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WM 2026

Die andere Elf der WM 2026: Vozinha, Kalajdzic, Balogun und der Kader der Nebenschauplaetze

Die alternative Elf der WM 2026: elf Spieler, die das Turnier ueber virale Momente, Platzverweise und politische Skandale gepraegt haben - abseits der offiziellen FIFA-Elf.

Von Marco Feldmann 21. Juli 2026

Miami, 3. Juli 2026: Kap Verdes Torwart Vozinha (Nummer 1) mit den Ersatzkeepern Marcio Rosa (12) und CJ dos Santos (23) beim Tunnel-Gang vor dem WM-Achtelfinale gegen Argentinien. Vozinha wurde durch die spektakulaeren Aktionen im 2:3 nach Verlaengerung zum viralen Turnier-Phaenomen (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Zwei Tage nach dem WM-Finale zwischen Argentinien und Spanien im MetLife Stadium hat die Sportschau am Montagabend eine alternative Elf des Turniers publiziert. Nicole Seyffert stellt in ihrem Feature “Platzverweise und Politik - die etwas andere Elf der WM” elf Spieler zusammen, die das Turnier nicht durch die Torschuetzenliste, sondern durch virale Auftritte, Skandale und Nebenschauplaetze gepraegt haben. Sie steht in bewusstem Kontrast zur offiziellen FIFA-Elf des Turniers um Rodri, Cubarsi und Unai Simon, die am Finalabend im East Rutherford ausgezeichnet wurde. Wer sind die elf, und was erzaehlt ihre Auswahl ueber die WM 2026?

Im Tor: Vozinha (Kap Verde) - vom Zweitligisten zum 23-Millionen-Phaenomen

Josimar Jose Evora Dias, Rufname Vozinha, war vor der WM 2026 ein solider Zweitliga-Torwart beim portugiesischen Club Chaves. Nach dem 0:0 gegen Spanien und der Sensations-Achtelfinal-Teilnahme, in der Kap Verde erst nach Verlaengerung mit 2:3 an Argentinien scheiterte, schoss seine Instagram-Followerzahl von rund 50.000 auf ueber 23 Millionen. Die Bilder aus Miami - Vozinha im gruen-blauen Trikot, wie er Lionel Messi im 105. Minuten-Duell entgegenlief - liefen durch die westafrikanischen Feeds und wurden von US-Konten weiterverbreitet. In amerikanischen Medien wurde ein kolportiertes Interesse von Inter Miami als Anschluss-Story recycled.

Kap Verdes Torwart hat die Boulevard-Erzaehlung eines Fussball-Turniers geliefert, die die grossen Nationen ueblicherweise ausblenden: ein Torwart aus einem Inselstaat mit rund 500.000 Einwohnern, dessen Mutter zunaechst nicht rechtzeitig ein US-Visum bekam und den er im Stadion umarmte, als sie es doch schaffte. Kein anderer Torwart der WM 2026 hat einen vergleichbaren viralen Bogen produziert. Fuer die alternative Elf ist Vozinha die Nummer eins.

Die Abwehr: Robertson, Cabral, Comenencia

Andy Robertson (Schottland) - “East Robboshire”

Schottlands Kapitaen Andy Robertson (Liverpool) fuehrte die Schotten in ihrer WM-Rueckkehr zum 1:0 gegen Haiti - und die schottische Regierung erklaerte den Folgetag zum “Casual National Holiday”. Die Gemeinde East Renfrewshire, in der Robertson aufgewachsen ist, wurde per lokaler Verwaltungs-Kuriositaet fuer die Turnier-Dauer offiziell in “East Robboshire” umbenannt. Die Aktion war Symbol dafuer, wie sehr Schottland das Turnier als Rueckkehr auf die grosse Buehne feierte - und Robertson lieferte in der Vorrunden-Kampagne den emotionalen Anker.

Sidny Lopes Cabral (Kap Verde) - der weite Tor-Lauf

Der zweite Kap-Verder in der alternativen Elf: Verteidiger Sidny Lopes Cabral schoss im 2:3 gegen Argentinien in der 105. Minute eines der schoensten Tore des Turniers und rannte quer ueber den Rasen, um seine Freundin auf der Tribuene zu suchen. Karriere-Achse: Rot-Weiss Erfurt (Oberliga), Viktoria Koeln (3. Liga), Kap Verdes Nationalmannschaft, WM-Achtelfinale gegen Messi. Ein Bogen, den keine Datenbank abbildet.

