Chapter 38: FIFA weist Marokkos Benslimane-Anspruch fuer das WM-2030-Finale zurueck
FIFA-Sprecher widerspricht am 11.09.2026 der Ankuendigung von Marokko-Verbandspraesident Lekjaa, das WM-2030-Finale werde in Benslimane ausgetragen.
Von Marco Feldmann 11. September 2026
▍ FIFA · WM 2030 · 11.09.2026 · 18:37 UTC - Die Vergabe-Frage fuer das Endspiel der Fussball-WM 2030 ist am Freitag zurueck auf der oeffentlichen Ebene. Ein FIFA-Sprecher hat der Nachrichtenagentur AFP mitgeteilt, dass der Weltverband keine Zusage fuer das Finale an eine Provinz oder ein Stadion gemacht habe. Anlass ist ein Auftritt des marokkanischen Verbandspraesidenten Fouzi Lekjaa vom Mittwoch, 9. September 2026, in Benslimane bei Casablanca. Lekjaa hatte dort erklaert: “Die Provinz Benslimane wird das WM-Finale ausrichten. Ob das einigen Leuten gefaellt oder nicht.” Die FIFA-Antwort verweist knapp auf ihre eigene Kommunikation vom 5. August 2026 - dem Datum, an dem The Times den Vorwurf einer konditionalen Angebots-Zusage Infantinos an Marokko erstmals in die Oeffentlichkeit gebracht hatte.
Lekjaa in Benslimane - “Ob das einigen Leuten gefaellt oder nicht”
Der Rahmen der Lekjaa-Aussage vom 9. September war ein oeffentliches Verwaltungs-Ereignis in der Provinz Benslimane, rund vierzig Kilometer suedlich von Casablanca. Aufzeichnungen lokaler Medien zufolge waehlte der FRMF-Praesident und marokkanische Haushalts-Minister eine Formulierung, die keinen Interpretations-Spielraum liess. Sie sei “Die Provinz Benslimane wird das WM-Finale ausrichten. Ob das einigen Leuten gefaellt oder nicht” - Ansage, nicht Anspruchs-Begruendung.
Lekjaa ist mehr als ein nationaler Verbandspraesident. Er sitzt im FIFA-Council, ist der zentrale marokkanische Ansprechpartner Infantinos in der WM-2030-Vorbereitung und traegt in der Regierung Aziz Akhannouch die Finanzressort-Verantwortung fuer das Bau-Budget des Stade Hassan II. Seine Aussage ueberlappt damit drei Rollen: Verband, Council und Regierung. Genau diese Ueberlappung macht die Formulierung fuer den spanischen Verband und den europaeischen Rahmen unbequem - sie klingt weniger nach Bewerbungs-Rhetorik als nach vorweggenommener Vergabe-Kommunikation.
FIFA-Dementi vom 11. September - Rueckverweis auf die 5.-August-Kommunikation
Zwei Tage nach der Benslimane-Ansage hat die FIFA-Kommunikation am Freitagnachmittag gegenueber AFP reagiert. Der Wortlaut ist kurz gehalten: “Wie am 5. August 2026 kommuniziert, wird eine Entscheidung zu gegebener Zeit von der FIFA getroffen.” Der Sprecher bleibt nicht namentlich zugeordnet. Der Rueckverweis auf die 5.-August-Kommunikation ist die eigentliche Signal-Substanz.
Am 5. August 2026 hatte The Times unter Berufung auf eine anonyme Quelle gemeldet, Infantino habe Marokko das WM-2030-Finale in Casablanca angeboten - im Gegenzug fuer die oeffentliche Wiederwahl-Unterstuetzung Marokkos beim FIFA-Kongress am 18. Maerz 2027 in Rabat. Wir hatten den Bericht als Chapter 15 des Post-WM-Governance-Arcs dokumentiert. Die FIFA hatte damals in einem knappen Kurz-Dementi darauf verwiesen, dass die Vergabe formell offen sei und der Zeitpunkt der Entscheidung offengehalten werde. Die 11.-September-Formulierung ist inhaltlich identisch - der Bezug ist rein prozedural.
Damit hat die FIFA zweierlei getan. Erstens hat sie die Lekjaa-Ansage aus Benslimane offiziell zurueckgewiesen, ohne den Namen Lekjaa zu erwaehnen oder ihn persoenlich zu adressieren. Zweitens hat sie den Rahmen des Times-Berichts vom August wieder aktiviert - mit einer Kommunikation, die exakt auf dem damals bereits gegebenen Wortlaut aufsitzt. Das ist prozessual sauber, verkuerzt aber die Debatte auf eine Formel, die keine substanzielle Neuigkeit liefert.
Bernabeu gegen Benslimane - die zwei Finalort-Kandidaten im technischen Vergleich
Der Vergabe-Streit laeuft praktisch zwischen zwei Bauten. Das Santiago Bernabeu in Madrid mit 85.000 Plaetzen nach dem 2024 abgeschlossenen Umbau ist der Referenz-Bau. Es ist das Heimstadion von Real Madrid, hat bereits das WM-Finale 1982 (Italien gegen Deutschland 3:1) ausgetragen und gilt als prestigetraechtigster Fussball-Bau der iberischen Halbinsel. Fuer die WM 2030 ist es der eingeplante spanische Ankerbau und traegt die zentrale spanische K.-o.-Runde.
