Hervé Renard übernimmt Tunesien: Argentinien-Bezwinger soll die Pharaonen vor dem WM-Aus retten
Tunesien holt nach dem Lamouchi-Aus den Franzosen Hervé Renard. FTF-Präsident Moez Nasri bestätigte den Argentinien-Bezwinger von 2022 heute Morgen im Staatsfernsehen.
Von Marco Feldmann 16. Juni 2026
Das war eine schnelle Wende. Knapp zwölf Stunden nachdem dpa und kicker am gestrigen 15. Juni Mondher Kebaier als designierten Lamouchi-Nachfolger ausgewiesen hatten, hat Tunesiens Verbandspräsident Moez Nasri heute Morgen (16. Juni 2026, 09:01 Uhr MESZ) im staatlichen Fernsehen eine andere Lösung verkündet: Neuer Cheftrainer der Pharaonen für das restliche WM-Turnier wird der Franzose Hervé Renard. Der 57-Jährige - zuletzt Saudi-Arabiens Trainer, davor Frankreichs Frauen-Bundes-Trainer bei der WM 2023, Marokko-Coach bei der WM 2018 und doppelter Afrika-Cup-Sieger mit Sambia (2012) und Elfenbeinküste (2015) - übernimmt eine Mannschaft, die nach dem 1:5-Auftakt gegen Schweden mit null Punkten und minus 4 in der Tordifferenz vor dem Vorrunden-Aus steht. Lamouchi hat das tunesische Mannschafts-Quartier bereits in der Nacht zum 16. Juni verlassen; die Trennung sei “im gegenseitigen Einvernehmen” erfolgt, hieß es vom Verband via Instagram. Hintergrund zur Mannschaft selbst liefert die Pillar Tunesien bei der WM 2026, die Kebaier-Spekulation samt FTF-Notsitzung des gestrigen Tages haben wir im Vorgänger-Bericht zur Lamouchi-Trennung dokumentiert. Beide Stücke gehören zusammengelesen - dieser hier ist die Fortschreibung mit dem tatsächlichen Berufungs-Ergebnis.
Was die FTF heute Morgen verkündet hat
| Datum | 16. Juni 2026, 09:01 Uhr MESZ |
|---|---|
| Verkündung | Staatliches tunesisches Fernsehen, Statement Moez Nasri |
| Neuer Cheftrainer | Hervé Renard (Frankreich, 57 Jahre) |
| Letzte Trainerstation | Saudi-Arabien (2019-2025) |
| Vertrag | für das restliche WM-Turnier (laut FTF-Mitteilung) |
| Ankunft im Quartier | ”zeitnah”, noch am 16. Juni |
| Nächstes Spiel | Tunesien - Japan, 21. Juni, 06:00 MESZ, Monterrey |
Verbandspräsident Nasri sprach im Staats-TV von einer “Lösung, die der Mannschaft sofort Klarheit gibt und gleichzeitig die internationale Renommee bringt, die wir in den verbleibenden zwei Gruppenspielen brauchen”. Die zunächst kolportierte Kebaier-Lösung sei “eine Verbandsinterne Notfall-Option” gewesen, die nach Klärung der Renard-Verfügbarkeit “verworfen” worden sei. Dass die FTF binnen Stunden von der Kebaier-Idee auf Renard umschwenkte, zeigt die Geschwindigkeit, mit der unter Turnierbedingungen Personal-Entscheidungen revidiert werden: Was am Mittag des 15. Juni als beschlossen galt, war am Morgen des 16. Juni schon wieder Geschichte.
Renard selbst hatte sich nach der WM 2022 (Saudi-Arabien-Aus in der Vorrunde trotz des Argentinien-Sieges) für den Job bei Frankreichs Frauen entschieden, war dort bei der WM 2023 in Australien und Neuseeland bis ins Viertelfinale gekommen (0:0 nach Verlängerung gegen Australien, Aus im Elfmeterschießen) und hatte den Posten 2024 nach den Olympischen Spielen verlassen. Im Saudi-Königreich war er nach dem WM-2022-Hoch zur Saison 2024/25 noch einmal zurückgekehrt, mit der saudischen A-Mannschaft die Asien-Quali für die WM 2026 souverän überstanden und den Vertrag dann im Frühjahr 2026 aufgelöst. Die Wochen davor war Renard - branchenintern bestätigt - mit mehreren afrikanischen Verbänden im Gespräch gewesen. Tunesien hat nun zugegriffen.
