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WM 2026

FIFA weist Aegyptens Manipulations-Vorwuerfe zurueck: Collina verteidigt Letexier

FIFA-Chef Collina antwortet Aegypten: 'Unbegruendete Anschuldigungen haben keinen Platz.' Er analysiert Ziko-Tor und Fernandez-Winner, eine Szene bleibt ausgespart.

Von Marco Feldmann 09. Juli 2026

Schiedsrichter Francois Letexier zeigt Aegyptens Marwan Attia am 7. Juli 2026 im Atlanta Stadium eine Gelbe Karte (Foto: Zuma Press). Genau die Attia-Szene macht FIFA-Boss Pierluigi Collina in seiner Verteidigung des Referees zum Kernargument. Foto: Zuma Press via SmartFrame

Pierluigi Collina hat als FIFA-Schiedsrichter-Chef die Manipulations-Vorwuerfe aus Aegypten am Donnerstag-Morgen, 9. Juli 2026, in einer schriftlichen Stellungnahme auf der offiziellen FIFA-Website zurueckgewiesen. Der 66-jaehrige Italiener verteidigt den franzoesischen Referee Francois Letexier namentlich, analysiert zwei der drei Streit-Szenen aus dem WM-Achtelfinale zwischen Argentinien und Aegypten am 7. Juli 2026 im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta und warnt vor “Drohungen gegen Referees und ihre Familien”. Ein zentrales Thema laesst er dagegen ausgespart - genau jene Szene, die Trainer Hossam Hassan in seiner Wut-Pressekonferenz am Dienstagabend am schaerfsten angesprochen hatte. Die Antwort kommt am Tag des ersten WM-Viertelfinales zwischen Marokko und Frankreich - und in einer Woche, in der die Schiedsrichter-Frage bei drei von vier Viertelfinal-Partien ein Nebenthema geworden ist.

Der Collina-Wortlaut - “Unbegruendete Anschuldigungen”

Die Stellungnahme des ehemaligen Weltklasse-Referees und Leiters der FIFA-Referees-Kommission ist knapp gehalten. Die zentrale Passage lautet: “Unbegruendete Anschuldigungen haben in unserem Sport keinen Platz.” Und in einer bemerkenswerten Formulierung, die auf die von Hassan geaeusserte Vermutung eines “argentinischen Drucks” auf den Referee zielt: “Niemand kann behaupten, dass Schiedsrichterentscheidungen von irgendjemandem beeinflusst werden koennen, nicht einmal vom FIFA-Praesidenten.” Der Halbsatz “nicht einmal vom FIFA-Praesidenten” liest sich als indirekte Antwort auf die kolportierten Naehe-Vorwuerfe rund um Gianni Infantino, dessen Auftritte in den USA rund um die WM 2026 die aegyptische Verbandsspitze am Dienstagabend implizit adressiert hatte. Collina positioniert sich klar auf der Seite Letexiers, ohne Infantino zu verteidigen.

Das FIFA-Statement wurde zwischen 05:00 und 07:00 Uhr MESZ am Donnerstag veroeffentlicht. Die deutschen Signal-Portale (sportschau.de, sport1.de, sport.de, kicker.de) griffen es zwischen 05:16 Uhr (kicker) und 08:30 Uhr (sportschau) auf. Der Zeitpunkt am Vormittag des ersten Viertelfinal-Tages ist bemerkenswert: Die FIFA setzt einen Punkt hinter die Aegypten-Debatte, bevor sich der Fokus auf die letzten acht Turnier-Teams verschiebt.

Ziko-Tor-Analyse - “Ein Foul ist ein Foul”

Die erste konkrete Szene, die Collina analysiert, ist der in der 58. Minute aberkannte Anschlusstreffer durch Mostafa Ziko. Der offensive Aussenverteidiger hatte den Ball nach einem Freistoss von Trezeguet in die argentinische Maschen befoerdert, was zunaechst als das 1:2 gewertet worden war. Der VAR-Aufschaltung durch die Kabine in Atlanta folgte eine Ueberpruefung der Aufbauphase des Tores. Marwan Attia hatte in der Sekunde zuvor Lisandro Martinez auf den Fuss gestellt - ein taktisches Standard-Foul, das aus der Sportschau-Bewertung des Bundesliga-Referees Patrick Ittrich am Dienstagabend noch als “sehr rechtstechnische Bewertung” durchging.

