Salah vor Hossam-Hassan-Rekord: Warum FIFA zwei Ägypten-Tore nicht anerkennt
Mohamed Salah steht vor dem Australien-Spiel bei 68 Länderspieltoren - eines vor Hossam Hassans Rekord. FIFA zählt zwei Salah-Treffer aus Alexandria 2013 nicht.
Von Marco Feldmann 03. Juli 2026
Als Mohamed Salah am 21. Juni 2026 im BC Place Vancouver in der 74. Minute des Gruppen-G-Spiels gegen Neuseeland einen langen Ball von Omar Marmoush aus vollem Lauf im linken Sechzehner-Eck annahm und mit dem rechten Innenrist flach ins lange Eck von Max Crocombe einschob, war es der 68. Treffer des Liverpool-Kapitaens im ägyptischen Nationaltrikot - und damit statistisch einen Ein-Tor-Rueckstand auf den ewigen Verbandsrekord seines eigenen Bundestrainers Hossam Hassan (69 Tore in 177 Laenderspielen zwischen 1985 und 2006). Vor dem Sechzehntelfinale gegen Australien am 3. Juli 2026 um 20:00 Uhr MESZ im AT&T Stadium Dallas haengt an dieser einen Zahl mehr, als es auf den ersten Blick scheint: Nach der Zaehlung des aegyptischen Fussballverbandes EFA hat Salah den Rekord laengst eingestellt. Zwei Salah-Tore aus einem 10:0 gegen Swasiland im Fruehjahr 2013 in Alexandria zaehlt die FIFA jedoch nicht - wegen einer laengst geaenderten Regel zu Auswechslungen in Freundschaftsspielen.
68 zu 69 - der offizielle Rueckstand auf Hossam Hassan
Salahs Zaehlwerk vor dem Sechzehntelfinal-Anstoss steht bei 68 Toren in 119 Laenderspielen seit dem Debuet am 3. September 2011 in einem 2:2 gegen die Zentralafrikanische Republik in Kairo. In der WM-2026-Vorrunde hat der 34-Jaehrige gegen Ägyptens Gruppen-G-Konkurrenz drei Vorlagen und einen Treffer aufgelegt und die Pharaonen zum erstmaligen Einzug in eine WM-K.-o.-Runde in vier WM-Endrunden (1934, 1990, 2018, 2026) gefuehrt. Sein 68. Treffer gegen Neuseeland ist damit gleichzeitig Salahs erstes WM-Tor seit dem 1:2 gegen Saudi-Arabien 2018 in Wolgograd und der Ein-Tor-Rueckstand auf Hossam Hassans 69 Tore rueckt seit Sonntagabend in Vancouver in echte Reichweite.
Der Verbandsrekord des heute 60-jaehrigen Bundestrainers Hassan entstand ueber 21 Jahre zwischen dem Debuet 1985 gegen den Sudan und dem Karriere-Ende 2006 nach dem Africa-Cup-of-Nations-Titel in Kairo. Hassan brachte es dabei auf 177 A-Laenderspiele - eine Zahl, die Salah mit heutigem Stand (119 Einsaetze) wahrscheinlich nicht mehr einholen wird. In Tore-pro-Spiel liegt der Amtsinhaber mit 0,57 allerdings klar vor Hassans 0,39, und die Konstellation, dass Trainer und Kapitaen gleichzeitig um denselben Verbandsrekord kaempfen, ist in der internationalen Fussball-Statistik ein Sonderfall.
Alexandria 2013: Bob Bradley, elf Halbzeit-Wechsel, zwei annullierte Salah-Tore
Der eigentliche Kern der Rekord-Debatte liegt fast 13 Jahre zurueck. Am 22. Maerz 2013 trat Aegypten unter dem damaligen Nationaltrainer Bob Bradley in einem Freundschaftsspiel im Borg-El-Arab-Stadion in Alexandria gegen den amtierenden Fussball-Verband von Swasiland (heute offiziell Eswatini) an. Bradley wollte im Rahmen der WM-Quali-Vorbereitung dem kompletten erweiterten Aufgebot Einsatzminuten geben; er brachte deshalb zur Halbzeit elf Wechsel auf einmal, tauschte praktisch die gesamte Startelf aus und schickte eine Zweite Elf ins Spiel. Aegypten gewann souveraen mit 10:0; Mohamed Salah erzielte in der Partie zwei Treffer.
Das Problem: Nach damaliger IFAB-Regelinterpretation waren in internationalen Freundschaftsspielen nur sechs Wechsel pro Team zulaessig. Die FIFA-Statistikabteilung klassifizierte die zweite Halbzeit der Partie deshalb nicht als offizielles A-Laenderspiel und strich alle in diesem Zeitraum erzielten Tore aus der Weltstatistik. Betroffen waren nach FIFA-Rechnung neben Salahs zwei Treffern auch drei weitere aegyptische Tore. Der aegyptische Verband EFA akzeptierte die FIFA-Auslegung nie und fuehrt Salah in seiner eigenen ewigen Torjaegerliste konsequent mit 70 Toren - vor Hassans 69. Fuer die FIFA-Statistik, auf die sich internationale Rekordlisten wie RSSSF und IFFHS stuetzen, bleibt Salah bei 68.
