Goethberg gegen Lazio: CAS-Urteil zum Schwangerschaftsschutz im Frauenfussball
CAS-Urteil vom 24.06.2026: Lazio Rom muss Maja Goethberg 69.333 Euro zahlen. Der Klub liess die Schwedin fallen, nachdem sie ihre Schwangerschaft gemeldet hatte.
Von Nina Hartmann 20. August 2026
Zwei Monate nach der WM 2026 und einen Tag vor dem Frauen-Bundesliga-Saisonstart 2026/27 hat die Sportschau am Mittwochabend, dem 20. August 2026, den vollen Text eines CAS-Urteils vom 24. Juni 2026 aufgegriffen. Es ist eine der weitreichendsten Frauenfussball-Entscheidungen der letzten Jahre: Der Internationale Sportgerichtshof mit Sitz in Lausanne verurteilte den italienischen Erstligisten Lazio Rom zu einer Schadensersatz-Zahlung von 69.333 Euro an die schwedische Mittelfeldspielerin Maja Goethberg. Lazio war vom bereits ausgehandelten Anschlussvertrag der 29-Jaehrigen zurueckgetreten, nachdem Goethberg dem Klub im Sommer 2024 ihre Schwangerschaft gemeldet hatte.
Der Fall wirkt auf den ersten Blick klein: eine einzelne Spielerin, ein Klub aus der Serie A Femminile, ein niedriger sechsstelliger Betrag. Beim zweiten Hinsehen ist es der zweite grosse Praezedenzfall zur 2020 eingefuehrten und 2024 verschaerften FIFA-Schutzregel fuer schwangere Spielerinnen - und der erste, der ein Vertragsanbahnungs-Stadium betrifft, das ueber WhatsApp lief.
Das CAS-Urteil im Detail: 69.333 Euro und ein WhatsApp-Vertrag
Der Schiedsspruch fuehrt zwei Kern-Aussagen zusammen. Erstens: Die Aufloesung des noch nicht formal unterschriebenen Anschlussvertrags durch Lazio nach Goethbergs Schwangerschaftsmeldung war unrechtmaessig. Zweitens - und das ist dogmatisch die eigentliche Neuerung: Das CAS erkannte den Arbeitsvertrag auch ohne unterschriebenes Papier an. Die wesentlichen Vertragsdetails, so das Panel, seien ueber WhatsApp-Nachrichten zwischen dem Klub-Management und der Spielerin ausgehandelt und dokumentiert worden. Die Nachrichten enthielten Vertragslaufzeit, Gehaltshoehe und Rollenzuweisung - genug fuer den CAS, um ein bindendes Vertragsverhaeltnis zu bejahen.
Der Schadensersatz von 69.333 Euro entspricht in etwa dem Netto-Jahresgehalt aus dem strittigen Anschlussvertrag, abzueglich der Betraege, die Goethberg zwischenzeitlich anderweitig verdient hat. Immaterielle Anspruechne oder Strafzuschlaege ueber die Antidiskriminierungs-Schiene erkennt das Urteil nicht zu - eine Zurueckhaltung, die FIFPRO und die Klaeger-Seite als Kompromiss werten, um die Chancen einer Berufung Lazios zu minimieren.
Lazio Rom verweist in seiner Reaktion auf den fehlenden direkten Kontakt zwischen der Klubfuehrung und der Spielerin und kuendigt an, die internen Verfahren zur Vertragsverhandlung zu ueberpruefen. Eine Berufung schliesst der Klub bislang nicht aus - er hat 21 Tage Zeit fuer den Antrag beim CAS-Berufungssenat.
Der Fall Goethberg-Lazio: vom Serie-A-Aufstieg zum Vertragsende
Maja Goethberg, geboren am 16. Juli 1997 in Schweden, unterschrieb 2023 bei Lazio Rom nach vier Jahren bei KuPS Kuopio in Finnland (73 Einsaetze) und Stationen bei Kopparbergs Goeteborg. In ihrer ersten Lazio-Saison 2023/24 gehoerte die Mittelfeldspielerin - schwedische U19-Europameisterin von 2015 - zum Aufstiegs-Team, das aus der Serie B Femminile den Sprung in die hoechste italienische Liga schaffte.
