Kimmichs Positions-Frage: rechte Bahn oder Sechser? Was die USA-Generalprobe vor dem WM-Auftakt offen laesst
Kimmich nominell rechter Aussenverteidiger, in der Praxis halbe Zentrale: warum Soldier Field ein Vakuum zeigte, das Nagelsmann bis Curacao schliessen muss.
Von Lukas Brandt 07. Juni 2026
Die DFB-Auswahl hat das 2:1 gegen die USA gewonnen, der Sieg steht in der Statistik. Im taktischen Notizblock von Bundestrainer Julian Nagelsmann liegt nach Chicago aber eine Frage, die er sieben Tage vor dem WM-Auftakt gegen Curacao am 14. Juni in Houston klaeren muss: Wo soll Joshua Kimmich spielen, und wie disziplinier soll er die Rolle interpretieren?
Die ARD-Sportschau hat den Befund am Sonntagmittag in eine Schlagzeile gegossen: “Kimmichs Suche nach der richtigen Interpretation”. Der Befund deckt sich mit dem, was im Spielbericht zum 2:1 in Soldier Field anklingt - in den ersten 45 Minuten verteidigte die DFB-Auswahl mehrfach am Limit, weil die Zuordnung in der Tiefe nicht stand. Hier die strukturelle Lesart dahinter.
Was Kimmich gegen die USA tatsaechlich gespielt hat
Auf dem Papier war die Marschrichtung klar: Kimmich rechter Aussenverteidiger, davor Leroy Sane auf der rechten Bahn - das System, mit dem Nagelsmann seit dem Karl-Ausfall vom Freitagabend ohnehin geplant haben durfte. In der Zentrale die Doppelsechs aus Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic, davor Jamal Musiala als zentraler Offensivspieler.
Genauso lief Deutschland in den ersten Minuten an. Die Frueh-Fuehrung in der 2. Minute fiel nach einem Standard, den Kimmich auf den Kopf von Kai Havertz brachte - die zentimetergenaue Flanke war die erste Argumentations-Linie fuer die rechte Schiene. Es ist die Aufgabe, die Nagelsmann von ihm erwartet: gestalterische Einleitung, Standardsituationen, der Rhythmusgeber von rechts.
Nach 15 Minuten begann das Bild zu kippen.
Das Vakuum nach 15 Minuten - Pavlovic, Nmecha und die fehlende Chefrolle
Die Sportschau beschreibt das Loch, das sich oeffnete, sehr nuechtern: “Die beiden zentralen Defensivspieler um Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic schienen nicht richtig zu wissen, wer nun von den Dreien die Chefrolle uebernehmen sollte.” Mit “den Dreien” meint Joerg Strohschein in seiner Analyse den DFB-Kapitaen plus die Doppelsechs - eine offene Achse, die nicht geklaert hat, wer wann die Tiefe deckt und wer in die Hoehe schiebt.
Das Ergebnis war ein “Vakuum in der Zentrale”, das die US-Spieler nutzten. Ab Minute 15 kamen Christian Pulisic, Sergino Dest und Folarin Balogun ueber die Mitte mehrfach in die letzte Reihe; das 1:1 von Antonee Robinson aus 22 Metern in der 37. Minute war das einzige Tor dieser Phase, die Anzahl der Chancen war hoeher. Dass nicht mehr passierte, lag an Jonathan Tah, der zweimal vor Balogun und einmal vor Dest im letzten Schritt klaerte.
Der Bayern-Reflex - warum Kimmich immer wieder in die Zentrale zieht
Strohscheins Diagnose: Kimmich verliess seine Aussenverteidiger-Position immer wieder, “wie er es in seinem Heimatklub FC Bayern gewohnt ist”, und zog “in die Zentrale”. Das ist der Kern der Frage. Beim FC Bayern interpretiert Kimmich die rechte Bahn seit Vincent Kompanys Umstellung im Sommer 2025 als hybride Position: nominell rechts, in Ballbesitz oft als invertierender Sechser. Beim DFB hat Nagelsmann ein anderes Bauprinzip im Kopf - dort soll Kimmich rechts bleiben, damit Nmecha und Pavlovic in der Zentrale ihre Rollen ohne Konkurrenz klaeren.
