Klopp erklaert die Kimmich-Massnahme: 'Wollten diesen Schnitt machen'
Juergen Klopp begruendet im BR24-Interview, warum Joshua Kimmich im Kader 2 fehlte - und verraet: Der Bayern-Kapitaen hatte mehrfach nachgefragt, dabei zu sein.
Von Lukas Brandt 02. Oktober 2026
Fuenf Stunden vor dem Anpfiff gegen Serbien hatte sich der Bundestrainer am Spieltag-Mittag auf das Muenchener Mannschafts-Hotel-Gelaende zurueckgezogen. Dort traf ihn BR24Sport-Reporter Leopold Gruenwald zu einem Interview, dessen zentrale Passage am Donnerstag um 14:53 Uhr online ging - und das abends das 2:0 gegen Serbien um eine Dimension erweiterte, die auf den Trainingsplaetzen in Herzogenaurach bis dahin nur in Andeutungen formuliert worden war. Zum ersten Mal spricht Juergen Klopp ausdruecklich darueber, warum Joshua Kimmich im Kader 2 fehlt - und, in einem kurzen Nebensatz mit grosser Wirkung, dass der Kapitaen das nicht widerspruchslos hingenommen hat.
”Er hat tatsaechlich ein paar Mal nachgefragt” - Kimmichs Pushback
“Er hat tatsaechlich ein paar Mal nachgefragt”, sagt Klopp bei BR24Sport. Gemeint ist Kimmich. Gemeint ist die Frage, ob er doch mit nach Muenchen und Thessaloniki fahren koenne. Klopps Antwort auf das wiederholte Nachfragen, die er im Interview kolportiert: “Je oefter man fragt, desto weniger wahrscheinlich bekommt man das, was man will.” Es ist der Satz, in dem die Hierarchie zwischen Bundestrainer und Kapitaen in der Klopp-Aera erstmals in einem konkreten Konflikt sichtbar wird - und in dem Klopp zeigt, dass er die Hierarchie trocken, aber eindeutig fuer sich reklamiert.
Dass Kimmich ueberhaupt mehrfach nachgefragt hat, ist der eigentliche News-Wert dieser Passage. In allen Vor-Berichten der vergangenen zwei Wochen - der Kader-2-Pressekonferenz am 28. September, der Kapitaenfrage-Debatte am 29. September, den Herzogenaurach-Pressestimmen am 30. September - hatte sich die oeffentliche Lesart um die Frage gedreht, wie Kimmich die Nicht-Nominierung interpretiere. Die Standard-Antwort aus dem DFB-Umfeld war: souveraen und ohne Diskussion. Die Klopp-Aussage am Donnerstag korrigiert diese Lesart. Kimmich hat nicht nur zur Kenntnis genommen - er hat aktiv zu veraendern versucht.
”Ich will diese Jungs auch mal sehen, wenn die Platzhirsche nicht da sind”
Der zweite Klopp-Satz des BR24-Interviews ist der eigentliche Konzeption-Erklaerer: “Ich will diese Jungs auch mal sehen, wenn die Platzhirsche nicht da sind. Wir muessen einfach auf alle Eventualitaeten vorbereitet sein. Aber wir wollten jetzt diesen Schnitt machen.”
“Diese Jungs” meint die neun A-Neulinge und sechs WM-2026-Rueckkehrer, die Klopp fuer die beiden Spiele in Muenchen und Thessaloniki nominiert hat. “Platzhirsche” ist ein Begriff, den Klopp aus seiner Dortmunder und Liverpooler Zeit mitbringt und der im Herzogenaurach-Vokabular neu ist: gemeint sind Spieler, die durch Staerke, Erfahrung und Stimme die taegliche Hierarchie einer Mannschaft definieren. Kimmich ist der Prototyp. Serge Gnabry gehoerte vor Herbst 2026 ebenfalls in die Kategorie - er blieb im Kader 2, trug deshalb am Donnerstag die Kapitaensbinde als Ersatz fuer Kimmich und sorgte in der 15. Minute mit einer Standard-Hierarchie-Geste - er pfiff El Mala aus der Mitte in die Gasse zurueck - gleich fuer ein Beispiel dessen, was mit “Platzhirsch” gemeint ist.
Klopps Logik: Solange die Platzhirsche auf dem Platz stehen, orientieren sich alle anderen an ihnen - in der Startelf-Wahl, im Trainings-Rhythmus, in der Kommunikation. Wenn ein Kader-2-Debuetant wie Mika Baur, Vitaly Janelt oder Said El Mala in einem Spiel ohne die Platzhirsche gefordert wird, zeigt er klarer, wie er mit der Fuehrungsrolle umgehen kann. Das 2:0 am Abend hat Klopps Logik unmittelbar validiert: Tom Bischof traf im Startelf-Debut, Jonas Urbig blieb ohne Gegentor, El Mala und Baur spielten die zweite Halbzeit souveraen, Janelt kam in der 88. Minute und hatte in zwei Ballkontakten die Ruhe eines U21-Nationalspielers.