Hervé Renard - der Globetrotter mit weißem Hemd
Wer in den letzten 15 Jahren Afrika-Cup oder WM verfolgt hat, kennt das Bild: Renard an der Seitenlinie, weißes Hemd, an der Oberlippe oft ein Drei-Tage-Bart, Mikrofon-Verkabelung am Kragen. Das Hemd ist seit dem Sambia-Wunder 2012 sein editorial signature look geworden - er soll es auf Reisen sogar in mehrfacher Ausführung dabei haben, weil er es bei jedem Spiel trägt. Hinter dem Outfit-Markenzeichen steht eine Trainer-Biografie, die in der Männer-Welt des europäischen Spitzen-Fußballs ihresgleichen sucht: Renard ist kein Bundesliga-, Premier-League- oder La-Liga-Klubtrainer gewesen. Seine Karriere ist eine Sammlung von Nationalverband-Stationen, mit gelegentlichen Klub-Episoden in Frankreich (Cambrai, Sochaux) und einem kurzen Ausflug zu Lille (2015-2016).
Geboren am 30. September 1968 in Aix-les-Bains, war Renard als Spieler ein klassischer Verteidiger in der zweiten und dritten französischen Liga, ohne A-Länderspiele. Den Sprung in die Trainer-Welt machte er Anfang der 2000er als Assistenz-Trainer Claude Le Roys in Ghana und China - Le Roy ist im Afrika-Fußball eine Legende und hat Renard die Tür zu den afrikanischen Verbänden geöffnet. Seine erste eigene Cheftrainer-Station hatte Renard 2008-2010 in Sambia: ein Verband, der für Außenstehende mit “Fußball-Niveau Drittliga” verbunden war. Renard machte aus Sambia eine Mannschaft, die 2010 beim Afrika-Cup unter Augen der Welt das Viertelfinale erreichte - und holte 2012 dann den Titel.
Nach Sambia folgten Angola (2010-2011), Sambia (2011-2013, der Doppel-Anlauf inklusive AFCON-Titel), Sochaux (2013-2014), Elfenbeinküste (2014-2015, AFCON-Titel), Lille (2015-2016), Marokko (2016-2019, inkl. WM 2018), Saudi-Arabien (2019-2023, inkl. WM 2022) und Frankreich Frauen (2023-2024). Tunesien ist seine zehnte Nationalverband- oder Klub-Aufgabe in 18 Jahren. Im Verband-Spitzen-Sport gibt es kaum einen mobileren Coach.
Lusail 2022 - das 2:1 gegen Argentinien
Es ist die Erinnerung, mit der Renard ins Tunesien-Quartier einrücken wird. 22. November 2022, Lusail Iconic Stadium, Vorrundenspiel der WM in Katar. Argentinien führt nach Lionel Messis Foulelfmeter (10. Minute) mit 1:0, hat in der ersten Halbzeit drei reguläre Tore wegen Abseits annulliert bekommen und gilt für die zweite Halbzeit als unumkehrbarer Favorit. Renards Saudi-Arabier kommen aus der Halbzeit, blitzen in fünf Minuten das Spiel um: 48. Minute Saleh Al-Schehri zum 1:1 (Querpass von Yasir Al-Shahrani, Linksschuss aus 14 Metern). 53. Minute Salem Al-Dawsari zum 2:1 (Solo durch die argentinische Innenverteidigung, Distanzschuss in den Winkel). Argentinien drückt 35 Minuten, vergibt mehrere klare Chancen, scheitert am Pfosten und an Saudi-Torwart Mohammed Al-Owais - genau jenem Keeper, der gestern Nacht in Miami auch Uruguays Stürmer-Trio zur Verzweiflung gebracht hat (siehe Saudi-Arabien-Uruguay 1:1-Spielbericht).
Renards Match-Plan: extrem hohe Abwehr-Linie mit der gesamten saudischen Vierkette etwa auf Höhe der Mittellinie, Vorgabe für die Mittelfeld-Spieler war das kollektive Hochschieben beim ersten Ball-Kontakt der gegnerischen Innenverteidigung. Argentinien lief in der ersten Halbzeit fünfmal in die Abseitsfalle - die VAR-Annullierungen waren keine Zufalls-Treffer, sondern die Folge eines bewusst risikoreichen taktischen Konzepts. In der Pause hielt Renard nach Aussagen seines Assistenten eine ungewöhnlich kurze Halbzeit-Ansprache: “Eine Halbzeit habt ihr Argentinien überlebt. Eine zweite Halbzeit übersteht ihr auch, wenn ihr jetzt nicht die Hosen voll bekommt.” Saudi-Arabien gewann. Argentinien wurde sechs Wochen später Weltmeister. Aber Saudi-Arabien hatte für 90 Minuten gegen den späteren Champion gewonnen. Diese Episode ist Renards Mannschafts-Psychologie-Visitenkarte - genau die Visitenkarte, die ihm in der tunesischen Kabine Glaubwürdigkeit einbringen wird, wo viele der Spieler die Lusail-Stunden live verfolgt haben.