Livano Comenencia (Curacao) - der historische Debuet-Treffer

Der 21-jaehrige Livano Comenencia stand im WM-Debuet-Kader von Curacao, dem kleinsten Land, das je an einer WM teilgenommen hat - Bevoelkerung kleiner als Paderborn. Im Auftaktspiel gegen Deutschland in Houston schoss er das erste WM-Tor der Curacao-Geschichte - kurz, bevor die DFB-Elf den Sack mit sieben Toren zuschnuerte. Der Ruhm war knapp, aber er war da. Fuer die alternative Elf reicht das.

Das Mittelfeld: Doku, Almiron, Mora, Nmecha

Jeremy Doku (Belgien) - der Vater-Sohn-Konflikt

Belgiens Fluegelspieler Jeremy Doku (Manchester City) beantragte und erhielt vom Trainerstab die Freigabe, das Turnier fuer die Geburt seines Sohns “Praise” am 22. Juni 2026 kurzzeitig zu verlassen. Ein franzoesischer TV-Journalist griff die Entscheidung an - ein WM-Spieler habe bei der Nationalmannschaft zu sein, nicht im Kreisssaal. Dokus Frau Shirin verteidigte ihren Mann auf Instagram als “besten Geburtsbegleiter, den man sich wuenschen kann”. Die Debatte lief ueber eine ganze Turnier-Woche und zeigte, wie sehr sich Vaterschaft-Rollen im Profifussball verschoben haben - im Vergleich zu einer Generation zuvor.

Miguel Almiron (Paraguay) - die erste Mund-Rote

Der Paraguayer Miguel Almiron (Newcastle United) sah in der Gruppenphase gegen die Tuerkei die erste Rote Karte, die je auf Basis der neuen IFAB-Regel gegen absichtliches Mund-Zuhalten waehrend Reklamationen ausgesprochen wurde. Der Wortlaut des salvadorianischen Schiedsrichters Ivan Barton wurde zum Netz-Ohrwurm: “After review, number ten, Paraguay, cover his mouth. Decision is red card!” Die Ansage lief in Sekunden ueber TikTok und wurde in Techno- und Funk-Remixe gesampelt. Beobachter verglichen den Ton mit einem US-Militaer-Ausbilder. Almirons Rote gilt heute als das definierende Symbol einer WM, die mit einem breiten neuen Regel-Werk in die Turnier-Praxis startete und dessen Bilanz DFB-Experte Lutz Wagner am 14. Juli zog.

Gilberto Mora (Mexiko) - Schulabschluss und Wikinger-Ruder-Feier

Gilberto Mora war mit 16 Jahren einer der juengsten WM-Teilnehmer der Geschichte. Nach dem mexikanischen Achtelfinal-Aus gegen England reiste er zurueck, um seine eigene Schulabschlussfeier zu absolvieren. Zwei Wochen spaeter tauchte er im Publikum des norwegischen Viertelfinales gegen England auf, wo er in die norwegische “Viking-Row”-Ruder-Feier auf der Tribuene eingebaut wurde - die Norweger hatten ihre Fangesaenge angepasst, um den mexikanischen Teenager mit einzubeziehen. Mora hat mit seiner Mischung aus Talent, Bescheidenheit und Fangemeinde die WM 2026 in Sachen Youngster-Charme fuer sich entschieden.

Felix Nmecha (Deutschland) - Bibel, Kronen-Choreografie, “Ballers in God”

Als einziger DFB-Spieler in der alternativen Elf: Felix Nmecha (Borussia Dortmund). Aufgenommen wegen seiner sichtbaren evangelikalen Religionsausuebung waehrend des Turniers. Bibel in der Aufwaerm-Zone, Kronen-Choreografie nach Toren, Gebets-Kreise nach Abpfiff. Nmecha zaehlt zur Gruppe “Ballers in God”, die um Prediger organisiert ist, deren Positionen zu Abtreibung und Homosexualitaet vor der WM oeffentlich kritisiert wurden. Fruehere Social-Media-Posts Nmechas waren zudem als homophob wahrgenommen worden. Sein starkes Debuet gegen Curacao und das fruehe DFB-Aus im Achtelfinale gegen Paraguay drueckten die Debatte inhaltlich zurueck - die Sportschau notiert Nmecha in ihrer alternativen Elf trotzdem als religionspolitische Symbolfigur der WM 2026.

Der Sturm: Kalajdzic, Balogun, Mbappe

Sasa Kalajdzic (Oesterreich) - “Bist du deppert?”

