VAR-Geste vor Deutschland - Curacao: Shaun Evans erklaert es, die FIFA schliesst den Fall
FIFA-Disziplinarkammer schliesst den Fall um Shaun Evans nach der Pre-Match-Geste vor dem deutschen WM-Auftakt: 'unwillkuerliches, unterbewusstes Zucken'.
Von Lukas Brandt 16. Juni 2026
Die Auftaktpartie der deutschen Mannschaft gegen Curacao am 14. Juni 2026 in Houston war nach dem 7:1 sportlich entschieden. In den Stunden danach beschaeftigte ein Detail das Netz, das mit dem Spiel selbst nichts zu tun hatte: eine Geste eines VAR-Assistenten bei der Vorstellung der Offiziellen im FIFA-Weltbild vor dem Anpfiff. Der Australier Shaun Evans formte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis und spreizte die uebrigen drei Finger ab - eine in den letzten Jahren von Teilen der rechtsextremen Szene umgedeutete Variante des “Okay”-Zeichens. Am 15. Juni hat sich Evans erklaert, am gleichen Tag hat die FIFA-Disziplinarkammer den Fall geschlossen. Die Anti-Diskriminierungs-Organisation FARE ist damit nicht einverstanden.
Was vor dem deutschen WM-Auftakt geschah
Die Szene laeuft im Standard-Ablauf jedes WM-Spiels: Wenige Minuten vor dem Anpfiff zeigt das FIFA-Weltbild nacheinander die vier sichtbaren Unparteiischen am Spielfeldrand, anschliessend per Live-Einspielung aus dem Video Operation Room in Doha die drei VAR-Funktionaere am Monitor. Bei Deutschland gegen Curacao standen im VOR der Schweizer Sandro Schaerer als Haupt-VAR sowie zwei Assistenten, einer davon Shaun Evans. Waehrend Evans namentlich eingeblendet wurde, hob er die rechte Hand und formte mit Daumen und Zeigefinger fuer eine knappe Sekunde einen Kreis, die uebrigen drei Finger gespreizt.
Die Aufnahme zirkulierte binnen Minuten in den sozialen Netzwerken - vor allem auf Plattformen, in denen rechtsextreme Codes seit Jahren systematisch verbreitet und identifiziert werden. Die Vorwuerfe richteten sich gegen Evans persoenlich: Die Geste sei das umgekehrte “Okay”-Zeichen, das in der rechtsextremen Szene international als sogenanntes “White-Power”-Symbol kursiert. Auf dem Rasen in Houston bekam vom Vorgang noch niemand etwas mit - auf dem Platz pfiff der marokkanische Schiedsrichter Jalal Jayed, Evans war als VAR-Assistent dem Spiel zugeteilt, sass also raeumlich weit weg.
Evans-Erklaerung: “Unwillkuerliches, unterbewusstes Zucken”
Bis Sonntagabend hatten internationale Medien - darunter The Athletic und mehrere britische Boulevardtitel - berichtet, dass die FIFA von Evans eine Erklaerung erbeten habe. Am Montagnachmittag, also einen Tag nach der Partie, gab die FIFA die schriftliche Stellungnahme des 38-Jaehrigen an die Sportmedien weiter. Evans schrieb darin:
“Ich habe nicht absichtlich eine Handgeste oder ein Symbol gezeigt. Die einzige Erklaerung, die ich dafuer habe, ist, dass es sich bei der Bewegung um ein unwillkuerliches, unterbewusstes Zucken handelte, dessen ich mir in dem Moment, in dem ich es ausfuehrte, nicht einmal bewusst war.”
In den Sportschau-Schlagzeilen fuhr der Satz auf eine drei-Worte-Variante zusammen: “Es war ein Zucken.” Evans betonte in der vollstaendigen Mitteilung, er distanziere sich “in jeder Form” von der rechtsextremen Lesart, die ihm zugeschrieben werde, und verwies darauf, dass das Zeichen “in den meisten Teilen der Welt als harmloses Okay verstanden” werde.
FIFA-Disziplinarkammer: “Keine Hinweise auf Verstoesse”
Parallel zur Stellungnahme veroeffentlichte die FIFA-Disziplinarkammer ihre Entscheidung. Die Kammer hatte am Montag in einer kurzfristig anberaumten Schaltkonferenz den Fall geprueft. Das Ergebnis: keine Sperre, keine Verwarnung, keine Geldstrafe. In der Mitteilung heisst es, die Kammer habe “keine Hinweise auf Verstoesse gegen den FIFA-Disziplinarkodex” gefunden. Damit ist Evans formal entlastet und bleibt im VAR-Pool der WM 2026 - 24 Video-Assistenten sind fuer das Turnier nominiert, Evans gehoert zur Gruppe der drei aus der Asian Football Confederation entsandten Funktionaere.
