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DFB-Team

Havertz wird 27 in Winston-Salem: "Muss selber vorneweg gehen" - der stille Anführer vor dem DFB-Auftakt

Kai Havertz feiert seinen 27. Geburtstag im DFB-Camp Winston-Salem - im Sportschau-Interview erklärt er drei Tage vor Curaçao, warum er kein Kabinen-Redner ist und trotzdem führen muss.

Von Lukas Brandt 12. Juni 2026

Kai Havertz nach dem 1:0 für die DFB-Auswahl im Test gegen Ghana am 31. März 2026 in Stuttgart - 22 Länderspiel-Tore stehen vor dem WM-Auftakt 2026 zu Buche, mehr hat im DFB-Kader keiner. Foto: ImageBROKER via SmartFrame

Es ist Mittwochabend im Graylyn-Estate in Winston-Salem, North Carolina, drei Tage vor dem WM-Auftakt gegen Curaçao, und Kai Havertz feiert keinen Geburtstag. Er sitzt in einem der Konferenzräume des DFB-Basislagers, Sportschau-Reporter Marcus Bark gegenüber, und beantwortet eine Frage, die er in den vergangenen Wochen unter zehn verschiedenen Wortlauten gehört hat: Was für ein Anführer ist er eigentlich? Die Antwort fasst Havertz - 27 Jahre alt seit ein paar Stunden, zehn Jahre Profi, sechs Jahre Premier League - in zwei Sätzen zusammen, die Freitagfrüh um 00:36 Uhr im Sportschau-Liveblog landen und bis Mittag in jedem deutschen Boulevardsport-Liveticker zitiert werden.

”Ich bin nicht derjenige, der in der Kabine große Reden schwingt”

“Ich bin nicht derjenige, der in der Kabine vor dem Spiel große Reden schwingt. Ich muss selber vorneweg gehen.”

Das ist die Selbstbeschreibung, die Havertz von der Mertesacker-Müller-Schule des DFB-Anführertums abgrenzt - kein Brüller, kein Spruchklopfer, kein lauter Korrekturchef. Stattdessen das, was man im englischen Fußballjournalismus seit Jahren leading by example nennt: das schwere Defensiv-Pressing nach Ballverlust, das Aushelfen als zweiter Sechser im Aufbau, der Lauf in die Box zum dritten Mal in einer Minute. Wer Havertz’ Saison bei Arsenal verfolgt hat, kennt das Muster: kaum große Gesten an der Seitenlinie, dafür Steigerung in der zweiten Halbzeit, wenn andere Spielanteile schwinden.

Bei der DFB-Auswahl trifft dieser Stil auf ein Vakuum. Joshua Kimmich trägt die Kapitänsbinde und kommandiert das Pressing aus dem Zentrum; Manuel Neuer ist nach seiner Rückholung als Nummer eins die Autoritätsfigur im Tor; Antonio Rüdiger organisiert lautstark die Innenverteidigung. Was dazwischen fehlt: ein Hinten-Vorne-Anführer aus dem Strafraum, der den Schritt vor allen anderen macht. Havertz’ Antwort darauf ist nicht ein anderes Auftreten - sondern ein selbst gestricktes Anforderungsprofil.

Mr. Underrated: “das bin ich mittlerweile gewohnt”

Den zweiten Schlagzeilen-Satz liefert Havertz auf Barks Frage, ob ihn die latente Unterschätzung in Deutschland nervt. Das bin ich mittlerweile gewohnt - lakonischer wäre die Antwort kaum zu formulieren. Havertz schiebt nach, dass Bundesligafans nun einmal mehr Bundesliga schauen als Premier League, also auch mehr Bundesliga-Stürmer im Kopf haben.

In Zahlen sieht der Unterschätzungs-Reflex absurd aus. Havertz ist der mit Abstand torgefährlichste Spieler im DFB-Kader für die WM 2026: 22 Tore in 58 Länderspielen. Mit Arsenal wurde er gerade Englischer Meister - die erste Meisterschaft der Gunners seit der “Invincibles”-Saison 2003/04. In der Champions League traf er in der K.-o.-Runde viermal in sechs Spielen, scheiterte erst im Finale am späteren Sieger Paris Saint-Germain. Im DFB-Kader hat sonst niemand einen vergleichbaren Klub-Saisonertrag.

Trotzdem wird er in Deutschland regelmäßig zu Nick Woltemade und Deniz Undav in Konkurrenz gerückt, als müsste er sich seinen Stammplatz hart erkämpfen. Havertz selbst hat das in der Chicagoer Presserunde am 4. Juni gelassen kommentiert (“kein großes Drama, Deniz hat eine Nase für den Strafraum, Nick ist technisch top, ich bin vielleicht eine Mischung aus beidem”). In Winston-Salem schiebt er den nächsten Selbstbescheid hinterher: Wenn die deutsche Öffentlichkeit ihn weiter unterschätze, dann eben mit zusätzlichen Toren in den USA.

Das, was Havertz mitbringt: CL-Finalist und Premier-League-Meister

Zur Einordnung der Saison 2025/26 hier in einer Zeile: Champions-League-Finale verloren (1:2 in Lissabon gegen PSG, Havertz traf zum 1:1), Premier-League-Titel mit Arsenal gewonnen, 25 Pflichtspieltore in 41 Einsätzen. Mit dieser Bilanz ist Havertz der einzige deutsche WM-Teilnehmer 2026, der eine Saison als Premier-League-Champion in das Turnier mitnimmt - und auch der erste DFB-Stürmer seit Mario Gómez 2014, der vor einer WM die Vorrunden-Tabellenführung in einer der Top-Ligen anführt.

Hinzu kommt die Erinnerung an das frühe Champions-League-Finale 2021, in dem ein damals 21-jähriger Havertz für Chelsea gegen Manchester City zum entscheidenden 1:0 traf. Im DFB-Kader hat außer Manuel Neuer kein anderer Feldspieler einen entscheidenden CL-Finaltreffer auf dem Konto. Das ist der Anker, mit dem Nagelsmann arbeitet: Havertz hat die Erfahrung, dass die größten Momente nicht über Reden, sondern über einen Schritt zur richtigen Zeit entschieden werden.

Bedeutung für den Curaçao-Auftakt am Sonntag in Houston

Nagelsmann lässt seit den Generalproben gegen Finnland und die USA im 4-2-3-1 mit Havertz in der Spitze auflaufen; in der zweiten Reihe Florian Wirtz, Jamal Musiala und Leroy Sané, davor die Doppel-Sechs Aleksandar Pavlović plus Felix Nmecha. Der WM-Auftakt am Sonntag, 14. Juni um 19:00 Uhr MESZ im NRG Stadium Houston richtet sich gegen den karibischen Außenseiter aus Gruppe E, der zum ersten Mal an einer WM teilnimmt.

Curaçao steht auf Rang 76 der FIFA-Weltrangliste, ist der tiefstplatzierte DFB-Auftaktgegner der Geschichte und wird mit einem tiefstehenden 5-4-1 versuchen, die Räume für Wirtz und Musiala dicht zu machen. Wenn das Spiel zäh wird, fällt die Aufgabe wieder Havertz zu: den Strafraumball zu verlängern, den Lauf hinter die letzte Reihe anzubieten, das Pressing oben aufzudrehen. Genau das, was er als sein Anführer-Profil beschreibt. Was Havertz vor seinem 27. Geburtstag nicht gesagt hat, hängt trotzdem im Konferenzraum von Graylyn: dass Anführer sich nicht über Worte, sondern über das nächste Tor beweisen. Am Sonntagabend in Houston wäre dafür der passende Anlass.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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