Eberl ueber Infantinos WM-Investoren-Plan: 'Es ekelt mich' - Bayern-Vorstand fuer UEFA-Boykott
Bayerns Sportvorstand Max Eberl nennt Infantinos Investoren-Coup 'beschaemend' und stellt sich hinter einen moeglichen UEFA-Boykott - 24 Stunden vor der Dringlichkeitssitzung in Nyon.
Von Marco Feldmann 29. Juli 2026
▍ FIFA / POST-WM 2026 · 29.07.2026 · 17:00 UHR - Bayerns Sportvorstand Max Eberl hat sich am Mittwochnachmittag als erste bundesweit hoerbare deutsche Sportfunktionaers-Stimme klar gegen den Investoren-Plan von FIFA-Praesident Gianni Infantino gestellt. Im Interview mit BR24Sport-Reporter Taufig Khalil nennt der 51-jaehrige Niederbayer den Plan “beschaemend”, spricht von persoenlichem Ekel und stellt sich explizit hinter einen moeglichen europaeischen Boykott. Die UEFA berat noch am Mittwochabend in einer Koordinationsrunde und am Donnerstag mit allen 55 Mitgliedsverbaenden in einer Dringlichkeitssitzung genau ueber diese Option.
Der Wortlaut: was Eberl im BR24Sport-Interview sagt
Eberls Statement zerfaellt in drei Bausteine, und alle drei sind ungewoehnlich unmissverstaendlich fuer einen Bundesliga-Sportvorstand.
Die Bewertung des Plans: “Ich finde es beschaemend. Ich schaeme mich dafuer, dass wir im Fussball ueber solche Gedanken reden.”
Die persoenliche Regung: “Mich ekelt das.” - drei Silben, die die Bayern-Kommunikation im Nachgang nicht relativiert hat.
Die Boykott-Formulierung: “Ich bin kein Freund von Boykott, ich bin ein Freund von Dialog. Aber wenn es so weit kommt, dann bin ich auch dafuer, dass wir als Europa eine starke Stirn bieten und sagen: Ne, da machen wir nicht mit.”
Der Satz ist eine praezise Wenn-Dann-Konstruktion. Eberl setzt sich nicht an die Spitze der Boykott-Bewegung, aber er signalisiert Bereitschaft, mitzugehen, sobald die UEFA die Formulierung waehlt. In Nyon wird diese Bereitschaft am Donnerstag als Deutschland-Signal gelesen werden, unabhaengig davon, dass Eberl formal nicht fuer den DFB spricht.
Der Plan: FIFA Forward Enterprise und die Frist zum 19. September
Der Plan, den Eberl ablehnt, ist inzwischen konturiert. Die FIFA hat den 211 Mitgliedsverbaenden ein Rundschreiben zugestellt, in dem sie eine neue Vermarktungs- und Turniergesellschaft (“FIFA Forward Enterprise”, FFE) skizziert, in die alle Weltmeisterschafts-Rechte, saemtliche Sponsoren-Vertraege und die WM-Vermarktungserloese eingebracht werden sollen. Anteile an dieser Gesellschaft - in ersten Berichten zwischen 20 und 30 Prozent - sollen an private Investoren verkauft werden.
Die Frist ist knapp: Bis zum 19. September 2026 muessen mehr als die Haelfte der 211 Verbaende (also mindestens 106) der Ausgliederung schriftlich zustimmen. Startet die FFE, wird sie ab 2027 wirksam - rechtzeitig zum vollen Vermarktungs-Zyklus fuer die naechste Klub-WM 2029 und die Weltmeisterschaft 2030 in Portugal, Spanien und Marokko mit Eroeffnungsspielen in Argentinien, Uruguay und Paraguay.
Die UEFA hat den Prozess in einem am Dienstag verbreiteten Statement scharf attackiert: “Keiner von uns besitzt den Fussball. Es ist nicht an der FIFA, ihn zu verkaufen.” Und deutlicher: Die FIFA duerfe “unseren Sport nicht laenger dafuer nutzen, sich selbst und ihre Freunde zu bereichern”. Der Vorwurf richtet sich damit auch an den intransparenten Ablauf: Der FFE-Vorschlag ist bisher weder im FIFA-Council formell verhandelt noch dem UEFA-Kongress vorgestellt worden.
