"Das am meisten unterdrückte Team": Irans Klage über US-Schikanen bei der WM 2026 geht nach dem 2:2 weiter
Iran klagt nach dem 2:2 gegen Neuseeland weiter über US-Schikanen. Ghalenoei: "Kein Team wird so unterdrückt wie unseres." Auch Infantino-Kabinenbesuch ändert nichts.
Von Marco Feldmann 16. Juni 2026
Iran hat sein WM-Auftaktspiel mit einem 2:2 gegen Neuseeland beendet - aber die zentralen Iran-Schlagzeilen am Dienstagmorgen handeln nicht vom Doppelpack des Neuseeländers Elijah Just oder dem Außenrist-Tor von Ramin Rezaeian. Stattdessen sind die Klagen der iranischen Delegation über US-Schikanen, die das Turnier seit dem Auslosungs-Dezember begleitet hatten, nach dem Schlusspfiff im SoFi Stadium von Inglewood weitergegangen. Trainer Amir Ghalenoei hat in der Pressekonferenz erklärt: “Kein Team wird so unterdrückt wie unseres.” FFIRI-Funktionär Mahdi Mohammad Nabi hat Reuters berichtet, dass eine vor dem Turnier von FIFA-Präsident Gianni Infantino zugesagte volle Zugangs-Garantie nicht eingehalten worden sei. Und selbst ein Kabinenbesuch Infantinos nach dem Schlusspfiff konnte das Gefühl der iranischen Delegation, “das am meisten unterdrückte Team” der WM 2026 zu sein, nicht aufweichen. Das vollständige Spielgeschehen aus Inglewood steht im Spielbericht Iran gegen Neuseeland; dieser Text behandelt die Off-Field-Story, die nach dem Spielende nicht aufgehört hat.
Ghalenoei nach dem Schlusspfiff: “Sie haben uns nicht erlaubt zu bleiben”
Auf die offen-politischen Fragen der Auslands-Presse hatte Iran-Trainer Amir Ghalenoei beim direkten Anpfiff-Statement noch diplomatisch reagiert: “Es ist Aufgabe der FIFA, Fußball und Politik zu trennen. Wir sind keine politischen Menschen.” Auf den Recovery-Frage-Block ging die Pressekonferenz eine Etappe weiter. Iran hatte laut Ghalenoei die FIFA und die US-Behörden mehrfach gebeten, das Team aus regenerativen Gründen zwei Nächte in Los Angeles behalten zu dürfen - vor allem, weil die Rückreise nach Tijuana am Spielabend rund 2.000 Kilometer Charter-Strecke und etwa fünf Stunden Tür-zu-Tür-Reisezeit bedeutet. Die Antwort sei nein gewesen. Ghalenoei: “Es ist, als ob andere für uns planen. Wir wollten hier zwei Nächte bleiben, auch zur Erholung. Aber das haben sie uns nicht erlaubt.” Der finale Satz: “Kein Team wird so unterdrückt wie unseres.”
Dass Ghalenoei diesen Satz im Pre-Match-Format Anfang Juni noch vermieden hatte, ist eine wichtige Entwicklung. Pre-Tournament hatte Iran-Sportminister Ahmad Dondschamali mit einer Spielabbruch-Drohung gegen “Banner und Parolen” gegen die Islamische Republik gedroht (Pre-Tournament-Bericht zur Drohung); Ghalenoei hatte dagegen einen diplomatisch-kühlen Trainer-Pflicht-Ton angeschlagen. Mit dem 2:2 ist diese Trennung aufgegeben - Trainer und Sportminister stehen nun nebeneinander auf derselben Klage-Linie.
Infantino-Kabinenbesuch - aber Iran fühlt sich nicht abgeholt
Nach dem Schlusspfiff stattete FIFA-Präsident Gianni Infantino dem iranischen Team einen Besuch in der Kabine im SoFi Stadium ab. Es war ein nach FIFA-Üblichkeit zu interpretierender Gesten-Akt, der laut kicker-Bericht vom 16. Juni in der iranischen Delegation als viel zu wenig wahrgenommen wurde, um die Kritik an der Gesamt-Organisation auszuräumen. Iran hat damit jenen Modus, den die FIFA im Vor-Turnier-Werbe-Auftritt als “unity” und “football beyond politics” anpreist, mit einem Stempel versehen, der Infantinos Position spürbar erschwert. Iran-Vertreter sagen demnach hinter den Kulissen: Wer am Spieltag in die Kabine kommt, aber vor dem Turnier 15 verweigerten Visa, gestrichene Fan-Kontingente und abgesagte Testspiele als FIFA-Präsident nicht hat vorbeugend ändern können, wird mit einem Kabinenbesuch keine Vertrauenslücke schließen.
