Klopp und die DFB-Basis: SHFV-Praesident Doering warnt vor Red-Bull-Doppelrolle - SID meldet Widerstand aus den Landesverbaenden
SID-Recherche: Mehrere DFB-Landesverbaende gegen Klopps Red-Bull-Doppelrolle. SHFV-Praesident Doering auf Rekord, Schweinsteiger vermisst DFB-Souveraenitaet.
Von Lukas Brandt 12. Juli 2026
Neun Tage nach dem bestaetigten Ruecktritt von Julian Nagelsmann und einen Tag nach der DFB-Mitteilung ueber die verhandelten “wesentlichen Eckpunkte” erreicht die Klopp-Personalie eine neue Kritiker-Ebene. Am Sonntag, 12. Juli 2026, um 13:51 Uhr, hat der Sport-Informations-Dienst (SID) in einer Recherche gemeldet, dass mehrere der insgesamt 21 Landesverbands-Praesidenten des Deutschen Fussball-Bundes mit einer Doppelrolle von Juergen Klopp als Bundestrainer und Red-Bull-Werbebotschafter nicht einverstanden sind. Namentlich auf Rekord ist Uwe Doering, 80 Jahre alt, seit 2017 Praesident des Schleswig-Holsteinischen Fussball-Verbandes (SHFV): “Als Fussballfan und Mitglied des FC St. Pauli habe ich Klopps Engagement bei Red Bull nie verstanden. Hoffentlich wird die Schraube nicht ueberdreht, es wenden sich jetzt schon viele ab.”
SID-Recherche: Mehrere der 21 Landesverbaende gegen Klopps parallele Red-Bull-Rolle
Die Kern-Recherche der Sportagentur SID fasst die interne Stimmung in den DFB-Landesverbaenden zusammen. Nach den Informationen mehrerer Praesidenten der insgesamt 21 Landesverbaende ist die Basis-Ebene mit der geplanten Doppelrolle Klopps nicht einverstanden. Genannt werden drei Kritik-Achsen: eine “zu enge Verzahnung” mit einem, so die Formulierung, “aggressiven Player” im Fussball, konkrete Sorgen um Interessenskonflikte zwischen den DFB-Aufgaben und den Red-Bull-Marketing-Interessen sowie grundsaetzliche Zweifel, ob Klopp in einer parallelen Rolle “wirklich unabhaengig” als Bundestrainer agieren koennte.
Die strukturelle Bedeutung der SID-Meldung ist klar: die 21 Landesverbaende bilden gemeinsam mit den beiden Ligaverbaenden das DFB-Bundestagsplenum, das die strategischen Entscheidungen des Verbandes legitimiert. Landesverbands-Praesidenten sind aktive Amtstraeger, keine Ehrenpraesidenten. Wenn “mehrere” von 21 offen kritisch werden, ist das ein Signal an DFB-Praesident Bernd Neuendorf und Vize-Praesident Hans-Joachim Watzke, dass die Doppelrolle nicht ohne politischen Widerstand aus der Basis durchsetzbar ist. Konkrete Zahlen nennt der SID nicht, die Formulierung “mehrere” laesst die Bandbreite zwischen drei und einer knapp einstelligen Zahl offen.
Uwe Doering (SHFV): “Klopps Engagement bei Red Bull nie verstanden”
Als erster aktiver Landesverbands-Praesident namentlich auf Rekord steht Uwe Doering. Der 80-Jaehrige, seit 2017 Praesident des Schleswig-Holsteinischen Fussball-Verbandes und Traeger der Ehrennadel des DFB, formulierte zwei Kern-Passagen. Zum eigenen Klopp-Verhaeltnis: “Als Fussballfan und Mitglied des FC St. Pauli habe ich Klopps Engagement bei Red Bull nie verstanden. Geld kann es ja eigentlich nicht mehr sein. Aber vielleicht liege ich da auch falsch, dieser ganze Irrsinn bei Trainergehaeltern ist ja nicht mehr zu greifen.” Und als Warnung an den DFB-Vorstand: “Hoffentlich wird die Schraube nicht ueberdreht, es wenden sich jetzt schon viele ab.”
Doering betonte, er spreche ausdruecklich als SHFV-Praesident und nicht als Mitglied von DFB-Gremien. Die Selbst-Charakterisierung als FC-St.-Pauli-Mitglied ist ein bewusst gesetzter Kontrast zum Marketing-Universum der Red Bull GmbH: der Millerntor-Klub steht seit Jahrzehnten fuer die anti-kommerzielle Traditions-Kultur des deutschen Fussballs, RB Leipzig fuer das Gegenteil. Doerings zweite Aussage - “es wenden sich jetzt schon viele ab” - ist die klarere politische Botschaft: die Basis waehle sich das Verbandshandeln nicht aus, sie beobachte es, und die Distanz zu Neuendorf und Watzke sei schon vor dem Klopp-Deal gewachsen.