Der Boykott-Weg: UEFA-Dringlichkeitssitzung Mittwoch und Donnerstag
Die europaeische Antwort formiert sich in dieser Woche in zwei Stufen. Am Mittwochabend, 29. Juli 2026, tagt eine kleinere UEFA-Koordinationsrunde in Nyon. Am Donnerstag, 30. Juli 2026, folgt eine Dringlichkeitssitzung mit allen 55 Mitgliedsverbaenden. Auf der Tagesordnung steht laut sportschau-Recherche unter Berufung auf Sky, ESPN und Bloomberg auch die Option eines WM-Boykotts: das ausdrueckliche Fernbleiben europaeischer Nationalteams von einer nach FFE-Modell strukturierten Weltmeisterschaft.
Die Verhandlungsmasse ist bemerkenswert. Europaeische Verbaende haben bei der WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko 16 der 48 Turnier-Teilnehmer gestellt, drei der vier Halbfinalisten (Spanien, Frankreich, Portugal) und mit Spanien den Weltmeister. Ein europaeischer Boykott waere zwar juristisch heikel und wirtschaftlich fuer die Verbaende teuer, wuerde aber jede Weltmeisterschaft als Wettbewerb entwerten - und damit die von Investoren erwartete Anteils-Rendite fundamental in Frage stellen.
Eberls Signal ist in genau diesem Rahmen wichtig. Er ist nicht der erste, der von einem Boykott spricht - der Sport-Redakteur Johann Schicklinski hat den Weg am Mittwochmorgen im SWR-Kommentar “Scheinheilig und beschaemend” bereits gefordert -, aber er ist der erste bundesweit prominente Deutschland-Sportfunktionaer, der ihn oeffentlich fuer moeglich haelt.
Warum Eberls Signal in Deutschland politisch wiegt
Eberls Wort wiegt in Deutschland aus drei Gruenden mehr als eine gleichlautende Aeusserung eines anderen Bundesliga-Sportvorstands.
Erstens die Klub-Autoritaet: Der FC Bayern Muenchen ist der einzige deutsche Klub, den die Klub-WM 2025 und die aktuellen europaeischen Klub-Wettbewerbe im Terminkalender und in der Vermarktung dauerhaft praegen. Bayern hat zudem bei der WM 2026 mit Serge Gnabry, Aleksandar Pavlovic, Konrad Laimer, Michael Olise, Alphonso Davies und Bilal El Khannouss (Marokko) sowie den Neuzugaengen Ismael Saibari und einigen weiteren mehr WM-Fahrer gestellt als jeder andere Bundesliga-Klub. Eberls Wort ist damit nicht das eines Beobachters, sondern eines direkt Betroffenen.
Zweitens die Timing-Symmetrie: Eberls Interview faellt exakt in das Zeitfenster zwischen FIFA-Frist-Ankuendigung (Vormittag) und UEFA-Dringlichkeitssitzung (Donnerstag). Wer heute in Deutschland zitierbar ist, praegt die deutsche Sitzungsposition mit.
Drittens die Sprach-Klarheit: “Es ekelt mich” ist im Kanon deutscher Bundesliga-Sportvorstaende ein maximal-hartes Vokabular. Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeness und Hasan Salihamidzic haben Infantino in der Vergangenheit kritisiert, aber nie mit dieser Wortwahl. Der Satz wird im journalistischen Anschluss als Zaesur zitiert werden.
Die 5-Mio-Frage: was FIFA den Verbaenden anbietet
Die FIFA verkoppelt den Investorenplan mit einer massiven Erhoehung der Verbandshilfe. Fuer den Zyklus 2027 bis 2030 sollen die 211 Mitgliedsverbaende jaehrlich 5 Millionen US-Dollar erhalten (statt derzeit 2 Millionen), fuer 2031 bis 2034 dann 5,5 Millionen pro Jahr und fuer 2035 bis 2038 insgesamt 24 Millionen pro Vier-Jahres-Zyklus. Der kicker berichtete am Nachmittag des 29. Juli 2026 zusaetzlich unter Berufung auf einen internen FIFA-Brief von einer einmaligen Bonus-Zahlung im hoeheren einstelligen Millionen-Euro-Bereich, die zustimmenden Verbaenden bereits zu Jahresbeginn 2027 in Aussicht gestellt wird.