Im Vergleich zur Transparenz, die die FIFA in den anderen beiden VAR-Diskussionen dieser WM 2026 gezeigt hatte - der VAR-Premiere mit Elfmeter-Korrektur im Eroeffnungsspiel USA gegen Paraguay und der eingeraeumten Animations-Panne bei Schweiz gegen Katar - faellt die Mitteilung knapp aus. Eine inhaltliche Begruendung, warum die Kammer Evans’ Erklaerung folgt, wird nicht geliefert.
FARE fordert Konsequenzen, ADL mahnt zur Vorsicht
Mit der FIFA-Entscheidung ist die Debatte nicht beendet. Die in Wien sitzende Anti-Diskriminierungs-Organisation FARE (Football Against Racism in Europe) widerspricht oeffentlich. Die Geste, so FARE in einer am Sonntagabend veroeffentlichten Mitteilung, “aehnelt deutlich der weltweit in rechtsextremen Kreisen verwendeten umgedrehten Okay-Geste”. Ein WM-Funktionaer, der ein solches Zeichen zeige - ob bewusst oder nicht - solle “bei dieser WM keine weitere Rolle mehr spielen”. FARE forderte die FIFA auf, Evans aus dem VAR-Pool zu nehmen.
Eine differenziertere Einordnung kommt von der in den USA ansaessigen Anti-Defamation League (ADL). Die ADL fuehrt das Symbol seit 2019 in ihrer Liste der “Hate Symbols” - mit dem ausdruecklichen Hinweis, dass die Geste “ueberwiegend harmlose Bedeutungen” habe, beim Tauchen, im Schul- und Buerokontext oder als Spielzeichen. Wegen dieser Vielfaeltigkeit, so die ADL, sei “besondere Vorsicht” geboten; “voreilige Schluesse ueber die Absicht einer Person” sollten vermieden werden.
Wer ist Shaun Evans?
Evans ist 38, Australier und steht seit 2017 auf der FIFA-Liste. Er hat ueber 200 Spiele in Australiens A-League gepfiffen, sowohl als Schiedsrichter als auch als Video-Assistent, und gehoerte bereits beim Turnier in Katar 2022 zum VAR-Pool der Weltmeisterschaft. Dort betreute er drei Spiele am Monitor, ohne dass es zu sichtbaren Eingriffen oder Diskussionen kam. Innerhalb der AFC zaehlt Evans zu den drei Schiedsrichtern, die der Verband fuer das WM-Aufgebot nominierte; sein Spezialgebiet ist die VAR-Arbeit, nicht das Pfeifen auf dem Platz.
Politisch ist Evans bisher nicht in Erscheinung getreten. Australische Medien betonten am Montag, sein Klub-Engagement in der A-League sei in den Schiedsrichter-Bewertungen stets unauffaellig gewesen; in den vergangenen Jahren habe er sich auch oeffentlich nie politisch positioniert. Sein letzter grosser internationaler Einsatz vor der WM 2026 war die Klub-Weltmeisterschaft 2025 in den USA, wo Evans ebenfalls als VAR-Assistent eingeteilt war.
Folge fuer den Rest des Turniers: Blick weg von der Kamera
Eine sichtbare Konsequenz hat der Vorfall trotz der Disziplinarkammer-Entscheidung. Bereits am 15. Juni - in den drei Spielen Belgien gegen Aegypten, Spanien gegen Kap Verde und Frankreich gegen Senegal - blickten die VAR-Schiedsrichter bei der Vorstellung der Offiziellen im FIFA-Weltbild nicht mehr direkt in die Kamera. Statt eines kurzen Nickens oder einer Geste war nur noch ein gesenkter Kopf zu sehen.
Eine offizielle Anweisung der FIFA dazu wurde nicht kommuniziert. Innerhalb des 24-koepfigen VAR-Pools, der waehrend des Turniers gemeinsam in Doha am Monitor arbeitet, gilt der Wechsel als stille interne Abstimmung. Damit endet die VAR-Geschichte der ersten Turnierwoche an einer Stelle, an der ein Hauptdarsteller das Bild verlaesst, bevor das Bild ihn ueberhaupt aufnehmen kann.
Fuer das DFB-Team ist die Sache geraeuschlos. Die Mannschaft selbst war von der Diskussion nicht betroffen, das 7:1 in Houston bleibt das sportliche Mass des Auftakts. Der erste Vorbeimarsch der VAR-Vorstellung bei einem deutschen WM-Spiel hat trotzdem einen Eintrag in der Chronik dieser Weltmeisterschaft hinterlassen: vor dem Anpfiff, am Monitor, in Doha.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
Mehr aus WM 2026
"Das am meisten unterdrückte Team": Irans Klage über US-Schikanen bei der WM 2026 geht nach dem 2:2 weiter
16.06.2026
WM 2026Argentinien - Algerien Vorbericht: Messis 200. Länderspiel und seine veränderte Rolle beim WM-Auftakt
16.06.2026
WM 2026DR Kongo - Usbekistan: Tipp, Prognose und Vorbericht zum 3. WM-Spieltag 2026 in Atlanta
16.06.2026