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WM 2026

Deschamps und die Reifepruefung seines Rufs: Frankreich gegen Marokko als Karriere-Wendepunkt der WM 2026

Am 9. Juli tritt Didier Deschamps im QF gegen Marokko an. Es ist die vorletzte Chance, seinen umstrittenen Trainer-Ruf noch zu drehen. Karriere-Portrait.

Von Marco Feldmann 09. Juli 2026

Didier Deschamps, Coach der Equipe Tricolore, geht am 9. Juli 2026 im Gillette Stadium in Foxborough bei Boston in das WM-Viertelfinale gegen Marokko - sein drittes und angekuendigt letztes WM-Turnier als Frankreich-Cheftrainer (Foto: ImageBROKER). Foto: ImageBROKER via SmartFrame

An diesem Donnerstagabend um 22:00 Uhr MESZ betritt Didier Deschamps im Gillette Stadium in Foxborough bei Boston die Seitenlinie zum Viertelfinale der WM 2026 gegen Marokko. Es ist das 92. K.-o.-Spiel der Equipe Tricolore unter seiner Fuehrung, das erste Duell mit Marokko seit dem Halbfinal-2:0 von Katar am 14. Dezember 2022 - und die vorletzte Gelegenheit auf einer der ganz grossen Buehnen, seinen umstrittenen Trainer-Ruf noch zu drehen. Dass die Sportschau-Redaktion die franzoesische Vor-QF-Stimmung am Morgen mit dem Wunsch nach dem “Happy End” eines “kaempfenden Coaches” zusammenfasste, sagt vieles ueber die Grundstimmung im franzoesischen Fussball. Der Trainer, der Frankreich 2018 zum WM-Titel und 2022 ins Finale gefuehrt hat, geht als sein eigener Kronzeuge in das drittwichtigste Spiel seiner Cheftrainer-Aera - Ausgang offen.

Die Ausgangslage: das drittletzte K.-o.-Spiel einer 14-jaehrigen Aera

Deschamps hat den Frankreich-Posten am 8. Juli 2012 uebernommen. 14 Jahre spaeter, im Sommer 2026, laeuft sein Vertrag regulaer aus. Der FFF hat das im Sommer 2024 bereits kommuniziert. Als Nachfolger gilt laut Sportschau-Einordnung vom 9. Juli 2026 der zweifache Weltfussballer und WM-1998-Sieger Zinedine Zidane als bereits designiert. Deschamps’ Cheftrainer-Karriere ist damit auf dem WM-Weg 2026 - drei Spiele im positiven Fall (Viertelfinale, Halbfinale, Finale), im Verlust-Fall aber nur noch das eine - buchstaeblich in ihre letzte Phase getreten.

Das ist wichtig fuer den Ruf-Diskurs. Weil eine 14-Jahre-Aera nach Titel-Bilanz gemessen wird: ein WM-Titel (2018 Russland), eine WM-Finalniederlage (2022 Katar, 3:3 gegen Argentinien nach 120 Minuten, 2:4 im Elfmeterschiessen), ein EM-Finale (2016 Frankreich, 0:1 nV gegen Portugal), ein Nations-League-Titel (2021) und eine EM-Enttaeuschung 2024 in Deutschland (Achtelfinale-Ausscheiden gegen Spanien 1:2). Das sind fuer sich genommen Top-Werte fuer einen Nationaltrainer. Aber die Wahrnehmung in Frankreich ist eine andere.

Was Deschamps vorgeworfen wird: Antifussball, EM 2024 und die 83 Prozent

Die Kernkritik lautet: Deschamps verwaltet die franzoesischen Ausnahme-Angreifer, statt sie zu inszenieren. Die Sportschau-Einordnung vom 9. Juli fasst den EM-2024-Frust in einer Zahl zusammen: 83 Prozent der franzoesischen Fussballfans beklagten laut einer nach dem Turnier veroeffentlichten Umfrage die mangelnde Offensivkraft der Equipe Tricolore. Konkret: nur ein Tor aus dem Spiel heraus in der gesamten EM 2024, dazu ein Elfmeter-Tor und zwei Eigentore der Gegner - insgesamt vier Turniertreffer.

Das war der Hoehepunkt eines Diskurses, der Deschamps’ Aera-Bogen wie ein leiser Faden begleitet: Frankreich hat mit ihm Erfolge gefeiert, aber ohne die aesthetische Grosszuegigkeit, die die franzoesische Sportoeffentlichkeit von einem Kader mit Mbappe, Dembele, Griezmann und Griezmann-Vorgaengern erwartet. Deschamps galt in seinen ersten Jahren als der Trainer, der eine junge, offensiv talentierte Mannschaft ueber Defensivstabilitaet zusammenhielt - eine Beschreibung, die 2018 mit dem Weltmeistertitel in Moskau eine oft gebrachte Rechtfertigung erhielt.