Das Stade Hassan II wird im Vorort Benslimane zwischen Casablanca und Rabat gebaut und soll nach Fertigstellung 115.000 Zuschauer fassen. Damit waere es nach Kapazitaet das groesste Fussballstadion der Welt - vor Camp Nou (99.000 nach Umbau), Rungrado in Pjoengjang (114.000, offizielle Kapazitaets-Angabe umstritten) und Melbourne Cricket Ground (100.000). Der Baubeginn erfolgte 2025 unter direktem Koenigsauftrag Mohammed VI.; die Fertigstellung ist auf spaetestens 2028 terminiert. Das Stadion ist damit rund achtzehn Monate vor dem WM-2030-Anpfiff einsatzbereit - genug Vorlauf fuer eine spaete Vergabe-Entscheidung.
Die Kapazitaets-Differenz allein ist nicht das entscheidende Argument. Die Vergabe-Frage laeuft in der Praxis ueber Symbol-Politik (Iberien vs. Afrika-Erst-Finale), Infrastruktur-Bewertung (Bernabeu mit UEFA-Zertifizierung fuer Endspiele, Hassan II als Neubau ohne Praezedenzfall) und Kontinent-Anteil (Spanien mit dem groessten Spielort-Kontingent unter den drei Co-Gastgebern). Die FIFA hat diese Abwaegung bislang nicht oeffentlich strukturiert.
Mourinho pro Bernabeu und der spanische Kontext
Auf spanischer Seite meldete sich am gleichen Freitag Real-Madrid-Trainer Jose Mourinho zu Wort. Er sprach sich fuer das Bernabeu als Finalort aus und bezeichnete es als “legendaeres, historisches Stadion” des “wichtigsten Vereins der Fussballgeschichte”. Die Positionierung ist kein Zufalls-Statement: Mourinho war in Portugal geboren, hat in Madrid gearbeitet und hat mit einer Aussage, die Bernabeu ueber Camp Nou stellt, den Barcelona-Zweig der iberischen Diskussion aus dem Feld genommen.
Politisch wichtiger ist die Antwort aus dem RFEF-Praesidium. RFEF-Praesident Rafael Louzan hatte bereits am 5. August 2026 auf den Times-Bericht mit einer Bernabeu-Verteidigung reagiert - “no doubt whatsoever that there is no justification for Spain not to host the grand final”. Ein neues Louzan-Statement zur Benslimane-Ansage liegt zu Redaktionsschluss nicht vor. Der spanische Verband duerfte die FIFA-Sprecher-Formulierung als bestaetigend werten und das Feld dem Weltverband ueberlassen, statt in eine direkte Verband-vs-Verband-Konfrontation mit dem FRMF einzutreten.
Chapter-38-Bilanz - was jetzt fest ist, was bis 18. Maerz 2027 offen bleibt
Was jetzt fest ist: Die FIFA hat die Lekjaa-Ansage vom 9. September formal zurueckgewiesen und den Rahmen ihrer 5.-August-Kommunikation wiederhergestellt. Die Vergabe des WM-2030-Finales bleibt formal offen. Bernabeu und Benslimane sind die zwei oeffentlich diskutierten Kandidaten; Camp Nou ist als dritter Kandidat technisch im Rennen, spielt in der aktuellen Debatte aber keine tragende Rolle. Mourinho hat sich pro Bernabeu positioniert; ein neues Louzan-Statement steht aus.
Was offen bleibt: der Zeitpunkt der formalen Vergabe-Entscheidung, die Rolle des FIFA-Council im Vergabe-Verfahren, das Verhaeltnis zwischen der Finalort-Frage und der Praesidentschaftswahl am 18. Maerz 2027 in Rabat - und die Frage, ob die europaeische Anti-Infantino-Front um UEFA, FFF, KNVB und die Nordischen Verbaende den Bernabeu-Anspruch als Wahlkampf-Hebel gegen den Amtsinhaber einsetzen wird. Parallel laufen die FairSquare-Zweitbeschwerde bei der FIFA-Ethikkommission vom 8. September und die 64-Team-Impact-Studie zur WM 2030 mit der 14.-August-Deadline als weitere 2030-Vergabe-Ebenen weiter.
Chapter 38 verdichtet damit die Vergabe-Front nach fuenf Wochen relativer Ruhe wieder auf oeffentliche Ebene - dieses Mal aus Rabat und Benslimane heraus statt aus London und Casablanca-Times-Berichten. Der Zwischentermin fuer die politische Verdichtung ist die Nominierungsfrist am 18. November 2026, sieben Wochen entfernt. Bis dahin wird die Kombination aus Governance-Kampagne und Vergabe-Streit die Post-WM-Agenda tragen.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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