IFAB Februar 2026 - die Regel wurde geaendert, aber nicht rueckwirkend
Auf ihrer 140. Sitzung im Februar 2026 in Belfast hat das International Football Association Board die Sechs-Wechsel-Beschraenkung fuer internationale Freundschaftsspiele offiziell aufgehoben. Beide beteiligten Verbaende koennen seither in einem Testspiel unbegrenzt viele Auswechslungen vornehmen, sofern sie sich vor Anstoss darauf verstaendigen und die zusaetzlichen Wechsel nicht die Regelmaessigkeit der Partie beeintraechtigen. Der IFAB-Beschluss war ein spaetes Zugestaendnis an eine seit Jahren gewachsene Praxis - Bradleys Alexandria-Vorgehen von 2013 waere nach heutiger Rechtslage regelkonform.
Rueckwirkend gilt die Neuregelung allerdings nicht. Weder das IFAB-Statut noch die FIFA-Statistikordnung sieht eine nachtraegliche Anerkennung von Spielen oder Toren vor, die unter der alten Regel als inoffiziell klassifiziert wurden. Ein entsprechender Antrag des aegyptischen Verbandes, den die EFA nach der IFAB-Sitzung ueber die CAF an die FIFA-Statistikabteilung gestellt hat, ist bislang unbeantwortet. Solange die FIFA-Weltstatistik die Alexandria-Tore nicht zurueckdatiert, muss Salah den Rekord ein zweites Mal auf dem Rasen einholen - der Verbandsrekord seines eigenen Trainers bleibt in der FIFA-Zaehlung 69, und Salah bleibt bei 68.
Die Oberschenkel-Frage vor Dallas
Ob Salah den Rekord ausgerechnet in Texas einstellen kann, haengt an einer Oberschenkel-Blessur aus dem Gruppen-G-Abschluss gegen Iran am 29. Juni 2026 im Lumen Field Seattle (1:1). Salah hatte sich in einem Zweikampf mit Milad Mohammadi eine Zerrung im linken vorderen Quadrizeps zugezogen; Hossam Hassan wechselte ihn in der 57. Minute unter Schutz aus. Am darauffolgenden Tag fehlte der Kapitaen dem Team komplett. Am 30. Juni und 1. Juli absolvierte Salah ausschliesslich Reha-Einheiten mit dem aegyptischen Physiotherapeuten-Team. Erst am 2. Juli kehrte er in Teilen zum Mannschaftstraining zurueck: Passuebungen und leichte Antritte, aber weiterhin keine vollen Zweikaempfe.
Die finale Entscheidung ueber einen Startelf-Einsatz wird nach Angaben der aegyptischen Delegation eine Stunde vor Anstoss um 20:00 Uhr MESZ fallen - so, wie es der Kicker-Vorbericht am Donnerstagabend andeutete. Sollte Salah nicht in der Anfangsformation stehen, uebernimmt Omar Marmoush (Manchester City, ex-Eintracht Frankfurt) die zentrale Sturmposition, und Ibrahim Adel (Pyramids) rueckt auf die linke Aussenbahn. Die Rekord-Frage wuerde sich dann auf ein moegliches Achtelfinale am 7. Juli 2026 in Atlanta verschieben - oder auf die aegyptischen Herbst-Laenderspieltermine der CAF.
Was ein Rekord-Tor gegen Australien bedeuten wuerde
Sollte Salah gegen Australien treffen, waere es der 69. Salah-Treffer und damit die Einstellung des Hassan-Rekords in der FIFA-Zaehlung. Ein zweiter Treffer im selben Spiel oder in einer moeglichen Verlaengerung wuerde den Rekord uebertreffen und den Amtsinhaber offiziell zum ewigen aegyptischen Torschuetzenkoenig auch nach internationaler Statistik machen. Nach EFA-Zaehlung waere es der 71. und 72. Treffer.
Symbolisch ist die Konstellation, in der ein Kapitaen den Rekord seines eigenen Bundestrainers in einer WM-K.-o.-Partie brechen koennte, in der Fussball-Statistik ohne unmittelbaren Vergleichsfall. Als naechster Referenzwert gilt die Franz-Beckenbauer-Konstellation von 1990, als der damalige DFB-Teamchef und ehemalige Kapitaen den WM-Titel als Trainer wiederholte - kein statistischer Rekord, aber die naehste symbolische Parallele in der jueng eren Verbands-Fussball-Geschichte.
Fuer das ägyptische Team ist die Rekord-Frage vor allem eine der WM 2026-Erzaehlung, nicht der Turnierdramaturgie. Sportlich zaehlt der Sieg gegen Australien; die 68 gegen 69 ist der Rahmen, der die aegyptische Kampagne emotional traegt. Hossam Hassan hat vor dem Spiel in Dallas dazu nur einen Satz gesagt: “Wenn er trifft, feiern wir alle. Wenn nicht, hat er zwei weitere Chancen im Turnier.”
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Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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