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DFB-Team

Vom Juniorpartner zum Chef? Pavlovic bekommt die zweite Chance in Thessaloniki

Nach Kimmichs Schnitt ist der Chef-Posten im DFB-Mittelfeld offen. Pavlovic lieferte gegen Serbien - jetzt bestaetigt Klopp die zweite Nominierung.

Von Lukas Brandt 04. Oktober 2026

18. September 2026, Allianz Arena Muenchen: Aleksandar Pavlovic im Bundesliga-Spiel FC Bayern gegen 1. FC Union Berlin. Der 22-Jaehrige ist seit zwei Jahren das Mittelfeld-Scharnier des deutschen Rekordmeisters - und erhaelt unter Juergen Klopp jetzt die Chance, denselben Posten auch im DFB-Team zu besetzen (Foto: Ulrik Pedersen / Zuma Press Wire). Foto: Ulrik Pedersen / Zuma Press Wire via SmartFrame

Als Aleksandar Pavlovic am Samstagabend im Inneren des Toumba-Stadions zu Thessaloniki neben Juergen Klopp auf dem Podium sass, ging es formal um die Abschluss-Pressekonferenz vor dem Nations-League-Rueckspiel gegen Griechenland. Faktisch stellte der 22-Jaehrige mit zwei Saetzen eine ganz andere Frage in den Raum. Es hat unglaublich viel Spass gemacht, mit den beiden zu spielen, sagte Pavlovic ueber die zentrale Dreier-Konstellation mit Tom Bischof und Florian Wirtz beim 2:0-Sieg ueber Serbien vom 1. Oktober in Muenchen. Man hat gesehen, dass wir alle drei etwas mit dem Ball haben. Fuer eine Mannschaft, die seit dem Kader 2 ohne gesetzte Chef-Figur in der Zentrale operiert, ist das kein Nebensatz. Es ist eine Ankuendigung.

Der Serbien-Abend als Pattern-Bruch

Was den Serbien-Abend in der Allianz Arena strukturell vom Griechenland-Heimauftakt in Augsburg unterschied, war der Verzicht auf die alte Verteiler-Hierarchie. In Augsburg hatte Klopp noch mit Joshua Kimmich als alleinigem Sechser vor der Viererkette operiert und 152 Ballaktionen in die Zentrale konzentriert - mit der strukturellen Ueberlast, die die Sportschau-Analyse spaeter als zu viel Geschiebe beschrieb. In Muenchen stand kein Chef-Verteiler mehr auf dem Platz. Pavlovic, Bischof und Wirtz teilten sich die Ball-Verantwortung in einer Dreier-Konstellation, in der laut Einzelkritik der Sportschau Wirtz die beste Note erhielt, Bischof als Torschuetze zum 2:0 gefeiert wurde und Pavlovic als strukturelle Konstante im Zentrum durchlief.

Die Rollenverteilung war fluessig: Bischof uebernahm phasenweise die Steilpass-Impulse, Wirtz suchte die Zwischenraeume zwischen Griechenland-Kette und Serbien-Mittelfeld, Pavlovic sorgte fuer die Ball-Zirkulation und die Absicherung bei Ballverlust. Keiner der drei verliess sich auf die Rolle eines klassischen Sechsers. Keiner wartete auf den Pass des Chef-Verteilers. Pavlovic beschrieb genau das in seinem PK-Satz - alle drei haben etwas mit dem Ball.

Was der Kimmich-Schnitt freimacht

Als Klopp am 1. Oktober seinen Kader 2 vorstellte und Kimmich und Goretzka strich, begruendete er den Schritt mit dem Satz, man habe die Platzhirsche weg haben wollen. Was fuer die betroffenen Spieler ein Signal der Umbruch-Phase war, ist fuer die juengere Mittelfeld-Generation die konkrete Oeffnung einer Hierarchie-Luecke. Fuer Pavlovic bedeutet die neue Lage dreierlei: Erstens ist strukturell der oberste Posten im Sechser-Raum nicht mehr belegt. Zweitens muss er sich mit den aktuellen Mitnominierten (Nmecha, Groß, Stach, Bischof) auseinandersetzen, nicht mit zwei Platzhirschen vor sich. Drittens hat er mit der zweiten Nominierung in Folge die Serie-Dynamik auf seiner Seite - der Serbien-Auftritt war der Start-, der Griechenland-Rueckspiel-Abend ist der Bestaetigungs-Baustein.

