IOC weist FairSquare-Beschwerde gegen Infantino ab: 'Nicht in unserer Zustaendigkeit'
IOC weist FairSquare-Beschwerde gegen Infantino zurueck: nicht zustaendig. Olympische Charta schirmt FIFA-Amtsfuehrung vor externer Ethik-Pruefung.
Von Marco Feldmann 24. Juli 2026
Fuenf Tage nach dem WM-Finale 2026 im MetLife Stadium hat die Ethik-Kommission des Internationalen Olympischen Komitees am Freitag, 24. Juli, die von der britischen Menschenrechtsorganisation FairSquare gegen FIFA-Praesident Gianni Infantino eingereichte Beschwerde formell zurueckgewiesen. Der Grund: Nicht zustaendig. Der Bescheid nimmt aus dem Post-Tournament-Governance-Streit um Infantino jene externe Instanz heraus, auf die FairSquare gesetzt hatte - und wirft die Beschwerdefuehrer zurueck an jenes Gremium, dessen Kontrollstruktur sie ueberhaupt erst umgehen wollten: die FIFA-Ethikkommission.
Was die IOC-Ethik-Kommission entschieden hat
Der Beschluss fiel schriftlich und ist knapp gehalten. Nach der Olympischen Charta - so die Ethik-Kommission - regeln die internationalen Fachverbaende ihre Governance und Amtsfuehrung autonom. Die IOC-Ethik-Kommission ist fuer Handlungen zustaendig, die ihre Mitglieder in IOC-Funktionen begehen; nicht fuer die Amtsfuehrung eines Verbands-Praesidenten. Die von FairSquare vorgebrachten Vorwuerfe beziehen sich nach Lesart der Kommission “ausschliesslich auf FIFA-Entscheidungen zu ihrer Governance und ihrem Management” und liegen “ausserhalb des Anwendungsbereichs des IOC-Ethik-Kodex”. Der Bescheid ging an FairSquare, weitere Schritte des IOC sind nicht vorgesehen.
FairSquare-Direktor James Lynch reagierte enttaeuscht, kuendigte aber keine formale Anfechtung an. Die Organisation hatte den IOC-Weg im Fruehjahr 2026 gewaehlt, weil Infantino seit 2020 IOC-Mitglied ist und die Beschwerdefuehrer davon ausgingen, das IOC koenne ueber seine Ethik-Kommission ein glaubwuerdigeres Verfahren fuehren als die FIFA-eigene Ethik-Struktur.
Der Vorwurfskatalog - politische Neutralitaet und die Trump-Naehe
FairSquares Beschwerde beim IOC hatte vier bis fuenf Punkte adressiert, die dem Kern nach immer denselben Vorwurf tragen: Verletzung der politischen Neutralitaet, die fuer IOC-Mitglieder wie fuer FIFA-Praesidenten gleichermassen kodifiziert ist. Zu den Vorwuerfen gehoerten Infantinos wiederholte oeffentliche Lobrede auf US-Praesident Donald Trump, die Beschreibung Trumps als “guter Freund” bei mehreren Anlaessen, die Uebergabe eines von Infantino kreierten “FIFA-Friedenspreises” an Trump waehrend der WM-Auslosungs-Zeremonie am 5. Dezember 2025 im Kennedy Center in Washington, die vor dem Achtelfinale gegen Belgien ausgesetzte Rot-Sperre fuer US-Stuermer Folarin Balogun nach dem Bosnien-Spiel in Santa Clara und die Bewerbung einer FIFA-Fanseite, deren Datenerhebungs-Konstellation nach FairSquare-Recherchen ins Trump-Umfeld reicht.
Der ehemalige englische Nationalspieler Balogun war am 1. Juli in der 64. Minute des USA-Sieges gegen Bosnien-Herzegowina wegen groben Foulspiels vom Platz gestellt worden. Die FIFA-Disziplinarkommission setzte die eigentlich automatische Sperre kurzfristig nach Artikel 27 des Disziplinar-Reglements zur Bewaehrung aus - eine im Regelwerk vorgesehene, in dieser Konstellation aber praezedenz-arm angewandte Massnahme. Trump hatte zuvor bestaetigt, mit Infantino telefoniert und um eine “Ueberpruefung” gebeten zu haben.
