Drittligist Rot-Weiss Essen wirft Bundesliga-Absteiger St. Pauli 2:0 aus dem DFB-Pokal
Drittligist Rot-Weiss Essen wirft Bundesliga-Absteiger FC St. Pauli mit 2:0 aus der 1. DFB-Pokalrunde. Janssen und Telalovic treffen, Rapp weiter ohne Sieg.
Von Lukas Brandt 24. August 2026
Der Drittligist Rot-Weiss Essen hat am Samstag, 23. August 2026, im Stadion an der Hafenstrasse die zweite grosse sportliche Sensation der 1. DFB-Pokal-Runde 2026/27 geliefert: 2:0 (1:0) gegen den frisch aus der Bundesliga abgestiegenen FC St. Pauli. Marek Janssen kopfte in der 36. Minute eine Marvin-Obuz-Flanke am zweiten Pfosten ueber die Linie, Semir Telalovic schob in der 53. Minute aus fuenf Metern zum Endstand ein. Es ist der dritte RWE-Pflichtspielsieg in Folge nach dem 2:5-Auftakt-Debakel in Saarbruecken - und der dritte St.-Pauli-Pflichtspiel-Auftritt der Saison ohne Sieg unter Neu-Trainer Marcel Rapp.
2:0 an der Hafenstrasse: Janssen und Telalovic werden zu Pokal-Helden
Die beiden Essener Tore fielen nach dem gleichen Muster: rechte Seite, Flanke, freistehender Kopf oder Fuss im Zentrum, Ball ueber die Linie. In der 36. Minute flankte Marvin Obuz, der fuer Dickson Abiama in die Startelf gerueckt war, von halbrechts. Am zweiten Pfosten loeste sich Marek Janssen aus dem Innenverteidiger-Griff, drueckte den Ball aus etwa fuenf Metern in die Maschen. 1:0 - und der erste einer Reihe von Fehlern in der Hamburger Kettenabsprache. Zuvor hatte Janssen bereits eine Halbchance nach vertikalem Steilball freistehend liegen gelassen, Ben Voll im St.-Pauli-Tor parierte.
In der 53. Minute wiederholte sich die Szene mit anderen Namen. Diesmal war es Jannik Hofmann, der von der rechten Seite in den Strafraum flankte. Semir Telalovic stand im Zentrum aus fuenf Metern voellig frei - die St.-Pauli-Innenverteidiger hatten den Angreifer, der frisch von der Bank gekommen war, komplett aus den Augen verloren - und musste die halb-hohe Flanke nur noch souveraen im kurzen Eck unterbringen. 2:0, Vorentscheidung, Deckel drauf. In den verbleibenden 40 Minuten liefen die Hamburger einer Aufholjagd hinterher, die nie in Gang kam.
Die vergebenen Chancen: Kaars zweimal aus kurzer Distanz freistehend
Was die Partie fuer St. Pauli besonders bitter macht: Die Hamburger hatten in der ersten Halbzeit trotz der fehlenden Zwingendkeit im Aufbau zwei glasklare Ausgleichs-Chancen. Beide fielen an den niederlaendischen Angreifer Martijn Kaars - beide vergab er kolossal.
In der ersten Szene aus vier Metern zentral vor dem Tor setzte Kaars den Ball frei ueber die Latte, der Essener Torhueter war im ersten Moment ohne Interventionschance. In der zweiten Szene stand Kaars nach einem RWE-Ballverlust im Aufbauspiel ploetzlich aus fuenf Metern frei vor dem Kasten - und traf den Ball nicht sauber. Zwei Aktionen, die im Falle einer Verwertung die Statik der Partie komplett veraendert haetten. Stattdessen liefen die St.-Paulianer nach dem 0:2 der 53. Minute einer nicht mehr wirklich stattfindenden Chancen-Entwicklung hinterher.
Eine der kuriosen Fussnoten des Nachmittags: St.-Pauli-Torhueter Ben Voll musste bei einem Abschlag pausieren, weil sich sein Schnuersenkel im eigenen Stollen verhakt hatte. Der Schiedsrichter unterbrach fuer den Ausruestungswechsel - eine Szene, die in den Konferenz-Zusammenfassungen des Abends als Sinnbild fuer einen Nachmittag lief, an dem beim Hamburger Zweitligisten wenig zusammenpassen wollte.
Marcel Rapp: dritter Pflichtspiel-Auftritt am St.-Pauli-Kiez ohne Sieg
Marcel Rapp uebernahm die St.-Pauli-Bank im Sommer 2026 als Nachfolger von Alexander Blessin, der die Hamburger zwar in die Bundesliga zurueckgebracht, den Klassenerhalt nach dem Aufstieg jedoch verpasst hatte. Rapps Auftaktbilanz liest sich jetzt sportlich problematisch: zwei Remis in den ersten beiden 2.-Bundesliga-Spielen (bei denen die Hamburger jeweils frueh in Rueckstand gerieten und nicht mehr in Fuehrung kamen), gefolgt von diesem Pokal-Aus in der 1. Runde beim Drittligisten. Drei Pflichtspiele, kein Sieg, sechs Gegentore und eigene Torflaute in den entscheidenden Zonen.