Die Wirkung dieser Zahlen ist stark asymmetrisch. Ein kleiner Karibik-Verband wie Sint Maarten, Anguilla oder Aruba, dessen Jahresbudget ohnehin ganz erheblich unter 5 Millionen US-Dollar liegt, sieht in dem Angebot eine Verdopplung oder Verdreifachung seiner gesamten Handlungsfaehigkeit. Der DFB, dessen Jahres-Umsatz 2024 bei 384,2 Millionen Euro lag, sieht in derselben Summe eine kaum spuerbare Beitrags-Position.
Genau diese Asymmetrie ist der Grund, warum die sportschau in ihrer Mittwoch-Analyse “Warum Infantino mit seinem Coup durchkommen koennte” den Ausgang der 19.-September-Abstimmung nicht als offen, sondern als eher wahrscheinlich pro Infantino einschaetzt. Die Mehrheit von 106 Verbaenden ist durch die afrikanische Konfoederation CAF (54 Verbaende), grosse Teile der asiatischen Konfoederation AFC und der karibisch-nord-mittelamerikanischen Concacaf rechnerisch erreichbar, auch wenn die 55 UEFA-Verbaende geschlossen dagegen stimmen sollten.
Eberls Boykott-Bedingung (“wenn es so weit kommt”) ist damit auch eine Kalkulation. Er signalisiert, dass Deutschland und Europa bereit sein muessen, den Boykott zu setzen, sobald die politische Mehrheit ohnehin gegen die europaeische Position ausfaellt - andernfalls waere die Zustimmung nur noch eine Frage der Formalie.
Was jetzt beim DFB, bei der Liga und beim FC Bayern laeuft
Eine formelle Stellungnahme von DFB-Praesident Bernd Neuendorf liegt am Mittwochabend noch nicht vor. Der Verband bereitet nach eigenen Angaben die Delegations-Position fuer die UEFA-Sitzung am Donnerstag vor. Neuendorf hat sich zuletzt bei der Vorstellung von Juergen Klopp als Bundestrainer am 24. Juli 2026 und der 1-Million-Red-Bull-Stiftung-Vereinbarung mit RB Leipzig klar zu institutionellen Governance-Fragen positioniert; eine aehnlich deutliche Positionierung zum FFE ist fuer Donnerstagvormittag zu erwarten.
Aus der Bundesliga wird eine gemeinsame Positionierung von DFL-Geschaeftsfuehrer Marc Lenz und Steffen Merkel fuer die kommenden 24 Stunden erwartet. Das Verhaeltnis zwischen europaeischer Klub-Vereinigung ECA und FIFA ist seit der Klub-WM 2025 in den USA spannungsgeladen; die ECA hat bereits im Fruehjahr 2026 einen eigenen Beschwerde-Katalog zur Doppelbelastung im Turnier-Kalender vorgelegt. Der FFE ist dessen Fortsetzung.
Beim FC Bayern selbst bleibt Eberl damit die zitierbare Stimme. Vorstandsvorsitzender Jan-Christian Dreesen und Aufsichtsratsvorsitzender Herbert Hainer haben sich am Mittwoch nicht oeffentlich geaeussert; die Bayern-Trainings-Woche bei Vincent Kompany am Tegernsee ueberlagert die Governance-Debatte medial. Eberls Interview mit BR24Sport ist damit fuer den Moment das komplette Bayern-Statement.
Kurzer historischer Rahmen: Bayern gegen FIFA-Reformen
Bayern hat in den vergangenen fuenf Jahren mehrfach FIFA-Grossvorhaben abgelehnt: die zweijaehrige WM-Idee 2021, die Klub-WM-Erweiterung 2022 und die Klub-WM-2025-Terminierung, gegen die Uli Hoeness im Januar 2025 vom “Wahnsinn” gesprochen hatte. Der FFE-Investorenplan ist die vierte Runde dieser Auseinandersetzung, aber mit deutlich hoeheren Einsaetzen: Es geht nicht um Format, sondern um Eigentumsverhaeltnisse an der Weltmeisterschaft selbst. Eberls Wort passt in genau diese Linie - und markiert zugleich die schaerfste Sprach-Eskalation Bayerns in dieser Reihe.
Die naechsten 48 Stunden entscheiden. Die UEFA-Sitzung am Donnerstag wird zeigen, ob aus dem Bayern-Signal eine europaeische Sitzungs-Position wird, und die Wochen bis zum 19. September entscheiden, ob die 106-Verbaende-Mehrheit steht. Fest steht heute nur: Der lauteste deutsche Fussball-Sportfunktionaer hat “Ne, da machen wir nicht mit” gesagt, und der Satz ist nicht mehr zurueckzuholen.
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Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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