Pirlo per Instagram raus: 'Nicht mehr als Kandidat' - Maldini prueft Ruecktritt
Andrea Pirlo bestaetigt am 27.07. per Instagram das Aus als italienischer Nationaltrainer. Techn. Direktor Paolo Maldini prueft laut FIGC Ruecktritt.
Von Marco Feldmann 27. Juli 2026
▍ ITALIENS TRAINERSUCHE · 27.07.2026 · 18:45 UHR - Die Personalie ist beendet, bevor sie offiziell begonnen hat. Andrea Pirlo hat sich am Montagmittag ueber seinen Instagram-Kanal aus dem Rennen um den italienischen Nationaltrainer-Posten verabschiedet. In einem sichtbar auf die Sekunde formulierten Drei-Satz-Statement teilte der 47-Jaehrige mit, er habe “ueber Dritte” erfahren, dass er “nicht mehr als Kandidat fuer den Trainerposten im Gespraech bin”. Damit ist die zweite italienische Trainer-Loesung binnen einer Woche zerbrochen - nach der Guardiola-Absage am 24. Juli folgt das faktische Aus des vermeintlichen Kompromiss-Kandidaten. Der Prozess der Fonbet-Vertragspruefung, den FIGC-Praesident Giovanni Malago am Vortag angeordnet hatte, hat sein Ergebnis damit von aussen erhalten - vom Betroffenen selbst, ueber Social Media, ohne dass die FIGC selbst kommuniziert hat.
Der zweite Bruch am selben Nachmittag ist strukturell noch schwerer als der Trainerausfall. Technischer Direktor Paolo Maldini, der Pirlo intern als “italienische Loesung” durchgesetzt hatte, prueft nach uebereinstimmenden Berichten von sport.sky.it, Gazzetta dello Sport und La Repubblica einen sofortigen Ruecktritt von seinem Posten. Der 58-Jaehrige, der die Position erst im Juni 2026 uebernommen hatte, wuerde damit die zweite Direktoren-Rolle in drei Jahren aufgeben - nach dem Streit-Abgang bei der AC Mailand 2023 waere es der zweite institutionelle Rueckzug.
Was Pirlo am Montag gepostet hat
Der Instagram-Post gegen 13:20 Uhr italienischer Zeit ist auffaellig knapp gehalten - drei Absaetze, keine Bilder, kein Video, keine Verlinkungen. Der Kern ist die Meldung im ersten Absatz: Pirlo habe “durch Dritte” erfahren, dass er “nicht mehr als Kandidat fuer den Trainerposten im Gespraech bin”. Der 47-Jaehrige verzichtet auf jede direkte Kritik am italienischen Verband, betont aber, dass ihm die Information nicht ueber die offizielle FIGC-Kommunikation zugegangen sei.
Der zweite Absatz ist das politische Dementi. “Ihr eine politische Bedeutung zuzuschreiben, bedeutet, mir Ueberzeugungen zuzuschreiben, die ich nie geaeussert habe”, schreibt Pirlo mit Blick auf die russische Debatte der vergangenen 48 Stunden. Der Ex-Weltmeister von 2006 verweigert damit die Zuordnung als “russisch angebundener” Kandidat - der zentrale Vorwurf, an dem der Vorgang formal gescheitert ist. Die Formulierung ist so gewaehlt, dass sie den italienischen Diskurs zurueckweist, ohne den russischen Fonbet-Konzern oder den Klub-Eigentuemer Sergey Lomakin namentlich zu verteidigen.
Der dritte Absatz ist der Dank an die FIGC - “die Ehre der Ueberlegung” habe er “angenommen und respektiert” - und der Verweis auf seine bestehende Trainer-Rolle bei United FC Dubai. Pirlo signalisiert damit klar: Er zieht sich nicht zurueck, er wurde herausgezogen. Und er baut keine Bruecke zurueck ins italienische Trainer-Personaltableau. Fuer die Squadra Azzurra ist er auf absehbare Zeit keine Option mehr.