Zwei Afrika-Cup-Titel mit Sambia und Elfenbeinküste
Renards eigentliche Trainer-Marke aber sind seine AFCON-Titel - zwei davon, mit zwei verschiedenen Mannschaften. Der erste war 2012 in Libreville, mit Sambia. Es war der emotionalste Afrika-Cup-Titel der jüngeren Geschichte: 1993 war die sambische Mannschafts-Maschine über Gabun abgestürzt, alle 18 Spieler waren ums Leben gekommen. Der Afrika-Cup 2012 wurde 19 Jahre später ausgerechnet in Libreville ausgetragen - direkt vor dem Strand, an dem die sambische Mannschaft 1993 verunglückt war. Renards Sambia gewann das Endspiel 0:0 nach Verlängerung, 8:7 im Elfmeterschießen gegen die Elfenbeinküste (Drogba, Touré-Brüder, Eboué, Gervinho, Tiote, Bony). Renard rannte nach dem entscheidenden Elfmeter ans Strand-Ufer, weinte, und die Welt hatte ein Bild, das den emotionalen Tiefenwert des Afrikas-Fußballs in 30 Sekunden zusammenfasste.
Drei Jahre später, am 8. Februar 2015 in Bata (Äquatorialguinea), holte Renard den zweiten AFCON-Titel - diesmal mit der Elfenbeinküste, also den Spielern, die er 2012 als Sambia-Coach im Endspiel besiegt hatte. Auch dieses Endspiel ging 0:0 nach Verlängerung; Ghana verlor im Elfmeterschießen 9:8 (zwei verschossene Elfer auf jeder Seite). Renard ist damit der einzige Trainer der Welt, der den Afrika-Cup mit zwei verschiedenen Nationen gewonnen hat. Beide Titel waren Außenseiter-Erfolge gegen die Papier-Favoriten der Konkurrenz - genau der Profil-Typ, den Tunesien gegen die UEFA-Top-Mannschaften Niederlande und das Schwergewicht Japan in den verbleibenden Vorrundenspielen jetzt braucht.
Hinzu kam Marokko bei der WM 2018: Renards Mannschaft schied zwar in der Vorrunde aus (0:1 gegen Iran, 0:1 gegen Portugal, 2:2 gegen Spanien), spielte aber drei stark beachtete Begegnungen und legte taktisch das Fundament, auf dem Walid Regragui bei der WM 2022 dann den Halbfinal-Einzug der Marokkaner bauen konnte. Renard ist im Maghreb damit kein Unbekannter - in Casablanca und Rabat war er fünf Jahre lang Bundes-Trainer, in Tunis kennt man seine Methodik. Die geographische und kulturelle Brücke ist denkbar kurz.
Vier Trainings-Tage bis Japan - was Renard sofort ändern kann
Die Aufgabe ist klar umrissen. Tunesien spielt am Sonntag, 21. Juni 2026, um 06:00 Uhr MESZ im Estadio BBVA in Monterrey gegen Japan. Renard hat damit knapp viereinhalb Trainings-Tage Zeit, um die Mannschaft mental aufzurichten und taktisch leicht zu justieren. Eine komplette System-Reform ist im Zeitfenster nicht möglich - aber drei sofort umsetzbare Justierungen sind realistisch:
- Mannschafts-Geist und Match-Erzählung. Lamouchi hatte nach dem 1:5 in der Pressekonferenz von “kollektivem Versagen in der zweiten Hälfte” gesprochen - eine Formulierung, die die Mannschaft eher belastete als entlastete. Renard wird mit ziemlicher Sicherheit das Lusail-2022-Narrativ in der Kabine bemühen: “Wir waren schon in solchen Situationen und haben sie umgedreht.” Das ist die schnellstmögliche psychologische Mindest-Justierung, und Renard kann sie mit seiner eigenen Biografie glaubwürdig vortragen.
