Argentiniens Comeback-Königs: Wie sich der Weltmeister vier K.o.-Runden lang ins WM-Finale 2026 zitterte
Argentinien steht im WM-Finale 2026 gegen Spanien. In vier K.o.-Runden lag der Titelverteidiger viermal zurück oder ging in die Verlängerung. Das Comeback-Muster.
Von Marco Feldmann 16. Juli 2026
Argentinien steht im Finale der WM 2026 - und niemand in der Albiceleste tut so, als sei das planbar gewesen. Der Titelverteidiger von Katar 2022 hat sich in den letzten drei Wochen viermal in K.o.-Spielen selbst in Bedrängnis gebracht und viermal aus dieser Bedrängnis den Sieg geholt. Kap Verde, Ägypten, die Schweiz, England - vier Runden, vier Wackelmomente, vier Antworten in der Schlussphase oder in der Verlängerung. Wenn Scalonis Elf am Sonntag, 19. Juli 2026, um 21:00 Uhr MESZ im MetLife Stadium in East Rutherford auf Spanien trifft, ist das Muster ein Teil der Turniererzählung geworden. Argentinische Zeitungen nennen sie inzwischen die Reyes de la Remontada, die Comeback-Königs. Auf sportschau.de las man am Morgen nach dem Halbfinale das griffigere: Comeback-Könige feiern die nächste Auferstehung.
Vier K.o.-Runden, vier Zitterspiele: die Chronologie
Der Weg begann im Sechzehntelfinale gegen Kap Verde im Miami Stadium am 3. Juli. Messi traf in der 29. Minute zum 1:0, Deroy Duarte glich in der 59. Minute mit einem Distanzschuss aus, in der Verlängerung tauschten die Teams die Führung zweimal, ehe eine Ecke von Messi in der 111. Minute den Kopfball-Treffer zum 3:2 einleitete. Der WM-Debütant blieb bis zum Schlusspfiff dran, Torwart Vozinha wurde zum Instagram-Helden - Argentinien musste bis in die 111. Minute zittern.
Vier Tage später wackelte der Weltmeister mehr denn je. Im Achtelfinale gegen Ägypten im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta lag Scalonis Team 0:2 zurück, Messi verschoss zusätzlich einen Elfmeter. Am Ende gewann Argentinien mit 3:2 - Enzo Fernández traf in der 90.+2 zum entscheidenden Tor. Der Aufruhr um die Schiedsrichterleistung und der spätere Betrugsvorwurf des ägyptischen Verbandes prägten die Wochen danach, sportlich blieb der Kern: 45 Minuten lang war die Titelverteidigung ausgeschieden.
Im Viertelfinale gegen die Schweiz am 11./12. Juli in Kansas City ging Argentinien früh durch Alexis Mac Allister in Führung, kassierte in der 67. Minute den Ausgleich durch Dan Ndoye und musste nach dem Ausgleich in die Verlängerung. Erst Julián Álvarez in der 112. Minute und Lautaro Martínez in der 120.+1 rissen das Halbfinale-Ticket an sich.
Und schließlich das Halbfinale gegen England in Atlanta. Anthony Gordon traf in der 55. Minute zum 0:1, England mauerte im 5-4-1 und schien den Vorsprung über die Zeit zu bringen. Enzo Fernández glich in der 85. Minute aus, Lautaro Martínez köpfte in der 90.+1 nach einer Messi-Flanke zum 2:1. Zwei Messi-Assists in einem Halbfinale, sein zwölfter WM-Assist insgesamt, WM-Rekord. Thomas Tuchel erklärte den späten Bruch mit einem Satz, der die englische Presse in Aufregung versetzte: “Wir haben aufgehört, Fußball zu spielen.”
Was diese Mannschaft so widerstandsfähig macht
Scaloni gab in den Pressekonferenzen nach den vier Spielen wiederholt eine ähnliche Antwort: Diese Gruppe habe seit Copa América 2021, WM 2022 und Copa América 2024 dreimal einen Titel geholt und wisse deshalb, wie sich die Schlussphase eines K.o.-Spiels anfühlt. Der Effekt sei psychologisch, nicht taktisch. “Dieses Trikot gibt bis zum Schluss alles”, sagte er nach dem Halbfinale, “wir sind da einzigartig.”
Statistisch ist das schwer zu widerlegen. In den vier K.o.-Runden fielen sieben der elf argentinischen Turnier-Treffer nach der 85. Minute oder in der Verlängerung. Vier verschiedene Torschützen erzielten in den letzten fünf Minuten oder in der Nachspielzeit einen Treffer: Enzo Fernández zweimal, Lautaro Martínez zweimal, Álvarez einmal, Cristian Romero einmal. Die argentinischen Wechselspieler brachten in der Schlussphase konsequent frische Energie - Nicolás González, Nico Paz, Álvaro Montiel und zuletzt Ángel Correa kamen als Joker, Scaloni verließ sich in der Schlussphase auf ein 4-2-3-1 mit Enzo als tiefer Sechs und Messi als hängender Zehner.
Messi als Regisseur, Enzo und Lautaro als Vollstrecker
Der 38-jährige Messi ist offensiv nicht mehr der Vollstrecker aus Katar. In Nordamerika steht er nach vier K.o.-Spielen bei einem Turniertreffer und fünf Assists - Assist-Rekord bei einer WM. Sein Wirkungsradius hat sich verlagert. Scaloni lässt ihn tiefer aufbauen, im letzten Drittel klärt er die entscheidenden Bälle: die Ecke gegen Kap Verde, die Flanke auf Lautaro gegen England, der Diagonalball auf Enzo Fernández im Halbfinale. Auf sportschau.de wurde nach dem Spiel notiert, Messi habe “seine Rolle neu erfunden - nicht als Torjäger, als Kontrollinstanz”.
Enzo Fernández vom FC Chelsea ist das zweite Gesicht dieser Comeback-Serie. Der 25-Jährige trifft in den entscheidenden Momenten: 90.+2 gegen Ägypten, 85. gegen England. Er füllt zugleich die Rolle als Sechser aus, die vor zwei Jahren von De Paul und Mac Allister allein getragen wurde. Lautaro Martínez von Inter Mailand hat mit dem 3:1 in Kansas City und dem 2:1 in Atlanta zwei der wichtigsten Turnier-Tore auf dem Konto und sagte nach dem Halbfinale sichtlich bewegt: “Als mein Vater mir die ersten Fußballschuhe gekauft hat, habe ich von solchen Momenten geträumt.”
Was das für das Finale gegen Spanien bedeutet
Spanien hat einen komplett anderen Turnier-Rhythmus. Luis de la Fuentes Elf ist ohne Rückstand ins Finale marschiert, spielte in Dallas ein hochkontrolliertes 2:0-Halbfinale gegen Frankreich und liegt in den Modellen der WM-Rechner-Auswertung als leichter Favorit vorn. Argentinien reist dagegen mit 60 Minuten Verlängerung mehr in den Beinen an und hat mit Ausnahme von Enzo Fernández keinen offensichtlich frischen Motor.
Und trotzdem: In den vier K.o.-Runden ist der Weltmeister im entscheidenden Moment immer wach gewesen. Das ist die Erzählung, mit der Scalonis Team am Sonntagabend das MetLife Stadium betreten wird. Weitere Details, Datenmodell und Wetttipps zum Endspiel finden sich in der Finale-Vorschau Argentinien gegen Spanien und in der Übersicht zum WM-Finale 2026.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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