LaLiga-Chef Tebas fordert Infantinos Ruecktritt: 'Seine Zeit ist um'
LaLiga-Chef Javier Tebas fordert im Gazzetta-Interview den Ruecktritt Gianni Infantinos und listet fuenf WM-2026-Vorwuerfe von Trinkpausen bis 64-Teams-WM.
Von Marco Feldmann 21. Juli 2026
Zwei Tage nach dem WM-Finale 2026 im MetLife Stadium bei New York hat der Praesident der spanischen Fussball-Liga LaLiga, Javier Tebas, den seit Jahren schwelenden Klub-Liga-Konflikt mit der FIFA zu einer offenen Ruecktritts-Forderung eskaliert. In einem am 21. Juli 2026 veroeffentlichten Interview mit der italienischen Sportzeitung La Gazzetta dello Sport sagte der 63-jaehrige Anwalt und Ligaboss auf die Frage, ob Gianni Infantino als FIFA-Praesident zuruecktreten sollte: “Meiner Meinung nach ja, ich denke, seine Zeit ist um.” Es ist die erste ausdrueckliche Ruecktritts-Forderung eines europaeischen Top-Ligaboss an Infantino - und sie kommt aus dem Verband, dessen Nationalmannschaft gerade eben Weltmeister geworden ist.
Das Ruecktritts-Zitat im Wortlaut
Der Kern-Satz aus dem Gazzetta-Gespraech lautet: “In my opinion, yes, I think his time is up.” Tebas schob im selben Zug eine Realitaets-Feststellung nach: “Er sollte nicht bleiben, aber die aktuelle Lage bedeutet, dass er nicht gehen wird.” Die deutsche Aufbereitung lieferten am Dienstagvormittag der kicker um 12:12 Uhr UTC und im Kontext-Rahmen die sportschau-Reportage ‘USA - vom Anklaeger zum Geschaeftspartner der FIFA’, die im selben Zug an die Kritik von 50 EU-Parlamentariern und des norwegischen Verbands an Infantinos engem Schulterschluss mit US-Praesident Trump erinnert.
Tebas war nach eigener Aussage waehrend des Finalwochenendes in den USA und nahm die dortigen Eindruecke direkt mit ins Interview: “In diesen Tagen hier in Amerika habe ich viele Leute gehoert, die gegen Infantino sind, die mit dem, was er tut, nicht einverstanden sind.” Der Vorwurf: Sie sagten es privat - “sie sagen es, aber dann tun sie nichts.”
Fuenf konkrete WM-2026-Vorwuerfe
Tebas begleitet die Ruecktritts-Forderung mit einer strukturierten Bilanz-Liste, die fuenf konkrete Punkte des laufenden Turniers aufgreift.
1. Die verpflichtenden Trinkpausen. In den Vorrunden-Spielen mit hoher WBGT-Belastung hatte die FIFA in Absprache mit den Team-Aerzten Zwei-Minuten-Pausen ab der 30. und 75. Minute angeordnet. Tebas’ Urteil: “Die Trinkpausen sind eine Luege - es war eine Luege, eine Werbepause.” Der praktische Vorwurf: Die Pausen seien de facto Werbeblock-Verlaengerungen, keine physiologisch begruendete Massnahme.
2. Die verlaengerte Halbzeitshow im Finale. Beim Endspiel Spanien gegen Argentinien am 19. Juli lief die Show mit Bad Bunny und Karol G ueber die klassischen 15 Minuten hinaus - Tebas kritisiert die Verlaengerung als weiteren Nachweis, dass der Sport dem Entertainment-Format untergeordnet werde.
3. Die Balogun-Sperren-Aufhebung. Nachdem der US-Stuermer Folarin Balogun in der Vorrunde eine FIFA-Sperre erhalten hatte, war diese vor dem Achtelfinale gegen Belgien kurzfristig aufgehoben worden. Tebas: “Die Aussetzung der Sperre des amerikanischen Spielers war absolut ernst. Sie hatten Glueck, dass Belgien die USA ausgeschaltet hat.” Der belgische Verband hatte damals rechtliche Schritte angekuendigt und die Praezedenz-Frage in den Raum gestellt.
4. Die 64-Teams-WM 2030. Am 11. Juli hatte Infantino im blue-Sport-Interview erstmals einen konkreten Startpunkt fuer die Aufstockungs-Pruefung nach der laufenden WM benannt - dazu unser Bericht Infantino kuendigt formelle 64-Teams-Pruefung an. Fuer Tebas ist der Vorstoss “fortgesetzte Zerstoerung der Fussball-Industrie”: Er saehe die Vorrunde entwertet, die Kalender-Belastung weiter erhoeht und die Klub-Saison in Europa endgueltig unter Druck.
5. Der Nationalmannschafts-Vorrang. Grundsatz-Kritik am FIFA-Kalender: “Es kann nicht alles um die Weltmeisterschaft kreisen.” Aus Klub-Liga-Sicht ist das die Kern-Position hinter der Klage-Front, die Ligen und Vereine seit dem Ausbau der Klub-WM 2025 gegen die FIFA aufgebaut haben.
