609 Minuten ohne Gegentor: Unai Simon knackt Walter Zengas 36 Jahre alten WM-Rekord
Unai Simon hat 609 Minuten ohne Gegentor und uebertrifft Walter Zengas WM-Rekord (517 Minuten, Italia 1990). Spaniens Torwart vor QF gegen Belgien am Freitag.
Von Marco Feldmann 09. Juli 2026
Der stillste Rekord dieser Weltmeisterschaft ist unter dem Larm der Merino-Kopfball-Erloesung gegen Portugal und der Cristiano-Ronaldo-Abschieds-Kulisse in Arlington beinahe untergegangen. Unai Simon, Torwart der Roja mit der Rueckennummer 1, hat waehrend der spanischen K.-o.-Woche eine Serie von 609 Minuten ohne Gegentor bei WM-Endrunden auf die Marschtabelle gestellt. Die Marke uebertrifft den Weltrekord, den Walter Zenga im Sommer 1990 im eigenen Land aufgestellt hatte (517 Minuten), zum ersten Mal in 36 Jahren. Der spanische Verband und die Statistik-Zulieferer der FIFA haben die Marke am Mittwoch bestaetigt - einen Tag vor dem Viertelfinale gegen Belgien am Freitagabend im SoFi Stadium in Inglewood.
Es ist ein Rekord, den man nicht in einer Zeitlupe knacken kann. Zenga hatte ihn 1990 vor eigenem Publikum gegen Ende der Gruppenphase Richtung Halbfinale getragen, wurde in Neapel gegen Argentinien im Halbfinale erst durch Claudio Caniggia in der 67. Minute bezwungen - da lagen 517 Minuten weisse Weste hinter dem Inter-Torwart. Ein Wert, der als Symbol der Sacchi-Aera galt und sechs Weltmeisterschaften lang niemandem einfiel, ihn anzuknabbern. Selbst in den defensivsten Turnier-Formen der jungen WM-Historie (Buffon 2006, Casillas 2010, Neuer 2014, Lloris 2018) blieb Zengas 517er unerreicht.
Ao Tanaka, 1. Dezember 2022 - der letzte WM-Gegentreffer liegt dreieinhalb Jahre zurueck
Der Vorlauf fuer Simons Rekord beginnt in einer unruhigen spanischen Nacht in Al-Rayyan. Am 1. Dezember 2022 fuehrt Spanien in der WM-Gruppe gegen Japan durch einen Alvaro-Morata-Kopfball. Nach dem Wechsel dreht Japan das Spiel binnen drei Minuten - Ritsu Doan gleicht in der 48. aus, dann drueckt in der 51. Minute Ao Tanaka den Ball ueber die Linie, nachdem Kaoru Mitoma an der Auslinie den Ball noch vor dem Toraus zurueckgezogen hat. Die Torlinien-Technik zeigt: knapp innerhalb. 1:2. Es war das letzte Gegentor, das Simon auf einer WM-Endrunde kassiert hat.
Was folgt, ist Rekordsubstanz. Im Katarer Achtelfinale in Al-Rayyan ueberdauert Simon 120 Minuten ohne Gegentor - Spanien scheitert gegen Marokko im Elfmeterschiessen, aber der Torwart bleibt sauber. Dann drei einhalb Jahre Pause auf WM-Buehnen. Und ab dem 15. Juni 2026 in Atlanta rollt die Serie weiter: 0:0 gegen Kap Verde im Mercedes-Benz Stadium, gefolgt von den Gruppen-H-Erfolgen gegen Saudi-Arabien und Uruguay, dem 3:0 gegen Oesterreich im Sechzehntelfinale von Inglewood und dem 1:0 gegen Portugal im Achtelfinale von Arlington.
Fuenf Spiele, fuenf weisse Westen. Kein Gegentor gegen Portugal, kein Gegentor gegen Bruno Fernandes, kein Gegentor gegen den OeFB-Umschalt-Fussball von Marcel Sabitzer, kein Gegentor gegen Uruguay, kein Gegentor gegen die Saudi-Konter. Simon hat sich damit in eine spanische Torwart-Ahnentafel geschrieben, in der bislang nur Iker Casillas, Andoni Zubizarreta und Luis Arconada tragende Rollen bei WM-Endrunden hatten.
Der Torwart, der nicht abhebt
Simon ist mit dem Rekord genauso umgegangen, wie er mit den fuenf Spielen umgegangen ist: still. “Ich habe die Faehigkeit, dass ich unter Druck ruhig und gelassen bleibe”, zitiert die Sportschau den 29-Jaehrigen, “das ist wahrscheinlich angeboren, trainieren kann man das nicht.” Was in der Torwart-Trainer-Szene als Idealbild einer inneren Ruhe gilt, ist bei Simon Muster - keine Jubel-Show nach den Toren am anderen Ende, keine Trikot-Kuss-Geste zur Kurve, sondern die naechste Standard-Anweisung an die Viererkette.
Sein Cheftrainer Luis de la Fuente hat den Torwart am Mittwoch ausdruecklich in den engsten Vertrauens-Zirkel gehoben: “Ich bin stolz auf ihn. Ich empfinde ihn wie ein Mitglied meiner Familie.” Fuer den 63-Jaehrigen aus Haro, seit Dezember 2022 spanischer Cheftrainer, ist Simon die tragende Torwart-Achse seiner de-la-Fuente-Aera, die 2023 die UEFA Nations League und 2024 die Europameisterschaft in Berlin geholt hat. In Spanien wird er als Zamora-Sieger 2024 fuer die beste Gegentor-Quote der La-Liga-Saison mit Athletic Bilbao gefeiert - eine Auszeichnung, die im spanischen Torwart-Kanon nur ein enges Feld absoluter Elite-Adressen des vergangenen Jahrzehnts erreicht hat.
