Hakimi vor Prozess: Frankreichs Kassationshof weist letzte Berufung ab
Frankreichs Kassationshof weist Achraf Hakimis Berufung ab. Der Marokko-Kapitaen und PSG-Star muss sich wegen Vergewaltigungsvorwurf vor Gericht verantworten.
Von Marco Feldmann 24. September 2026
Es ist eine Nachricht, die am Mittwochabend um kurz vor 20 Uhr die Sport-Redaktionen zwischen Paris und Rabat erreicht: Die Cour de cassation, die hoechste Justizinstanz Frankreichs, hat die Beschwerde von Achraf Hakimi gegen den Beschluss der Cour d’appel de Versailles zurueckgewiesen. Damit steht fest, was seit dem 19. Juni 2026 juristisch im Raum stand: Marokkos WM-Kapitaen und PSG-Verteidiger wird sich wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor einem franzoesischen Strafgericht verantworten muessen. Der Rechtsweg gegen die Anklageverweisung ist ausgeschoepft, ein Verhandlungstermin steht noch aus.
Was die Cour de cassation am 23. September entschieden hat
Die Kassationsentscheidung ist juristisch klar umrissen. Hakimis Verteidigung hatte gegen den Verweisungsbeschluss der Cour d’appel de Versailles Beschwerde eingelegt, den das Berufungsgericht am 19. Juni 2026 - dem Tag vor Marokkos WM-Vorrundenspiel gegen Schottland in Boston - erlassen hatte. Die Cour de cassation hat diese Beschwerde am 23. September 2026 verworfen. Sie prueft in solchen Verfahren nicht die Beweislage, sondern ob die untere Instanz das franzoesische Verfahrensrecht korrekt angewendet hat. Die Antwort in diesem Fall: ja.
Die Konsequenz ist prozessual eindeutig. Zustaendig fuer die Hauptverhandlung ist das Tribunal Correctionnel des Hauts-de-Seine, das Strafgericht des Pariser Departements, in dem Hakimis Wohnhaus in Boulogne-Billancourt liegt. Wann verhandelt wird, ist offen. In vergleichbaren franzoesischen Verfahren zwischen prominenten Beschuldigten und einer Ziviluebertretung als Nebenklage vergehen zwischen endgueltiger Anklageverweisung und Prozessauftakt regelmaessig Monate.
Die Reaktion der Anwaeltinnen von Klaegerin und Verteidigung
Beide Seiten haben unmittelbar nach der Entscheidung reagiert. Die Anwaeltin der Klaegerin erklaerte gegenueber der Sporttageszeitung L’Equipe, ihre Mandantin sei entschlossen, “Gerechtigkeit zu erlangen und bis zum bitteren Ende zu kaempfen”. Sie hoffe, dass der Prozess auch anderen Frauen Mut mache und “die Festung von Leugnen und Straffreiheit bei sexueller Gewalt, bis hinein in die Welt des Maennerfussballs”, weiter ins Wanken bringen werde. Es ist eine Formulierung, die die politische Ebene des Verfahrens deutlich macht: Fuer die Nebenklage ist der Fall Hakimi laengst mehr als eine juristische Einzelbewertung.
Hakimis Anwaeltin waehlte gegenueber Le Monde den prozessualen Fokus. Sie betonte, die Kassation habe “die Vorwuerfe gegenueber Hakimi nicht geprueft”, sondern ausschliesslich die formelle Rechtmaessigkeit des Verweisungsbeschlusses. In der Sache bleibe die Position der Verteidigung unveraendert: Hakimi weise die Vorwuerfe entschieden zurueck. Damit knuepft sie an Hakimis eigene Stellungnahme vom Juni an. Der 27-Jaehrige hatte damals ueber die Sportschau mitteilen lassen: “Die Justiz hat mir in die Augen gesehen und gesagt: Waeren Sie nicht beruehmt, waere es nie zu einem Verfahren gekommen.” Von PSG und dem marokkanischen Verband FRMF gibt es zur Kassationsentscheidung bislang keine Stellungnahme.
Bis zum Urteil gilt fuer Hakimi - wie fuer jeden Beschuldigten in Frankreich - die Unschuldsvermutung. Eine sportrechtliche Bewertung liegt weder bei der FIFA noch bei der Uefa noch beim marokkanischen Verband auf dem Tisch.