Nach zwei WM-Zyklen im Amt aber ist die Ruf-Debatte umgeschlagen. Nicht mehr “der pragmatische Erfolgs-Coach” ist das Etikett, sondern “der defensive Bremsklotz eines Kaders, der mehr koennte”.

Die Kronzeugen: Hazard 2018, Courtois und Le Monde als “Loew 2.0”

Die Zitat-Historie der Deschamps-Kritik hat zwei belgische Kronzeugen aus der WM 2018 und ein franzoesisches Leitmedium.

Eden Hazard nach dem WM-Halbfinale 2018 gegen Belgien in Sankt Petersburg (Frankreich gewann 1:0 durch Samuel Umtitis Kopfball in der 51. Minute) sagte in die Interviewzone: “Ich verliere lieber mit Belgien, als dass ich mit Frankreich gewinne.” Der Satz war 2018 primaer als sportlicher Trotz nach der Halbfinal-Niederlage lesbar - aber er ist seither als Antifussball-Etikett in den franzoesischen Diskurs eingegangen.

Thibaut Courtois, Belgiens Torhueter, ergaenzte in demselben WM-Zyklus mit dem Begriff “Antifussball” - eine Wortpraegung, die die franzoesische Sportpresse seither immer wieder in ihre Ruf-Analysen des Cheftrainers eingebaut hat.

Das dritte Kronzeugen-Zitat kommt aus Frankreich selbst. Le Monde bezeichnete Deschamps in einer Analyse als “Loew 2.0” - eine Anspielung auf den ehemaligen Bundestrainer Joachim Loew, der nach dem WM-Titel 2014 in einen langen Vorruecken-Bogen mit umstrittenem Ende geriet. Die zentrale Le-Monde-Frage: Wird Deschamps die franzoesische Nationalmannschaft als “Legende oder als Mahnung” verlassen? Das Boston-Viertelfinale ist eine der letzten Gelegenheiten, den Le-Monde-Bogen in eine positive Richtung zu drehen.

Der taktische Turn: vier Angreifer seit dem Nations-League-Viertelfinale

Es gibt in Deschamps’ letzten 15 Monaten aber auch die Gegen-Bewegung. Nach dem EM-2024-Frust hat er im Nations-League-Viertelfinale gegen Kroatien im Maerz 2025 den Wechsel zu einer offensiveren 4-3-3-Grundordnung mit vier Angreifern vollzogen: Mbappe im Zentrum, Dembele auf rechts, Olise auf links, Kolo Muani als Sturmspitzen-Rotation. Diese Ausrichtung hat er in die WM-Vorrunde 2026 uebertragen.

Der Ertrag der Vorrunde: 3:1 gegen Senegal im Auftakt, 4:1 gegen Norwegen im dritten Gruppen-I-Spiel (Deschamps abwesend, Co-Trainer Guy Stephan an der Seitenlinie am Tag der Beerdigung seiner Mutter), 10:2 Tore in der Vorrunde - die hoechste Tordifferenz aller Vorrunden-Gruppensieger. Im Sechzehntelfinale 3:0 gegen Schweden im MetLife Stadium mit dem Mbappe-Doppelpack. Im Achtelfinale in Philadelphia 1:0 gegen Paraguay unter Rekord-Hitze, per Mbappe-Elfmeter.

Die Bilanz auf dem WM-Weg 2026: fuenf Siege in fuenf Spielen, 12:3 Tore, Mbappe mit sieben Turniertreffern gemeinsame Fuehrung der Torschuetzenkoenig-Wertung. Der offensivere Deschamps hat also gezeigt, dass er einen Kader mit vier Angreifern spielen lassen kann - aber die grossen Ruf-Beweise stehen noch aus. Marokko heute, dann Norwegen oder England im Halbfinale, dann eventuell das Finale in East Rutherford.

Die Nachfolge: Zidane als kommunizierter Erbe des FFF

Die Zidane-Frage haengt ueber dem gesamten Bogen. Zidane ist der zweifache Weltfussballer (1998, 2000, 2003), der WM-Sieger von 1998, der EM-Sieger von 2000 und der Trainer, der Real Madrid dreimal in Folge zur Champions-League-Trophaee gefuehrt hat (2016, 2017, 2018). Sein Nachfolge-Bogen als Frankreich-Cheftrainer war seit Jahren im Gespraech - und ist mit der Sportschau-Formulierung vom 9. Juli 2026 zum “erwarteten Nachfolger” so weit gefestigt, wie eine noch nicht offiziell kommunizierte FFF-Personalie sein kann.