Der Kern-Vorwurf - “im Kern faul”
Der schaerfste Satz des Gazzetta-Interviews zielt nicht auf ein einzelnes WM-Detail, sondern auf das FIFA-Wahlsystem selbst. Tebas beschreibt den Wahl-Ablauf als “im Kern faul” (“rotten at its core”). Die naechste FIFA-Praesidentschaftswahl steht turnusgemaess 2027 an; nach der bestehenden Statuten-Lage muessen Kandidaten mindestens fuenf Nominierungen aus den 211 Mitgliedsverbaenden vorweisen. Wer sich bewirbt, tritt zugleich einer laufenden Amtszeit entgegen, die im FIFA-Council seit 2016 systematisch abgesichert ist.
Tebas’ Diagnose: Der strukturelle Nachteil fuer Herausforderer schrecke ab. “Es gibt keinen Gegenkandidaten, niemand will nur antreten, um zu verlieren.” Die Praxis der bisherigen Wahlgaenge (2016, 2019, 2023) stuetzt seine Beobachtung: Zweimal war Infantino unwidersprochen wiedergewaehlt worden, einmal (2016) hatte er sich in einer Kampf-Abstimmung gegen Scheich Salman bin Ebrahim Al Khalifa und Prinz Ali durchgesetzt.
Warum Infantino trotzdem bleibt
Tebas geht in seinem Gazzetta-Interview weiter, als der reine Wortlaut es zunaechst nahelegt. Er unterscheidet zwischen zwei Gruppen von Kritikern: den oeffentlich Aktiven (LaLiga, Teile der Premier League, europaeische Vereins-Vereinigung ECA, UEFA in einzelnen Fragen) und den privaten Zauderern - den Verbaenden und Funktionaeren, die intern gegen den FIFA-Kurs sind, aber im Council mit Infantino stimmen.
“Sie sagen es, aber dann tun sie nichts”, ist Tebas’ Attacke - und sie liest sich als Aufforderung an die Verbandsspitzen. Der spanische Verband RFEF stimmt im Council bisher regelmaessig mit der UEFA-Linie, die Infantino in Fragen der 64er-WM und der Klub-WM-Aufblaehung widerspricht. Dass die Kritik ausgerechnet aus dem Land des amtierenden Weltmeisters kommt, gibt der Debatte politisches Gewicht.
Historie - Tebas gegen Infantino seit 2017
Der offene Konflikt zwischen dem LaLiga-Chef und dem FIFA-Praesidenten ist nicht neu. Erste Wortmeldungen gab es 2017, als Infantino die Aufstockung der WM 2026 auf 48 Teams gegen den Widerstand von LaLiga durchsetzte - Tebas hatte damals bereits von einer “Zerstoerung der Wettbewerbs-Qualitaet” gesprochen. 2021 hatte er die Super-League-Idee der Real-Madrid- und Barcelona-Praesidenten unterstuetzt, weil er darin eine europaeische Antwort auf die “FIFA-Gigantomanie” sah.
Der schwerste Streitpunkt vor der WM 2026 war die FIFA Klub-WM 2025, die im Juni und Juli 2025 in den USA lief. LaLiga hatte die FIFA im Vorfeld formal aufgefordert, das 32-Team-Turnier aus dem Kalender zu streichen - vergebens. Nun schaltet Tebas nach dem 12-Monats-Zyklus WM+Klub-WM in die Ruecktritts-Forderung um.
Reaktions-Umfeld - Norwegen und die EU-Parlamentarier
Die Gazzetta-Kritik faellt in ein Umfeld, in dem der Widerstand gegen Infantino sichtbarer wird. Der norwegische Verband hatte im Fruehjahr 2026 formell einen offenen Brief an die FIFA-Statuten-Kommission gerichtet, in dem er die Verletzung der politischen Neutralitaet in der Trump-Infantino-Allianz monierte. Rund 50 Europa-Parlamentarier hatten sich im gleichen Kontext in einer gemeinsamen Erklaerung angeschlossen.
DFB-Lehrwart Lutz Wagner hat in seiner Regel-Bilanz zum Turnier einige der Trinkpausen- und Zeitspiel-Praktiken der WM 2026 aus Schiri-Sicht ebenfalls als problematisch eingeordnet - der Unterschied zu Tebas: Wagner sprach nicht von der FIFA-Fuehrung, sondern von den Regel-Details.
Was jetzt kommt
Formell hat Tebas’ Ruecktritts-Forderung keinerlei Rechtswirkung. Sie ist eine politische Positionierung - aber eine, die im Vor-Kongress-Jahr 2027 Wirkung entfalten koennte, wenn andere europaeische Ligen sich ihr anschliessen. Die Premier League hat sich zu Tebas’ Vorstoss bislang nicht geaeussert; die Bundesliga-Vertreter im DFL-Praesidium haben ebenfalls noch keine oeffentliche Stellungnahme abgegeben. Klar ist: Die Kalenderfrage zwischen FIFA (WM + Klub-WM), UEFA (Champions League + EM + Nations League) und den nationalen Ligen wird nach der WM 2026 in eine neue Runde gehen - und Tebas hat sie mit einer Personalfrage aufgeladen.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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