Collina benennt die Szene explizit: “Ein Foul ist ein Foul.” Sein Argument: Attia habe sich klar auf Martinez’ Standbein bewegt und das Foul sei taktisch. Die Voraussetzung fuer ein VAR-Eingreifen (klarer und offensichtlicher Fehler) sei erfuellt gewesen, Letexiers Entscheidung sei folgerichtig gewesen. Der Referee habe das Tor wegen Vorlage-Foulspiel annulliert, nicht wegen Abseits - eine Praezisierung, die von aegyptischer Seite im gestrigen Protest anders dargestellt worden war. Collinas Bewertung deckt sich mit der Sportschau-Einordnung der ARD-Referee-Experten und mit dem Spielbericht.

Fernandez-Winning-Goal - “Normaler Fussball-Kontakt”

Die zweite von Collina analysierte Szene ist der Enzo-Fernandez-Siegtreffer in der 90.+2. Minute und der ihm vorausgehende Trikotzug von Alexis Mac Allister an Hamdy Fathy. In der 88. Minute hatte Mac Allister nach Ansicht der Aegypter im argentinischen Strafraum am Trikot des aegyptischen Mittelfeldspielers gezogen, was aus aegyptischer Perspektive einen Elfmeter fuer Aegypten haette rechtfertigen sollen. Nach dem freigespielten Sekunden-Angriff spielte Argentinien den Ball in eigenen Strafraumauslaufzone und leitete den Konter ueber Julian Alvarez und Rodrigo De Paul zu Fernandez ein, dessen Distanzschuss aus 16 Metern zum 3:2 einschlug.

Collinas Wortlaut zur Fathy-Mac-Allister-Situation: “Normaler Fussball-Kontakt.” Der VAR habe die Angriffs-Aktion ueberprueft und keinen klaren und offensichtlichen Fehler festgestellt - Voraussetzung fuer ein VAR-Eingreifen bei Elfmeter-Reklamationen. Damit setzt Collina die FIFA-Bewertung explizit gegen den Bundesliga-Experten Patrick Ittrich, der am Dienstag in der Sportschau erklaert hatte: “Wie am Trikot gezogen wird. Fuer mich ist das ein Strafstoss.” Auch DFB-Referee Lutz Wagner hatte den Trikotgriff “sehr unklug” genannt. Die FIFA halt die Zurueckstellung dennoch fuer korrekt.

Das ausgesparte Thema - der nicht ueberpruefte Egyptian-Elfmeter

Interessant ist, was Collina nicht analysiert. In seiner Wut-PK am Dienstagabend hatte Hassan drei Streit-Szenen aufgelistet:

  1. das aberkannte Ziko-Tor (Collina: analysiert und bestaetigt);
  2. der Mac-Allister-Fathy-Trikotzug vor dem Fernandez-Siegtor (Collina: analysiert und als normaler Kontakt gewertet);
  3. ein von Hassan behaupteter, aber vom VAR nicht ueberprueft Elfmeter fuer Aegypten in der ersten Halbzeit (“Ein Elfmeter fuer uns wurde nicht einmal vom VAR ueberprueft”).

Zur dritten Szene sagt die FIFA nichts. Die kicker-Redaktion hebt in ihrer Analyse hervor, dass Collina “ein Thema aussparte” - genau diesen dritten Punkt. Auch die Behauptung Hassans, dass Aegypten den Schiedsrichter Letexier bereits “im Vorfeld abgelehnt” habe, bleibt in Collinas Statement unkommentiert. Diese Position deckt sich mit dem FIFA-Ansatz, das Referee-Ansetzungs-Verfahren als vertraulich zu behandeln.