Die Verhandlungen ueber den Anschlussvertrag fuer die Serie-A-Saison 2024/25 liefen am Saisonende ueber Klub-Management und Spielerinnen-Agentur, gefuehrt zu wesentlichen Teilen ueber WhatsApp-Nachrichten mit Vertragslaufzeit, Gehaltshoehe und Rolle in der ersten Elf. Bevor der Vertrag formell unterzeichnet werden konnte, erfuhr Goethberg, dass sie schwanger war. Sie meldete es dem Klub - und Lazio zog sich aus den Verhandlungen zurueck, mit der Begruendung, es habe keinen wirksamen Vertragsschluss gegeben. Fuer Goethberg entfiel damit sowohl der Arbeitsplatz als auch der bezahlte Mutterschutz, den Article 18quater ihr eigentlich garantiert.
Die Spielerin wandte sich zunaechst an die FIFA-Streitbeilegungskammer und legte, nach deren erster Entscheidung, Berufung beim CAS ein. Das jetzige Urteil vom 24. Juni 2026 ist der finale Schiedsspruch.
Goethberg selbst kommentiert das Urteil in einem Statement, das die Sportschau zitiert: “Schwangerschaft sollte nie als Problem oder Grund angesehen werden, einer Spielerin Arbeitsrechte zu verweigern.” Die 29-Jaehrige gibt an, ihre Karriere fortsetzen zu wollen.
FIFA Article 18quater: die 2020er-Regel und der 2024er-Verschaerfungs-Impuls
Article 18quater der FIFA-Regularien “Regulations on the Status and Transfer of Players” wurde im Oktober 2020 eingefuehrt. Der Weltverband reagierte damit auf jahrelange Kritik der Spielergewerkschaft FIFPRO an unklaren Arbeitsrechten fuer schwangere Spielerinnen weltweit. Kern der Regel:
- Mindest-Mutterschutz von 14 Wochen mit bezahlter Freistellung. Mindestens acht der 14 Wochen muessen nach der Geburt liegen.
- Rueckkehrrecht auf einen sportlich und finanziell gleichwertigen Arbeitsplatz nach dem Mutterschutz.
- Beweislastumkehr bei Vertragsaufloesung: Beendet der Klub das Arbeitsverhaeltnis waehrend der Schwangerschaft oder verweigert er eine bereits verhandelte Verlaengerung, muss er nachweisen, dass die Schwangerschaft nicht der Grund war. Gelingt der Nachweis nicht, gilt die Trennung als diskriminierend, mit voller Vertragsstrafe.
Die November-2024-Verschaerfung praezisierte die 14-Wochen-Regel (voher hatten viele Klubs nur die nationalen Mindest-Standards uebernommen) und dehnte die Beweislastumkehr auf Vertragsanbahnungen aus - genau der Punkt, an dem der Fall Goethberg-Lazio ansetzt. Die deutsche Frauen-Bundesliga hat die 2024er-Regel unmittelbar in die Spielordnung uebernommen; die italienische Serie A Femminile hatte sich bis Ende 2024 auf eine erste Umsetzungsrunde beschraenkt.
Der Vergleichsfall Sara Bjoerk Gunnarsdottir gegen Olympique Lyon 2023
Der Fall Goethberg-Lazio ist nicht der erste Praezedenzfall - er ist der zweite, und er baut sichtbar auf dem ersten auf. 2023 gewann die islaendische Ex-Nationalmannschafts-Kapitaenin Sara Bjoerk Gunnarsdottir vor der FIFA-Streitbeilegungskammer einen Prozess gegen Olympique Lyon. Der siebenmalige franzoesische Meister hatte der 2022 schwanger gewordenen Mittelfeldspielerin waehrend der Schwangerschaftszeit vertraglich zustehendes Gehalt gekuerzt und ihre Position im Kader nach der Rueckkehr abgestuft.
Die FIFA verurteilte Lyon zur Nachzahlung des vollen Gehalts und legte in der Begruendung erstmals die 2020er-Version von Article 18quater praktisch aus. Gunnarsdottir wurde in der Folge zur Symbolfigur fuer den FIFPRO-Kampf um belastbare Schwangerschafts-Standards und ist heute FIFPRO-Boardmitglied.