Am naechsten Wochenende wartet in der 2. Bundesliga bereits das dritte Ligaspiel - die Aussenwelt am Millerntor und in den St.-Pauli-Kolumnen der Hamburger Sportspalten wird auf einen ersten Rapp-Sieg schauen. Die Vor-Saison-Diagnose der Kaderbeobachter, dass die 2. Bundesliga 2026/27 mit den Absteigern Heidenheim und St. Pauli sowie den ambitionierten Aufsteigern und dem Titelverteidiger Braunschweig deutlich schwerer wird als das Bundesliga-Kellerjahr 2025/26, bestaetigt sich fruehzeitig.
Die zweite Erstrunden-Sensation des Wochenendes nach Jeddeloh-Heidenheim
Der Essener 2:0-Coup ist die zweite grosse sportliche Sensation der Erstrunde 2026/27 - direkt nach dem SSV-Jeddeloh-II-5:2-Coup gegen Bundesliga-Absteiger 1. FC Heidenheim, den der Regionalligist am gleichen Nachmittag im Marschweg-Stadion in Oldenburg fabriziert hatte. Zusammen betrachtet ist das ein bemerkenswertes Wochenende: zwei Bundesliga-Absteiger raus, beide gegen Unterhaus-Konkurrenz aus der 3. und 4. Liga, beide in der ersten Erstrunden-Woche der Post-WM-2026-Saison.
Sportlich sind die beiden Coups komplementaer erzaehlt: In Oldenburg besorgte ein Regionalligist mit fuenf Toren, gehaltenem Elfmeter und perfekter Score-Umkehr zum 2018/19-Duell die Schlagzeile; in Essen liefert ein Drittligist zwei effiziente Standard-Struktur-Tore aus rechten Flanken und laesst den Bundesliga-Absteiger an eigenen vergebenen Grosschancen scheitern. Beide Coups verbinden sich zur Message des Erstrunden-Wochenendes: In der Post-Bundesliga-Existenz sind die Absteiger noch nicht angekommen.
Der Rest der Erstrunde 2026/27 ist bereits durch mehrere Nebenerzaehlungen markiert. Das Waldhof-FCK-Derby im Carl-Benz-Stadion Mannheim endete mit organisatorischer Eskalation, Polizeieinsatz und Verlaengerung. Die bundesweiten Fanprotest-Choreografien gegen die VAR-Regelaenderungen zogen sich durch alle Erstrunden-Partien. Bei Frankfurt sorgte die Ausbootung von Arthur Theate fuer Personal-Diskussionen im belgischen WM-Kader-Radar. Bei Gladbach lief die Bensebaini-Rote-Karte in der Terrier-Praezedenz durch die algerischen Fussballspalten. Und in Rostock schrieb der 17-jaehrige Dzenan Pejcinovic mit Hattrick fuer den VfB Stuttgart das Nachwuchs-Kapitel der Runde.
Einordnung: RWE zurueck auf der Pokal-Buehne, die Hafenstrasse jubelt
Fuer Rot-Weiss Essen ist der Coup mehr als drei Punkte in der Vereinsgeschichte. Der Klub hatte im Sommer 2026 in der Relegation zur 2. Bundesliga an der SpVgg Greuther Fuerth vorbei den Aufstieg verpasst und startete die Saison 2026/27 entsprechend mit einer Enttaeuschung im Rueckspiegel. Der Auftakt in die 3. Liga fiel dann auch prompt mit einer 2:5-Niederlage in Saarbruecken in den Keller - drei Wochen und drei Pflichtsiege spaeter steht der Klub aber sportlich wieder da, wo die Hafenstrasse ihn erwartet: als kaempferischer, offensivorientierter Drittligist mit einer Erstrunden-Pokal-Coup im Pflichtspiel-Register.
Die naechste DFB-Pokal-Runde wird wegen des Franz-Beckenbauer-Supercups am 22. August erst am 5. September 2026 ausgelost. Fuer die Essener bedeutet das: eine weitere Woche Warten auf das zweite Los. Als Drittligist im Lostopf der 32 verbliebenen Teams ist ein weiteres Heimspiel gegen einen Bundesligisten das Szenario, das der 20.650-Zuschauer-Fassungsraum an der Hafenstrasse gerne einmal wieder sehen wuerde. Fuer die Post-WM-Chronik des DFB-Teams hat der Erstrunden-Ausgang keine unmittelbare Personal-Konsequenz - der WM-2026-Kader-Radar von Bundestrainer Juergen Klopp liegt in anderen Ligen und anderen Ligensternen. Der Essener 2:0-Coup lebt fuer sich - als Sonntagabend-Video-Clip in den Sportschau-Konferenzen, als Signal der Erstrunde 2026/27 und als Erinnerung daran, dass die deutsche Fussball-Pyramide gerade an ihren Rueckstiegs-Kanten ungewoehnlich weich ist.
Am Ende einer Erstrunden-Woche, die mit Fanprotesten begann und mit zwei sportlichen Klassen-Umstuerzen an einem Nachmittag endete, hat Rot-Weiss Essen den weiteren Fragezeichen-Bogen an St. Paulis Kiez-Neustart gesetzt. Die Hafenstrasse jubelt - und Marcel Rapps Millerntor wartet weiter auf einen ersten Pflichtspielsieg.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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