Die Brueckenfrage, die der Chef-Posten aufwirft, ist weniger die nach technischer Qualitaet (die 128 Pass-Zahlen Kimmichs aus Augsburg sind kein Alleinstellungsmerkmal), sondern die nach dem Rollenverstaendnis. Will Klopp einen klassischen Verteiler-Sechser - oder will er eine zentrale Dreier-Konstellation ohne Chef-Rolle? Pavlovics PK-Satz liest sich als Praeferenz fuer das zweite Modell. Das waere nicht nur eine Nachfolge-Entscheidung, sondern eine System-Umstellung.

Die Pavlovic-Bayern-Kurve als Hintergrund

Beim FC Bayern Muenchen ist Pavlovic laengst keine Juniorrolle mehr. Seit seinem Bundesliga-Debuet am 28. Oktober 2023 beim 8:0 gegen SV Darmstadt 98 hat sich der 22-Jaehrige in zwei kompletten Saisons zum unverzichtbaren zentralen Mittelfeldspieler entwickelt. 68 Bundesliga-Einsaetze, sieben Tore. Zweifacher Deutscher Meister 2025 und 2026, DFB-Pokal-Sieger 2026, Supercup-Sieger 2026. Sein Vertrag an der Saebener Strasse laeuft bis Juni 2029. Unter wechselnden Trainern (Vincent Kompany in der Doppel-Meister-Phase) hat Pavlovic eine Konstanz entwickelt, die im DFB-Team bisher nicht angekommen war. Weil die Hierarchie dort anders gelagert war.

Mit 188 Zentimetern Koerpergroesse, der Vereinsherkunft (Bayern-Jugend-Produkt mit serbischen Wurzeln) und der Entscheidung fuer die deutsche Nationalmannschaft im September 2024 hat Pavlovic ein Profil, das zwischen klassischem Sechser und ballfuehrendem Achter steht. Er ist nicht der schnellste, nicht der robusteste, aber vermutlich der mit dem besten Positionsspiel in der aktuellen Sechser-Konkurrenz. In der bisherigen 15-Laenderspiele-Bilanz steht ein Tor - erzielt gegen Ungarn im September 2024 bei seinem Debuet unter Nagelsmann.

Was Klopp am Samstag auf der PK genau gesagt hat

Die Klopp-Aussagen zum zentralen Mittelfeld am Samstagabend waren praeziser als sonst. Der aufgebluehte Florian Wirtz duerfte im Mittelfeld seinen Platz behalten, auch der gegen Serbien starke Tom Bischof hat gute Karten, Aleksandar Pavlovic wird ebenfalls spielen, sagte der Bundestrainer wortwoertlich auf der Thessaloniki-PK. Drei Namen, drei Setzungen. Ungewoehnlich fuer Klopp, der in den bisherigen Sichtungs-Phasen eher die Prinzipien betont hat als die Namen.

Was Klopp bewusst offen liess, ist die Rollenverteilung innerhalb der Dreier-Konstellation. Wer ist der tiefe Sechser, wer die beiden Achter? Beim Serbien-Spiel hatte Bischof entgegen seinem Reutlinger-Jugend-Profil den Steilpass-Impuls uebernommen, Wirtz die Zwischenraum-Suche, Pavlovic die Absicherung. Fuer Griechenland ist denkbar, dass die Rollen entweder gleich bleiben (dann waere Pavlovic erneut der tiefere Spieler) oder dass Klopp die Konstellation leicht variiert, um zu sehen, wie die drei auf gegnerische Umschaltphasen reagieren. Thessaloniki ist dafuer das passendere Labor als Augsburg - Griechenland tritt zu Hause typischerweise offensiver auf als auswaerts.

