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WM 2026

Edin Dzekos emotionaler Abschied: 152 Länderspiele für Bosnien enden in Zenica

Edin Dzeko hat beim 1:1 gegen Schweden in Zenica sein 152. und letztes Länderspiel bestritten. 73 Tore, 19 Jahre, zwei WM-Teilnahmen enden mit stehendem Applaus.

Von Marco Feldmann 03. Oktober 2026

Edin Dzeko (rechts) und Nikola Katic nach dem WM-2026-Gruppenspiel gegen Katar in Seattle am 24. Juni 2026. Vier Monate später endete Dzekos Länderspiel-Karriere mit dem 152. Einsatz gegen Schweden. Foto: Zuma Press. Foto: Zuma Press via SmartFrame

Es war kein Jubel-Abend, kein Tor zum Abschied, kein Sieg. Edin Dzeko verliess am 2. Oktober 2026 um 20:40 Uhr Ortszeit den Rasen des Stadions Bilino Polje in Zenica - 62. Minute, 1:1 gegen Schweden, der Bosnien-Herzegowina-Kapitän ging unter stehendem Applaus durch den Spielertunnel. Fast hatte er sein 74. Länderspieltor noch markiert, kurz vor der Halbzeit, aber der Ball war über die Toraus-Linie, bevor er den Pfosten einwärts streifte. Ein letzter Hauch, mehr nicht.

Mit dem Schlusspfiff beendet der 40-Jährige seine 19 Jahre und drei Monate lange Zeit in der bosnischen Nationalmannschaft. 152 Länderspiele. 73 Tore. Beides bosnische Rekorde, die nicht so bald fallen werden.

Die Zahlen eines Jahrhunderts: 152 Spiele, 73 Tore, 19 Jahre

Dzekos nationale Bilanz liest sich wie eine kleine Verbandsgeschichte. 152 Länderspiele - mehr als 37 Prozent aller offiziellen A-Partien Bosnien-Herzegowinas seit der Unabhängigkeit sind mit seinem Namen hinterlegt. 73 Tore - das ist mehr als doppelt so viel wie der auf Platz zwei notierte Zvjezdan Misimovic (29 Tore). Der zweitmeiste Spieler der Verbandsgeschichte, Miralem Pjanic, kommt auf 115 Caps und hatte seinen Abschied bereits 2024 genommen; der dritte, Keeper Ibrahim Sehic, auf 55.

Die Debütpartie liegt lange zurück: Juni 2007, Freundschaftsspiel gegen die Türkei in Istanbul, ein 20 Jahre junger Dzeko, damals bei Teplice unter Vertrag, kam zu seinem ersten Länderspiel. Vier Jahre später war er bei Manchester City Premier-League-Meister. Es folgten Stationen Wolfsburg, Rom (sechs Jahre), Inter Mailand, Fenerbahce - und seit Sommer 2025 der FC Schalke 04 in der 2. Bundesliga, wo Dzeko aktuell als ältester Feldspieler des Unterhauses geführt wird.

Zwischen 2007 und 2026 fehlte er in nur zwei relevanten Fenstern. In der Nationalmannschaft war er die Konstante, egal, ob Verband gerade mit sich im Streit lag (Barbarez-Rücktritt als Spieler, 2008), ob der Trainer tauschte (Susic, Baljic, Prosinecki, Hadzibegic, Petev, Barbarez wieder - diesmal von der Bank) oder ob die Qualifikation gerade knapp scheiterte. In 19 Jahren war er in 42 verschiedenen Trikotkombinationen aktiv - wenn man die Variationen der blauen Trikots zählt.

Das Spiel: 1:1 gegen Schweden, Auswechslung in der 62. Minute

Der Gegner am Abschiedsabend war das aufgewachte Schweden unter Jon Dahl Tomasson. Nations-League-B-Gruppe-4, dritter Spieltag, Bilino Polje ausverkauft. Barbarez stellte Dzeko ins Zentrum eines 4-2-3-1, flankiert von Rade Krunic und Benjamin Tahirovic im Mittelfeld, hinter ihm der 20-jährige Dzenan Pejcinovic. Ab der 15. Minute brandete Dzekos Name durch die Nordkurve, bei jedem Ballkontakt stärker. In der 42. Minute schien er sein 74. Länderspieltor markiert zu haben - Krunic hatte eine Flanke an den langen Pfosten geschlagen, Dzeko staubte aus kurzer Distanz ab -, doch der Videobeweis stellte fest, dass der Ball Zentimeter vor der Flanke bereits im Toraus gewesen war.

Nach der Pause verwandelte Schweden einen Elfmeter zum 0:1. Haris Tabakovic, zur Pause für den gelbgefährdeten Krunic gekommen, egalisierte in der 58. Minute per Kopf nach Pejcinovic-Freistoss. Vier Minuten später nahm Barbarez seinen Kapitän heraus. Die Umarmung an der Seitenlinie dauerte lang, die Stadionkulisse eine Minute länger. Der 1:1-Endstand hielt die bosnischen A-Nations-League-Chancen vorläufig am Leben, war aber nicht die Hauptgeschichte.