Chronologie: Von der Anzeige 2023 bis zum Kassationsurteil 2026
Die Zeitachse dieses Verfahrens ist inzwischen lang genug, um sie in Etappen zu erzaehlen. Februar 2023: Eine damals 24-jaehrige Frau erstattet bei der franzoesischen Polizei Anzeige wegen Vergewaltigung. Als Tatort gibt sie Hakimis Wohnhaus in Boulogne-Billancourt an. Maerz 2023: Die Ermittlungen werden oeffentlich bekannt. Es folgen mehr als drei Jahre Ermittlungsarbeit, Zeugenbefragungen, medizinische und psychologische Gutachten.
19. Juni 2026: Die Cour d’appel de Versailles ordnet in einem Verweisungsbeschluss den Prozess vor dem Tribunal Correctionnel an. Der Beschluss faellt in die WM-2026-Vorrunde in den USA - Marokko spielt am Vorabend gegen Schottland in Foxborough bei Boston. Sommer 2026: Hakimis Verteidigung legt Beschwerde beim Kassationshof ein und argumentiert, das Berufungsgericht habe die Anklagevoraussetzungen nicht ausreichend geprueft.
23. September 2026: Die Cour de cassation weist die Beschwerde zurueck. Der Weg zum Tribunal Correctionnel des Hauts-de-Seine ist frei. Damit ist der Rechtsweg gegen die Anklageverweisung endgueltig ausgeschoepft. Die inhaltliche Verhandlung der Vorwuerfe steht noch aus.
Post-WM-Kontext: Marokkos Kapitaen zwischen Justiz und Africa-Cup-Aera
Sportlich trifft die Nachricht Hakimi in einer Uebergangsphase, die fuer sein zwei Karrieren - Klub und Nationalmannschaft - unterschiedlich verlaeuft. Bei Paris Saint-Germain ist er nach dem Champions-League-Triumph vom 30. Mai 2026 in Budapest gegen Arsenal weiter unbestrittener Stammspieler auf der rechten Aussenbahn. Der Klub hat Hakimi bislang in jeder Etappe des Verfahrens sportlich gehalten. Die Ligue 1 laeuft, Champions League folgt.
Bei Marokko ist die Aera nach der WM 2026 unter Mohamed Ouahbi eine andere. Die Bilanz des Turniers endete mit dem Viertelfinal-Aus, dem 0:2 gegen Frankreich in Boston durch Tore von Mbappe und Dembele. Der Africa Cup of Nations, den Marokko 2025 im eigenen Land gewonnen hatte, folgt im laufenden Zyklus - Hakimi wird auf der Aussenbahn erneut Ouahbis Bauplan tragen. Fuer die Nationalmannschaft und ihre Anhaenger ist er im Marokko-WM-Kader-Profil ohnehin der prominenteste Spieler.
Die franzoesische Justiz bewegt sich davon unabhaengig. Nach der Kassationsentscheidung liegt der Fall zurueck beim Tribunal Correctionnel des Hauts-de-Seine, das den Prozess auf die Terminliste setzen muss. Zwischen den beiden Zeitlinien - sportlicher Kalender und juristischer Kalender - liegen Wochen und wahrscheinlich Monate.
Was vor dem Tribunal Correctionnel jetzt folgt
Prozedural ist der naechste Schritt eng definiert. Das Tribunal Correctionnel wird einen Termin fuer den Prozessauftakt festlegen. Ob im ersten Halbjahr 2027 oder spaeter, ist offen; die Kapazitaeten der Kammer, die Verfuegbarkeit von Sachverstaendigen und Zeuginnen sowie die Belastung der franzoesischen Justiz im Herbst spielen eine Rolle. Verhandelt wird oeffentlich, ausser das Gericht ordnet einen Ausschluss der Oeffentlichkeit an - was in Vergewaltigungsverfahren nicht unueblich ist, wenn die Klaegerin darauf antraegt.
Fuer die sportliche Berichterstattung heisst das: Der Fall Hakimi wird bis zum Prozesstermin ein wiederkehrender Datenpunkt bleiben. Sobald ein Termin steht, wird sich die Frage stellen, ob er mit Klubterminen oder Verbandsspielen kollidiert. Fuer die naechste WM-Zyklus-Vorbereitung Marokkos - Africa Cup of Nations im Herbst 2027, WM-Qualifikationsphase, WM 2030 - ist die juristische Ebene ein Risikofaktor, den Ouahbi in seiner Planung antizipieren muss.
Bis dahin bleibt nach der Kassation vom 23. September zunaechst eine Konstellation, die Hakimi seit ueber drei Jahren begleitet: Er spielt auf hoechstem Niveau, und er wartet auf ein Urteil, das die Kassation nicht gefaellt hat, weil sie es nicht faellen musste. Das wird das Tribunal Correctionnel in Nanterre tun - wann, ist die Frage, die jetzt in Frankreichs Justiz-Apparat liegt.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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