nie ganz warm wurde.

Die Abschieds-PK in Miami: fuenf Saetze fuer eine Aera

Die Pressekonferenz am Freitagnachmittag Ortszeit war ausschliesslich in Form und Ablauf ein routinierter WM-Spieltag-vor-dem-Spiel-Termin. Inhaltlich war sie das Gegenteil davon. Deschamps hatte sich sichtlich vorbereitet, die Antworten waren, wie so oft, in kurzen, prazisen Saetzen formuliert. “Ich hatte das Privileg, 14 Jahre lang magische, aber auch schwierige Momente zu erleben”, sagte er auf die Frage nach der Trainer-Zeit. Und, mit Blick auf die 90 Minuten in Miami: “Wenn man fuer Frankreich spielt, hat man Pflichten. Wir werden alles tun, damit dieses Spiel gut verlaeuft.”

Der Satz von den “unvergesslichen Erinnerungen”, den er zwischendurch fallen liess, ist die diskrete Zwischenzeile: 14 Jahre auf der Trainer-Bank, davor 11 Jahre als Spieler-Kapitaen. Am Ende steht keine Karriere-Podcast-Erzaehlung - dafuer ist Deschamps nicht der Typ - sondern eine sachliche Feststellung. Das Vierteljahrhundert praegt.

Der Spieler-Kapitaen 1989-2000: vom Bayonne-Talent zum Weltmeister-Kapitaen

Deschamps wurde in Bayonne im franzoesischen Suedwesten geboren und stieg als defensiver Mittelfeldspieler bei FC Nantes, Olympique Marseille und Juventus Turin zur europaeischen Spitzenklasse auf. Im Nationalmannschafts-Trikot debuetierte er am 29. April 1989 gegen Jugoslawien. In der Aera Michel Platini - erst als Spieler-Ende, spaeter als Verbands-Praesident und Selektionaer - reifte Deschamps zum Kapitaen. Unter Aime Jacquet fuehrte er die Equipe Tricolore am 12. Juli 1998 im heimischen Stade de France mit dem 3:0 gegen Brasilien zum ersten WM-Titel der franzoesischen Historie - Zidane-Doppelpack per Kopf, Petit-Konter zum 3:0. Zwei Jahre spaeter kroente Deschamps als Kapitaen die Aera mit dem EM-Titel 2000 in Rotterdam (2:1 gegen Italien nach golden goal von David Trezeguet).

Beckenbauer-Zagallo-Deschamps ist die kurze Liste der Fussballer, die den WM-Titel sowohl als Kapitaen als auch als Cheftrainer gewonnen haben. Franz Beckenbauer war Kapitaen 1974 und Teamchef 1990. Mario Zagallo Spieler 1958 und 1962, Cheftrainer 1970. Deschamps Kapitaen 1998, Cheftrainer 2018. Es ist eine der duennsten Statistiken des internationalen Fussballs - und der Titel-Hintergrund fuer den Satz von der “Nationalmannschaft als das Schoenste”.

Der dienstaelteste Cheftrainer 2012-2026: Titel-Tableau und Reputations-Achse

Am 8. Juli 2012 uebernahm Deschamps von Laurent Blanc das franzoesische Cheftrainer-Amt. Genau 14 Jahre spaeter, am 19. Juli 2026, endet die Amtszeit mit dem Endspiel-Tag in East Rutherford - das Frankreich ohne Beteiligung sehen wird. In der Amtsphase erreichte die Equipe Tricolore die WM-Viertelfinal-Runde 2014 in Brasilien (0:1 gegen Deutschland), das EM-Endspiel 2016 im eigenen Land (0:1 gegen Portugal nach Verlaengerung), den WM-Titel 2018 in Moskau (4:2 gegen Kroatien), das WM-Endspiel 2022 in Lusail (3:3 nach Verlaengerung gegen Argentinien, 2:4 im Elfmeterschiessen), den Sieg in der Nations League 2021 (2:1 gegen Spanien in Mailand) und das EM-Halbfinale 2024 in Muenchen (1:2 gegen Spanien). Bei der WM 2026 reichte es zum Halbfinal-Einzug und zur 0:2-Niederlage gegen Spanien im AT&T Stadium in Arlington.

Reputations-historisch bleibt das Bild ambivalent. Auf der einen Seite steht die statistisch dichteste Turnier-Bilanz eines franzoesischen Cheftrainers - sechs Turnier-Halbfinale in Folge zwischen EM 2016 und WM 2026. Auf der anderen der Vorwurf des zu defensiv angelegten Spiels, den Eden Hazard 2018 mit dem Satz auf den Punkt brachte, er wuerde “lieber mit Belgien verlieren als mit Frankreich gewinnen”. Die franzoesische Sportpresse hat den Reifepruefungs-Ton der WM 2026 vor dem Marokko-Viertelfinale noch einmal aufgenommen - und mit der 2:0-Erledigung in Boston verstummen lassen. Nur um im Halbfinale in Dallas gegen die Roja neu einzusetzen.