Die taktische Lesart - Pavlovic als Tiefensechser oder Achter?

Die Differenz zwischen den beiden Rollen ist auf dem Papier klein, in der Praxis strukturell relevant. Als tiefer Sechser (die klassische Kimmich-Rolle in Augsburg) uebernimmt Pavlovic die Verbindung zur Innenverteidigung, die lange Verlagerung ueber die Mittellinie, die Absicherung bei Umschalt-Momenten. Als Achter neben einem anderen Tiefen (Nmecha oder Bischof) kann er sich hoeher in den Halbraum orientieren, mehr vertikale Impulse setzen, direkter in Richtung Strafraum ziehen. Die Bayern-Jahre deuten darauf hin, dass Pavlovics eigentliche Staerke in der Scharnier-Rolle liegt: eine Position tief genug, um den Aufbau zu organisieren, aber hoch genug, um in die vertikale Spielphase hineinzuwandern.

Fuer die Griechenland-Aufstellung bedeutet das: Klopp wird vermutlich die bewaehrte Serbien-Konstellation leicht variieren. Wenn Wirtz bleibt und Bischof bleibt, muss Pavlovic sich zwischen den beiden einordnen. Die wahrscheinlichste Konstellation ist eine 4-3-3-Variante mit Pavlovic als tiefstem der drei Zentrums-Spieler, Wirtz als freiestem Achter, Bischof als Verbindungsglied zwischen beiden. Oder - die interessantere, aber riskantere Variante - ein Verzicht auf einen klar tiefsten Spieler zugunsten einer Rotations-Zentrale, in der sich die drei abwechselnd fallen lassen.

Was heute Abend in Thessaloniki passieren muss

Fuer Pavlovic persoenlich stehen am Sonntagabend drei Teilaufgaben an, deren Erfuellung ueber die Rollenzuschreibung in der kommenden Woche entscheidet. Erstens die Chef-Signale: Wer gibt die Ballbesitz-Richtung vor, wer verlagert ueber die Linie, wer verlangt den Ball in heiklen Momenten? Zweitens die Umschalt-Antworten: Griechenland ist zu Hause offensiver als in Augsburg; Pavlovics Fehlerquote in den Mittelfeld-Duellen gegen schnelle Umschaltphasen ist ein Pruefkriterium. Drittens die physische Praesenz: 90 Minuten gegen eine Griechenland-Elf, die in drei Spielen ungeschlagen die Tabelle anfuehrt, sind der Prueftest fuer die Zweikampf-Haerte, die ein DFB-Chef-Sechser braucht.

Die taktische Frage, die der Thessaloniki-Vorbericht rund um die Lineup-Variationen aufgeworfen hat, bekommt mit Klopps Pavlovic-Setzung einen klareren Rahmen. Es geht nicht mehr um die Frage, ob die Serbien-Konstellation erneut spielt. Es geht um die Frage, in welcher Rolle Pavlovic sie fuehrt. Wenn Klopp im November-Doppelfenster (Belgrad 15.11., Rotterdam 18.11.) auf eine stabile Zentrale zugreifen will, kann die Pavlovic-Entscheidung bereits am Sonntagabend fallen.

Dann waere der Juniorpartner-Begriff, der Pavlovics bisherige DFB-Rolle praegte, erledigt. Die Bezeichnung Chef bleibt dennoch provisorisch. Nicht, weil die technische Qualitaet dagegen spraeche. Sondern weil Pavlovic selbst - mit seinem Satz von der Dreier-Konstellation, in der alle drei etwas mit dem Ball haben - ein Rollenverstaendnis skizziert, in dem der Chef-Begriff keinen Platz mehr hat. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Kimmich-Schnitts.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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