Sasa Kalajdzic kam in Oesterreichs Gruppenspiel gegen Algerien in der Nachspielzeit als Einwechsel-Stuermer und koepfte in der 93. Minute den Ausgleich - ein Sieg, an den in Wien keiner mehr geglaubt hatte, weil das Team eine Halbzeit lang gefuehlt schon ausgeschieden war. ORF-Kommentator Dani Warmuth brach in einen “Bist du deppert?”-Schrei aus, den oesterreichische Medien sofort mit dem legendaeren “I werd narrisch”-Schrei von Edi Finger aus dem WM-Spiel Oesterreich-Deutschland 1978 in Cordoba verglichen. Das “Wunder von Kansas City”, wie die Kronen Zeitung titelte, war der emotionalste Vorrunden-Moment der WM aus deutschsprachiger Perspektive. Kalajdzic, der in seiner Karriere drei Kreuzbandrisse ueberstanden hatte, war der biografische Ideal-Empfaenger.

Folarin Balogun (USA) - Trump, Infantino, EU-Parlament

Die politische Affaere des Turniers hat einen Namen: Folarin Balogun. Nach seiner Roten Karte gegen Bosnien-Herzegowina in der Gruppenphase waere regulaer eine Zwei-Spiele-Sperre faellig gewesen. Wenige Stunden spaeter tauchten Berichte auf, wonach US-Praesident Donald Trump per Telefon bei FIFA-Praesident Gianni Infantino interveniert habe. Die Sperre wurde in eine Bewaehrungsstrafe umgewandelt, Balogun stand im Achtelfinale gegen Belgien wieder auf dem Platz und blieb dort weit gehend wirkungslos - die USA schieden mit 1:4 aus. Nach dem Turnier forderten EU-Parlamentarier eine Untersuchung gegen Infantino wegen Verletzung der FIFA-Unabhaengigkeit; parallel dazu unterstuetzten laut Guardian-Recherche 200-plus Verbaende Infantinos Wiederwahl 2027. Die alternative Elf verzichtet ausdruecklich darauf, Baloguns sportliche Leistungen zu bewerten - sie zaehlt ihn als Symbol.

Kylian Mbappe (Frankreich) - der politische Kopf

Kylian Mbappe (Real Madrid) war schon vor der WM 2026 in der Auseinandersetzung um die franzoesische Parlamentswahl gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen positioniert. Er rief franzoesische Buergerinnen und Buerger im Trikot der Nationalmannschaft auf, im Runoff zu waehlen. Als eine paraguayische Senatorin, Celeste Amarilla de Boccia, ihn nach dem 1:0 im Achtelfinale gegen Paraguay in Philadelphia rassistisch beleidigte, nannte er sie oeffentlich “verabscheuungswuerdige Frau”. Frankreichs Praesident Emmanuel Macron zog per X-Post nach: “Ein weiteres Tor fuer Kylian Mbappe. Diesmal gegen den Rassismus.” Mbappe steht in der alternativen Elf als politischer Kopf des Turniers - und als der einzige, der auch in der offiziellen FIFA-Elf des Turniers vertreten war.

Was diese Elf ueber die WM 2026 verraet

Der rote Faden der alternativen Elf ist kein sportlicher, sondern ein gesellschaftlicher. Vozinha und Sidny Lopes Cabral stehen fuer den Aufstieg kleiner Verbaende in einem 48er-Feld, das genau diese Geschichten moeglich macht. Robertson und Comenencia stehen fuer die emotionale Wucht der WM-Rueckkehr eines Landes und der WM-Premiere eines anderen. Doku und Nmecha stehen fuer die Verschiebung dessen, was ein Nationalspieler ausserhalb des Rasens sein darf und sein soll. Almiron steht fuer eine Regel-Reform, die die WM-Anfangswochen dominierte. Mora steht fuer den Youngster-Charme, der einer 48-Team-WM guttut. Kalajdzic steht fuer den Vorrunden-Moment, den der Fussball braucht, um die K.o.-Runde emotional zu tragen. Balogun steht fuer die politische Anfaelligkeit einer FIFA, die eng am aktuellen US-Praesidenten operiert. Mbappe steht fuer die Bereitschaft, das Trikot als politische Buehne zu nutzen.

Es ist eine WM-Bilanz, die die offizielle Elf des Turniers vor dem Finale komplementiert. Die einen fuellten die Highlight-Reels, die anderen fuellten den Tag danach.

Der komplette Kader der “anderen Elf”

  • Tor: Vozinha (Kap Verde)
  • Abwehr: Andy Robertson (Schottland), Sidny Lopes Cabral (Kap Verde), Livano Comenencia (Curacao)
  • Mittelfeld: Jeremy Doku (Belgien), Miguel Almiron (Paraguay), Gilberto Mora (Mexiko), Felix Nmecha (Deutschland)
  • Sturm: Sasa Kalajdzic (Oesterreich), Folarin Balogun (USA), Kylian Mbappe (Frankreich)

Zehn Nationen, zehn Geschichten neben dem Spielfeld, ein Ohrwurm und ein Vaterschaftsurlaub. Die WM 2026 der Nebenschauplaetze hat ihren Kader.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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