Auf dem Platz war beides gleichzeitig sichtbar: Kimmichs Bayern-Reflex und die DFB-Anweisung, die ihn ausserhalb der Zentrale halten will. Strohschein nennt das das eigentliche Strukturproblem: “Womoeglich wird es noch ein wenig dauern, bis Kimmich seine Nationalmannschafts-Position voll akzeptieren und auf seine Weise fuer seine Mannschaft optimal interpretieren wird.”
Das unnoetige Dribbling und der eine Konter
Die teuerste Einzelaktion fand in der ersten Halbzeit statt. Kimmich verlor “den Ball bei einem voellig unnoetigen Dribbling” (Sportschau) - das Spielgeraet wechselte den Besitzer in einer Zone, in der Kimmich nicht haette anpacken muessen. Die US-Auswahl schaltete um, der Konter rauschte ueber die Mitte; Tah klaerte im letzten Moment. Es ist genau die Art Szene, die Nagelsmann fuer den Curacao-Auftakt eliminieren will. Curacao steht unter Trainer Dick Advocaat im 4-3-3 / 4-5-1, mit Tahith Chong als wichtigstem Umschaltpunkt - jeder Ballverlust in der eigenen Haelfte ist ein direkter Schuss aufs Tor.
Nach 60 Minuten beendete der Bundestrainer Kimmichs Arbeitstag. Das schwuel-heisse Wetter mit dem zwischenzeitlichen Platzregen plus Jetlag hatten Spuren hinterlassen, der Kapitaen sah abgekaempft aus. Die Auswechslung war nicht primaer ein taktisches Signal, sondern ein koerperliches - mit Blick auf die Houstoner Juni-Hitze und das 19:00-Uhr-MESZ-Spiel am Sonntag ein Stueck Belastungssteuerung.
Was Nagelsmann bis Curacao klaeren muss
Zwei Hausaufgaben liegen jetzt auf seinem Tisch:
- Die Aussenverteidiger-Disziplin. Wenn Kimmich rechts spielt, muss er rechts bleiben - zumindest gegen Mannschaften, die hinten herauskommen koennen. Curacao gehoert in diese Kategorie. Der Bundestrainer braucht in den verbleibenden Trainings in Winston-Salem klare Bilder dafuer, wann Kimmich nach innen ziehen darf (Spielaufbau in geordneten Phasen) und wann nicht (Umschaltsituationen, eigene Haelfte).
- Die Hierarchie der Doppelsechs. Nmecha und Pavlovic muessen wissen, wer von beiden die Tiefe haelt und wer aufrueckt, wenn die rechte Schiene Hilfe holt. In Strohscheins Beobachtung waren beide unsicher, sobald Kimmich eingriff. Das ist im Trainings-Drill zu loesen, nicht erst auf dem Platz im NRG Stadium.
Beide Punkte sind reparabel - aber, wie Strohschein schreibt, “Allzu viel Zeit sollte er sich damit (…) aber nicht lassen”. Sieben Trainingstage bleiben, dann ist Anstoss in Houston um 19:00 Uhr MESZ.
Kimmichs Selbsteinschaetzung
Der Kapitaen war nach dem Spiel mit der Beobachtung deutlich offener, als es seine Pressekonferenz vom 29. Mai in Herzogenaurach vermuten liess. “Manche Dinge funktionieren noch nicht perfekt, daran werden wir in der kommenden Woche noch arbeiten”, sagte er - eine Formulierung, die das taktische Problem benennt, ohne es auszubuchstabieren. Es ist der fuer Kimmich typische Ton: kein Streit, kein Bruch mit Nagelsmann, aber auch keine Schoenfaerberei der eigenen Generalprobe.
Fuer die DFB-Auswahl in der Gruppe E ist das das mit Abstand wichtigste offene Detail vor dem Auftakt. Sane auf rechts ist seit Chicago gesetzt, Havertz vorne ist gesetzt, Neuer im Tor wird zurueckkehren. Die Kimmich-Frage liegt eine Etage tiefer - und entscheidet darueber, ob das DFB-System am 14. Juni so funktioniert, wie es auf dem Taktikboard von Nagelsmann gezeichnet ist.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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