Vom Debüt 2007 bis zur zweiten WM 2026

Dzekos Nationalelf-Karriere kennt zwei grosse Turnier-Fenster und viel Pausenzeit dazwischen. WM 2014 in Brasilien, Gruppe F: Niederlage gegen Argentinien (1:2, Dzeko verwandelt einen Freistoss an die Latte und bereitet das Ibisevic-Tor vor), Niederlage gegen Nigeria (0:1), ein 3:1 gegen Iran mit Dzekos erstem WM-Tor. Rang vier, nach Hause.

Zwölf Jahre später kam die zweite grosse Bühne: WM 2026, Gruppe B. Beim Auftakt 1:1 gegen Co-Gastgeber Kanada im BMO Field in Toronto führte Dzeko die Mannschaft nach einer Stunde in Führung, Cyle Larin glich spät aus. Das zweite Spiel, 1:4 gegen die Schweiz in Houston, war der Tiefpunkt - zwei Manzambi-Treffer, bosnische Defensive überrumpelt. Der Schluss der Gruppenphase gegen Katar brachte den Pflichtsieg, der Dzeko-Treffer in Seattle sein letztes WM-Tor. Im Sechzehntelfinale gegen die USA in Santa Clara war Schluss (0:2), Dzeko wurde in der 73. Minute ausgewechselt. Dass es sein letztes K.-o.-Pflichtspiel gewesen war, wussten damals wenige. Dzeko selbst war einer der wenigen.

In seiner Dankesrede vor dem Fanblock am Donnerstagabend sagte er auf bosnisch: “Nichts in meiner Karriere hat sich mit dem Stolz messen können, dieses Trikot getragen zu haben. Es war das grösste emotionale Privileg, das mir der Fussball geschenkt hat.” Die Entscheidung sei schon vor der WM gefallen, bestätigte er; den Zeitpunkt - der 2. Oktober 2026 - hatte er am 3. September 2026 öffentlich festgelegt, vier Wochen vor dem letzten Spiel.

Was Bosnien ohne Dzeko bleibt - Barbarez vor der grossen Nachbesetzung

Sergej Barbarez sass als Trainer das zweite Mal auf der Bank, als Dzeko eine WM-Qualifikation oder ein grosses Turnier-Qualifikationsfenster abschloss. Für den 55-Jährigen, selbst mit 17 Toren in 47 Länderspielen einer der bosnischen Rekordtorjäger a.D., ist die Aufgabe klar - und schwer. “Edin ist eine Ära. Das wird uns in den nächsten Monaten begleiten,” sagte er auf der Pressekonferenz, “aber wir haben uns schon vorbereitet. Das Team hat Köpfe.”

Barbarez hat drei konkrete Namen auf dem Zettel. Haris Tabakovic, 32, seit Sommer 2025 bei RB Salzburg, hat sich mit einem Dreierpack gegen Pafos in der Conference-League-Qualifikation nach vorne gespielt und ist aktuell Bosniens formstärkster Mittelstürmer. Ermedin Demirovic, 28, seit 2021 im A-Kader (46 Caps), bringt Beweglichkeit und Zweikampfhärte. Der 20-jährige Dzenan Pejcinovic, Augsburg-Leihe nach Darmstadt, ist das Zukunftsprojekt. Keiner trägt Dzekos Torinstinkt - 73 in 152 Spielen sind 0,48 Tore pro Spiel - aber Barbarez spielt ohnehin lieber Kollektiv-Angriff als Zentrums-Zuspiel.

Für den Verband ist der Dzeko-Abschied auch ein kommerzielles Problem. Nirgends sonst in Europa war ein Nationalmannschafts-Kapitän so klar das Gesicht eines ganzen Verbandes wie in Bosnien-Herzegowina. Trikot-Verkauf, Fernseh-Reichweite in der Diaspora, Sponsoring - alles wird neu zu kalibrieren sein.

Für Dzeko geht es weiter: Schalke 04 in der 2. Bundesliga

Was nach Zenica kommt, ist für Dzeko selbst klar umrissen. Beim FC Schalke 04 in der 2. Bundesliga hat er einen Vertrag bis 2027. In sieben Pflichtspielen für die Königsblauen in dieser Saison stehen vier Tore und zwei Vorlagen zu Buche. Mit der Nationalmannschaft werde er mitfiebern, kündigte er an - “als Zuschauer, mit Herz, mit Freude.” Die nächste Reise des Verbandes zur Nations League B oder zur EM-2028-Qualifikation wird er nicht mitmachen. Die bosnische Zehn tragen ab 2027 andere.

Dass ihm am Donnerstagabend wenig blieb, war Dzeko anzumerken. “Ich hatte mir das 74. so gewünscht. Es wäre schön gewesen.” Dann grinste der 40-Jährige: “Aber vielleicht ist es gut, dass man nicht alles bekommt. Dann bleibt die Erinnerung schärfer.” Zwischen Zenica und Gelsenkirchen pendelt sein Fussball-Leben jetzt in eine ruhigere Spur. 152 Länderspiele sind trotzdem Zeugnis genug.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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