”Auf alle Eventualitaeten vorbereitet sein” - Szenario-Vorsorge als Taktik
Der dritte Satz ist der strategischste. “Wir muessen einfach auf alle Eventualitaeten vorbereitet sein” formuliert, warum die Kader-2-Sichtung nicht nur Nachwuchs-Foerderung ist, sondern Risiko-Management fuer die WM-2027-Phase. “Eventualitaeten” meint Verletzungen in zentralen Positionen, Sperren im Turnier-Verlauf, Formtiefs einzelner Platzhirsche in der Vorbereitungsphase. Was Klopp fuer das WM-2027-Fenster vermeiden will: eine Situation wie Nagelsmann sie im Juni 2026 vorfand, als Niclas Fuellkrug kurzfristig ausfiel und Nick Woltemade erst in letzter Sekunde nachnominiert wurde.
Die 44er-Sichtung von Klopp bis November - 15 September angekuendigt, am 28. September als Kader 2 konkretisiert - ist das Mittel. Jeder einzelne der Kader-2-Spieler wird nach Thessaloniki in Klopps internem Scouting-Raster vorgemerkt sein: wie steht er in einer Zehn-Minuten-Phase am Ende, wie reagiert er auf einen Rueckstand, wie fuegt er sich ohne Platzhirsche in die Mannschafts-Hierarchie ein. Was danach kommt - November-Fenster, dann die Nations-League-Finals im Juni 2027, dann die WM 2027 - entscheidet darueber, ob die Herbst-Sichtung einen Reserve-Pool von sechs bis acht einsatzbereiten Namen hergibt.
Was heisst das fuer Kimmichs Rolle im WM-2027-Kader?
Nichts. Oder genauer: nichts, was den Status als Kapitaen und Stammsechser infrage stellt. Klopp hat am 17. September bei der 44er-Kader-Vorstellung ausdruecklich betont, dass die Kader-1/Kader-2-Teilung ein Sichtungs-Mechanismus im Herbst-Fenster ist. Kimmich blieb in der Kader-1-Konstellation Kapitaen und wurde in Amsterdam und Augsburg beide Male mit der Binde eingesetzt - zuletzt in Augsburg uber 90 Minuten mit 152 Ballaktionen als alleiniger Sechser.
Die Nicht-Nominierung fuer Muenchen und Thessaloniki ist eine Konzeption-Entscheidung, keine Form-Entscheidung. Fuer das November-Fenster (Belgrad 15.11., Rotterdam 18.11.) wird Kimmich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wieder im Startelf-Kreis stehen - diese zwei Spiele entscheiden die Gruppenphase. Was die Klopp-BR24-Aussagen am Donnerstag aber zeigen: Der Bundestrainer traut sich bereits sechs Wochen nach seinem Augsburger Heimdebut zu, den Kapitaen auch gegen dessen Widerspruch aus einem Fenster zu nehmen. Das ist die eigentliche Botschaft dieser Interview-Passage - und sie wird in den naechsten Wochen in den Pressestimmen und den Schweinsteiger-Daum-Voeller-Deutungs-Linien weiter diskutiert werden.
Thessaloniki am Sonntag - Kader 2 im Live-Test
In 68 Stunden steht fuer Klopps Kader 2 die zweite Haelfte des Live-Tests an. Am Sonntag, 4. Oktober 2026, um 20:45 Uhr MESZ trifft die DFB-Elf im Toumba-Stadion auf Griechenland - jene Mannschaft, die vor fuenf Tagen in Augsburg mit 1:0 gewonnen hatte. Klopp wird den Kader weiter rotieren; die Debuetanten-Rotation hat am Donnerstag mit fuenf Erstlaenderspielen ihre erste Haelfte abgearbeitet. Vier weitere Kader-2-Neulinge stehen in Thessaloniki noch zur Verfuegung: Noah Atubolu, Finn Dahmen, Finn Jeltsch und Felix Keidel.
Die zentrale Beobachtungsfrage am Sonntag: Haelt die am Donnerstag in Muenchen validierte Platzhirsche-weg-Logik auch in einem Auswaerts-Umfeld gegen eine selbstbewusste Mannschaft, die im Hinspiel in Augsburg bereits gezeigt hat, dass sie die DFB-Elf dominieren kann? Oder bleibt sie an einem Heim-Moment haengen? Fuer Klopps Herbst-Sichtung ist der Sonntag der schwerere Test. Fuer Kimmich - der in Herzogenaurach die Woche ueber nicht trainiert, sondern in Muenchen bei Vincent Kompany - ist er der Beweis-Beschleuniger fuer die Rueckkehr im November, wenn das Riesenkader-Konzept beim Belgrad-Rueckspiel wieder auf die Platzhirsche umschaltet.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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