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WM 2026

Kimmich und die 'Generation gar Nix': Der DFB-Kapitaen bricht nach dem WM-Aus sein Schweigen

Nach dem Elfmeter-Aus gegen Paraguay bricht Joshua Kimmich auf Instagram sein Schweigen. Wie der DFB-Kapitaen 'Generation gar Nix' und WM-Aus einordnet.

Von Lukas Brandt 01. Juli 2026

Joshua Kimmich waehrend des K.-o.-Spiels gegen Paraguay am 29. Juni 2026 im Gillette Stadium in Foxborough / Boston (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Rund 24 Stunden nach dem 3:4 im Elfmeterschiessen gegen Paraguay bricht Joshua Kimmich sein Schweigen - nicht vor Mikrofonen, sondern auf Instagram. Der DFB-Kapitaen bleibt nach dem Sechzehntelfinal-Aus in Boston mit einem Teil der Mannschaft noch einige Tage in den USA und schreibt in einem laengeren Post, was ihm nach dem dritten fruehen WM-Aus seiner Karriere durch den Kopf geht: “Ich bin gerade einfach nur leer. Und das macht mich fertig.” Zeitgleich holt die deutsche Sportjournalistik einen Begriff hervor, den sie schon nach dem Katar-Aus 2022 auf die DFB-Generation gemuenzt hatte - “Generation gar Nix”. Ein Post-Mortem, das Kimmich als Person und als Kapitaen in den Mittelpunkt rueckt.

Der Instagram-Post aus Boston: “Ich bin gerade einfach nur leer”

Kimmich hat den Text noch aus dem Team-Hotel in Boston abgesetzt, wo die DFB-Elf am 29. Juni 2026 nach der Elfer-Niederlage im Gillette Stadium in Foxborough uebernachtet hatte. Kern seines Statements ist eine ungewoehnliche Offenheit fuer einen aktiven Spieler direkt nach einem sportlichen Grossschaden: “Ich bin gerade einfach nur leer und habe keine Lust, mich zu Wort zu melden. Aber das gehoert dazu, sich diesen Situationen zu stellen.”

Ausdruecklich uebernimmt Kimmich Verantwortung fuer den Ausgang: “Wir haben es nicht geschafft.” Und er formuliert die kollektive Absicht der Mannschaft: “Gemeinsam hatten wir vor, eine sehr erfolgreiche WM zu spielen, Deutschland wuerdig zu vertreten.” Der zentrale Satz zum eigenen Weg ist dabei die Absage an ein vorzeitiges Karriereende: “Aufgeben ist fuer mich niemals eine Option.”

Damit reiht sich Kimmich in eine Serie oeffentlicher DFB-Statements nach dem K.-o.-Aus ein. Manuel Neuer hat sein Nationalmannschafts-Karriereende bestaetigt, Kai Havertz und Nick Woltemade haben nach den vergebenen Elfmetern Verantwortung uebernommen, Deniz Undav hat auf Instagram formuliert: “Wir haben Deutschland enttaeuscht. Das sitzt.” Der Kimmich-Post ist der einzige, der die grundsaetzliche Kapitaens-Perspektive einnimmt.

”Generation gar Nix” - woher der Begriff kommt und warum er sitzt

Die Ueberschrift des Sportschau-Analyse-Textes von Marcus Bark am Morgen des 1. Juli lautet: “Kimmich bei der WM: Kapitaen der ‘Generation gar Nix’”. Der Begriff selbst ist nicht neu - die Sueddeutsche Zeitung hatte ihn nach dem Katar-Vorrunden-Aus 2022 als Titelzeile fuer die DFB-Generation um Kimmich, Leon Goretzka und Leroy Sane verwendet. Er beschreibt eine Kern-Frage: Warum liefert eine Spieler-Generation, die auf Klub-Ebene Champions League gewinnt, deutsche Meisterschaften stapelt und wirtschaftlich zu den Top-Verdienern des europaeischen Fussballs zaehlt, bei Nationalmannschafts-Turnieren nichts Vergleichbares?

Kimmichs eigene Bilanz illustriert das Problem in einem Satz, den er nach dem Spiel gesagt hat: “Ich kenne Deutschland als Kind vor dem Fernseher, da war immer Halbfinale.” Der DFB hatte in den fuenf WM-Turnieren zwischen 1998 und 2014 dreimal das Halbfinale erreicht und einmal den Titel gewonnen. Seit 2018 endet jede WM in der Vorrunde oder - jetzt neu 2026 - im Sechzehntelfinale. Der kicker verwendet fuer dieselbe Beobachtung die Variante “Generation Blech”.

Beide Begriffe sind bewusst zugespitzt. Beide adressieren dasselbe: dass Kimmichs Generation im Nationaltrikot bislang keine substanzielle Turnier-Erfolgsgeschichte hat.

Kimmichs drei WM: Russland 2018, Katar 2022, USA 2026 im Vergleich

Fuer Kimmich ist das WM-Aus in Boston sein drittes fruehes Ausscheiden bei einem Welt-Turnier - und sein bislang spaetestes.