Warum das IOC sich nicht zustaendig sieht
Der Kern der IOC-Antwort ist ein Struktur-Argument, kein Sach-Argument. Infantino ist seit 2020 IOC-Mitglied. Die Mitgliedschaft haengt eng mit seiner Rolle als FIFA-Praesident zusammen; als individuelles Mitglied nimmt er an IOC-Sessions teil, zuletzt an der 145. IOC-Session in Mailand Anfang Februar 2026. Waere Infantino in seiner IOC-Funktion - etwa als Mitglied einer IOC-Kommission - gegen den Ethik-Kodex verstossen, waere die IOC-Ethik-Kommission prozessual zustaendig.
Der Vorwurfskatalog von FairSquare adressiert aber ausdruecklich Handlungen der FIFA-Amtsfuehrung: den “Friedenspreis” als FIFA-Auszeichnung, die Sperr-Aussetzung als FIFA-Disziplinar-Entscheidung, die Fanseite als FIFA-Digitalprodukt. Die Olympische Charta - der oberste Rechtstext des IOC - garantiert den 33 anerkannten olympischen Sport-Weltverbaenden die Autonomie ihrer Verwaltung. Auf diese Autonomie beruft sich das IOC nun. Sportjuristisch ist die Argumentation stringent; politisch wird sie als Weigerung gelesen, den prominentesten Fall interner Interessenkollision im olympischen System aufzugreifen.
Der Bumerang-Effekt - zurueck auf die FIFA-Ethikkommission
Die Absage hat eine unbeabsichtigte Konsequenz. Sowohl FairSquare als auch der norwegische Fussballverband NFF unter Praesidentin Lise Klaveness, der am Vortag den Balogun-Vorwurf separat vor die FIFA-Ethikkommission bringen liess, landen mit ihren Anliegen nun zwangslaeufig bei derselben Instanz: der FIFA-eigenen Ethik-Kommission. Deren Vorsitzender - der frueher am Europaeischen Gerichtshof taetige griechische Jurist Vassilios Skouris - wird vom FIFA-Rat bestellt. In diesem FIFA-Rat fuehrt Infantino den Vorsitz.
Genau diese Struktur war der Ausgangspunkt fuer FairSquares Ueberlegung, ein anderes Gremium anzurufen. Die IOC-Absage verweist die Beschwerdefuehrer nun zurueck in genau die Struktur, deren Unabhaengigkeit sie fuer die Bewertung des eigenen Praesidenten nicht ausreichend halten. Die weitere Governance-Debatte wird sich vermutlich am nachvollziehbar unabhaengigen oder eben nicht unabhaengigen Vorgehen der FIFA-Ethikkommission entzuenden.
Was das fuer den Norwegen-Vorstoss und die Wahl 2027 bedeutet
Der NFF-Vorstoss vom 23. Juli bleibt von der IOC-Entscheidung formal unberuehrt. Klaveness zielt auf die FIFA-Ethik-Kommission und auf den engeren, sportjuristisch konkreten Vorgang der Balogun-Sperr-Aussetzung. Politisch schwaecht die IOC-Absage aber die Aussenwirkung: Die eine externe Sanktions-Drohkulisse ist weg, und Infantino kann die Vorwuerfe als “FIFA-interne Angelegenheit” framen.
Zugleich haelt der oeffentliche Druck: LaLiga-Praesident Javier Tebas hatte zu Wochenbeginn oeffentlich Infantinos Ruecktritt gefordert, gestuetzt auf Kritik am 64-Teams-Vorschlag fuer die WM 2030 und an der WM-Hitze in den nordamerikanischen Stadien im Juni und Juli. Die naechste FIFA-Praesidentschaftswahl steht turnusgemaess 2027 an. Wahlkoerper sind die 211 Mitgliedsverbaende, deren Mehrheit als Infantino-loyal gilt, weil die FIFA-Foerderprogramme in den letzten Jahren rekordhoch ausgezahlt wurden - der WM-Umsatz-Zyklus 2023-2026 liegt bei rund 14 Milliarden US-Dollar. Vor dem Hintergrund dieser Zahl bleibt fraglich, welchen Effekt eine erfolgreiche oder erfolglose Ethik-Beschwerde in der letztlich politischen Rechnung entfaltet.
Fuer den historischen Bogen der FIFA-USA-Beziehung - vom FBI-Zugriff am Baur au Lac 2015 bis zur Trump-Selbstinszenierung am Finaltag - fuegt der 24. Juli 2026 eine Fussnote hinzu, keine Wendemarke. Der institutionelle Weg zurueck zur Governance-Neutralitaet der FIFA fuehrt vorerst nicht ueber das IOC. Und die Beweislast bleibt bei denen, die sie tragen wollen.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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