Woltemade oeffnet sich zum WM-Fehlschuss: 'Ich dachte, ich bin der Clevere, wenn ich nach rechts gehe'
Vier Wochen nach dem WM-Aus spricht Nick Woltemade im MagentaTV-Gespraech mit Thomas Mueller offen ueber seinen Elfmeter-Fehlschuss gegen Paraguay - und den Denkfehler.
Von Lukas Brandt 27. Juli 2026
Vier Wochen nach dem WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay hat Nick Woltemade seinen Elfmeter-Fehlschuss erstmals ausfuehrlich aufgearbeitet. In einem Gespraech mit Thomas Mueller im MagentaTV-Format “WM-Stimmen”, das kicker.de am Montag, den 27. Juli 2026, publizierte, beschrieb der Newcastle-Stuermer seinen Denkfehler beim Anlauf zum entscheidenden Schuss unumwunden: “Ich dachte, ich bin der Clevere, wenn ich nach rechts gehe.” Paraguays Torwart Orlando Gill hielt den flachen Schuss in die rechte Ecke - und Woltemade wurde zum letzten von drei deutschen Schuetzen, die im Gillette Stadium in Foxborough verschossen. Anders als in den Stunden nach dem Aus, als der 24-Jaehrige nur eine kurze Instagram-Botschaft (“dass meine erste WM so endet, trifft mich hart”) absetzte, spricht Woltemade nun ueber das, was in den Sekunden vor dem Anlauf in seinem Kopf ablief.
Die Selbstreflexion vier Wochen nach Foxborough
Der Gespraechsanlass ist ein aufgeraeumter. Woltemade hat nach dem WM-Aus zwei Wochen Urlaub genommen, ist inzwischen zurueck in Newcastle, bereitet sich mit den Magpies auf die Premier-League-Saison 2026/27 vor. Und er stellt sich einer der schmerzhaftesten Szenen des DFB-Sommers: dem sechsten Schuss vom Punkt im Elfmeterschiessen einer WM, den er als letzter Schuetze der deutschen Reihe versemmelt hat, ehe Jose Canale das paraguayische 4:3 vollstreckte.
Woltemade schildert Mueller den Moment der Eckenwahl. Er habe sich vorher ueberlegt, dass ein Torwart bei einem grossen, koerperlich schwerfaellig wirkenden Neuner wie ihm intuitiv die linke Ecke abwarten wuerde - der klassische “starke Fuss” eines Rechtsschuetzen zeigt schliesslich nach links. “Ich dachte, ich bin der Clevere, wenn ich nach rechts gehe”, zitiert der kicker den Stuermer. Der Denkfehler: Gill hatte ihn genau dort erwartet. Die paraguayische Torwart-Analyse, die im Vorfeld auch von deutschen Beobachtern als schwacher Punkt in der Vorbereitung markiert worden war, hatte ihre Hausaufgaben gemacht.
Woltemade sitzt bei dem Gespraech neben Mueller, der ihn nach Aussage der kicker-Redaktion in den mentalen Kaefig fuehrt, den ein Elfmeterschuetze sekundenlang bewohnt. Es geht nicht um die Ausrede, sondern um die Rekonstruktion: die Entscheidung, wie man den Anlauf beginnt; die letzte Kopfbewegung vor der Ausfuehrung; die Frage, ob man den Torwart mit den Augen fixiert oder demonstrativ wegschaut; und die Sekunde, in der ein Fussballspieler den Kontakt zwischen Rist und Ball nicht mehr korrigieren kann.
Der letzte deutsche Schuetze und der Denkfehler zur rechten Ecke
Wer die deutsche Elfmeterreihe rekapituliert, versteht die Woltemade-Belastung. Joshua Kimmich hatte den ersten Versuch souveraen verwandelt. Kai Havertz scheiterte. Jamal Musiala traf. Jonathan Tah setzte den Ball ueber die Latte. Nadiem Amiri verwandelte. Woltemade war als sechster Schuetze eingeteilt - und musste treffen, um Manuel Neuer die Chance auf eine weitere Parade zu geben. Neuer hatte zuvor Fabian Balbuenas Versuch entschaerft, war bei den vier uebrigen paraguayischen Schuetzen aber chancenlos, weil die Suedamerikaner flach und scharf in beide Ecken trafen.
Der Fehlschuss beendete das Turnier fuer die DFB-Elf nach nur vier Spielen: 7:1 gegen Curacao, 2:0 gegen die Elfenbeinkueste, 1:0 gegen Ecuador in Gruppe E, dann das 1:1 mit dem 3:4 im Elfmeterschiessen gegen Paraguay. Fuer Woltemade war das R32 auch das erste WM-Einsatzminuten seiner Karriere - er kam in Foxborough als Einwechselspieler und schoss den einzigen Elfmeter seines Turniers. “Meine erste WM endet mit einem Fehlschuss” ist die naechstliegende Formulierung, sie wuerde aber die falsche Sicht auf das Gespraech werfen.