Vom Nachwuchs-Aufsteiger zum Kombinations-Baustein
Wer den ruhigen Rekordhalter verstehen will, kommt an Athletic Bilbao nicht vorbei. Geboren am 11. Juni 1997 in Vitoria-Gasteiz - Vater Guardia Civil, Mutter Ertzaintza - kam Simon 2014 aus dem Baskenland-Farm-Team CD Basconia in die Athletic-Nachwuchs-Struktur, spielte 2016 bis 2018 im Bilbao-Reserve-Team der Segunda Division B und rueckte im Sommer 2018 in den Profi-Kader. Seit dem Champions-League-Debut gegen Real Madrid im Herbst 2018 hat er die Rueckennummer 1 und ist inzwischen der Torwart mit den meisten Erstliga-Einsaetzen des Traditionsvereins in diesem Jahrzehnt.
Sein Nationaltrainer-Debut kam am 11. November 2020 in einem Testspiel gegen die Niederlande in Amsterdam. Kurz darauf war er die Nummer 1 der Roja und stand im spanischen Tor bei der EM 2020, wo er im Achtelfinale gegen Kroatien einen prominenten Fehler produzierte (der zum kroatischen Anschluss-Ausgleich fuehrte, Spanien setzte sich am Ende 5:3 nach Verlaengerung durch). Es ist diese emotionale Bandbreite eines Torwarts, die die de-la-Fuente-Kombinations-Achse spaeter zu ihrer Standard-Adresse geformt hat.
Der Weg von der Bilbao-Reserve ueber das La-Liga-Standard-Tor bis zur EM-Sieger-Achse 2024 mit dem 2:1-Titel gegen England im Berliner Olympiastadion - Simon war in jedem Spiel dabei - hat den 29-Jaehrigen laengst zu einer der defensiven Konstanten des spanischen Kombinations-Fussballs gemacht. Der WM-Rekord aus Italia 1990 ist die logische Fortsetzung dieser Linie.
Belgien am Freitag - warum die Serie in Inglewood weitergehen koennte
Am Freitag, 10. Juli, um 21:00 Uhr MESZ im SoFi Stadium in Inglewood steht Simon vor der naechsten Aufgabe: Belgien, im Achtelfinale ueberraschend deutlich mit 4:1 gegen die USA erfolgreich, will die spanische Weisse Weste beenden. Kevin De Bruyne (35), Jeremy Doku, Leandro Trossard und Lois Openda sind die Offensiv-Achse, die Belgien im Post-Golden-Generation-Umbruch zusammengestellt hat. Alles Leute mit Weltklasse-Format - alles Leute, die die spanische Kombinations-Achse tendenziell weniger stellen kann als das aufrueckende US-Team von Mauricio Pochettino.
Denn Belgien hat in dieser WM 2026 in fast allen bisherigen Auftritten mindestens ein Gegentor kassiert - der Umschalt-Fussball der belgischen 2026er Elf produziert eben nicht dieselbe defensive Grundstabilitaet, mit der die Roten Teufel in ihrer goldenen Aera von 2016 bis 2022 bekannt geworden waren. Fuer Simon heisst das: Es werden auch am Freitag Chancen kommen. Aber die klare Spiel-Struktur der Roja gibt ihm mehr Kontrolle, als die 20-Meter-Umschaltspiele der US-Achse Christian Pulisic sie den Belgiern noch am Sonntagabend geboten haben.
Was der Rekord fuer Spaniens Halbfinal-Weg bedeutet
609 Minuten sind nicht das Ende der Fahnenstange. Wenn Simon am Freitag die naechsten 90 Minuten sauber haelt, ist er bei 699. Ein potenzielles Halbfinale am 14. Juli in Arlington gegen den Sieger aus Marokko gegen Frankreich haette weitere 90 Minuten (plus moegliche Verlaengerung) im Angebot. Und bei einem WM-Finale am 19. Juli 2026 im MetLife Stadium waere der Weltrekord im Umfeld der 900er-Grenze. Der Zenga-Wert von 517 wuerde in dieser Zeit-Perspektive fast zur Fussnote.
Wichtiger ist der defensive Kontext, den die Roja damit hinter sich hat. Der WM-Rechner sieht Spanien mit 22,95 Prozent Turniersieg-Wahrscheinlichkeit weiterhin klar an Rang 1 - eine Titel-Statistik, die vor allem auf der de-la-Fuente-Kombinations-Achse und einer defensiv geschlossenen Grundstruktur beruht. Wenn Simon seinen Ruhe-Puls behaelt, koennten die verbleibenden K.-o.-Spiele weiter Nullen liefern.
Fuer Simon selbst duerfte der Rekord an diesem Donnerstag ohnehin die kleinere Nachricht sein. Die groessere heisst Belgien und beginnt am Freitagabend um 21:00 MESZ. Was in Inglewood folgt, entscheidet, ob aus der 609er-Marke am Ende die 700er-Marke wird - und ob Spaniens Kombinations-Fussball zum ersten Mal seit dem 2010er-Weltmeister-Titel in Suedafrika wieder ein WM-Halbfinale erreicht.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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