Der 4-Jahres-Vertrag bis WM 2030, der nie unterschrieben wurde
Der Vorgang wirkt nach aussen chaotisch, ist innerhalb der italienischen Verbandslogik aber konsistent. Nach Recherchen von Football-Italia und Gazzetta dello Sport war der Vertrag zwischen Pirlo und der FIGC in der Grobstruktur bereits ausgehandelt: Vier Jahre bis zur WM 2030 in Marokko, Spanien und Portugal, eine Fixgage im mittleren einstelligen Millionenbereich, Boni geknuepft an EM-Quali-2028-Erfolg und WM-2030-Quali-Fortschritt, Trainerstab-Freiheit mit einer FIGC-Blockade bei zwei Namen.
Die Kernklausel, die den Vertragsabschluss ins Wanken brachte, war eine Compliance-Formulierung zu bestehenden Sponsoring- und Vertragsbindungen des Trainers. Malago hatte, nachdem am Wochenende die russische Bindungs-Kette von Pirlo (Fonbet-Ambassador seit 2023 / United FC Dubai-Vertrag seit 2025 / Klub-Eigentuemer mit Fonbet-Anteil) in italienischen Medien breit thematisiert wurde, am Sonntagmorgen die Verbandsjuristen mit einer Analyse beauftragt. Die zentrale Frage war die Aufloesbarkeit der Fonbet-Ambassador-Rolle - Pirlos Anwaelte hielten die Klausel fuer sofort loesbar, die FIGC-Juristen prueften diese Aussage.
Bevor die Pruefung abgeschlossen war, ist die Entscheidung offenbar politisch getroffen worden. Nach La-Repubblica-Angaben hatte Malago im Laufe des Montagvormittags Rueckmeldungen aus dem Regierungslager und aus dem CONI-Praesidium erhalten, die eine oeffentliche Verteidigung eines “russisch-adressierten” Nationaltrainers ueber Wochen als politisch unhaltbar bewerteten. Damit war die Entscheidung auf Malagos Ebene gefallen, bevor die juristische Pruefung offiziell abgeschlossen wurde - und Pirlo bekam die Botschaft aus dritter Hand, bevor die FIGC ihn selbst informiert hatte.
Warum Maldini wackelt: der Techn. Direktor als Fuersprache-Figur
Der zweite Bruch am selben Tag ist die eigentliche Institutionskrise. Paolo Maldini war erst am 1. Juni 2026 als neuer Techn. Direktor der FIGC vorgestellt worden - als Teil des Umbaus nach der Ablosung von Gennaro Gattuso nach dem verpassten Playoff gegen Bosnien-Herzegowina im Maerz. Maldinis Auftrag lag ausdruecklich auf der Trainer- und Kader-Achse: Neuer Nationaltrainer, neuer Nachwuchsansatz, Reform der Trainerausbildung.
Innerhalb dieser Rolle hatte Maldini beide bislang gepushte Namen zentral getrieben. Guardiola-Gespraech in Barcelona am 20. Juli - Maldini leitete die Delegation. Pirlo-Kontakt in der Nacht auf den 25. Juli - Maldini war der zentrale Absprech-Partner. Zwei gescheiterte Loesungen in vier Tagen, beide auf seiner Federfuehrung, machen seine Position innerhalb der FIGC-Struktur schwer. Berichte von La Repubblica und sport.sky.it beschreiben ein Kabinettstueck vom Montagnachmittag, in dem Maldini in Malagos Buero deutlich gemacht habe, dass er einen dritten Namen, der nicht von seinem Direktorat mitgetragen werde, nicht akzeptiere - und im Zweifel den Posten sofort verlasse.
Fuer Malago ist das die eigentliche Alarmlage. Ein FIGC-Praesident kann eine Trainer-Wahl gegen den Techn. Direktor durchsetzen, verliert damit aber die operative Achse fuer die kommenden zwei Jahre. Der 65-Jaehrige, selbst erst seit 9. Juni 2026 im Amt nach dem Abwahlvorgang gegen Gabriele Gravina, hat wenig Interesse, seine erste institutionelle Bewaehrung mit einem Direktoren-Ruecktritt zu beenden. Nach Angaben von corriere.it verhandelt Malago am Montagabend intensiv, um Maldini im Amt zu halten - moeglicherweise mit dem Zugestaendnis, dass der naechste Kandidat vom Direktorat mitgetragen werden muss.