Der Vorhang faellt in Miami: was der Samstagabend fuer Deschamps bedeutet

Sportlich ist die Miami-Partie das kleine Finale. Die FIFA-Praemie schuettet 29 Millionen US-Dollar fuer den Dritten aus, 27 Millionen fuer den Vierten - das Delta von zwei Millionen ist eine Haushalts-Position, keine Nebensache. Sportlich winkt die Bronze-Medaille, die auf dem Rasen an alle Spieler und den Trainerstab uebergeben wird. Emotionell ist es der Abschied vor der Bank, das letzte Team-Foto in der Kabine, der letzte Handschlag mit Kylian Mbappe.

Deschamps’ Auftritt an diesem Samstagabend wird alles andere als sentimental sein - dafuer hat er auf der PK die Erwartungshaltung selbst gesetzt: “Hier wird niemand weinen.” Was er von seiner Mannschaft erwartet, ist Disziplin, taktische Kompaktheit gegen Thomas Tuchels England-Auswahl und die Bronze-Medaille als sportlichen Trostpreis nach dem verpassten dritten WM-Endspiel in Folge. Guy Stephan, seit 2012 sein Co-Trainer und stille Buchhalter der Deschamps-Aera, wird an der Seite stehen. Innerhalb der Kabine bleibt das persoenliche Vorzeichen der letzten Wochen praesent: Deschamps’ Mutter ist waehrend der Gruppenphase gestorben, der Trainer war fuer die Trauerfeier kurz nach Frankreich zurueckgekehrt. Der emotionalen Belastung wird die Miami-Partie ein sichtbares Ende setzen.

Zidane-Uebergang: warum die Nachfolge ein 25-Jahre-Motiv weitertraegt

Der wahrscheinliche Nachfolger auf der Trainer-Bank ist Zinedine Zidane, wie die franzoesische Sportpresse in den letzten Monaten uebereinstimmend berichtet und die Sportschau in ihrer Einordnung von heute Nachmittag bestaetigt. Aus der Deschamps-Perspektive ist die Nachfolge kein Bruch, sondern die Fortschreibung eines 25-Jahre-Motivs. Zidane und Deschamps standen zwischen 1998 und 2000 gemeinsam in der franzoesischen Nationalmannschaft und gewannen den WM-Titel 1998 (Zidane-Doppelpack im Endspiel, Deschamps als Kapitaen) sowie den EM-Titel 2000. Der Uebergang ist damit personell ein Wechsel zwischen zwei Kapitaenen der Weltmeister-Mannschaft von 1998 - und stilistisch, so das Signal aus der franzoesischen Sportoeffentlichkeit, eine erwartete Aesthetik-Verschiebung Richtung Ballbesitz und Glamour.

Fuer Zidane, 54, waere die Equipe Tricolore die dritte Trainer-Station nach Real Madrid I (2016-2018, drei Champions-League-Titel in Folge) und Real Madrid II (2019-2021). Seit dem zweiten Real-Abschied im Mai 2021 hat der einstige Ballon-d’Or-Gewinner keinen Verein trainiert.

Einordnung: was von der Aera Deschamps bleibt

Wenn am Samstagabend um 23:00 Uhr MESZ in Miami die 90 Minuten anpfeifen, tritt die franzoesische Nationalmannschaft in eine Zwischenzeit: nach 14 Jahren Deschamps auf der Bank, vor der Zidane-Zeit, die formal erst nach dem Endspiel-Sonntag beginnen wird. In der langen Erzaehlung der Equipe Tricolore wird die Aera Deschamps als der zaehe, statistisch dichte, oeffentlich unterkuehlte, sportlich stabilste Zeitraum der franzoesischen Verbandshistorie stehen. Als Kapitaen 1998 und Trainer 2018 bleibt Deschamps in der Rekordliste des internationalen Fussballs eingeschrieben. Am Freitag hat er den Rest der Bilanz auf einen Satz zusammengefasst: das Schoenste, was ihm passiert ist. Das ist nicht das Fazit eines Fussballers, der die 25 Jahre in einem PR-Termin einordnen liess. Das ist das Fazit eines Franzosen, der die Nationalmannschaft zu seinem beruflichen Zuhause gemacht hat - und der in Miami am Samstagabend zum letzten Mal die Tuer hinter sich zumacht.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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