Alex Popp uebernimmt Kapitaensamt bei den BVB-Frauen: Ex-DFB-Legende fuehrt Regionalliga-Aufstiegs-Projekt
Trainer Markus Hoegner ernennt Alexandra Popp am 14. August zur Kapitaenin der BVB-Frauen - sechs Tage vor dem Regionalliga-West-Auftakt gegen Arminia Bielefeld. Vertrag bis 2029.
Von Nina Hartmann 17. August 2026
Trainer Markus Hoegner hat Alexandra Popp am Freitag, 14. August 2026, zur Kapitaenin der BVB-Frauen ernannt. Sechs Tage spaeter, am Donnerstag 20. August 19 Uhr, fuehrt die 145-fache A-Nationalspielerin im Stadion Rote Erde erstmals einen Regionalliga-West-Kader in ein Pflichtspiel - Gegner ist Arminia Bielefeld, Liga ist die dritte Ebene des deutschen Frauenfussballs. Ein Vorgang, der symbolisch dafuer steht, wie sich die Frauenfussball-Landschaft in Deutschland knapp ein Jahr vor der Frauen-WM 2027 in Brasilien neu ordnet: Die prominenteste DFB-Frauen-Ikone der letzten Dekade fuehrt kein Bundesliga-Spitzenteam, sondern ein Aufstiegs-Projekt aus der dritten Liga.
Die Ernennung: Hoegner-Entscheidung Freitag 14. August
Der 14. August 2026 war der offizielle Verkuendungs-Tag. Trainer Markus Hoegner, seit Sommer 2024 fuer die erste Frauenmannschaft des BVB verantwortlich, hat die Entscheidung ueber die vereinseigene Kommunikation bekanntgegeben und Popp die Kapitaensbinde uebertragen. In der Vereinsmitteilung begruendet Hoegner die Wahl kurz: “Alex ist mit ihrer Erfahrung, Ausstrahlung und Persoenlichkeit wie gemacht fuer diese Rolle.” Ein Satz, der auf Popps 145 A-Laenderspiele, zwei WM-Kapitaeninnen-Turniere (2019 in Frankreich, 2023 in Australien/Neuseeland) und ihre vierzehn Wolfsburg-Jahre mit sieben Meisterschaften und elf DFB-Pokal-Titeln verweist.
Popp selbst wirkte in ihren ersten oeffentlichen Reaktionen ueberrascht. Im Sportschau-Interview am Freitagabend: “Hatte absolut nicht damit gerechnet.” Und weiter: “Es ist schon eine Ehre, fuer so einen grossen Club direkt in der ersten Saison die Binde um den Arm zu tragen.” Der Ton passt zur Ausgangslage: Popp hat den Wechsel abloesefrei nach 14 Wolfsburg-Jahren im Maerz 2026 bekanntgegeben, trainiert seit der Sommer-Vorbereitung mit dem BVB-Kader und war formal nur eine von 22 neuen BVB-Spielerinnen der Saison - nicht zwangslaeufig Kapitaenin.
Ihre Reaktion auf die Personalie ist die eine Ebene, die der Umgang der Mannschaft mit dem Titel ist die zweite. Die Rangordnung im Kader ist mit der Popp-Ernennung geklaert, ohne dass juengere Spielerinnen wie die vom Verein aufgebauten Nachwuchskraefte Sara Doorsoun-nahen Innenverteidiger-Alternativen zurueckgesetzt werden mussten - Popps Autoritaet war schon vor der Ernennung Teil der Kabinen-Realitaet.
Popps Aufgabe: Aufstiegs-Mission nach 2025/26-Vizemeisterschaft
Der sportliche Auftrag ist unmissverstaendlich. Die BVB-Frauen sind der aktuelle Regionalliga-West-Vizemeister nach der Saison 2025/26. Am 31. Mai 2026 endete die Spielzeit mit einem 8:0-Erfolg gegen Vorwaerts Spoho Koeln und einer Bilanz von 21 Siegen, drei Unentschieden, zwei Niederlagen (ein Sieg wurde wegen eines Auswechsel-Verstosses annulliert) - zu wenig gegen den Regionalliga-Meister 1. FC Koeln II, der zwei Punkte mehr sammelte und ueber Aufstiegs-Playoffs gegen Holstein Kiel den Sprung in die 2. Bundesliga schaffte. Das BVB-Fazit: Vizemeister, aber kein Aufstieg.
Fuer 2026/27 bedeutet das den zweiten Anlauf. Meister der Regionalliga West werden, ueber die Playoffs den Aufstieg in die 2. Bundesliga sichern - und dann in der Saison 2027/28 den naechsten Schritt in Richtung 1. Bundesliga machen. Popp im Sky-Interview: “Wenn es so optimal laeuft, waere mein letztes Jahr noch in der Bundesliga.” Die Rechnung ist arithmetisch nachvollziehbar: Ihr Vertrag laeuft bis zum Sommer 2029. Wenn 2026/27 der Aufstieg in Liga zwei gelingt und 2027/28 der Sprung in Liga eins, waere die Saison 2028/29 - Popp ist dann 38 - das potenzielle Bundesliga-Abschlusskapitel.