Fuer Deschamps bedeutet das: Er kaempft in Boston, in Dallas oder Atlanta und potentiell in East Rutherford nicht mehr um seinen Job, sondern um sein Karriere-Erbe. Ein Titel wuerde ihn zum ersten Cheftrainer der Fussball-Geschichte machen, der zwei WM-Titel als Alleinverantwortlicher gewonnen hat (der Brasilianer Vicente Feola 1958 und der Italiener Vittorio Pozzo mit den WM-Titeln 1934 + 1938 sind Sonderfaelle des vor-modernen Nationaltrainer-Amtes). Ein Ausscheiden gegen Marokko waere die dritte K.-o.-Enttaeuschung in Folge (EM 2024 Achtelfinale, WM 2022 Finale und jetzt) - und wuerde dem Le-Monde-”Loew 2.0”-Bogen den Rueckenwind fuer die franzoesische Sportpresse geben.

Was heute Abend zaehlt: Marokko, Mbappe, das Karriere-Tableau

Sportlich ist die Ausgangslage klar. Marokko unter Trainer Mohamed Ouahbi kommt in dieses Viertelfinale nach dem 3:0 gegen Kanada im Sechzehntelfinale und dem Bezwingen von Portugal in der Vorrunde als eine der eindrucksvollsten Mannschaften des Turniers. Mit Ounahi, Brahim Diaz und Kapitaen Achraf Hakimi hat Ouahbi ein Mittelfeld, das die franzoesische Umschaltbewegung stoeren kann. Der Ausfall von Ismael Saibari mit Oberschenkelproblemen schwaecht die Marokkaner nicht entscheidend.

Deschamps wird auf seine bekannte 4-3-3-Grundordnung setzen. Mbappe im Zentrum als Ziehspieler und Torgefahr, Dembele rechts, Olise links (nach der FIFA-Ablehnung des Gelbe-Karten-Antrags spielt Olise unter Halbfinal-Sperrgefahr), Kolo Muani rechts wechselweise, im Mittelfeld die eingespielte Achse Tchouameni-Rabiot-Camavinga und in der Innenverteidigung Upamecano-Saliba. Der Schiedsrichter Facundo Tello aus Argentinien und sein Team hat vor dem Anpfiff bereits fuer eine Nebenrolle gesorgt, weil die franzoesische Sportpresse die reine Argentinien-Konstellation als historisches Novum bewertet.

Der WM-Rechner sieht Frankreich mit 65 Prozent Sieg-Wahrscheinlichkeit inklusive Verlaengerung als klaren Favoriten - was im QF-Vergleich der leicht hoechste Wert aller vier Paarungen ist. Das sportliche Erwartungs-Nadeloehr ist damit ebenfalls dokumentiert: Frankreich soll gewinnen. Ein Ausscheiden waere ein Boston-Trauma.

Fazit: eine Reifepruefung des Rufs, kein sportlicher Selbstzweck

Fuer Didier Deschamps ist das Viertelfinale in Boston nicht das erste Spiel gegen einen unangenehmen Gegner, nicht das erste Duell mit Marokko - das war Katar 2022 - und nicht das erste Endturnier ohne WM-Titel-Perspektive - das war die EM 2024. Es ist aber der letzte K.-o.-Auftritt auf einer WM-Buehne, in dem der 57-Jaehrige seine Ruf-Bilanz noch aktiv steuern kann. Der Sportschau-Formulierung vom Morgen des 9. Juli - “kaempft auch um seinen Ruf” - hat er widersprochen. Die franzoesische Sportpresse zeigt sich ueberzeugt: heute Abend im Gillette Stadium wird das Karriere-Tableau der Deschamps-Aera geschrieben.

Ein weiter fuehrender Sieg gegen die Atlaslowen wuerde ihn ins Halbfinale von Arlington bei Dallas gegen den Sieger aus Norwegen gegen England bringen - und zum ersten Trainer der Fussball-Geschichte machen, der drei WM-Halbfinals in Folge erreicht hat. Ein Aus gegen Marokko waere die dritte K.-o.-Enttaeuschung in Folge nach EM 2024 und WM 2022 - und wuerde die Ruf-Debatte in die Post-Karriere-Phase mitnehmen. Anpfiff ist um 22:00 Uhr MESZ, live bei MagentaTV, Zusammenfassung in der ARD-Sportschau.

Der 5. Dezember 2025, an dem der FFF die Vertrags-Ende-Kommunikation getroffen hat, war der Startschuss der Nachfolge-Aera. Der 9. Juli 2026 ist der Startschuss der Ruf-Bilanz. Beides zusammen ergibt: das drittletzte K.-o.-Spiel einer 14-jaehrigen Aera - und die erste echte Reifepruefung dessen, was in der franzoesischen Sportgeschichte einmal ueber Deschamps stehen wird.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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