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WM-Qualifikation

Pirlo als CT Italiens wackelt: FIGC-Chef Malago laesst Fonbet-Russland-Vertrag pruefen

Zwei Tage nach Guardiolas Absage stockt Italiens Trainersuche: FIGC-Chef Malago laesst am 26.07. Pirlos Vertrag mit Russland-Wettanbieter Fonbet pruefen.

Von Marco Feldmann 26. Juli 2026

Andrea Pirlo als Juventus-Trainer im Pre-Season-Freundschaftsspiel gegen die A-League All Stars im ANZ Stadium in Sydney: Die kurze Turin-Zeit 2020/21 war Pirlos einzige echte Cheftrainer-Station in Europa, bevor Sampdoria, dann Karagumruk und zuletzt United FC Dubai folgten (Foto: WENN). Foto: WENN via SmartFrame

ITALIENS TRAINERSUCHE · 26.07.2026 · 11:00 UHR - Der Weg des italienischen Fussballverbands zum neuen Nationaltrainer ist am Sonntagmorgen erneut ins Stocken geraten. Zwei Tage nach Pep Guardiolas oeffentlicher Absage hat FIGC-Praesident Giovanni Malago laut Gazzetta dello Sport die Verbandsjuristen mit einer vollstaendigen Pruefung der Vertragsverhaeltnisse von Andrea Pirlo beauftragt. Der 47-Jaehrige galt seit Freitagabend als quasi-gesetzt fuer den Posten - bis am Wochenende die russische Bindung des Weltmeisters von 2006 in den italienischen Medien und in der Politik breit thematisiert wurde.

Der Kern des Problems: Pirlo ist globaler Markenbotschafter des russischen Wettanbieters Fonbet und war vor wenigen Wochen in Moskau bei einem Autogrammtermin praesent. Parallel steht er in Vertrag bei United FC Dubai, dessen Eigentuemer der russische Milliardaer Sergey Lomakin ist - derselbe Lomakin, der signifikante Anteile am Fonbet-Konzern haelt. Die Kette russischer Bindungen ist damit dreifach: Sponsoring, Klub-Eigentuemer, oeffentliche Praesenz. Fuer den Nationaltrainer eines Landes, das im Ukraine-Krieg klar auf der ukrainischen Seite steht, wird das im Verband als optisch nicht tragbar bewertet.

Was Malago am Sonntag angeordnet hat

Der eigentliche Prozess-Schritt am Sonntag ist juristisch. Laut Gazzetta dello Sport, sport.sky.it und Football-Italia hat Malago die Verbandsanwaelte damit beauftragt, den zwischen Pirlo und Fonbet bestehenden Bildrechte-Vertrag zu analysieren. Zentrale Frage: Ist die Fonbet-Bindung ausschliesslich an Pirlos aktuelle Trainer-Rolle bei United FC Dubai geknuepft - und damit bei einem Vertragsende in den Vereinigten Arabischen Emiraten automatisch aufloesbar - oder handelt es sich um eine unabhaengige, persoenliche Ambassador-Vereinbarung, die Pirlo auch als italienischer Nationaltrainer weiter fortfuehren wuerde?

Pirlos Anwaelte argumentieren nach Football-Italia-Recherchen fuer die erste Lesart: Die Fonbet-Rolle sei institutionell an United FC gebunden und wuerde bei einem Ausstieg aus Dubai ohne Vertragsstrafe verfallen. Sky Italia zitiert am Sonntagmorgen aus Pirlo-nahen Kreisen, der Ex-Weltmeister sei “bereit, das Dubai-Kapitel zu beenden, um den italienischen Weg freizumachen”. Malago will diese Aussage aber nicht auf Zusicherung basierend akzeptieren, sondern erst nach dem Ergebnis der Vertrags-Analyse durch die FIGC-Juristen entscheiden.

Fonbet, United FC Dubai und der Weg zu Sergey Lomakin

Fonbet ist einer der groessten Wettanbieter Russlands. Das Unternehmen wurde 1994 in Moskau gegruendet, sponsert unter anderem die russische Premjer Liga und die russische Basketball-Superleague und beschaeftigt nach eigenen Angaben mehr als 8.000 Mitarbeiter. Der Konzern ist in Russland lizenziert, in den meisten westeuropaeischen Maerkten dagegen nicht. Die Ambassador-Vereinbarung mit Pirlo laeuft seit 2023.

United FC Dubai ist der emiratische Erstligist, den Pirlo im Sommer 2025 als Cheftrainer uebernommen hat. Der Klub aus dem Emirat Dubai wurde 2024 von einer Investorengruppe unter Fuehrung des in Russland geborenen Milliardaers Sergey Lomakin uebernommen, der laut Wikipedia-Eintrag zum Klub den zentralen Kapitalgeber stellt. Lomakin haelt zudem signifikante Anteile am Fonbet-Konzern - genau die Ueberlappung, die die Konstruktion fuer die FIGC verkompliziert.

Fuer Pirlo persoenlich war der Weg nach Dubai einer der wenigen offenen Trainer-Optionen. Nach dem Karriere-Ende als Spieler 2017 hatte er versucht, sich in Europa als Trainer zu etablieren - erst bei Juventus (2020/21, Meister aber Champions-League-Aus im Achtelfinale, danach entlassen), dann bei Sampdoria (2022/23, Abstieg in die Serie B), zuletzt beim tuerkischen Karagumruk. Der Dubai-Vertrag brachte finanzielle Stabilitaet, aber den europaeischen Trainer-Diskurs verlor er damit weitgehend.