Der Kalender bis dahin: 34 Regionalliga-Spieltage bis 16. Mai 2027, Winterpause vom 13. Dezember bis 14. Februar, Prestige-Derbys gegen den FC Schalke 04 (15. November im Rote-Erde-Heimspiel, 25. April auf Schalke) und gegen den MSV Duisburg (13. September in Duisburg, 7. Maerz zu Hause). Erstes Meilenstein-Spiel ist am 20. August der Auftakt gegen Arminia Bielefeld, das ebenfalls Aufstiegs-Ambitionen anmeldet.
Der Test gegen AS Rom: 8.500 Zuschauer als Landschafts-Signal
Vor dem Pflichtspiel-Start stand am Samstag, 15. August 2026, um 13 Uhr ein oeffentliches Testspiel gegen AS Rom im Stadion Rote Erde an. Die Roemerinnen sind aktueller italienischer Serie-A-Femminile-Meister, DFB-Pokal-Aequivalent-Siegerinnen und Champions-League-Teilnehmer 2026/27 - eine Gegner-Klasse, die BVB-Frauen in Regionalliga-West-Spielen niemals erleben wird. Ergebnis: 1:0 fuer den BVB. Kulisse: mehr als 8.500 Zuschauer.
Die Zahl ist im Kontext einzuordnen. Regionalliga-West-Spiele der Frauen zaehlen normalerweise zwischen 50 und 500 Zuschauer. Selbst 2. Bundesliga-Partien der Frauen kommen selten ueber 1.500. Und in der 1. Frauen-Bundesliga sind 8.500 der Durchschnitt der besten Klubs (Bayern, Wolfsburg, Frankfurt) an guten Spieltagen. Dass ein drittklassiges Team in einem Testspiel eine solche Kulisse mobilisiert, ist die eigentliche Nachricht der Ernennungs-Woche - und der Grund, warum die 2. Bundesliga der Frauen ein wirtschaftliches Interesse an einem sportlich erfolgreichen BVB-Aufstiegs-Projekt hat.
Popp im Sportschau-Kommentar nach dem Spiel: “Es hat mega Spass gemacht. Schon beim Aufwaermen hier rauszukommen und so viele Leute hier zu sehen, das ist nicht selbstverstaendlich.” Und zur strukturellen Dimension: “Da sieht man einfach, was fuer eine Kraft der BVB hat und dass die Fans Bock auf Frauenfussball haben.” Das Zitat ist die Verlaengerung dessen, was der DFB in seinem Vermarktungs-Konzept fuer die Frauen-Bundesliga seit dem WM-2027-Direktticket-Sieg der DFB-Frauen mit 32.398 Zuschauern im Kolner RheinEnergieStadion am 5. Juni 2026 postuliert: Die Nachfrage nach Frauenfussball ist da, wenn sie erschlossen wird.
Popps Vertrag bis 2029 und die Optimalfall-Rechnung
Der Drei-Jahres-Vertrag bis Sommer 2029 ist so konstruiert, dass er auf die Aufstiegs-Rechnung passt. Popp kam abloesefrei - der Wolfsburger Kontrakt lief 2025 aus, sie nahm 2025/26 eine unbezahlte Pause und gab im Maerz 2026 den Wechsel zum “Herzensverein” bekannt. BVB ist der Klub ihrer Kindheit in Witten, den sie in mehreren Interviews als emotional-magnetischen Zielpunkt nach der DFB-Karriere beschrieben hat.
Die Karriere-Bilanz, die sie mitbringt, wiegt weit ueber die Regionalliga-West hinaus. 145 A-Laenderspiele (dritter Platz in der DFB-Frauen-Historie nach Birgit Prinz mit 214 und Anja Mittag mit 158), 67 Tore (dritter Platz nach Prinz 128 und Heidi Mohr 83), zwei Champions-League-Titel mit Wolfsburg (2013, 2014), sieben Deutsche Meisterschaften, elf DFB-Pokale, Olympia-Gold Rio 2016, Olympia-Bronze Paris 2024, EM-Vizetitel Wembley 2022 als Kapitaenin. Drei Mal Fussballerin des Jahres in Deutschland. Zwei WM-Turniere (2019 Frankreich, 2023 Australien/Neuseeland) als DFB-Kapitaenin.
Ihr letztes Laenderspiel war der 145. Auftritt am 28. Oktober 2024 in der Schauinsland-Reisen-Arena in Duisburg gegen Australien - genau der Gegner, gegen den sie in 14 Jahren zuvor am 17. Februar 2010 (damals allerdings gegen Nordkorea am selben Ort) debuetiert hatte. Der Rueckzug aus dem A-Team-Kader war ein bewusst gewaehltes Abschieds-Format, der Rueckzug aus dem aktiven Vereinsfussball ist mit 2029 zumindest kalendarisch fixiert - operativ haengt er an der Aufstiegs-Rechnung.