Der Fall Goethberg-Lazio setzt drei Jahre spaeter die naechste Marke: Erstens ist es die erste CAS-Entscheidung (nicht nur FIFA-Streitbeilegungskammer) zum Thema. Zweitens weitet sie die Reichweite auf noch nicht unterschriebene Vertraege aus. Drittens erkennt sie erstmals digitale Kommunikation wie WhatsApp als tauglichen Vertrags-Nachweis an - eine Aussage, die weit ueber den Frauenfussball hinaus in die gesamte Sport-Vertragspraxis strahlt.
FIFPRO-Reaktion und Rueckwirkung auf die deutsche Frauen-Bundesliga
Fuer die Spielergewerkschaft FIFPRO ordnet Alexandra Gomez Bruinewoud, Senior Legal Counsel, das Urteil ein: “Das Urteil bestaetigt, dass Klubs nicht aus einem Arbeitsverhaeltnis aussteigen koennen, sobald eine Schwangerschaft bekannt wird.” Der Verband kuendigt an, die CAS-Argumentation zu WhatsApp-Vertraegen in seine Musterberatung fuer Spielerinnen aufzunehmen und die 65 nationalen Mitgliedsverbaende auf den neuen Standard zu heben.
Fuer die deutsche Google Pixel Frauen-Bundesliga - die am Freitag, dem 21. August 2026, mit dem Eroeffnungsspiel Union Berlin gegen Bayern Muenchen an der Alten Foersterei in die Saison 2026/27 startet - hat das Urteil praktische Folgen. Die 14 Bundesliga-Klubs muessen ihre Vertragsdokumentation nachschaerfen; informelle Vertragsanbahnungen ueber Chat, Mail oder muendliche Zusagen erhalten juristische Sprengkraft, wenn ein Klub eine Vertragsverlaengerung nach einer Schwangerschaftsmeldung ablehnt. Die 2027 startende Ausgliederung zur eigenstaendigen FBL - die die Liga aus der DFB-Regie herausloest - laeuft parallel zu einer Umstrukturierung der Spielerinnen-Vertraege, in der Article 18quater und der Goethberg-Praezedenzfall die Referenzpunkte bilden.
Fuer die Nationalmannschaften-Ebene hat das Urteil ebenfalls Signalwirkung. Bundestrainer Christian Wueck bereitet den DFB-Frauen-Kader fuer die WM 2027 in Brasilien vor. Spielerinnen wie Kathrin Hendrich, die aus der NWSL zum 1. FC Koeln zurueckkehrt, oder Alexandra Popp, die als BVB-Regionalliga-Kapitaenin ins Trainerinnen-Amt uebergeht, stehen fuer eine Kader-Landschaft, in der Karriere-Uebergaenge und Vertragsrechte oeffentlicher werden. Der Goethberg-Praezedenzfall ist der Rechtsrahmen dazu.
Sichtbarkeit fuer den Frauenfussball ist in den letzten Jahren nicht nur ein sportlicher, sondern zunehmend ein juristischer Prozess. Das CAS-Urteil vom 24. Juni 2026 macht den Prozess an einem konkreten Fall greifbar: an einer 29-jaehrigen Schwedin, einem WhatsApp-Chat, einer Zahl von 69.333 Euro - und der klaren Botschaft aus Lausanne, dass Vertragsverhandlungen im Frauenfussball ab sofort einer neuen Sorgfaltspflicht unterliegen.
Autor
Nina HartmannRedakteurin Frauenfußball & Analyse
Nina Hartmann deckt den Frauenfußball ab - von der Frauen-WM 2027 in Brasilien bis zu den DFB-Frauen - und liefert daten- und taktikgetriebene Analysen zu großen Turnieren.
Mehr aus Frauenfußball
Frauen-Bundesliga 2026/27: Union eroeffnet gegen Bayern - Vorschau auf die letzte Saison vor der Frauen-WM 2027
19.08.2026
FrauenfußballAlex Popp uebernimmt Kapitaensamt bei den BVB-Frauen: Ex-DFB-Legende fuehrt Regionalliga-Aufstiegs-Projekt
17.08.2026
FrauenfußballFreigang hofft auf Freispruch: DFB-Verfahren zwei Monate ohne Urteil
09.08.2026