Mancini, Spalletti, Allegri, Ranieri: das neue Kandidatenfeld
Sobald Pirlo raus ist, aktualisiert sich die Kandidatenliste. Als Plan A gilt nach Sportschau-Recherchen aus Mailand jetzt Roberto Mancini. Der 2021er EM-Sieger hatte seinen Al-Nassr-Vertrag Ende Mai 2026 im gegenseitigen Einvernehmen aufgeloest und ist verfuegbar. Fuer Mancini spraeche die institutionelle Kontinuitaet - er kennt Malago aus der gemeinsamen Zeit im CONI-Umfeld, und der Verband koennte die 2021er-EM-Erfolgsgeschichte als Legitimations-Anker fuer den Neustart nutzen. Gegen ihn spricht der emotional beladene Abschied 2023 unter Damiano Tommasi.
Als Plan B gilt Luciano Spalletti, der die Squadra Azzurra von Herbst 2023 bis Sommer 2024 betreute und im Vorfeld der EM 2024 abgeloest wurde. Spalletti hat mehrfach oeffentlich signalisiert, dass er zurueck in den Nationaltrainer-Zyklus wolle - der 67-Jaehrige ist aktuell ohne Klub-Vertrag und waere schnell verfuegbar. Der Vorbehalt: Sein Abschied 2024 war nicht unumstritten, und der Verband braecht Erklaerungsaufwand, warum er zurueckkehrt.
Als Plan C kommt Massimiliano Allegri in Frage, seit dem Juventus-Aus 2024 vertragslos. Der 59-Jaehrige gilt als taktisch pragmatisch, hat aber seit 2015 keine Nationalmannschafts-Rolle mehr innegehabt. Der 74-jaehrige Claudio Ranieri wird als Kurzfristloesung fuer die September-Fenster gehandelt - er hat sich zuletzt aber deutlich gegen einen langfristigen Zyklus positioniert und wuerde hoechstens ueberbruecken.
Der italienische Timing-Druck: sechs Wochen bis zur EM-Quali
Der Kalender ist unerbittlich. Am 4. September 2026 startet Italien in die EM-2028-Qualifikation, das Auslosungsgebnis vom 21. Mai 2026 hatte die Squadra Azzurra in eine Gruppe mit Portugal, Kroatien und Ungarn geworfen. Zwischen Pirlos Instagram-Post und dem ersten Pflichtspiel bleiben Malago knapp sechs Wochen - fuer einen Nationaltrainer, einen Trainerstab, einen Kader von 26 Spielern und mindestens ein einwoechiges Trainingslager im Ausland.
Ein zweiter Fehlstart in eine Grossturnier-Quali waere fuer Italien der institutionelle Schrecken. Die WM-Abwesenheit 2018, 2022 und jetzt 2026 hat sich am oeffentlichen Diskurs bereits eingebrannt - drei verpasste WMs in Folge. Ein EM-2028-Fehlstart wuerde die Kritik am italienischen Fussballfunktionaers-System auf eine neue Ebene heben, die weder Malago noch Maldini oeffentlich verantworten wollten.
Die europaeische Trainer-Kartografie ist damit fast komplett neu gezeichnet, und Italien ist der letzte grosse Verband ohne Loesung. Der DFB hat mit Juergen Klopp einen Grossnamen. Belgien holte mit Mark van Bommel den Kompromiss-Kandidaten mit Deutschland-Verbindung. Frankreich verhandelt mit Deschamps eine Verlaengerung nach dem dritten Platz. Nur Italien wechselt am Montag zum dritten Loesungsversuch in einer Woche - und das ohne Sicherheit, ob der Techn. Direktor den Prozess weiter mittraegt.
Wenn Malago am Dienstag mit Mancini eine Einigung erzielt und Maldini im Amt haelt, ist der Vorgang zumindest institutionell wieder in einer Bahn. Wenn nicht, faengt die italienische Trainersuche zum dritten Mal in acht Tagen bei null an - und der Instagram-Post von Andrea Pirlo bleibt als Zwischenstand einer Verband, die im Post-WM-Fenster den Anschluss an das europaeische Personalkarussell verliert. Fuer die Fussball-Weltmeisterschaft 2026 ist der Vorgang jedenfalls die letzte grosse Nachbewegung des Post-Final-Zyklus.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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