  • 2018 Russland - unter Joachim Loew scheiterte die DFB-Elf als Titelverteidiger in der Vorrunde. Kimmich spielte als Rechtsverteidiger, das Aus kam nach der 0:2-Niederlage gegen Suedkorea in Kasan.
  • 2022 Katar - unter Hansi Flick folgte das zweite Vorrunden-Aus. Kimmich stand im zentralen Mittelfeld, das entscheidende 4:2 gegen Costa Rica reichte wegen der Tordifferenz nicht.
  • 2026 USA - unter Julian Nagelsmann erreichte Kimmich als Kapitaen und Rechtsverteidiger zumindest die K.-o.-Runde, scheiterte im Sechzehntelfinale in Boston aber am Paraguay-Torhueter Orlando Gill im Elfmeterschiessen.

Die Progression - Vorrunde, Vorrunde, Sechzehntelfinale - laesst sich als minimaler Fortschritt lesen, als sportliche Stagnation aber auch. Fuer einen Kapitaen, der die Turnier-Erwartung sportlich vertritt, ist beides keine gute Bilanz.

Boston-Elfer-Bilanz: Kimmich verwandelte, drei Kollegen nicht

Bei dem Punkt, an dem sich Kimmichs Weltmeisterschaft konkret entschied, war er selbst nicht der Grund fuer das Aus. Im Elfmeterschiessen im Gillette Stadium haben drei DFB-Schuetzen verschossen - Kai Havertz, Jonathan Tah und Nick Woltemade - waehrend nur Joshua Kimmich, Jamal Musiala und Nadiem Amiri verwandelten. Der entscheidende paraguayische Versuch von Jose Canale traf zum 4:3.

Kimmich hat also im K.-o.-Moment geliefert, was von einem Kapitaen erwartet wird. Auch waehrend der 120 Minuten spielte er Rechtsverteidiger, wie schon seit dem Winston-Salem-Trainingslager diskutiert. Der Elfer selbst ist nicht der Grund fuer die Post-Mortem-Woche - es ist die dritte fruehe WM und die Frage, was der DFB in der Ligue-1-Vorbereitung 2026/27 mit den Erkenntnissen anfaengt.

Ruecktritt? “Aufgeben ist fuer mich niemals eine Option”

Anders als Manuel Neuer, der nach dem Paraguay-Spiel sein DFB-Karriereende bestaetigte, hat Kimmich im Instagram-Post einen Ruecktritt kategorisch ausgeschlossen. “Aufgeben ist fuer mich niemals eine Option” ist der klare Signal-Satz an das DFB-Praesidium um Bernd Neuendorf und an Sportdirektor Rudi Voeller: Der Kapitaen bleibt zur Verfuegung.

Die Konsequenz daraus haengt allerdings an einer Entscheidung, die Kimmich nicht selbst faellt: der Nagelsmann-Zukunfts-Frage. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat unmittelbar nach dem Spiel formuliert, er stehe “bereit, wenn man das moechte”. Voeller stuetzt ihn mit Vorbehalt (“noch ueberzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist”), Juergen Klopp winkt als Nachfolger vorerst ab. Wer im September 2026 auf der Bank sitzt, entscheidet auch darueber, wer Kapitaen ist - und ob die “Generation gar Nix” bis EM 2028 noch mit ihrem 2018-Grundstock weiterspielt.

Was folgt: EM 2028, WM 2030 und die Kapitaensbinde-Frage

Zeitlich hat Kimmich nach dem Boston-Aus zwei realistische Turnier-Ziele. Die EM 2028 in Grossbritannien und Irland startet Mitte Juni 2028; Kimmich waere dann 33 - im Zentrum-des-Feldes-Alter fuer einen Sechs, aber im Grenzbereich fuer einen Rechtsverteidiger. Die naechste WM 2030 in Marokko, Portugal und Spanien mit Jubilaeums-Spielen in Uruguay, Argentinien und Paraguay wird im Juni 2030 angepfiffen - Kimmich waere 35, ausserhalb des typischen DFB-Kapitaens-Alters.

Der Neuaufbau der DFB-Elf zwischen 2026 und 2028 wird deshalb zwei Fragen parallel klaeren muessen: Wer traegt die Kapitaensbinde in die neue Qualifikations-Serie ab Maerz 2027 - Kimmich oder ein juengerer Spieler aus dem Kern um Jamal Musiala, Florian Wirtz oder Aleksandar Pavlovic? Und: Bleibt der Instagram-Satz “Aufgeben ist fuer mich niemals eine Option” auch dann gueltig, wenn Kimmich seine Rolle veraendert - vom Kapitaen zum erfahrenen Sechser oder Rechtsverteidiger in einem Kader, der taktisch juenger und offensiver denken muss? Der DFB-Einzelkritik-Rundumschlag der letzten 24 Stunden hat gezeigt, wie hart die deutsche Sportoeffentlichkeit den Neuaufbau begleiten wird.

Fuer den Moment ist Kimmichs Post das persoenlichste Dokument der ersten Post-Turnier-Tage. “Ich werde sicher mehr als ein paar Tage brauchen”, schreibt er weiter unten - das duerfte fuer die “Generation gar Nix” insgesamt gelten.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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