Denn Woltemade wehrt sich in dem Interview gegen diese Reduktion. Ja, es sei “hart”, die eigene erste WM-Bilanz auf einen verschossenen Elfmeter gestellt zu sehen. Aber die Alternative, dachte er in dem Moment, waere gewesen, den Elfmeter auszuschlagen, damit ein Mitspieler die Verantwortung uebernimmt. Genau das habe er nicht getan.
”Froh, dass ich ihn genommen habe”
Die zweite grosse Zeile aus dem Gespraech ist deshalb interessanter als das Zitat zur Eckenwahl: “Froh, dass ich ihn genommen habe.” Woltemade beschreibt, dass er sich lieber mit einem eigenen Fehlschuss auseinandersetzt als mit dem Wissen, jemand anderem die Buerde ueberlassen zu haben. In der Einzelkritik zum DFB-Aus tauchte dieser Aspekt in den Stunden nach dem Spiel noch nicht auf; die deutsche Sportpresse hatte sich zunaechst auf die drei Fehlschuetzen als “Sinnbilder” konzentriert, weniger auf die Frage, wer sich in der 120. Minute noch traut.
Damit lenkt Woltemade das Gespraech auf einen Aspekt, den die post-Foxborough-Debatte oft ausblendet: nach dem SPOX-Bericht ueber die Elfmeter-Auswahl (“Oder Leon, du?” - Leon Goretzka soll dem Bundestrainer noch am Mittelkreis die Verantwortung fuer einen Elfmeter abgelehnt haben) ist die Frage der Bereitschaft im deutschen Kader ein Streitpunkt. Woltemade positioniert sich hier auf der aktiveren Seite: lieber selbst gescheitert als weggeduckt.
Was der Fehlschuss ueber die neue DFB-Generation aussagt
Mueller nutzt das Gespraech, um Woltemade in einen groesseren Rahmen einzuordnen. Der 24-Jaehrige gehoert zu jenem Jahrgang um Jamal Musiala, Florian Wirtz und Nick Woltemade selbst, der in den kommenden zwei Jahren die DFB-Elf tragen soll. Genau diese Generation, so wird Mueller in einem parallelen kicker-Beitrag (“Sorgen um DFB-Zukunft? Mueller verweist auf Wirtz und Woltemade”) zitiert, ist der Grund, warum er trotz Foxborough kein DFB-Aufbau-Drama in den kommenden Jahren erwarte. Woltemade selbst haelt dagegen: er wolle sich am kleinsten Detail seines Elfmeter-Anlaufs abarbeiten, nicht am grossen Bild. Der Fehlschuss stehe als konkrete Trainingsaufgabe im September wieder auf dem Platz.
Wie sich die DFB-Reaktionen der aktiven Kaderspieler in den Tagen nach dem Aus lasen, kann man mittlerweile auch ohne die Interviews rekonstruieren: Joshua Kimmichs Instagram-Post (“Generation Gar Nix”), Kai Havertz’ Videobotschaft, Deniz Undavs kurze Entschuldigung. Woltemade hat mit dem Mueller-Gespraech den Punkt gesetzt, den bislang niemand aus dem Elfmeter-Trio deutlich gesetzt hatte: er benennt den Fehler beim Namen.
Newcastle-Sommer, Klopp-Aera, naechste Chance
Der zeitliche Rahmen des Gespraechs ist bemerkenswert. Woltemade fuehrt es, als die Newcastle-Vorbereitung angelaufen ist - Cheftrainer Eddie Howe hat den Deutschen fuer den Trainings-Auftakt an der Tyneside zurueckerwartet. Parallel laeuft in Deutschland die Aufstellungsphase von Juergen Klopps DFB-Aera an, deren Vorstellungs-PK am 25. Juli 2026 einen dominanten Ton gesetzt hat. Klopp benoetigt fuer den Neustart im September ein Sturmzentrum, in dem Woltemade neben Kai Havertz und Deniz Undav einer der drei realistischen Kandidaten ist.
Woltemade sagt in dem Gespraech, es gebe fuer ihn nur einen Weg, den Fehlschuss “abzuhaken”: den naechsten Elfmeter zu treffen - im Zweifelsfall in einem Newcastle-Trikot in der Premier League oder im Ligapokal, spaeter in einem DFB-Trikot fuer Klopp. Fuer den Bundestrainer duerfte das Foxborough-Gespraech im Hintergrund noch aus einem anderen Grund interessant sein: es dokumentiert, dass Woltemade nach vier Wochen Distanz zur Krise nicht die Verantwortung auf den Bundestrainer, die Rangfolge der Schuetzen oder das Reisemanagement schiebt. Er nimmt sie an. Wer nach dem DFB-WM-Aus die Rueckkehr in die Klubvorbereitung beobachtet hat, weiss, dass das nicht selbstverstaendlich ist.
Ob Woltemade auch bei Klopp erste Wahl im Sturmzentrum bleibt, entscheiden die naechsten Wochen. Die WM-Kader-Diskussion beginnt fuer die Nations League 2026/27 im Herbst, das Turnier selbst ist der Testfall vor der EM 2028. Bis dahin bleibt der Elfmeter von Foxborough eine Rechnung, die noch offen ist - und die Woltemade sich selbst stellt.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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