Nabi an Reuters: “Mangelhafte Koordination wie nie zuvor”
Konkretere Vorwürfe hat Mahdi Mohammad Nabi, offizieller FFIRI-Vertreter bei der WM 2026, dem Nachrichtendienst Reuters genannt. Nabi sagte, Infantino habe ihm bei einem persönlichen Vor-Turnier-Treffen zugesagt, dass die FFIRI uneingeschränkten Zugang zu allen iranischen Spielen erhalten werde. Diese Zusage sei nicht eingehalten worden. Wörtlich beschrieb Nabi die FIFA-Organisation als “so mangelhafte Koordination, wie ich sie noch nie bei einer Weltmeisterschaft erlebt habe”. Konkret nannte Nabi drei Punkte:
| Vorwurf | Detail |
|---|---|
| Visa | 15 Mitgliedern der iranischen Delegation wurde die US-Einreise verweigert |
| Fan-Tickets | das ursprünglich zugesagte Iran-Fan-Ticket-Kontingent wurde kurz vor Turnier-Beginn zurückgezogen |
| Testspiele | zwei Test-Partien (gegen Puerto Rico und Grenada) wurden in den Wochen vor dem Turnier abgesagt |
Hinzu kommt die bereits seit Anfang Juni bekannte Tagesausflug-Regel: Iran darf nur am jeweiligen Spieltag US-Territorium betreten (Pre-Tournament-Bericht zur Visa-Regel). Quartier, Training, Erholung, Video-Sitzungen und Mannschafts-Essen bleiben durchgehend im mexikanischen Tijuana. Auch FFIRI-Präsident Mehdi Tadsch war von den US-Visa-Verweigerungen betroffen und konnte erst spät über Mexiko in den Quartier-Standort einreisen (Pre-Tournament-Bericht zu den Funktionärs-Visa).
Was Taremi sagt und was Iran nicht sagt
Iran-Kapitän Mehdi Taremi, der 38-jährige Inter-Mailand-Stürmer in seinem dritten WM-Endrunden-Auftritt, hat in seinem Liveblog-Statement am Dienstagmorgen einen anderen Ton angeschlagen als Ghalenoei: “Natürlich haben wir nicht dasselbe schöne Erlebnis wie bei vorherigen Weltmeisterschaften.” Es war Diplomatie im Vergleich zur Trainer-Pressekonferenz, aber auch Taremi grenzte damit Iran innerhalb der WM-2026-Atmosphäre ein. Nicht hat er kommentiert: das Pfeifkonzert während der iranischen Hymne, die vielfach gezeigten Lion-and-Sun-Flaggen der Diaspora oder die Spielabbruch-Drohung des Sportministers. Damit liegt - wie schon vor dem Turnier - die offene Stellungnahme allein bei der Trainer- und Verbands-Ebene; die Spieler selbst halten sich überwiegend zurück.
Was die Klagen für Iran und Gruppe G bedeuten
Iran spielt am Sonntag, 21. Juni 2026, um 21:00 Uhr MESZ wieder im SoFi Stadium - dieses Mal gegen Belgien, das nach dem 1:1 gegen Ägypten ebenfalls nur einen Punkt hat. Das dritte Gruppenspiel gegen Ägypten am 25. Juni findet als einziges der drei Iran-Auftritte außerhalb der USA statt, nämlich in Mexiko-Stadt im Estadio Azteca. Damit löst sich für die Schluss-Phase der Gruppe G zwar das Visa-Problem, aber die Vor-Turnier-Strukturen bleiben. Welches Konflikt-Niveau bei einem zweiten US-Aufenthalt erreicht werden kann, hängt davon ab, ob Infantinos zweiter, möglicher Vor-Belgien-Spiel-Auftritt mehr als ein Kabinenbesuch ist. Die Gruppe G ist nach Matchday 1 vollkommen offen - vier Mannschaften mit je einem Punkt, dazu eine Iran-Delegation, die nicht nur über die Achtelfinal-Chance sprechen wird, sondern auch über die Frage, wie viele Stunden Schlaf, Erholung und Stab-Akkreditierungen bis dahin möglich sind. Die Übersicht zum Iran-Spielplan und zum aktuellen Kader steht auf der Iran-Teamseite bereit.
Auf der Aufgaben-Seite der FIFA steht damit am Dienstag mehr als ein Diplomatie-Briefing. Wenn die Welt-Verband-Spitze die Atmosphäre für die zweite Iran-Partie nicht spürbar verändert, dürfte das Reuters-Interview von Nabi nicht das letzte Vor-Spiel-Statement gewesen sein.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
Mehr aus WM 2026
VAR-Geste vor Deutschland - Curacao: Shaun Evans erklaert es, die FIFA schliesst den Fall
16.06.2026
WM 2026Argentinien - Algerien Vorbericht: Messis 200. Länderspiel und seine veränderte Rolle beim WM-Auftakt
16.06.2026
WM 2026DR Kongo - Usbekistan: Tipp, Prognose und Vorbericht zum 3. WM-Spieltag 2026 in Atlanta
16.06.2026