Die Kette der Absagen: Guardiola Freitag, Pirlo im Wartestand

Der Zeitablauf ist eng. Am 22. Juli 2026 bestaetigte Malago in Rom oeffentlich die Verbands-Gespraeche mit Guardiola. Zwei Tage spaeter, am 24. Juli, machte der Katalane seine Absage laut Gazzetta ueber die italienische Nachrichtenagentur ANSA publik: “Danke, ich fuehle mich geehrt. Aber ich fuehle mich im Moment nicht dazu in der Lage.” Guardiola hatte seit dem Manchester-City-Abschied 25. Mai eine Trainerpause angekuendigt - fuer den Nationalmannschafts-Zyklus mit zehn bis zwoelf Kaderfenstern im Jahr sah er sich nicht bereit.

Sofort danach rueckte Pirlo als quasi-gesetzte Alternative in den Fokus. Der Vier-Jahres-Vertrag bis zur WM 2030 in Marokko, Spanien und Portugal war laut italienischen Medien in der Grobstruktur bereits ausgehandelt. Paolo Maldini als Technischer Direktor und Berater Leonardo trieben die Personalie an - beide gelten weiterhin als ueberzeugt von Pirlo als “italienische Loesung”. Die politischen und medialen Reaktionen ueber das Wochenende zwangen Malago aber, die Unterschrift zu vertagen und den Fonbet-Komplex aufzuarbeiten.

Was Pirlos Anwaelte sagen und was die Politik einwendet

Die politische Ebene ist die eigentliche Schaerfung dieser Woche. Nach Berichten von t-online und Corriere della Sera haben sich mehrere italienische Politiker aus dem Regierungslager und der Opposition kritisch zur Personalie geaeussert. Der Tenor: Ein italienischer Nationaltrainer, der als Werbegesicht einer russischen Marke auftritt und in Moskau Autogramme gibt, waere - unabhaengig von der juristischen Loesbarkeit - eine schlechte oeffentliche Optik in einem Land, das Milliarden an Militaer- und Zivilhilfe fuer die Ukraine bereitstellt.

Pirlos Anwaelte reagieren mit einer klaren Trennung. Sie betonen: Die Fonbet-Rolle sei ein professioneller Werbevertrag, kein politisches Statement. Sie sei zudem an die Dubai-Rolle gekoppelt und liesse sich bei einem Wechsel nach Rom sofort und ohne Vertragsstrafe aufloesen. Der Moskau-Autogrammtermin habe sich auf die Fonbet-Vertragspflichten bezogen und sei kein politischer Auftritt gewesen. Sky Italia beschreibt die Sonntagsstimmung im Pirlo-Lager als “kontrolliert optimistisch” - der 47-Jaehrige suche das direkte Gespraech mit Malago und wolle das Dubai-Kapitel im Zweifel schneller beenden als geplant.

Mancini, Spalletti, Allegri: die Alternativkette

Sollte Malagos Pruefung negativ ausfallen oder sich ueber Wochen ziehen, sind die Alternativ-Kandidaten in Italien seit Sonntagmorgen wieder im Gespraech. Roberto Mancini, der Italien 2021 in Wembley zum EM-Titel gefuehrt hatte und bis Ende 2025 bei Al-Nassr in Saudi-Arabien Kai Havertz’ Klub-Kollegen Cristiano Ronaldo trainierte, wird von Canale 8 und Gazzetta als “Plan C” gehandelt. Sein Vertrag in Riad war Ende Mai 2026 im gegenseitigen Einvernehmen aufgeloest worden, er ist verfuegbar.

Als zweite Option gilt Luciano Spalletti, der die Squadra Azzurra von 2023 bis 2024 nach dem Mancini-Abgang uebernommen hatte und im Vorfeld der EM 2024 durch Verbands-Krisen abgeloest wurde. Als dritte Option nennen italienische Medien Massimiliano Allegri, der nach dem Aus bei Juventus 2024 seither ohne Klub-Vertrag ist und mehrfach oeffentlich Interesse an einer National-Rolle bekundet hat.

Die Zeitfrage ist dabei nicht unkritisch. Italien startet in die EM-2028-Qualifikation im September 2026 - erst danach folgt die WM-2030-Qualifikation. Bis zum ersten Pflichtspieltermin bleiben Malago knapp sechs Wochen, um die Personalfrage sauber und mit politischer Rueckendeckung zu klaeren. Ein zweiter Fehlstart nach dem verpassten Playoff gegen Bosnien-Herzegowina waere fuer die Squadra Azzurra ein noch schwerwiegenderer Bruch als die WM-Abwesenheit selbst.

Europaeischer Trainer-Karussell: parallele Entscheidungen

Waehrend Italien den dritten Anlauf nimmt, sind die anderen grossen europaeischen Trainerposten in dieser Woche geraeumt worden. Der DFB hat am Freitag Juergen Klopp offiziell als Bundestrainer vorgestellt, Belgien holte am Vortag Mark van Bommel als Nachfolger von Rudi Garcia. Damit sind drei der fuenf grossen westeuropaeischen Verbaende nach dem WM-Finale personell neu aufgestellt - der vierte, Frankreich, hat mit Didier Deschamps’ Verlaengerungs-Frage nach dem dritten Platz einen eigenen Nachfolge-Vorgang laufen. Italien bleibt damit der letzte grosse Verband ohne finalen CT-Beschluss.

Die naechsten 48 Stunden entscheiden ueber das Muster. Wenn Malagos Juristen die Fonbet-Vertragsklausel als sauber aufloesbar bewerten und Pirlo im Gegenzug den Dubai-Vertrag beendet, bleibt Pirlo im Rennen. Wenn nicht, wird Malago nach Football-Italia-Angaben rasch nach Mancini greifen - der 2021er EM-Sieger waere die politisch risikofreieste Loesung. Die Post-WM-Trainer-Kartografie Europas erhaelt ihre letzte, entscheidende Weiche.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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