Schweinsteigers Souveraenitaets-Kritik in der Sportschau
Am Donnerstag, 9. Juli 2026, um 22:00 Uhr hatte Bastian Schweinsteiger, Weltmeister von 2014 und seit 2022 ARD-Experte, an der Seite von Moderatorin Esther Sedlaczek in der Sportschau vor dem Anpfiff des Viertelfinales Frankreich gegen Marokko in Boston drei Kern-Saetze zu der DFB-Personalie geliefert. “Hat der DFB Alternativen?” - eine Frage, die Schweinsteiger selbst nicht beantwortete, die aber implizit die zu enge Fokussierung auf Klopp kritisiert. “Mir fehlt ein bisschen die Souveraenitaet beim Verband.” Und: “Dem DFB wuerde ich raten, ein bisschen tiefer zu stapeln.”
Schweinsteiger addiert damit die dritte Kritiker-Achse. Der 41-jaehrige ARD-Experte ist kein DFB-Basis-Funktionaer und kein Fan-Verbands-Sprecher, sondern gehoert zur oeffentlich-rechtlichen Sende-Ebene, die die WM 2026 begleitet. Seine Kritik ist damit fuer den DFB-Vorstand besonders unangenehm - weil sie die Personalie in die Prime-Time der Halbfinal-Woche traegt und dem Zuschauer eine strukturelle Distanz signalisiert, die die drei bisherigen Bewerbungsphasen des DFB nicht auffangen koennen.
Zwanziger, “Unsere Kurve”, Doering: die Front gegen die Doppelrolle
Die SID-Meldung am 12. Juli reiht sich in eine vertikal aufgebaute Kritiker-Reihe, die seit dem 10. Juli 2026 ihre Struktur aufbaut. Ex-DFB-Praesident Theo Zwanziger hatte im FAZ-Interview am 10. Juli das Modell als “voelliges No-Go” bezeichnet, den Bundestrainer koenne nicht “zwei Huete tragen”, Red Bull “wolle Macht gewinnen in den Sport hinein”. Am selben Tag hatte Thomas Kessen, Sprecher des Fan-Verbands “Unsere Kurve”, die Konstruktion als “einen weiteren Kniefall vor dem Kapital” bezeichnet. Am 12. Juli treten die aktiven Landesverbands-Praesidenten hinzu.
Die Kritiker-Reihe ist damit vertikal komplett: Ex-Praesident (Zwanziger), Fan-Verbands-Ebene (Kessen), oeffentlich-rechtliche Experten-Ebene (Schweinsteiger) und aktive DFB-Basis (Doering, plus die noch anonymen Landesverbands-Kollegen im SID-Bericht). Nur die aktuelle DFB-Vorstands-Ebene (Neuendorf, Watzke, Sportdirektor Rudi Voeller) steht bislang fuer das Klopp-Modell ein - und selbst dort hat der Voeller-Ruf an die Weltmeister 2014 einen anderen Personalachse-Diskurs gestartet, der nicht ausschliesslich Klopp-fixiert ist.
Was die Basis-Kritik fuer die kommende Verhandlungswoche bedeutet
Der DFB hat am 11. Juli 2026 in seiner offiziellen Mitteilung angekuendigt, die Gespraeche mit Klopp “in der kommenden Woche” fortzusetzen. Die inhaltliche Kern-Frage ist damit unveraendert die Struktur der Red-Bull-Loesung. Zwei Alternativen stehen im Raum: die parallele Werbebotschafter-Rolle Klopps neben dem Bundestrainer-Amt, wie sie das JFK-Treffen von Neuendorf, Watzke und Klopp skizziert hat und die dem DFB die Millionen-Abloese sparen wuerde; oder die vollstaendige Aufloesung des bis 2029 datierten Red-Bull-Vertrags in Abstimmung mit Vorstandsvorsitzendem Oliver Mintzlaff.
Die Basis-Front, wie sie am 12. Juli sichtbar wurde, drueckt in Variante zwei: die vollstaendige Vertragsaufloesung wuerde den Interessenskonflikt-Vorwurf entschaerfen und die politische Zustimmung der Landesverbaende bei der naechsten DFB-Bundestagsversammlung 2027 vereinfachen. Variante eins wuerde in dieser Lesart die politische Diskussion in den Herbst verlegen und den Bundestrainer von Anfang an unter dem Vorbehalt der Basis-Loyalitaet stellen. Vize-Praesident Watzke, der in der DFB-Struktur die operative Verhandlungsfuehrung hat, muss dieses Ausbalancieren in den kommenden fuenf bis sieben Tagen managen. Zeitdruck bleibt hoch: bis zum 24. September 2026, dem Nations-League-Auftakt in Amsterdam gegen die Niederlande, muss die Personalie stehen und der Trainerstab formiert sein.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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