Der aegyptische Verband EFA hatte in seinem offiziellen Protest-Antrag explizit eine schriftliche Stellungnahme des FIFA-Referees-Committee zu allen drei Szenen gefordert. Verbands-Praesident Hany Abo Rida hat noch nicht auf die FIFA-Antwort reagiert - erwartbar wird eine Nachreichung des Statements zu Punkt 3 in den kommenden Tagen. Eine sportliche Konsequenz aus dem Protest bleibt in jedem Fall ausgeschlossen: FIFA-Statuten Artikel 55.3 verbietet nachtraegliche Ergebniskorrekturen bei Schiedsrichter-Entscheidungen.

Bedrohungen gegen Referees - Collinas neuer Ton

Auffaellig an der Collina-Stellungnahme ist ein Passus, der ueber die reine Faktenklarstellung hinausgeht. Wortlaut: Oeffentliche Vorwuerfe koennen “Reaktionen hervorrufen, die zu Drohungen gegen sie und ihre Familien fuehren. Das ist nicht richtig.” Die Formulierung ist unmissverstaendlich, sie ist emotional aufgeladen und sie zielt auf die aegyptische Kommunikationsstrategie: Wer den Referee namentlich adressiert und ihm oeffentlich Manipulation vorwirft, riskiert die Sicherheit des Referees und seiner Angehoerigen.

Der Hintergrund ist konkret: Nach der Katar-WM 2022 waren mehrere WM-Schiedsrichter im Netz mit Todesdrohungen konfrontiert worden, darunter der argentinische Referee Facundo Tello, der heute Abend das erste WM-Viertelfinale zwischen Marokko und Frankreich in Boston leitet. Die FIFA hat seit 2023 ein eigenes Sicherheits-Programm fuer Grossturnier-Schiedsrichter eingerichtet. Collina stellt implizit die Fuersorgepflicht der FIFA fuer ihre Referees ueber das Recht der Verbaende, Schiedsrichter-Entscheidungen oeffentlich zu beklagen - eine juristisch bemerkenswerte Position, die vom EFA-Praesident Abo Rida vermutlich nicht unwidersprochen bleiben wird.

Was bleibt vom aegyptischen Protest?

Sportlich ist die Sache erledigt. Argentinien steht am Samstag, 11. Juli 2026, um 22:00 MESZ im MetLife Stadium in New York/New Jersey im Viertelfinale gegen die Schweiz. Aegypten wird sich auf den Africa Cup of Nations 2027 in Marokko vorbereiten. Auch die aegyptische Trainerfrage - Hassans Ruecktritt oder Verlaengerung - bleibt offen; der 60-Jaehrige hat sich noch nicht positioniert.

Verbandspolitisch bleibt der Protest weiter im Spiel: Die FIFA-Disziplinarkommission hat den Antrag zu bearbeiten, eine Antwort ist innerhalb von 30 Tagen zu erwarten (FIFA-Statuten Artikel 55.4). Die dritte Streit-Szene (nicht ueberprueft Elfmeter fuer Aegypten) bleibt der offene Punkt - Collinas Aussparung erhoeht den Druck auf die Kommission, spaetestens dort eine schriftliche Bewertung nachzureichen. Der weiter reichende Kontext bleibt: Der Fall Aegypten schliesst sich an die Debatten um Balogun (USA), Olise (Frankreich) und Tello (WM-Viertelfinale) an, die alle in der Woche vor den WM-Viertelfinals die Schiedsrichter-Frage auf die Tagesordnung gehoben haben - so viele parallele Schiedsrichter-Konflikte gab es zuletzt bei der WM 2010.

Fuer Argentinien und Trainer Lionel Scaloni ist die FIFA-Antwort eine Rueckendeckung. Fuer Aegypten bleibt die Sicht, dass die dritte Szene bewusst uebergangen wurde - und dass Collinas Warnung vor Drohungen implizit den kritischen Ton der aegyptischen Trainer-PK sanktioniert. Wortlaut Hassan am Dienstagabend, unwidersprochen: “Warum gibt es keine Fairness?” Wortlaut Collina am Donnerstag-Morgen, unwidersprochen zurueck: “Unbegruendete Anschuldigungen haben in unserem Sport keinen Platz.” Ein Ende dieses Streits sieht anders aus.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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