Von Wolfsburg nach Dortmund: was die 14-Jahre-Bilanz einbringt
Die 14 Wolfsburg-Jahre sind mehr als eine Titelsammlung. Popp hat in diesem Zeitraum den Uebergang der Frauenfussball-Kultur in Deutschland mitgetragen - von semiprofessionellen Strukturen der frueheren 2010er hin zur Hauptzeit-Vermarktung der Frauen-Bundesliga heute, von den ARD-Uebertragungen weniger Spiele pro Saison zur DAZN-Vermarktung des Live-Rechte-Pakets ab 2023, von den 500er-Zuschauerzahlen des ersten Championship-Duos Wolfsburg-Frankfurt zu den Rekord-Kulissen bei DFB-Frauen-Heimspielen. Ihre Interview-Reflexionen ueber diese Transformation sind Teil ihres Kabinen-Kapitals.
Fuer den BVB heisst das konkret: Die 22-Neuzugaenge-Saison bekommt eine Fuehrungsspielerin, die 2. Bundesliga-Aufstiegs-Kaempfe aus der eigenen Anfangs-Wolfsburger-Zeit kennt (Wolfsburg spielte 2007-2013 in der 2. Bundesliga der Frauen, bis der Klub den Sprung ins Oberhaus schaffte) und die von der Regionalliga bis zur Champions-League jede sportliche Ebene durchlaufen hat. Hoegner bekommt eine Kapitaenin, die in Interviews die Marketing-Botschaft der Rote-Erde-Kulisse selbst vertreten kann. Und die 8.500-Test-Zuschauer bekommen ein Gesicht als Serien-Argument fuer den Saisonkarten-Kauf.
Der Kontrast zu einer parallelen Bundesliga-Rueckkehrerin schaerft das Bild. Kathrin Hendrich hat vor zehn Tagen nach einer NWSL-Saison bei den Chicago Red Stars den Weg zum 1. FC Koeln zurueck in die 1. Bundesliga gemacht und bleibt fuer Wueck im WM-2027-Kader-Radius. Popp macht den umgekehrten Weg: Aus dem DFB-Kader ausgeschieden, aus der Bundesliga in die Regionalliga, mit einem Aufstiegs-Projekt als sportlicher Motivation. Zwei Karriere-Enden im gleichen August, mit unterschiedlichem Vorzeichen.
Was das fuer die Frauenfussball-Landschaft vor der WM 2027 bedeutet
Popp ist fuer die Frauen-WM 2027 in Brasilien sportlich nicht mehr Teil des Kaders. Bundestrainer Christian Wueck baut die Vorbereitung ohne sie auf - Lea Schueller (FC Bayern), Klara Buehl (Bayern) und Nicole Anyomi (Eintracht Frankfurt) sollen die vordere Rotation tragen, die Oktober-Testspielperiode 2026 gegen Australien in Karlsruhe und Japan in Bremen markiert den naechsten Kader-Fokus. Der WM-2027-Kader-Ausblick auf dieser Seite hat Popps Karriereende bereits als “den Bruch” bezeichnet, der die Nachfolge-Debatten seit Herbst 2024 praegt.
Ihre indirekte Wirkung ist trotzdem ligenpolitisch. Wenn eine 145-Laenderspiele-Ikone in der dritten Liga fuehrt, erzwingt das Aufmerksamkeits-Verschiebungen: Regionalliga-West-Spiele werden von Sky, DAZN und OneFootball bewusst getrackt (das Popp-Sky-Interview vor dem AS-Rom-Test ist selbst der Beweis), lokale Nachwuchsspielerinnen bekommen mehr Sichtbarkeit, Sponsoren des Frauen-Bereichs kalkulieren die Rote Erde als 2. Bundesliga-Kandidaten-Standort ein. Fuer die Wueck-Aera bedeutet das mittelbar mehr Ausbildungs-Substanz - jene Alterskohorten, aus denen 2030er-Jahre-DFB-Kader hervorgehen, wachsen in einer sichtbareren Regionalliga-West-Umgebung auf.
Der Frauen-WM-Qualifikations-Kalender ist fuer Deutschland durch den 2:0-Sieg gegen Norwegen in Koeln fixiert - das Direktticket zur WM 2027 ist gesichert. Was Wueck jetzt an Personalfragen zu klaeren hat, ist im Wesentlichen eine Nachfolge-Frage: Wer ersetzt Popp als Stimme und Torgefahr. Popp selbst hat mit dem BVB-Kapitaensamt eine neue Position bezogen, die ihre eigene Nachfolgen-Diskussion in eine andere Liga verlagert. Sechs Tage vor dem Auftakt gegen Bielefeld ist die Rangordnung geklaert, die Kulisse getestet, die Aufstiegs-Rechnung ausformuliert. Bleibt das erste Pflichtspieltor der neuen Kapitaenin.
Autor
Nina HartmannRedakteurin Frauenfußball & Analyse
Nina Hartmann deckt den Frauenfußball ab - von der Frauen-WM 2027 in Brasilien bis zu den DFB-Frauen - und liefert daten- und taktikgetriebene Analysen zu großen Turnieren.
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