- Defensives Konzept gegen Japan. Japan spielt unter Hajime Moriyasu mit hoher Tempo-Flügelpräsenz (Ritsu Doan, Kaoru Mitoma) und schnellen Umschalt-Momenten über Daichi Kamada. Die Lamouchi-Defensive hatte gegen Schweden in der zweiten Hälfte das Pressing fast vollständig eingestellt und alle Außen-Räume offengelassen. Renard wird das kompakte Mittelfeld-Bollwerk (Skhiri-Khedira-Mejbri-Trio) zur Kern-Anforderung machen und voraussichtlich die Außen-Verteidiger Yan Valery und Mohamed Drager defensiver positionieren.
- Standards als Equalizer. Renards historische Mannschaften haben oft über Standards (Eckbälle, Freistöße) ausgeglichen, was sie spielerisch nicht hatten. Tunesien hat mit den robusten Innenverteidigern Yassine Meriah und Mohamed Amine Tougaï zwei Standard-Köpfe - Renard wird die Trainings-Tage in Mexiko nutzen, um die Stand-Variationen zu schärfen.
Was Renard nicht ändern wird: das 4-2-3-1 als System. Es ist Lamouchis Erbe, es ist für die Spieler vertraut, ein Wechsel zu einem 3-4-3 oder 4-3-3 wäre in viereinhalb Trainings-Tagen ein unkalkulierbares Risiko. Renard ist Pragmatiker genug, das System zu behalten und nur die Aufgaben innerhalb der Linien zu schärfen.
Die personelle Schlüsselfrage betrifft Kapitän Ellyes Skhiri, dessen Patzer in der 60. Minute gegen Schweden den psychologischen Bruchpunkt der Partie markiert hatte (siehe Schweden-Tunesien 5:1-Spielbericht). Renard wird den Frankfurter weder demütigen noch streichen - der Eintracht-Sechser ist als Captain die zentrale Kommunikations-Achse, dazu in der Tunesien-Bundesliga-Achse mit Rani Khedira der Anker. Eher wird Renard ein persönliches Vier-Augen-Gespräch suchen und Skhiri demonstrativ als Captain bestätigen. Standard-Methodik aus dem Renard-Handbuch: Vertrauen demonstrieren, statt es zu entziehen.
Tabelle Gruppe F und die Aufstiegs-Mathematik
Die Tabelle nach dem ersten Spieltag der Gruppe F:
Pos. Team Sp S U N Tore Diff Pkt
1. Schweden 1 1 0 0 5:1 +4 3
2. Niederlande 1 0 1 0 2:2 0 1
2. Japan 1 0 1 0 2:2 0 1
4. Tunesien 1 0 0 1 1:5 -4 0
Tunesien braucht in den verbleibenden zwei Begegnungen sportlich das maximal Mögliche: einen Sieg gegen Japan am 21. Juni in Monterrey, mindestens einen Punkt gegen die Niederlande am 26. Juni in Kansas City - und eine Tordifferenz, die im Schluss-Vergleich nicht zu sehr nachhinkt. Die Pillar-Übersicht zu allen sechs Gruppenspielen liefert WM 2026 Gruppe F, den nächsten Renard-Test analysieren wir im Tunesien-Japan-Vorbericht mit WM-Rechner-Tipp, der nach der heutigen Berufung mit der Renard-Konstellation und seinem Match-Plan aktualisiert wird.
Realistisches Aufstiegs-Szenario aus tunesischer Sicht: Renard nimmt Japan mit einem 2:1 oder 2:0 in einem Renard-typischen kompakt-konterstarken Spiel, Niederlande wackeln im parallelen Spiel gegen Schweden (denkbar nach dem zähen 2:2-Auftakt gegen Japan), Tunesien holt am dritten Spieltag mindestens einen Punkt gegen ein dann möglicherweise schon qualifiziertes Niederlande. Es ist ein Drei-Tore-Drama, das viel klappen muss - aber Renard hat in Lusail 2022 bewiesen, dass solche Szenarien an einem Tag tatsächlich aufgehen können.
Und sollte das Aufstiegs-Drama scheitern, wird Renard zumindest die Schmach des 1:5 von Monterrey nicht als letzten tunesischen WM-Auftritt 2026 stehen lassen. Es wäre, in Renards eigener Stil-Formulierung, “ein Ende, das die Mannschaft mit Würde aus dem Turnier verabschiedet”. Mit weißem Hemd. Wie immer.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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